Buch, Deutsch, 424 Seiten, Format (B × H): 149 mm x 222 mm, Gewicht: 668 g
Hitlers Überfliegerin. Eine Biografie
Buch, Deutsch, 424 Seiten, Format (B × H): 149 mm x 222 mm, Gewicht: 668 g
ISBN: 978-3-95768-278-9
Verlag: Olzog
Sie war ehrgeizig, erfolgreich und beliebt: Hanna Reitsch, die berühmte Testpilotin erprobte die wichtigen Maschinen von Hermann Görings Reichsluftwaffe, wurde von Adolf Hitler mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet und erlangte weltweite Berühmtheit, als sie 1938 den ersten Hubschrauber in einer geschlossenen Halle flog. Doch „Hitlers Überfliegerin“ diente auch der NS-Propaganda und wollte andere Piloten als Selbstmordflieger in den sicheren Tod schicken. Legendär ist ihr Flug vom 26. April 1945 in das bereits fast vollständig besetzte Berlin, um Hitler wenige Tage vor seinem Selbstmord in seinem Führerbunker zu besuchen. „Unsere Hanna“, wie sie im Volk genannt wurde, blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg beliebt. Aber es gab auch Kritik an ihr: War sie, die Hitler über dessen Tod hinaus die Treue hielt, wirklich die naive, unpolitische Patriotin, die nur Flugzeuge fliegen wollte? Oder war sie eine überzeugte und fanatische Nationalsozialistin, wie ihre Kritiker meinen? Anhand bislang unbekannter Aussagen Reitschs kann die erste Biografie der berühmten Pilotin aus der Feder eines deutschen Historikers diese Frage nun erstmals und endgültig klären.
Armin Fuhrer zeichnet spannend erzählt das spektakuläre Leben Hanna Reitschs nach und wertet zum ersten Mal alle persönliche Unterlagen aus.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtswissenschaft Allgemein Biographien & Autobiographien: Historisch, Politisch, Militärisch
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Deutsche Geschichte
- Technische Wissenschaften Verkehrstechnik | Transportgewerbe Luft- und Raumfahrttechnik, Luftverkehr
Weitere Infos & Material
PROLOG
KAPITEL 1: START MIT SCHWIERIGKEITEN
Kindheit – Der Traum vom Fliegen – Start – Segelfliegen – ein deutscher Sport – Medizinstudium – Abgetaucht am Himmel
KAPITEL 2: AUFWIND
Eine neue Welt – Für das neue Deutschland unterwegs in der Welt – Segelflug im Dritten Reich – Wieder eine Mission für NS-Deutschland
KAPITEL 3: IN DER WELT DER MÄNNER
An der DFS – Beförderung zum Militär – Der Flug mit dem ersten Hubschrauber – Begeistert von den USA – Reichskristallnacht
KAPITEL 4: KRIEG
Der Lastensegler – Schrecken in Bad Saarow – Ganz oben – Ein schwerer Verlust – Schwerer Absturz
KAPITEL 5: BIS ZUM BITTEREN ENDE
Opfer für Deutschland – 'Aus der Reihe der Tapfersten' – Mitwisserin – Im Führerbunker – Tragödie auf Schloss Leopoldskron
KAPITEL 6: STUNDE NULL
Ein Erweckungserlebnis auf dem Friedhof – Nach dem Ende – 'Hitler lebt' – Camp King – Entnazifiziert
KAPITEL 7: NEUSTART
'Fliegen – mein Leben' – Wieder Wind unter den Flügeln – Persönliche Schmach – Flucht aus Deutschland – Ghana
KAPITEL 8: RADIKALISIERUNG
Eine neue Zeit – 'Sie verehrte Hitler'
KAPITEL 9: SHOWDOWN
Skandal in Bremen – Das Ende
HANA REITSCH – EIN FAZIT
Anmerkungen
Quellen und Literatur
Personenregister
PROLOG
24. April 1945: Berlin, die Hauptstadt des Dritten Reiches, ist weitgehend von den Truppen der Roten Armee besetzt. Nur wenige Teile des Zentrums sind noch in den Händen der letzten deutschen Verteidiger. Unterhalb der Reichskanzlei in der Voßstraße, ganz in der Nähe des Brandenburger Tors, hat sich Adolf Hitler im Führerbunker mit seinen letzten Getreuen verschanzt, darunter Propagandaminister Joseph Goebbels mit seiner Frau Magda und ihren sechs Kindern, sein Sekretär Martin Bormann und Hitlers Lebensgefährtin Eva Braun. Über ihnen in der Trümmerlandschaft, die einst die stolze deutsche Hauptstadt war, tobt ein erbitterter letzter Kampf um jede Straßenecke, jedes Haus, jeden Meter. Inzwischen kann man von der Ost- an die Westfront mit der Straßenbahn fahren, meinen manche der Berliner, die ihren Humor noch immer nicht verloren haben. Die meterdicken Betonwände des Führerbunkers werden von ständigen Bomben- und Granatentreffern erschüttert, die oben im Garten der Reichskanzlei immer wieder die Erde umpflügen. Die Stimmung in den engen und stickigen Räumen ist apokalyptisch. Kein Bewohner glaubt noch daran, den Bunker lebend wieder zu verlassen, und Hitler hat angekündigt, sich umzubringen, bevor er lebend den russischen Soldaten in die Hände fällt. Denn er befürchtet, dass Josef Stalin, sein Gegenspieler in Moskau, ihn in einem Käfig auf dem Roten Platz vorführen würde.
