Fuchs / Arch | Geschichte der erotischen Kunst | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 651 Seiten

Fuchs / Arch Geschichte der erotischen Kunst


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-7795-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 651 Seiten

ISBN: 978-3-7534-7795-4
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Besonderer Service durch E-Book-Kauf: Für die Buchung einer exklusiven Diskussionsrunde bzw. Lesung mit dem Herausgeber, Fragen, Wünsche oder Anmerkungen schreiben Sie eine E-Mail an books.gabrielarch [at] t-online.de. Das Werk Geschichte der erotischen Kunst von Eduard Fuchs zeigt die kunstgeschichtliche Entwicklung der Erotik bzw. des Liebesaktes in den einzelnen Epochen der Bildenden Kunst, von den Hetären und (Liebes-)Göttern in der Antike, den Keuschheitsgürtel- und Flagellationsdarstellungen im Mittelalter, den expressiven, sinnlichen Orgien im Barock bis hin zu den fast pornographisch anmutenden Karikaturen des berühmten Symbolismus-Illustrators Félicien Rops. Sorgsam editiert mit über 35 Abbildungen und erstmals in Premium E-Book-Form.

Eduard Fuchs (1870-1940) war ein deutscher Kulturwissenschaftler, Historiker und Kunstsammler.
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1.1 Die Naturgeschichte der Kunst


Die gesamten Wissenschaften haben seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die ungeheuersten Fortschritte gemacht. Gerade deshalb aber zeigen sich dem auf das innere Wesen der Dinge und auf das Erkennen des gesetzmäßigen Geschehens gerichteten Blicke des Kulturhistorikers heute vielleicht noch viel mehr ungelöste wissenschaftliche Aufgaben als je. Gerade deshalb. Denn dadurch, daß die Wissenschaft ungeheure Fortschritte gemacht hat, hat sie notgedrungen zu den tiefgehendsten Umwälzungen in der Anschauung der Dinge geführt, und überall, wo man nachprüft, ergibt sich eine nicht zu umgehende Notwendigkeit zur grundstürzenden Revision seither anerkannter und vielfach für richtig gehaltener Erklärungen.

Das gilt vor allem von den historischen Wissenschaften. Jede Art und jeder Teil der Geschichte war bis dahin immer mehr oder weniger Apologetik; sowohl im Positiven wie im Negativen. Man rechnete mit allen sozialen Erscheinungen als mit gegebenen Größen, und vor allem als mit einer im Wesen ewigen und unwandelbaren Ordnung der Dinge, an der es höchstens Schönheitsfehler gibt. Freilich kann man gegenüber dieser Stellung zu den Dingen nicht einmal von Tempi passati sprechen. Wenn man in der Naturwissenschaft auf Grund der Erkenntnis der Gesetze der Entwicklung längst dahin gelangt ist, anzuerkennen, daß in allen lebenden Organismen eine stete Weiterentwicklung zu immer höheren Formen am Werk ist, so hat man in der Gesellschaftswissenschaft ebenso geflissentlich von dieser Logik abgesehen. Und wenn man es auch nicht geradezu wagt, zu leugnen, daß innerhalb der sozialen und politischen Organisationsformen der menschlichen Gesellschaft derselbe Prozeß sich vollzogen hat, so hat man wenigstens die Logik einer weiteren Entwicklung zu wiederum völlig neuen und auch höheren Gesellschaftsformen beharrlich ignoriert. Gewiß geschah dies zum großen Teil aus wissenschaftlicher Unklarheit, aber diese wurde stets auch von einem wohlverstandenen Interesse genährt – jeder herrschende Zustand will im Interesse der Sicherheit seines Bestandes den Gipfel aller Entwicklungsmöglichkeiten darstellen. Wurde damit die Tatsache, daß es auch hier kein »bis hierher und nicht weiter« gibt, natürlich trotzdem nicht aus der Welt geschafft, so hat es doch dazu geführt, daß auf sämtlichen Gebieten, die ins Bereich der historischen Wissenschaften gehören, immer noch die krauseste Unlogik das Zepter schwingt. Alles das gilt in vollem Umfang auch von dem Teil der Historie, von dem wir hier eine Seite untersuchen wollen, von der Kunst und Kunstgeschichtsschreibung.

