E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Fritz Drei Wochen ver-rückt
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-33420-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Erfahrungen mit einem Schamanen in Peru
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-33420-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Hans Fritz wurde in eine katholische Bauernfamilie hineingeboren und erbte als Ältester, gemäß der Jahrhunderte alten Tradition, den elterlichen Hof, den er 30 Jahre später wieder an die nächste Generation weitergab. Sensibilisiert durch eine von Holzschutzmitteln ausgelöste Allergie, wurde er einer der ersten Biobauern in Bayern. Mit Hingabe widmet er sich heute dem Bau naturgemäßer Niedrigenergiehäuser.
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4. Tag, 16.01.2008
Ankommen und Zweifel
Ich war gerade mit dem Essen fertig. Heute hatte es Bananen, Orangen, Mandarinen, Trauben, Papaya, Ananas und ein paar Exoten gegeben, die ich noch nicht kannte. Weiter gab es Reis, Bohnen, Salat, Avocados, aber kein Brot. Wir aßen ausschließlich vegan. Zum Trinken stand auf dem Tisch ausschließlich Wasser oder Tee. Alles war ungewürzt, ungezuckert und auch ungesalzen, denn ohne Salz soll man besser in einen Trancezustand kommen. Das war zwar gewöhnungsbedürftig, aber es machte mir auch nichts aus.
Ich vertrug alles sehr gut. Wie von außen und zugleich sehr interessiert, beobachte ich, wie mein Körper auf diese Reinigung reagierte.
Es war bestimmt keine Schikane, uns nur ungesalzene Kost zu geben. Offensichtlich wurde man dadurch empfänglicher für die geistigen Ebenen. Ich erinnerte mich zurück, wie uns als Kind beim Religionsunterricht gelehrt wurde, dass die Juden zum Passa-Fest auch nur ungesäuertes Brot und ungesalzene Speisen aßen. W.W. zitierte oft Beispiele und spirituelle Praktiken verschiedener Religionen, allen voran aus dem Christentum. Ich las gerade eine Schrift von ihm, das Einzige das wir in dieser Zeit lesen durften, um Fremdeinwirkungen von uns fern zu halten, die uns von den eigenen inneren Prozessen ablenken könnten und die nächtlichen Erfahrungen besser zu verstehen. Er beschrieb z.B. alle ihm bekannten Meditationsarten und den Unterschied zu Ayahuaska. Mit der Philosophie, dass im Grunde in allen Religionen und spirituellen Ansätzen nach Demselben gesucht wird, sprach er mir aus dem Herzen. Als Kind hatte ich mir immer schon vorgestellt, wie der liebe Gott im Himmel sich wohl wunderte, dass ihn die Menschen auf der Erde mit so vielen verschiedenen Namen benennen und auch so unterschiedlich an ihn glauben. Diese neue, kulturübergreifende Betrachtung setzt sich anscheinend nicht nur hier, sondern in vielen Ländern zunehmend durch, wie ich auf meinen Reisen schon öfter erfreut feststellen konnte.
Ich fragte mich zwischendurch immer wieder, ob dieses Ayahuasca wirklich „mein“ Weg war. Momentan empfand ich es eher als einen sehr bewussten Geisteszustand, dann bildete ich mir wieder ein, dass es nicht viel Unterschied zu einer guten Flasche Wein auslöst – vielleicht nur um mich selber zu Überlisten. In der letzten Nacht war die Dosis schwächer und ich stellte mir vor, wie es wäre, einmal zum direkten Vergleich mit Alkohol in einem solchen Setting zu experimentieren. Immerhin war es sehr interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die Leute im Ayahuaska-Trancezustand reagierten; die einen „himmelhoch jauchzend“ und die anderen „zu Tode betrübt“. Die einen laut, die anderen leise, wie „Gott sei Dank“ auch meine unmittelbare Nachbarin in der Maloka.
Immer wieder gab es Momente, in denen ich mich fühlte, als würde ich mich unter lauter Verrückten aufhalten, die irgendeinen Übervater suchen. Das Verhalten vieler Teilnehmender erinnerte mich an einem Aufenthalt in Kurnol, einer Stadt in Indien, in der ich vor einigen Jahren für ein paar Tage einen Guru in seinem Aschram besuchte. Es waren dort viele Europäer, die ihn regelrecht vergötterten und in ihm den wieder auferstandenen Jesus sahen.
Gegen Morgen durfte das Schweigen in der Maloka immer unterbrochen werden. Jeder, der das Bedürfnis dazu verspürte, durfte vor der ganzen Gruppe über das Erlebte berichten. Dabei wurden die wildesten Geschichten erzählt. Oft hörte ich gar nicht zu, weil es meistens in Französisch war und schlecht übersetzt wurde. Wenn auch nicht körperlich, die Zeit und das primitive Leben hier waren für mich oft sehr anstrengend. Es war alles andere als Zuckerlecken. Wie lange wollte ich dieses völlig andere Leben, ohne Strom, ohne Handy-Empfang, ohne warmen Wasser, mit Gemeinschafts-Plumpsklos auf 6 – 8 Hektar des insgesamt 80 Hektar großen Geländes, auf dem wir uns bewegen durften, noch aushalten? Natürlich war ich freiwillig hier und hätte jederzeit gehen können. Der Gedanke abzubrechen kam täglich, teilweise stündlich, aber Neugierde und Ehrgeiz ließen mich doch bleiben.