Doch noch immer fabuliert der »Führer« trotz der aussichtslosen Lage von einem Entsatz der Hauptstadt durch die Armee Wenck. Aber diese angeblich nahende Rettung existiert nur noch in seiner Fantasie. Gerade musste er einen weiteren herben Rückschlag hinnehmen, denn Hermann Göring, Chef der Luftwaffe und viele Jahre sein engster Vertrauter, hat sich nach Süddeutschland abgesetzt und ihm per Telegramm mitgeteilt, dass er die Regierungsgeschäfte übernehmen werde, falls Hitler sich nicht bis zu einer bestimmten Uhrzeit melden würde. Der »Führer« tobt vor Wut über diesen »Verrat«, entlässt Göring aus allen seinen Ämtern und ordnet seine Verhaftung an. Er braucht einen neuen Chef für die Luftwaffe, auch wenn diese praktisch gar nicht mehr existiert. Schon länger hat er für diesen Posten einen Mann im Blick: Generaloberst Robert Ritter von Greim. Er befiehlt von Greim per Funkspruch, zu ihm in den Führerbunker zu kommen. Es ist ein aberwitziger Befehl, der das Leben Greims völlig unnötig in den letzten Tagen des längst verlorenen Krieges gefährdet.
Als den Generaloberst die Order am 25. April erreicht, hat er keine Ahnung, was Hitler von ihm will, denn der Funkspruch enthält keine Begründung für den Befehl, ihn aufzusuchen. Greim befindet sich gerade in München. Weil aufgrund der militärischen Lage – Deutschland ist weitgehend besetzt von den alliierten Truppen – ein Flug am Tag nach Norden nicht mehr möglich ist, beschließt er, erst in der Nacht zum 26. April zu starten. Er macht sich auch Gedanken darüber, wie er eigentlich noch in die fast vollständig besetzte Hauptstadt gelangen soll. In dieser Situation fällt ihm nur eine Person ein, die das noch schaffen könnte: Hanna Reitsch. Er ist seit Jahren mit Deutschlands bekanntester Pilotin, Trägerin des Eisernen Kreuzes I. und II. Klasse, erstem weiblichen »Flugkapitän« der Welt und Inhaberin verschiedener Segelflug-Weltrekorde, befreundet. Greim weiß, dass Reitsch, die als beste Pilotin der Welt gilt, vor wenigen Monaten geübt hat, mit einem Helikopter über Berlin zu fliegen und auf dem großen Flakbunker am Zoologischen Garten zu landen. Er schätzt sie als wagemutig und geschickt und so sieht er in ihr die richtige Begleiterin. Reitsch sagt erwartungsgemäß sofort zu. Beiden ist bewusst, dass der Flug lebensgefährlich ist und dass völlig unklar ist, ob sie jemals wieder aus Berlin herauskommen oder im Führerbunker auf das Ende und die Verhaftung durch russische Soldaten oder auch auf den Tod warten werden. Aus diesem Grund fliegt Greim zunächst nach Salzburg, wo Hanna Reitschs Eltern nach ihrer Flucht aus ihrer schlesischen Heimat auf Schloss Leopoldskron leben, und bittet sie um die Erlaubnis, ihre Tochter auf die lebensgefährliche Reise mit ungewissem Ausgang mitnehmen zu dürfen. Sie stimmen zu, denn wenn es um Deutschlands Schicksal geht, müssen persönliche Belange zurückstehen – so war schon immer die Ansicht der Reitschs. Hanna, die Greim nach Salzburg begleitet, verabschiedet sich von ihren Eltern. Sie ahnt nicht, dass sie sie niemals wiedersehen wird.
