E-Book, Deutsch, 332 Seiten
Fritsch Donner Leon ermittelt: SCHWARZ-WEISS wie der Flügel des Todes
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7583-7797-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Regensburgkrimi
E-Book, Deutsch, 332 Seiten
ISBN: 978-3-7583-7797-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Herbert Fritsch wurde 1960 in Schwandorf / Oberpfalz geboren und lebt heute in Alzenau / Unterfranken. Seinen Jugendtraum Künstler zu werden gab er nach einem Praktikum an einer Grundschule auf und wurde Grundschullehrer. Nach dem Lehramtsstudium mit Hauptfach Kunsterziehung in Regensburg kam er als Lehramtsanwärter nach Unterfranken, wo er das zweite Staatsexamen als Jahrgangsbester des Regierungsbezirks absolvierte. In seiner Tätigkeit als Lehrer in Arnstein und im Raum Marktheidenfeld schrieb er zahlreiche humoristische und sozialkritische Theaterstücke. Seine Schultheatergruppe erhielt immer wieder regionale und überregionale Preise. In seiner Freizeit war er stets immer auch als bildender Künstler aktiv. Es entstand der Gedicht-Bildband "Mein Krampf" mit vielen eigenen Gedichten und Fotos seiner plastischen, grafischen und malerischen Arbeiten. Seit seiner Pensionierung 2021 konnte Herbert Fritsch seine schriftstellerische Arbeit intensivieren. "SCHWARZ-WEISS wie der Flügel des Todes" ist sein erster Kriminalroman und eine Hommage an seine Lieblingsstadt Regensburg.
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Das Konzert
Regensburg, an einem Samstagabend im Frühsommer, 20:25 Uhr. Das Auditorium Maximum, oder kurz „Audimax“, war mit seinen fast 1500 aufsteigenden Sitzplätzen bis hinauf in die Galerien und Logen fast vollständig besetzt. Selbst Weltstars der klassischen Musik, große Solisten oder Dirigenten wie Anne-Sophie Mutter, Kurt Masur oder Ricardo Muti sind oder waren hier zu Gast und schätzten den größten Konzertsaal Regensburgs wegen seiner ausgezeichneten Akustik. Aber auch Theaterfreunde und Anhänger der leichten oder seichten Unterhaltung fanden hier regelmäßig im Jahr einen Höhepunkt in ihrem kulturellen Zeitvertreib. Manch Individuum aus dem unzähligen Publikum fühlte sich möglicherweise spätestens nach der ersten halben Stunde Klavierkonzert kulturell überfordert und hätte sich wahrscheinlich dann doch lieber einen Abend mit den „Kastelruther Spatzen“, mit Herbert Grönemeyer oder mit einem der zahllosen Comedians gewünscht, die mit ihrem meist flachen Niveau die Volksmassen zu belustigen versuchten.
Andere waren hier, weil sie sich ob ihres gesellschaftlichen Standes dazu genötigt sahen. Die meisten Besucher kamen aber wegen Beethoven, beziehungsweise wegen seines berühmten Interpreten, dem Starpianisten Carl Schimick.
Zu erwähnen seien aber auch diejenigen „Banausen“, die sich den Abend mit Klaviersonaten nur antaten, weil sie die Eintrittskarten geschenkt bekommen hatten.
Im mittleren Parkett, Reihe 3, Platz 15 und 16, saß so ein scheinbar Mitleid erregendes Geschöpf dieser Gattung neben seiner Frau. Diese Anhängerin der gehobenen Kultur hatte die Karten von ihren Eltern bekommen und wollte ihre Freude an einem derartigen musikalischen Ausnahme-Hochgenuss nicht mit einer guten Freundin oder einem anderen Lieblingsmenschen teilen, sondern ausschließlich mit ihrem Göttergatten, dem Kriminalhauptkommissar Leonhard Donner.
Sein Schwiegervater, ein pensionierter Dozent an der Regensburger Akademie für Kirchenmusik, hatte sich Monate lang auf diesen Abend mit Beethoven-Sonaten gefreut, aber dann fühlte sich seine Frau nicht wohl und alleine wollte der ältere Herr dann doch nicht.
