E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Frydrych Mein wundervoller Garten
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8321-8948-8
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8948-8
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gabriele Frydrych schreibt seit über fünfzehn Jahren Satiren und Glossen über ihre Erfahrungen als Lehrerin einer Berliner Brennpunktschule, u. a. für die Süddeutsche Zeitung und den Berliner Tagesspiegel. Über ihren Garten schreibt sie regelmäßig Kolumnen für >Landlust< und >Kraut und Rüben<. >Mein wundervoller Garten< belegte den dritten Platz des Deutschen Gartenbuchpreises in der Sparte »Bestes Buch zur Gartenprosa und Lyrik«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2
Der erste Winter
Der Winter offenbart, was der Sommer mit üppigem Grün verhüllt hat: wie nah die nächsten Nachbarn sind. Alle Hecken und Büsche sind jetzt kahl, die Kletterpflanzen erfroren. Mein Blick fällt ungehindert auf schiefe Zäune und seltsame Anbauten. Selbst der Ästhet von nebenan dreht uns eine unansehnliche Schuppenrückseite zu. Vorn sieht sein Schuppen wie ein nostalgisches Badehäuschen aus: weiße Holzplanken und verschnörkelte blaue Fensterrahmen. »Vorne hui und hinten pfui«, würde meine Mutter sagen. Leider sehe ich von meinem Schreibtisch aus nur das »Pfui« und zwei Gartenstühle, die hinterm Schuppen auf bessere Zeiten warten.
Schön wird der kahle Garten erst, als der erste Schnee fällt. Am Morgen ziehe ich die Gardinen beiseite, um mich an der unberührten Landschaft zu erfreuen. Unberührt? Wenn ich noch im Bett liege, tobt hier das Leben! Überall im Schnee sind Tierspuren. Auf der Terrasse haben Amseln das jungfräuliche Weiß entfernt. Auf der Suche nach Futter scharren sie überall. Die anderen Spuren sehen nach Vierbeinern aus. Im Internet findet die Anfängerin im Fährtenlesen jede Menge Fotos und Skizzen von Fußabdrücken. So eine Skizze drucke ich aus und wandere damit durch den Garten. Für mich sieht im Schnee eigentlich alles gleich aus: Hund, Katze, Fuchs oder Marder. Ich finde einen Braunbärenabdruck. Behauptet meine Skizze. Aber ein Bär in Berlin? Der auf einem Bein hüpft? Schwer vorstellbar.
Zu meinen raren Gartenaktivitäten zählt, dass ich im Herbst ein winziges Vogelhaus an eine Kiefer gehängt habe, Produktbezeichnung »Early Bird«. Also eigentlich hat es mein Mann dorthin gedübelt. Ich will kleine Singvögel anlocken. Tauben und Krähen gibt es in der Großstadt schon genug. Im Drogeriemarkt erwerbe ich Meisenknödel im Dreierpack und Streufutter in großen Vorratspackungen. Ein paar Spatzen schauen mal kurz vorbei. Am Abend ist das Futterhaus immer noch voll. Die Vögel hier scheinen verwöhnt zu sein. Sie werden in jedem Garten gefüttert. Dort hängen nicht so schlichte Futterhäuser wie bei mir, sondern schöne bunte Gebilde, in Form von kleinen Gartenlauben und Postkästen. Das Futter der Nachbarschaft stammt auch nicht aus dem Drogeriemarkt, wie ich herausfinde, sondern von speziellen Versandhäusern oder wird per Hand aus Nüssen und Fett zubereitet.
Egal, ob aus dem Baumarkt oder vom Naturversand: In den Tüten mit Vogelfutter erwirbt man bisweilen mehr als Getreideflocken und Rosinen. Das merke ich leider erst, als im Frühjahr seltsame Flugobjekte durchs Wohnzimmer flattern. Glücklicherweise findet man im Internet alles Wissenswerte und noch viel mehr! Bei uns haben sich Lebensmittelmotten angesiedelt. Ein paar Maden verstecken sich noch im Vogelfutter, die anderen sind längst unterwegs im Haus und suchen sich warme Nischen zum Verpuppen. Mit Pheromonfallen kann man ein paar Männchen erlegen, die Weibchen sind längst dabei, ihren Nachwuchs fachgerecht unterzubringen.