Der Plan lautet, mit einer Junkers Ju 188 zur Flugerprobungsstelle der Luftwaffe in Rechlin an der Müritz, rund 120 Kilometer nördlich von Berlin, und von dort aus weiter mit einem von Reitsch gelenkten Hubschrauber bis mitten ins Berliner Zentrum zu fliegen. Am 26. April um 2:30 Uhr hebt die Ju 188 auf dem Flughafen München-Neubiberg ab und erreicht nach rund zweistündiger Flugzeit unbehelligt Rechlin, wo sich der Luftwaffenführungsstab Nord befindet. Alle Offiziere dort halten einen Flug nach Berlin für völlig aussichtslos, zumal seit zwei Tagen kein Flugzeug mehr nach Gatow, dem letzten Flugplatz, der sich noch in deutscher Hand befindet, durchgekommen ist. Die telefonische Verbindung nach Gatow ist so schlecht, dass es nicht gelingt, eine Auskunft darüber zu bekommen, ob es überhaupt noch möglich ist, den Flugplatz, der unter schwerem russischen Artilleriefeuer liegt, anzufliegen.
Das ursprüngliche Vorhaben, mit einem Helikopter nach Berlin zu fliegen, ist nicht mehr durchführbar, weil die letzten zwei Maschinen am Tag zuvor bei einem Luftangriff zerstört wurden. Greim beschließt daher, mit einer Focke Wulff 190 zu fliegen und sich selbst ans Steuer zu setzen. Er ist ein erfahrener Pilot und hat, anders als Reitsch, Fronterfahrung. Von Gatow aus will er dann ins Berliner Zentrum fliegen. Reitsch soll in Gatow zurückbleiben, doch die 33 Jahre alte, nur 1,54 Meter kleine und zierliche Frau denkt überhaupt nicht daran. Sie fühlt sich verpflichtet, ihrem ursprünglichen Auftrag nachzukommen und will auf keinen Fall Greim, den sie tief verehrt, allein lassen. Das, so bekennt sie später, sei eine »heilige Verpflichtung« gewesen. So fragt sie den für den Flug mit der FW 190 beauftragten Piloten, dem zwei Tage zuvor als bisher letztem ein Flug nach Berlin hinein gelungen ist, ob es möglich sei, dass die bereits mit Ausrüstungsgegenständen beladene Maschine zwei Personen transportiert. »Bei Ihrem Gewicht, spielt das keine Rolle«, lautet seine Antwort. »Aber wo wollen Sie noch Platz finden?« Für dieses Problem hat Reitsch schon eine Lösung. Sie lässt sich hinten am Rumpf des Flugzeugs von vier Männern mit dem Kopf nach vorne in eine enge Luke schieben, die gerade groß genug ist, um sie aufzunehmen. Als die Luke von außen verschlossen ist, hat sie das Gefühl, lebendig begraben zu sein. Sie liegt zwischen scharfen Metallkanten zusammengekrümmt und hat keine Chance, sich ohne Hilfe wieder aus ihrer Lage zu befreien. Sollte das Flugzeug während des Fluges getroffen werden und Feuer fangen, würde sie qualvoll verbrennen.
Greim hat keine Ahnung davon, dass Reitsch sich im Flugzeug befindet, als er es besteigt und sich zum Start fertig macht. Plötzlich hört er, kurz bevor er den Motor startet, von hinten einen Ruf: »Sind sie auch gut angeschnallt?« Völlig überrascht ruft er zurück: »Kapitän, wo sind Sie?«, worauf Reitsch antwortet: »Im Schwanz«.
Greim versucht gar nicht erst, seine Begleiterin von ihrem Vorhaben abzubringen. Er kennt sie seit Jahren gut und weiß, dass dieser Versuch zwecklos wäre. Also startet er das Flugzeug. Es wird begleitet von rund 40 Jägern, die zu seinem Schutz abgestellt werden. Reitsch spürt jede Bewegung, jedes Auf und Ab des Flugzeugs. Und als Greim einmal im Sturzflug in die Tiefe saust, glaubt sie, die Maschine sei getroffen und sie dem Tod geweiht. Doch in Wahrheit weicht der Pilot durch das Manöver nur feindlichen Flugzeugen aus.
