E-Book, Deutsch, 301 Seiten
Fuchs Die Hirntod-Falle
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96145-501-0
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 301 Seiten
ISBN: 978-3-96145-501-0
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Format: EPUB
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»Ohne Frage sind in diesem Buch viele Dokumente zusammengetragen, die sonst schwer auf einen Blick zu finden sind. [...] Das Buch von Richard Fuchs konfrontiert den Leser mit vielen Argumenten und Fakten, die ohne Zweifel bedacht werden müssen, wenn sich Vertrauen der Bevölkerung und der potentiellen SpenderInnen in einen transparenten und >gerechten< Umgang mit den Wartelisten wieder einstellen soll. Solche Argumente zu kennen, ist für den Diskurs wichtig.« (Ein Professor der Universität Bremen zur 1. Auflage unter dem Titel, Organspende - Die Verschwiegene Wahrheit, emu-Verlag, Lahnstein 2012) - Wo findet man Rat, hinter dem man nicht irgendeine Lobbygruppe vermuten muss? Richard Fuchs ist diesen Fragen nachgegangen. Er hat den Mut, die Antworten der BÄK (Bundesärztekammer) zu hinterfragen und zum Teil zu widerlegen. In seinem Buch bleibt kaum eine Frage offen. Ich habe es mit großem Interesse und Respekt vor der hartnäckigen und gründlichen Recherche des Autors, bis zu Ende gelesen. Wer Hilfe sucht und klare Antworten nicht scheut, ist mit diesem Buch gut beraten.« (Zeitschrift der Telefonseelsorge Deutschland AUF DRAHT im April 2013) - Dr. Christina Krumreich, eine Leserin, schrieb: »Sehr geehrter Herr Fuchs, Ihr Buch >Organspende - Die verschwiegene Wahrheit< las ich mit Gewinn und Respekt! Was mich am stärksten beeindruckte: Die breite und differenzierte Basis und Ihre behutsame und informative Interpretation. Ihr Mut ist ein Labsal. Ihnen gebührt Dank, Anerkennung und Erfolg. Ich werde Ihr Buch allen Betroffenen und Ärzten empfehlen.«
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
EINE KURZE GESCHICHTE DER UN- UND HALB-WAHRHEITEN
»Sie können nicht einfach hergehen und den Leuten die Herzen rausnehmen.«
Dr. Irvine H. Page (1901 – 1991), Präsident der American Heart Association, kritisierte 1968 Christiaan Barnard nach seiner ersten Herztransplantation. Zitiert nach: Barnard, Christiaan: Das zweite Leben, München 1993.
Als am 3. Dezember 1967 in Kapstadt das erste Herz verpflanzt wurde, ging die Nachricht als Zeichen der Hoffnung um die ganze Welt. Es war zugleich ein Angriff auf die Integrität und Würde der nicht einwilligungsfähigen Patienten. Sie wurden wider Willen sogenannte »Organspender«. Bis 1967 hatte es kein Chirurg gewagt, ein Herz zu transplantieren, obwohl die Operationstechnik vielfach an Tieren erprobt worden war. Die US-amerikanischen Ärzte Norman Edward Shumway (1923 – 2006) und Richard Rowland Lower (1929 – 2008) hatten die entscheidende Forschung für Organtransplantationen geleistet und ihre Erkenntnisse in medizinischen Fachzeitschriften publiziert. Dennoch konnten sich die US-Behörden zunächst zu keiner Genehmigung durchringen. In Südafrika, im damaligen Land der Apartheid, aber waren die rechtlichen und ethischen Barrieren niedriger als in westlichen Industrienationen, und so brach der Bure Christiaan Barnard (1922 – 2001) das Tabu und griff zum Skalpell, nachdem er die Technik von den amerikanischen Chirurgen studiert hatte. Er wurde berühmt – zunächst als Herzchirurg, dann als Herzensbrecher. Ein Journalist der New York Times warf in einem Interview Barnard vor: »Dr. Dwight E. Harken aus Boston behauptet, Sie hätten Shumway die Technik gestohlen?«40 Und im Washington Evening Star hieß es unter der Headline »Südamerikaner schafft es als erster: Gemüsehändler lebt mit verpflanztem Herzen« weiter: »In den Kommentaren führender amerikanischer Herzspezialisten, die gehofft hatten, auf dem Gebiet der Herztransplantation die ersten zu sein, gibt es gewisse Anzeichen von Berufsneid.«2
War die verletzte 25-jährige Denise Darvall wirklich bereits tot?