Der prächtige D-274 Flügel, das „Flaggschiff“ der Firma Steinway & Sons, glänzte in hochpoliertem Schwarz. Wegen seines außerordentlichen Klangvolumens hätte dieser „Maserati unter den Tasteninstrumenten“ gewiss nicht der hochmodernen computergesteuerten Beschallungsanlage im Audimax bedurft, die ein unbeschreibliches Hörerlebnis selbst in den hintersten Winkeln des Saales gewährleistete. Darüber hinaus ermöglichte die riesige Leinwand an der Bühnenrückseite einen optischen Kunstgenuss auch für die hinteren Reihen, indem sie mit verschiedenen Kameraeinstellungen abwechselnd den Maestro bei seiner anspruchsvollen Tätigkeit im „long-shot“ oder im „close-shot“, also in der „Totalen“ oder in der „Nahaufnahme“, ablichtete.
Carl Schimick war sein Geld wert. Der Klaviervirtuose, der normalerweise im schlichten dunklen Anzug oder sogar „hemds-ärmlich“ und leger auftrat, war zu diesem besonderen Event seiner Heimatstadt im klassischen Frack erschienen und betörte sein Publikum mit Beethovens Waldstein-Sonate. Kristallklar in Ton und Form überzeugte dieses Meisterwerk der Klavierkunst durch orchestrale Klangfülle. Ein Klavierkonzert ohne Orchester sozusagen.
Der Schwalbenschwanz seines schwarzen Fracks hob und senkte sich hinter dem Klavierhocker, wenn Schimick den Rücken beugte, bis seine markante Nase im „pianissimo“ fast bis an die Tastatur reichte, so, als wolle er die subtile Feinheit der Töne „erriechen“. Dann streckte sich sein Körper wieder. Langsam bis in den Hohlrücken, das Haupt mit dem verklärten Gesicht und mit geschlossenen Augen in den Nacken gelegt. Angespannt wie ein Bogen kurz vor dem Abschuss seiner treffsicheren Pfeile. Die Arme in den Ellbogen gestreckt, dass die weißen Manschetten seines Frackhemdes vor den schwarzen Ärmeln hervortraten und den Blick auf die kostbaren Brillant-Manschettenknöpfe freigaben.
Festzementierte Statik. Nur seine Finger tanzten, flogen oder hämmerten über die Tasten. Mit einem Tempo- oder Tonartwechsel wechselte auch der Maestro seine Körperhaltung. Wie ein Schamane sich in Trance wiegend den Regen beschwor, wie ein indischer Fakir und Schlangenbeschwörer, so beschwor Carl Schimick seinen D-274. Spannung pur, bis sein träumerischer Regen-Tanz vom Nieselregen zum Wolkenbruch und vom Hagelschauer zum Sturmgewitter führte, seine Finger die geballte Kraft seiner Virtuosität entluden und er im „fortissimo furioso“ wie ein Berserker auf den sündhaft teuren Steinway-Flügel eindrosch. Dabei bebte seine Brust unter der weißen Frackweste und die weiße Schleife am Vatermörder-Hemdkragen drohte fast zu platzen. Und wie beim „headbanging“ eines alten „Metal“-Rockstars warf der Pianist seinen Kopf in rhythmischen Bewegungen vor und zurück, dass die langen Locken seines schütter gewordenen Haupthaares durcheinanderwirbelten.
Diese Art körperlichen Ausdrucksvermögens hätte sogar gehörlosen Menschen einen Grund geboten, dem Konzert beizuwohnen. Selbst der alte Beethoven, der ja bekanntlich gegen Ende seines Lebens stocktaub geworden war, hätte wohl seine wahre Freude an dieser Darbietung gehabt.
