E-Book, Deutsch, 251 Seiten
Fuchs Pädagogik und kulturelle Begegnung
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7799-9338-4
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zu einigen Stationen transkulturellen Austauschs
E-Book, Deutsch, 251 Seiten
ISBN: 978-3-7799-9338-4
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Max Fuchs, Prof. Dr., lehrte Allgemeine Pädagogik und Kulturpädagogik an den Universität Duisburg-Essen.
Autoren/Hrsg.
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1.Einleitung
Überblick
Man geht davon aus, dass der Mensch erst vor 14.000 Jahren Sesshaftigkeit entdeckt und realisiert hat. Das bedeutet, dass er die längste Zeit seiner Existenz ein Leben als Nomade führte. Ein wesentlicher Grund für dieses Dasein als Nomade dürfte darin bestehen, dass die Ressourcen, die für sein Überleben notwendig waren, begrenzt waren. Erschöpfte Ressourcen als Ursache für Wander- und Migrationsbewegungen blieb auch erhalten, nachdem die Mehrheit der Menschheit sesshaft geworden ist: Es gab Natur- und Klimakatastrophen und Eroberungs- und Raubzüge feindlicher Gruppierungen, die die Menschen zur Flucht zwangen. Es gab allerdings auch den Wunsch nach Reichtum oder der Ausdehnung des eigenen Machtbereichs. All diese Prozesse waren in vielfältiger Hinsicht mit Wissen verbunden. Man verfügte über einen bestimmten Wissensvorrat, etwa in der Bearbeitung des Bodens und des Umgangs mit der Natur und mit sich selbst, man stellte allerdings auch fest, dass neue Gegenden neues Wissen erforderten. Immer weniger war es zudem der Fall, dass die entdeckten neuen Gegenden unbewohnt waren und die dort wohnenden Menschen keineswegs erfreut darüber waren, ihr Land nunmehr mit anderen teilen zu sollen.
In dem vorliegenden Text geht es nicht primär darum, die unterschiedlichsten Wanderbewegungen und ihre Motive zu beschreiben (siehe etwa Oltmer 2014), es geht mir vielmehr um den Aspekt der Wanderung des Wissens, speziell des pädagogischen Wissens. Insbesondere interessiert mich, ob und wie pädagogisches Denken, Wissen und Handeln in der (europäischen) Neuzeit durch die Expansion und Eroberungszüge europäischer Mächte und das in den eroberten Gebieten gefundene Wissen beeinflusst wurden. Dabei gibt es zahlreiche Studien darüber, dass und wie im Prozess der Kolonialisierung Strukturen, Denkweisen und Werthaltungen der Eroberer den in den eroberten Gebieten lebenden Menschen aufgezwungen wurden (vgl. Reinhard 2016). Sehr viel seltener wird die Frage behandelt, ob und wie (pädagogisches) Wissen indigener Völker nach Europa kam und welchen Einfluss es dort ausübte. Im Bereich der Geschichte der Pädagogik ist etwa das Buch von Ralf Koerrenz u. a. (2017) eine Ausnahme, das im Sinne einer in der Geschichtswissenschaft aktuell gewordenen „Globalgeschichte“ (die die Vernetzungen und wechselseitigen Einflussnahmen zwischen den verschiedenen Regionen und Kontinenten thematisiert; siehe Conrad 2013) auf diese Wechselseitigkeit des Austauschs von Wissen eingeht. Dabei handelt es sich weniger um einen unmittelbaren Austausch zwischen pädagogischen Expert*innen aus unterschiedlichen Regionen, sondern vielmehr um Veränderungen im Denken und im Verständnis der Welt und von sich selbst, die durch Begegnungen mit den Anderen und mit Fremdem verursacht wurden:
„Weniger sind es allerdings spezielle pädagogische Theorien oder Praktiken aus diesem Kontext, die nachwirken (sieht man einmal von der Idee ab, dass Reisen generell bildet). Vielmehr sind es bestimmte Denkfiguren, die später in pädagogischen Denken wirksam werden.“ (a. a. O., 123)
Einige Beispiele für mögliche Veränderungen im Denken sind die folgenden:
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die größere Bedeutung eigener Erfahrungen anstelle eines Bezuges auf kanonische Texte,
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damit verbunden die Erkenntnis der Unendlichkeit des Wissbaren,
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eine Orientierung an der Suche nach Neuem verbunden mit der Idee des Fortschritts,
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erneute Reflexion des eigenen Menschenbildes,
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die Konstruktion des Bildes von einem „edlen Wilden“, oft verbunden mit der Formulierung gesellschaftlicher Utopien (a. a. O., 123 ff.)