Das Herz als Verkörperung der Lebensmitte oder Sitz der Seele war plötzlich zum auswechselbaren Ersatzteil geworden. Welche Identitätskrisen für den Empfänger durch die Implantation eines fremden Herzens entstehen würden und auch gesundheitliche Probleme, war ungeklärt. Dennoch genügte die Tatsache als solche, ein Herz verpflanzen zu können, um die Weltöffentlichkeit zu interessieren. Doch annähernd alle Kriterien, die als Voraussetzung für ein Überleben nach der Operation des 54-jährigen Empfängers Louis Washkansky (1913 – 1967) hätten berücksichtigt werden müssen, ignorierte der Chirurg Barnard: Die Gewebeverträglichkeit war unzureichend, das Herz der 25-jährigen Spenderin Denise Ann Darvall (1942 – 1967) war zu klein, die Immunsuppression war noch unterentwickelt und man war noch nicht in der Lage, ein Herz über einen längeren Zeitraum zu konservieren.
Der Düsseldorfer Kardiologe und spätere Nobelpreisträger Prof. Dr. Werner O. T. Forßmann (1904 – 1979) sprach damals von einem »operativen Eingriff ohne Belang, weil unsere Kenntnisse von der Immunologie überpflanzter Gewebe noch nicht ausgereift sind. Wer aber unter solchen Voraussetzungen operiert, missachtet das oberste Gebot der Chirurgie ›nil nocere‹ (nicht schaden).«41 In der FAZ vom 03. 01. 1968 bezeichnet Forßmann Barnards Vorgehen als leichtsinnig und »unseriös« und warf ihm Manipulation bei der Todesfeststellung vor.
War die durch einen Verkehrsunfall verletzte Denise Darvall wirklich bereits tot, als sie ins Hospital eingeliefert und so ungewollt und ungefragt zur »Organspenderin« wurde? Nach den damals geltenden standesrechtlichen Kriterien musste diese Frage verneint werden. Denn anders konnte der kurzfristige Erfolg der Transplantation nicht erklärt werden, galt doch der Herz-Kreislauftod damals noch als das einzige eindeutige Todeskriterium. Denise Darvall erlitt zwar irreversible Hirnverletzungen, wurde aber intensivmedizinisch versorgt, bis die Herzentnahme ihr Leben beendete.
Barnard: »Ich hätte nicht operieren dürfen.«
Fragen der Zustimmung waren ebenso schnell geregelt wie die juristischen. Denise Darvall war bei einem Bummel mit ihrer Mutter von einem Auto angefahren worden. Die Mutter starb noch an der Unfallstelle und Denise erlitt eine irreparable Kopfverletzung. Vater Edward Darvall konnte schnell überzeugt werden und erteilte seine Zustimmung für die Organentnahme. Nachdem das sogenannte irreversible Hirnversagen festgestellt war, stellte Barnard, wie er selber schreibt, das Beatmungsgerät ab und öffnete den Brustkorb, als bei ihrem Herzen das Kammerflimmern eingesetzt hatte.42 Bei dem 55-jährigen Organempfänger Louis Washkansky beendete eine Lungenentzündung das »Transplantationswunder« nach 18 Tagen. Als der Patient verstarb, kam Barnard, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, zu der verspäteten Erkenntnis: »Ich hätte nicht operieren dürfen.« Die Behandlung zur Vermeidung der Abstoßung des fremden Herzens hatte die Widerstandskraft des Patienten derart geschwächt, dass tödliche Organismen über eine Kanüle ungehindert in den Körper eindringen konnten. Zudem hatte Louis Washkansky Diabetes, war geschwächt. Erst 1982 kommt Cyclosporin A zur Verhinderung der Abstoßung eines Organs auf den Markt und wird von der Schweizer Firma Sandoz (heute Novartis) als immunsuppressives Medikament unter der Bezeichnung Sandimmun verkauft.