In der Maloka wurde immer alles perfekt inszeniert, wie bei einem feierlichen Hochamt in der Kirche, aber vielleicht nur mit mehr Erdung, denn überall, nicht nur am Altar, standen Kerzen und Figuren oder lagen Steine. In der Mitte brannte das Feuer. Mehrere Helfer gingen jeweils zu Beginn der Nacht mit Weihrauchfässern, ähnlich wie die Messdiener in der Kirche, zu jedem Teilnehmer, um ihn zu beräuchern. Der Grund, so erklärt w. W., sei Schutz vor bösen Geistern zu geben. Auch wohlriechendes Wasser wurde manchmal versprüht. Gegenüber vom Eingang befand sich der „Altar“. W.W. saß auf gleicher Höhe auf einer Schaumstoffmatratze, genauso wie wir alle, im Kreis auf dem Boden. Vor und neben ihm lag eine Menge an Utensilien: weitere Kerzen, Weihrauch, Trommeln, unterschiedliche indianisch aussehende Figuren, Traumfänger, Wedeln, Gläser und viele Flaschen mit Ayahuasca.
Er mischte den Pflanzensaft jeweils mit seinen Helfern und machte dazu ein paar Witze in französischer Sprache. Da er leider keine andere Sprache sprach, wurde er von einer in der Nähe sitzenden Person leise übersetzt. Aus meinem Blickwinkel, etwa 9 m von ihm entfernt, sah diese „Giftmischerei“ im Feuerschein sehr gespenstisch aus.
Das Gelände war unten begrenzt von einem ca. 50 bis 70 m breiten, reißenden und von der starken Erosion braun gefärbten Fluss, der zwischen zwei Bergrücken durchströmte. Auf der anderen Seite lag das kleine Dorf, dessen Bewohner uns so herzlich begrüßt hatten. Unsere Seite war absolut abgeschieden und nur über eine Hängebrücke, eine gewagte Seilbahn oder mit dem Kanu erreichbar. Vom Flussufer aus stiegen die Berge mehrere hundert Meter in die Höhe. Oberhalb der Rodungszonen waren sie mit Gestrüpp und Urwald bewachsen.
Geschlafen wurde übereinander in Stockbetten in primitivsten „Mannschaftsräumen“. Jeden Raum teilten sich mindestens vier oder mehr Personen. Männer und Frauen schliefen streng voneinander getrennt, auch Paare. Sie durften laut Anweisung, wie auch alle andern, nicht miteinander sprechen, da es ja um den Entwicklungsprozess jedes einzelnen ging. Mir fiel diese Isolation schwer, aber ich wusste mich zu beschäftigen. Ich hatte ein Thermometer dabei und maß damit täglich nicht nur die Temperatur, sondern auch das Duschwasser. Es hatte zwischen 25 bis 27 Grad. Die Lufttemperatur ging nachts bis 23 Grad zurück und tagsüber erreichte sie 28 bis 32 Grad.
Bei Regen war der lehmige Boden wie Schmierseife. Eine Grasnarbe wie bei uns, kann sich im Amazonasgebiet bei diesem rasanten Wechsel von Regengüssen und Hitze kaum entwickeln. Der Boden ist in den abgeholzten Flächen fast immer offen und ungeschützt. Ein Großteil der feinen Graswurzeln, die in der Regenzeit in die Breite wachsen, reißen in den trockenen Monaten wieder ab, weil die Oberfläche des Bodens in 20 bis 30 cm Abstand und bis zu 5 cm Breite Schwundsrisse bekommt. Beim nächsten Regen strömt Wasser in diese Risse und es formen sich schnell kleine Bäche, die viel fruchtbaren Boden mitreißen. Die Risse schließen sich zwar wieder, aber bei der nächsten Trockenheit reißt der Boden erneut auf. Die kurzen Graswurzeln können nicht tief genug in die Erde vordringen, um mit Wasser versorgt zu werden. Von Natur aus waren vor dem Eingreifen der Menschen dort Bäume, die sich im Lauf der Evolution an dieses Klima angepasst hatten und mit ihren starken Wurzeln den Boden festhielten.
Während ich kaum noch laufen konnte, ohne im Matsch zu versinken, faszinierte mich diese heftige Erosion am steilen Hang auf eine negative Weise. Ich blieb stehen. Der Fluss war braun, weil er Unmengen an Erde mit sich führte. Ich sah und fühlte genauer hin: War der Schlamm ein Symbol für die ständigen Veränderungen in meinem Leben, das Abrutschen und Absterben, um vielleicht in einer Verlandung neu geboren zu werden? Millionen Tonnen an fruchtbarer Erde transportiert dieser Nebenfluss täglich zum großen Amazonas. Ich sah nur diesen kleinen Ausschnitt und verneigte mich innerlich in Demut.
Ich dachte daran, wie viel nur dieser eine Fluss auf seiner kilometerlangen Reise an Erde mitführte und wieviele Tausend Nebenflüsse ebenfalls diese braune Erde in den Hauptstrom transportierten. Welche Mengen landeten dann in jeder Sekunde im Atlantik? Vielleicht lagerte sich so viel an fruchtbarer Erde dort ab, dass die Kontinentaltrift von der Pazifikseite her, die die Anden auftürmten, vom Atlantik sogar einen Gegendruck von diesen enormen Mengen an Sedimenten bekamen und Südamerika, das ja mal mit Afrika zusammenhing, sich dadurch immer noch weiter nach Westen schob? Ich erinnere mich an einen Vortrag, in dem der Referent sagte, dass die Alpen rechnerisch dreimal so hoch wären, wenn es dort keine Erosion gäbe.
Jeden Tag sah ich hier diese Erosionswunden und mir wurde wieder einmal bewusst, wie kurz mein Leben im Vergleich zu diesen Jahrmillionen währenden...