Der obige Hinweis darauf, dass die Gegenden, in die man eindrang, keineswegs menschenleer waren und sich die Bewohner gegen die Eindringlinge zur Wehr setzten, erinnert daran, dass bei solchen Prozessen und Unternehmungen in den meisten Fällen Gewalt eine große Rolle spielte. Dies gilt insbesondere für die Expansionsbestrebungen, Eroberungs- und Kolonialisierungsversuche der europäischen Mächte.
Kolonialisierungen – oft verbunden mit Sklaverei – beginnen nicht erst mit den Expansionsbestrebungen von Spanien und Portugal im 15. Jahrhundert. Sie fanden vielmehr zu allen Zeiten und in allen Regionen der Welt statt (Osterhammel/Jansen 2017). So gab es imperialistische Bestrebungen in Afrika, lange bevor Spanier, Portugiesen und andere europäische Länder an den Küsten anlangten. Es gab große Reiche in Asien, die Eroberungszüge von Alexander dem Großen nach Osten und Süden, es gab die großen Reiche der Inkas, Mayas und Azteken, die keineswegs friedvoll entstanden sind. Die besondere Bedeutung der Expansion in Richtung Amerika seit dem 15. Jahrhundert ergibt sich allerdings daraus, dass mit wenig Menschen aufgrund einer überlegenen Waffentechnik (und mithilfe unbekannter Krankheitserreger) dauerhaft große neue Gebiete in den eigenen Machtbereich eingegliedert werden konnten.
Aus der Sicht von Europa kannte man zu dieser Zeit bereits Afrika und Asien. Es gab seit über 1000 Jahren eine christliche Missionierung und seit über 700 Jahren die Expansion arabischer Staaten. Man führte Jahrhunderte vorher Kreuzzüge nach Palästina durch und die europäische Philosophie und die europäischen Wissenschaften profitierten von dem hohen kulturellen Entwicklungsstand der Araber bei deren Eroberungszügen nach Europa. Es wurden nicht nur Wissenschaft und Philosophie aus Indien überliefert, sondern es erfolgte über arabische Vermittlung auch eine deutliche Erweiterung der Kenntnisse der griechischen Philosophie in Europa. All dies hat in Europa in entsprechende Welt- und Menschenbilder in einer Weise integriert, dass man von einer gewissen Abgeschlossenheit der Welt und der Kenntnis von dieser Welt ausgehen konnte. Vor diesem Hintergrund war es geradezu eine Sensation, dass nunmehr ein großer neuer Kontinent mit bislang unbekannten Menschen entdeckt wurde, selbst wenn man eine Weile nach dessen Entdeckung noch glaubte, dass es sich um das bereits bekannte Indien handelte.
Der Historiker Reinhard Wendt (2007) beschreibt in diesem Sinne in seinem Buch nicht bloß die historischen Entwicklungen in den verschiedenen Regionen der Welt, er konzentriert sich zudem sehr stark auf die wechselseitigen Austauschprozesse. Er tut dies in zweierlei Hinsicht: Zum einen beschreibt er die Ströme von Menschen und Waren in beiderlei Richtung, er beschreibt aber auch den Austausch von Wissen:
„Europa nahm die überseeische Welt keineswegs einheitlich war. Die Bilder, die man sich machte, unterschieden sich nicht nur von Kontinent zu Kontinent und veränderten sich im Laufe der Zeit, sondern waren darüber hinaus vielschichtig und nicht selten sogar gegensätzlich. Japan, China, Indien, auch Siam, Persien oder das Osmanische Reich schienen Europa im 18. Jahrhundert im allgemeinen kulturell mindestens ebenbürtig zu sein, keineswegs jedenfalls unterlegen oder gar minderwertig. Im Gegenteil: Bewunderung etwa im Hinblick auf wohlorganisierte Staatswesen oder sogar Furcht waren durchaus verbreitet, und nicht wenige Europäer erkannten sogar beim Vergleich mit asiatischen Kulturen Defizite in den eigenen Gesellschaften.“ (216)
Im Hinblick auf Amerika schreibt Wendt:
„Der Einbezug Amerikas in eine bis dahin für dreiteilig gehaltene Welt zwang zu einer grundlegenden Revision althergebrachter Vorstellungen. Die Pflanzen ebenso wie die Menschen der Neuen Welt irritierten europäische Gelehrte, weil sie nicht in die Kategorien passten, mit denen man bislang umzugehen gewohnt war. Während die Europäer Ostasiaten, besonders Japaner, aufgrund der hellen Haut nahezu als ihresgleichen wahrnahmen, den dunkelhäutigen Indern jedoch schon sehr viel skeptischer und voreingenommener begegneten, waren im Falle der...