Der nächste Herzempfänger, der Zahnarzt Philip Blaiberg (1909 – 1969), dem Barnard am 2. Januar 1968 ebenfalls ein Ersatzherz implantierte, überlebte 593 Tage. Bei aller Begeisterung ließ Kritik nicht lange auf sich warten. Das dritte Herz entnahm Barnard einem Patienten, ohne zuvor die Einwilligung der Angehörigen einzuholen.
Sowjetische Ärzte erklärten der Weltöffentlichkeit, der Spender des Herzens für Blaiberg könnte noch leben, wenn Barnard ihn nicht zu früh für tot erklärt hätte.
Vision von Leichenfledderern
Zeitungen machten nach der ersten Operation den Vorschlag, man möge Barnard vor dem Internationalen Gerichtshof des Mordes anklagen, weil er einem Menschen ein lebendes Herz entnommen hatte. Das Konzept des »Gehirntodes« wurde weder nicht verstanden, noch war es akzeptiert und stand im Kreuzfeuer der Kritik. Der Präsident der American Heart Association, Dr. Irvine Page, kritisierte Barnard: »Sie können nicht einfach hergehen und den Leuten die Herzen rausnehmen«, und ein anderer Arzt in Washington: »Ich habe die schreckliche Vision von Leichenfledderern, die mit gezückten Messern um ein Unfallopfer herumschleichen und darauf warten, seine Organe herausschneiden zu können, sobald es für tot erklärt ist.«.43
Der Düsseldorfer Kardiologe und Nobelpreisträger Prof. Dr. Werner Forßmann schrieb: »Die Chancen sind also am allergrößten, wenn das Organ einem gesunden und in voller Lebenskraft stehenden Menschen entnommen wird. Deshalb liegt es im Interesse des Empfängers und des Operateurs, den sterbenden Spender so früh wie möglich für tot zu erklären, um über ihn verfügen zu können.«44 Zu ganz anderen Urteilen kam die FAZ. Die Zukunft dieser neuen Technik sei sehr ermutigend.45 Oder Die Welt: Herztransplantationen seien ein »notwendiges Experiment«, denn die Medizin »verdankt ihren Fortschritt Männern, die sich durch Rückschläge nicht entmutigen ließen. Mit dem Fortschritt ist aber der Mut zum Wagnis und zum Risiko untrennbar verbunden«.46
Bis Barnard, an Arthritis leidend, die Hände kaum noch bewegen konnte, war er an insgesamt 46 Herzübertragungen beteiligt. 1977 griff er erneut zum Skalpell, um einer 25-jährigen Italienerin mit einem zusätzlichen Pavianherzen das Leben zu verlängern. Das Experiment musste scheitern, da sämtliche Xenotransplantationen zuvor auch schon tödlich endeten.
Me too: Rekorde und das vorläufige Ende in den USA
Spätestens aber mit dem Triumph der gelungenen zweiten Transplantation von Philip Blaiberg mit einem Herzen des 35-jährigen farbigen Clive Haupt (1944 – 1968) waren alle Bedenken und Skrupel zerstreut. Die rassistische Regierung Südafrikas machte gute Miene zum bösen Spiel, obwohl bei der zweiten Operation das Herz eines farbigen Afrikaners in die Brust eines Weißen verpflanzt worden war. Barnards Ruhm löste bei amerikanischen Ärzten Neid aus, wie Barnard konsterniert feststellte, und auch einen »Me-too-Effekt«. Bereits drei Tage nach der ersten Herztransplantation – das Ad Hoc Commitee der Harvard Medical School hatte noch nicht seinen »Segen« erteilt – implantierte der New Yorker Adrian Kantrowitz einem zweieinhalbwöchigen weiblichen Baby ein Herz – mit tödlichem Ausgang wenige Stunden später. Das hinderte Kantrowitz vom Maimonides-Krankenhaus in New York nicht daran, sich als erster amerikanischer Transplanteur, gemeinsam mit Barnard, in der USweit ausgestrahlten TV-Show, »Face of the Nation« der CBS feiern zu lassen.
Den überstürzten Eingriff an einem wehrlosen Opfer bezeichnete der Düsseldorfer Kardiologe Forßmann als Mord. In Wirklichkeit aber war es ein Doppelmord, denn das wehrlose Opfer, dem das Herz entnommen wurde, war ein anenzephales neugeborenes Kind. Das sind Kinder, die nur mit...