Nach 30 Minuten landet die FW 190 trotz heftigem Artilleriebeschuss wohlbehalten in Gatow. Eine Verbindung zum Führerbunker kommt nicht zustande, aber klar ist, dass die Straßen in die Stadt von den Russen besetzt sind. Der Ring um den Führerbunker hat sich weiter geschlossen, schon haben die russischen Truppen den Anhalter Bahnhof besetzt. Er ist nur wenige Hundert Meter entfernt von der Voßstraße. Frei ist dagegen noch die Ost-West-Achse, die vom Großen Stern zum Brandenburger Tor führt. Auch sie liegt aber, so die Information, unter ständigem Beschuss. Greim und Reitsch ist klar, dass hier das letzte Schlupfloch liegt, um zu Hitler zu gelangen. Ohne zu zögern, machen sie sich auf den Weg.
Als Flugzeug für den gefährlichen Flug steht ein Fieseler Storch zur Verfügung, eine leichte und kleine, aber relativ langsame Maschine. Da sie nur über einen Sitz verfügt, stellt sich Reitsch dahinter, um im Notfall über Greims Schulter hinweg steuern und Gas geben zu können. Nach dem Start fliegt Greim die Maschine zunächst in einer Höhe von zehn bis 20 Metern über den Wannsee in Richtung Funkturm. Kaum erreicht er den Grunewald, als ein höllisches Feuer einsetzt. Beim Blick nach unten erkennen Greim und Reitsch zahlreiche russische Panzer. Sie fliegen weiterhin im Schutz der Baumwipfel so niedrig, dass sie die Gesichter der Soldaten erkennen können. Die Hölle scheint sich unter ihnen aufzutun. Greim versucht, das Flugzeug durch Abwehrbewegungen durch den Feuerregen zu lenken, doch nach kurzer Zeit gibt es den ersten Einschlag. Plötzlich schreit Greim auf: »Ich bin getroffen!« Ein Panzersprenggeschoss hat seinen rechten Fuß durchschlagen. Er verliert viel Blut und das Bewusstsein.
Jetzt ergreift Reitsch stehend über die Schultern des bewusstlosen Greim das Steuer. Zahllose Kugeln durchbohren die Tragflächen, und weil beide Flächentanks zerschossen sind und das Benzin in Strömen ausfließt, rechnet Reitsch jeden Augenblick damit, dass die Maschine in Flammen aufgeht. Auch das Leitwerk, das Fahrwerk und der Rumpf werden getroffen, aber wie durch ein Wunder bleibt Reitsch unverletzt. Schließlich erreicht sie den Funkturm in Charlottenburg. Nur mit Mühe findet sie durch den Qualm die Ost-West-Achse. Der Beschuss lässt nach, weil das Gebiet, über das sie jetzt fliegt, zum Teil noch in deutscher Hand ist. Schließlich gelingt es ihr, auf der Ost-West-Achse zu landen und den Fieseler Storch am frühen Abend direkt vor dem Brandenburger Tor zum Stehen zu bringen. Sie klettert aus der Maschine und hilft Greim, der das Bewusstsein wieder erlangt hat, aber von schlimmen Schmerzen gequält wird, ebenfalls heraus. Sie setzen sich an den Straßenrand und blicken sich um. Die Gegend rund um das Brandenburger Tor, einst ein Zentrum der quirligen deutschen Hauptstadt, ist menschenleer. Überall liegen Trümmerteile und kaputte Fahrzeuge, ganze Bäume und Äste verstreut und immer wieder pfeifen Schüsse und Granaten durch die Luft. Greim verliert wieder kurz das Bewusstsein. Hanna Reitsch ist verzweifelt. Was soll sie tun? Wie kann sie sich und ihren Begleiter aus dieser misslichen Lage befreien und in Sicherheit bringen? Wie sollen sie in den Führerbunker gelangen, der nur ein paar Hundert Meter entfernt liegt? Wer beherrscht dieses Gebiet? Werden sie von deutschen oder russischen Soldaten entdeckt? Schließlich hören sie den Motorenlärm eines herannahenden Lastwagens. Das Auto bleibt vor ihnen stehen und heraus steigen mehrere Soldaten.