Die Entschleierung der alles geschichtliche Geschehen endgültig bestimmenden Gesetze ist die große Errungenschaft auf dem Gebiete der historischen Wissenschaften. Es steht heute, und zwar durch die bahnbrechenden Forschungen von Karl Marx, fest, daß es in letzter Linie immer die allgemeinen wirtschaftlichen Interessen sind, die den gesellschaftlichen Lebensprozeß der einzelnen Völker und Klassen bedingen, und daß infolgedessen einzig die jeweilige ökonomische Grundlage einer Gesellschaft – das sind die Art und Höhe ihrer Produktionsverhältnisse, ihrer Gütererzeugung, ob dies feudalistisch, zünftlerisch, manufakturistisch, großindustriell usw. geschieht – deren politische und geistige Formen bestimmt. Mit anderen Worten: Religion, Philosophie, Rechtsanschauungen, Sittlichkeitsbegriffe, Künste einer Zeit usw. sind nur das ideologische Widerspiel der ökonomischen Basis der betreffenden Zeit und wechseln darum – das ist die entscheidende Logik! – folgerichtig auch mit dieser. Für jene, die sich auf diesen wissenschaftlichen Standpunkt stellen, ist jede Art geschichtlicher Apologetik beiseite geschoben, denn für sie ergibt sich als einzig mögliche Überzeugung, daß ein ungleich tieferer Sinn in der Geschichte steckt, als von allen Apologetikern angenommen wurde und angenommen wird. Diese Überzeugung lautet: Es ist zwar jede historische Epoche im Sinne der Hegelschen Dialektik »vernünftig«, aber eben nur, indem sie niemals mehr ist als eine Station auf dem Wege zum nächsten Ziele. Daraus aber, daß jede Entwicklung zu vielgestaltigeren und damit eben zu höheren Lebenserscheinungen führt, ergibt sich weiter, daß das Höchste niemals in der Gegenwart erreicht ist, noch weniger hinter ihr, sondern stets vor ihr steht.

Den letzten Satz möchten wir besonders unterstreichen, und zwar deshalb, weil er, auf das Gesamtgebiet angewandt, von dem wir hier eine Seite untersuchen wollen, zu einer Reihe wichtiger Konsequenzen führt. Die wichtigste dieser Konsequenzen sei hier gleich vorweggenommen: Wenn wir uns in der geschichtlichen Betrachtung der Kunst auf den prinzipiellen Standpunkt stellen, daß das Höchste stets vor der Menschheit steht, so brauchen wir uns bei aller staunenden Bewunderung gegenüber der grandiosen Schöpferkraft vergangener Heldenzeitalter der Kunst, wie z. B. die Renaissance eines war, niemals mit einem resignierten »das war einmal« zu bescheiden, wir brauchen weiter nicht deprimiert zu folgern: Damals sind Götter über die Erde gewandelt, die für alles die bleibend besten Lösungen geschaffen haben, sondern wir können getrosten Mutes und selbstbewußt sagen: Die Kunst von heute hat uns hundert Erfüllungen gebracht, die in den verschiedensten Richtungen weit über das hinausführen, was die Renaissancekunst erreicht hat, und die Kunst der Zukunft muß wiederum unbedingt das Höhere bedeuten.

Aber nicht nur seitherige Anschauungen und Erklärungsmethoden zu revidieren, lehren uns die umwälzenden Ergebnisse der modernen Wissenschaft, sondern die Entschleierung der dem geschichtlichen Geschehen Gestalt gebenden Faktoren gibt uns noch häufiger die erste Möglichkeit, die inneren Zusammenhänge aller kulturellen Erscheinungen zu enträtseln und dadurch überhaupt erst ihre Grundmauern vor unserer Vorstellung aufzubauen. Das gilt für die Kulturgeschichte in ihrer Gesamtheit wie für alle ihre Einzelgebiete, als da sind: Religionsgeschichte, Sittengeschichte, Rechtsgeschichte usw. Natürlich nicht minder gilt es für die Kunst. Die Grundmauern sind auch in der Kunstgeschichte noch zu errichten. Auch hier sind die inneren Zusammenhänge zwischen der Grundlage jedes einzelnen Zeitalters und seiner spezifischen Kunst, also ihre historische Bedingtheit, erst noch nachzuweisen.