Mein Mann grollt. Er will keine Insekten im Wohnbereich. Ich entsorge das Vogelfutter in der Mülltonne und lese hinterher, ich hätte den Mottennachwuchs erst einfrieren oder erwärmen sollen. Jetzt leben die lieben Tierchen ungehindert auf der Mülldeponie weiter. Ich lese, dass man gegen diese Motten Schlupfwespen einsetzen kann. Die Wespen sind ganz findig darin, die Mottenbrut aufzuspüren und zu vernichten. Aber was macht man anschließend mit den vielen Schlupfwespen? Mit denen möchte ich auch nicht zusammenleben.
Der Naturschutzbund propagiert einen Vogelzähltag. Ich stelle mich mit einem Notizblock an die Terrassentür. Nach einer Stunde habe ich 72Spatzen und 35Kohlmeisen gezählt. Ein ornithologisch versierter Nachbar spottet: Sicher hätte ich ständig dieselben Vögel gezählt. Insgesamt hätte ich bestenfalls zehn Vögel im Garten. Alle anderen sind nämlich bei ihm: Schwanz-, Hauben- und Tannenmeisen, Seidenschwänze, Perltaucher, Kronenkraniche, Erlenzeisige, Bergfinken, Waldbaumläufer und Gartenbaumläufer. Na gut, das mit den Kronenkranichen ist übertrieben. Die wohnen in Berlin nur im Zoo.
Ich sehe im Bestimmungsbuch nach und frage mich, wie man Wald- und Gartenbaumläufer überhaupt unterscheiden kann. Vermutlich nimmt mein Nachbar mit einem Peilgerät das Piepsen auf und lässt es durch sein Stimmerkennungsprogramm laufen. Das hat er bei eBay ersteigert. Normalerweise ortet und identifiziert die CIA damit verdächtige Anrufer.
Die Artenvielfalt zwei Häuser weiter macht mich neidisch. Nach langem Insistieren habe ich Erfolg: Der Nachbar leiht mir den Katalog seines Naturversandhauses. Zwanzig Seiten allein über individuell gefertigte Nistkästen! Sogar für Eichhörnchen und Fledermäuse. Manche Nistkästen gibt es auch als Bausatz zum Aussägen und Anmalen.
Als Sättigungsbeilagen kann man alle Arten von Nüssen bestellen, sortiert oder gemischt, vorgebröselt oder im Stück, mit Fett oder Honig paniert. Vollwertsaatgut aus Afrika, Asien und Brandenburg, mit Kalorienangabe, aber garantiert ohne Ambrosia-Samen. Energierollen aus Fett in rosa, gelb und grau. Je nach Vogelart mit getrockneten Mücken, Mehlwürmern und Waldbeeren. Diese Leckerbissen werden auf multifunktionalen Futtertischen serviert: mit eingebauter Wasserstelle, Regenschirm und Schutzgitter. Da muss die Katze draußen bleiben! Die Säule »Silver Birdie« bietet 20Vögeln gleichzeitig Platz. Sollte sich ein Waschbär oder eine neugierige Nachbarin hierhin verirren, schließen sich die Futterluken automatisch. Ich bestelle 15Kilo »Rotkehlchendelikatessen« und freue mich, dass ich den Nachbarn damit ein paar Vögel abspenstig machen kann. Vorher überprüfe ich das Vogelfutter mit einer Lupe auf Madenbefall.
»Sieh mal, so viele Spatzen! Einer hat sogar einen roten Bauch«, staunt mein Mann beim Frühstück, als er das Gewimmel draußen entdeckt. Er kennt zwar die Vielfalt von Pfälzer Blut- und Leberwurst, aber nicht die von Gartenvögeln. Ich bringe ihm erst mal Grünling und Buchfink bei, bevor ich ihn mit Kleiber und Bergfink konfrontiere.
In gebührendem Abstand lauert die Katze von gegenüber. Sie ahnt irgendwie, dass ich ihr Treiben in Bezug auf Vögel nicht billige, und trollt sich, wenn ich sie nur scharf ansehe. Einmal habe ich sie erwischt, als sie oben auf dem Futterhäuschen saß. Mein schriller Schrei ist ihr anscheinend im Gedächtnis geblieben.