Die meisten Zuhörer saßen festlich gekleidet in den roten, kuschelig gepolsterten Sitzreihen. Andächtig und stumm wagten sie kaum zu atmen. Fast wie bei einem religiösen heiligen Akt. Hätte die Kamera sich nicht nur mit dem Star auf der Bühne beschäftigt und öfter mal zu einem Schwenk ins Auditorium ausgeholt, der Mehrzahl der über1400 Konzertbesucher wäre der kleine Tumult in der Mitte der zweiten, dritten und vierten Reihe nicht entgangen. Die aschblonde Frau mit der hochgesteckten Frisur und dem ärmellosen Oberteil eines bordeauxroten Abendkleides zischte immer wieder den Mann an ihrer Seite vorwurfsvoll an, rempelte ihm sogar gelegentlich den nackten Ellbogen in die Rippen.
Eine gewisse Aggressivität konnte man ihr durchaus unterstellen, wenn man sie so beobachtete. Der Mann auf Platz 15 im blauen Anzug mit weißem Hemd und klassischer Seidenkrawatte wehrte sich kaum gegen die Attacken dieser Frau von Sitznummer 16. Es handelte sich schließlich um seine Gattin Elke. Ihre Miene war finster geworden und eine Zornesfalte zeichnete sich auf ihrer Stirn ab. Eigentlich ganz und gar nicht die Art dieser sonst so bescheiden und ruhig wirkenden Frau. Dass ihm gegenüber seine Elke zum „Ekel“ mutierte, hatte sich Hauptkommissar Leon Donner selber zuzuschreiben.
Warum musste er auch immer wieder über die Aufmachung und die Posen des Pianisten ablästern? Warum musste er einmal so laut lachen, dass sich reihenweise die Leute nach ihm umdrehten und jemand aus der vierten Reihe ihm sogar entrüstet auf die Schulter tippte?
„Der schaut doch aus wia a Pinguin!“ „Leon, das ist ein Frack, und der ist für einen so renommierten Pianisten wie Schimick wohl mehr als angemessen…“ „Und wia der sich ziert und verbiegt -hihi- wia a orthodoxer Rabbiner vor der Klagemauer wippt der vor und zruck, der Maestro! Alles bloß Angeberei und eitles Heischen nach Anerkennung…“
„Du kannst manchmal so ein unsensibler Klotz sein, Leon, wenn du nicht ehrliche Leidenschaft von eitler Show unterscheiden kannst… Dieser Mann ist ein . Der verschmilzt geradezu mit der Musik. ist das! Und jetzt gib endlich Ruhe! Mit dir muss man sich ja schämen vor all den feinen Leuten hier.“ So ging das eine ganze Weile. Und je mehr Elke sich aufregte, desto mehr reizte es Leonhard Donner, seine Frau liebevoll zu necken. Nur hatte die liebe „Elly“, wie der Kommissar sein Herzblatt gerne nannte, keinerlei Verständnis für derartige Liebesbeweise.
Die kleine Meinungsverschiedenheit unter diesen langjährigen Eheleuten war zwar nur als ein leises Flüstern oder höchstens als ein echauffiertes Zischen und kicherndes Brummen zu vernehmen, störte aber die Jünger der gehobenen Kultur auf den Nachbarplätzen offensichtlich deutlich. Und das zeigten sie auch.
Still und ausschließlich durch ihre Gestik und Mimik, wie sich das schließlich für feine Leute geziemte. Die letzten Minuten des ersten Konzertteils war der Donner aber vorbildlich still. Nicht wegen der Leute. Nicht der gesellschaftliche Druck ließ ihn verstummen. Es war der Druck auf seiner Blase.
Schon seit geraumer Zeit verspürte der Kriminalkommissar das dringende Bedürfnis, die Keramikabteilung des Audimax aufzusuchen. Inzwischen hatte der Druck eine derartige Heftigkeit erreicht, dass Leonhard an nichts anderes mehr denken konnte als an „P…“, an „P…“, an „Pause“. Endlich dann verstummte das Klavier, der Pianist verließ nach einer kurzen Verbeugung seine Bühne und die große Leinwand fror mit einem Kamerafokus auf den leeren Steinway-Flügel ein.
Elly und ihr Leon verabredeten einen Treffpunkt im Foyer, dann schob man, trotz heftigen Harndrangs,...