Mancher wird ungläubig den Kopf schütteln und sagen: Was, auch in der Kunstgeschichte, dem bearbeitetsten Gebiete der modernen Literatur, sollten solche Voraussetzungen noch fehlen? Jawohl, auch hier. Man kann dreist den Satz aussprechen: In der Riesenbibliothek, die bis heute über die Kunst zusammengeschrieben worden ist, fehlt sogar noch das Allerwichtigste, nämlich eine systematische Naturgeschichte der Kunst. Die selbstverständliche Folge davon ist, daß wir darum auch noch keine nach modernen wissenschaftlichen Grundsätzen geschriebene Kunstgeschichte haben.

Was wir haben, und zweifellos in Fülle und Überfülle haben, sind durchweg Untersuchungen und Analysen über das »Wie« der Kunst – Bearbeitungen des ästhetischen Problems. Auf diesem Gebiete bewegt sich z. B. auch durchweg das Gute von dem, was die letzten Jahre hervorgebracht haben.

Was wir dagegen nicht haben, ist eine wissenschaftlich haltbare Analyse des »Warum« in der Kunst – Bearbeitungen des kulturgeschichtlichen Problems, das die Kunst darstellt. Wenn wir näher spezialisieren wollen, was wir unter diesem Warum verstehen, so müssen wir sagen: Wissenschaftlich noch kaum untersucht, geschweige denn ausreichend analysiert, sind Fragen wie: Welche Faktoren zeugen und formen die Kunst? Was ruft die Kunst ins Leben, was führte sie zu den gewaltigen Höhen, die sie zuzeiten eingenommen hat, was läßt sie zum reichsten Teppich der Kultur werden, auf dem je nachdem tausend Wunderblumen aufsprießen? Welche Faktoren bedingen andererseits ein bloßes durchschnittliches Vegetieren der Kunst, welche ihren Untergang, das Versiegen ihrer Kraft, ihr Sterben? Wie entsteht ein Stil?

Diese und ähnliche Fragen umfassen jedoch nur die eine Seite des Fehlenden. Dieser einen Seite steht noch eine zweite, und zwar gleich wichtige gegenüber, nämlich die Frage über das Lebensgesetz der Kunst, die Analyse dessen, was sich eigentlich in der Kunst manifestiert. Diese zweite Seite näher spezialisiert lautet: Welches ist der Hauptinhalt der Kunst? Worin besteht ihr Feuer? Was kreist in ihren Adern, was erfüllt und belebt sie? Welches Element ist es im letzten Grunde, das nicht nur am Tage des Entstehens eines Kunstwerkes die Beschauer berauscht, sondern das dieses zu ewigem Leben erhebt und mitunter noch nach Jahrhunderten die Beschauer mit denselben Schauern durchrieselt?

Man wird zugeben müssen, daß alle diese Fragen nichts weniger als untergeordneter Natur für die Kunstgeschichte sind. Freilich wird man uns auch gleichzeitig einwenden, daß die Beantwortung dieser Fragen anderen Leuten obliegt als den Ästhetikern, nämlich den Historikern und Psychologen. Diesen Einwand werden besonders diejenigen erheben, die zur Kunstbetrachtung ausschließlich als Genießende stehen, für diese – und das ist ja zweifelsohne die große Mehrzahl aller derer, die sich mit der Kunst kritisch beschäftigen – wird das Wie immer die Hauptsache bleiben. Freilich auch für die blanke Oberflächlichkeit wird das Wie das einzig und auch das am meisten Interessierende bleiben, denn auf keinem einzigen anderen Gebiete des geistigen Kulturlebens läßt sich mit einem ähnlich bescheidenen Kapital an positiven Kenntnissen so leicht auskommen wie auf dem der ästhetisierenden Kunstkritik. Jeder kann hier mitreden, und jeder redet hier mit, denn hier genügt als ausreichende Legitimation im Notfall eine einzige Formel: man ist – individuell. Die mißbrauchteste Phrase, die...



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