Beim Kauf des winzigen Futterhauses »Early Bird« habe ich allerdings die übrigen Gartenbewohner unterschätzt. Die Amseln landen– nach mehreren Anläufen– zielsicher auf Haferflocken und Rosinen und verteidigen zänkisch ihre Beute. Die Eichelhäher brauchen ein wenig länger für ihre artistischen Bemühungen. Sie landen zunächst auf dem Dach, und unter ihrem Gewicht wackelt und kippt das Futterhaus bedrohlich. Schließlich hängen sie sich im Klimmzug dran und stecken nur den Kopf ins Haus. Immer, wenn das Futterhäuschen völlig schief in den Angeln hängt, war mit Sicherheit ein Eichelhäher zugange.
Eines Morgens hat sich ein Eichhörnchen ins Futterhaus reingequetscht und füllt sich den Magen. Als ich näher komme, faucht es wütend und rennt einen Meter den Baum hoch. Dort hängt es kopfüber und wartet, dass ich wieder verschwinde.
In den nächsten Tagen lege ich ihm ganze Walnüsse hin. Kaum habe ich mich entfernt, hat das Eichhörnchen sie sich schon gekrallt. Aus dem Efeu hört man Säge- und Feilgeräusche. Da nagt das Eichhörnchen gerade eine Nuss auf. Mein Zahnarzt rät davon ab… Die leeren Schalen lässt es mir vor die Füße fallen. Die eine oder andere Nuss vergräbt es auch. Die finde ich im Frühjahr vermodert irgendwo im Garten.
Im Naturversand gibt es spezielle Futterstationen für Eichhörnchen: Holzkistchen mit Fenster. Da kann das Eichhörnchen schon von außen sehen, ob was Passendes drin ist. Das Kistchen hat einen Deckel, der erst geöffnet werden muss. So eine Art Intelligenztest für Eichhörnchen. Wenn es dort nichts mehr zu holen gibt, sitzt das Eichhörnchen am Fenstergitter vor meinem Schreibtisch und benagt mit Inbrunst den Meisenknödel.
Klaut das Eichhörnchen auch die »Energieblöcke«, die auf dem Terrassenboden stehen? Das sind Plastikschachteln mit einer Art Fettklumpen darin, damit die Vögel bei der Kälte ordentlich was auf die Rippen bekommen. (Haben Vögel Rippen? Ich muss mal den Ornithologen in der Nachbarschaft fragen. Er ist eigentlich Kriminalbeamter, aber in jeder freien Minute beschäftigt er sich mit Geflügel und Gefieder. Er hat die teuersten Ferngläser, mit denen er einen Zeisig auf zehn Kilometer Entfernung ausmachen kann.) In so einem »Energieblock« ist auch Eiweiß in Form leckerer Trockeninsekten. Die sind speziell für Rotkehlchen gedacht. Manchmal liegt der Napf morgens leer im Gebüsch. Unwahrscheinlich, dass ein Rotkehlchen ihn dorthin zerrt und im Laufe einer Nacht leer frisst. Vielleicht ein Rotkehlchen-Team? Es sind aber keine Vogelspuren im Schnee. Den Napf hat eindeutig ein Tier mit Pfoten verschleppt. Für ein Eichhörnchen oder einen Igel sind die Spuren zu groß. Außerdem müssen Igel jetzt Winterschlaf halten. Ein Waschbär? Ein Marder?? Ein Wolf??? Die leben doch jetzt wieder in Brandenburg. Und Brandenburg ist gleich um die Ecke.
In Brandenburg wohnt auch meine Ökofreundin Sabine, die Spezialistin für alle Natur- und Gartenfragen. Ihr Grundstück grenzt an einen dichten Wald. Zäune gibt es nicht. Sehr zur Freude von Rehen und Wildschweinen. Sogar Fasane schreiten durch den Garten. Die Rehe mögen Rosenknospen und Tulpenblüten. Die nicht so schmackhaften Blüten...




