E-Book, Deutsch, 572 Seiten
Funke Die Betrogenen
2. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7481-3481-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 572 Seiten
ISBN: 978-3-7481-3481-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Klaus Funke, geboren in Dresden, ist ein bekannter Autor erfolgreicher Romane wie Zeit für Unsterblichkeit, Der Teufel in Dresden, Die Geistesbrüder, Heimgang u.v.a. Neuerdings hat er auch Kriminalromane veröffentlicht: Franzi, Ein einsames Haus, Jacek Boehlich und die blonde Tote u.a.m. Mit - Die Betrogenen - hat Funke ein äußerst authentisches Buch geschrieben, welches zahlreiche Eigenerfahrungen und Selbsterlebtes enthält. Es ist darum ein Zeitzeugnis in der literarischen Form des Romans.
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PROLOG
In einem breiten, unmodernen Ehebett schliefen ein Mann und eine Frau.
Der Kopf der Frau lag in der Ellenbeuge ihres linken Armes. Ihr Mund, sachte Schnarchtöne ausstoßend, war halb geöffnet. Das Gesicht, ein wenig rot und verschwitzt mit einer angeklebten blonden Haarsträhne auf der Stirn, zeigte einen unruhigen, verärgerten aber unschlüssigen Ausdruck – als ob sie nicht recht wüsste, worüber sie sich Sorgen machen soll.
Die Frau lag in gehockter Stellung dem Manne abgekehrt. Der Mann schlief, auf die rechte Seite gedreht. Er hatte die Stirn gerunzelt wie einer, der nachdenkt. Auch ihm standen Schweißtropfen auf der Stirn. Auch er hielt den Mund halb geöffnet. Sein Kinn war unrasiert, mit dunklen Stoppeln bedeckt. Es war zu warm im Zimmer. Obwohl Anfang November und draußen noch nicht sehr kalt, hatten sie eines der Fenster geschlossen, das andere angekippt und dennoch die Heizung auf die höchste Stufe gestellt. Das tulpengeblümte Deckbett war zurückgeschlagen. Die beiden lagen in ihren Schlafanzügen, gleiche Farbe, gleicher Schnitt. Jeweils ohne Oberteil schliefen sie.
Wir schreiben den 10. November 1989.
Dresden, die Stadt an der Elbe, George-Bähr-Straße 72, eine Wohnung mitten in einem Neubaublock, eine Betonwabe in einem Menschenbienenstock aus Beton. Die Außenplatten mit bunten gemahlenen Schottersteinen bepflastert. Einheitsmaß die Fenster. Quadratisch. Fünfundachtzig mal fünfundachtzig Zentimeter. Zum Kippen und Normalöffnen. Sogenannte Kippdrehfenster. Der neueste Schrei des sozialistischen Wohnungsbaues.
Ein paar Blöcke weiter wird noch gebaut…
Gestern ein Großereignis im Fernsehen: Das Mitglied des Politbüros Günther Schabowski verkündet am Rande einer Pressekonferenz, eher beiläufig und mit ungewohnt lässigem Tonfall, dass die Staatsgrenzen der DDR zukünftig für jedermann passierbar seien. Minuten später überrennt in Berlin an den Grenzkontrollpunkten die Bevölkerung die überraschten Posten. Eine neue Ära scheint angebrochen. Ob dies das Ende des bisherigen Staates DDR ist, kann keiner sagen. Aber alles, selbst bisher Undenkbares, scheint möglich…
In den Schlaf dieser beiden Menschen sandte das Getriebe des Neubauviertels, der Betrieb der Baustelle vielfache Geräusche und Botschaften. Surrend fügt der Kran Platte zu Platte. Mit jedem Tag wächst der Block um drei Wohnungseinheiten. Planwirtschaft. LKW´s kommen brummend wie dunkle schmutzige Drohnen, entladen ihre Last und fahren wieder ab. Die kurzen Zurufe der Arbeiter, seit sechs Uhr sind sie hier tätig, sind zu hören. Es riecht nach feuchtem Beton, nach trockenem Zementstaub, nach den Abgaswolken der LKW und der Baumaschinen. Die Straßen, löchrige Bauwege, sind voller großer Pfützen, gelber Lehm und Dreck überall, über manche ausgefahrene Stellen hat man ein paar Bretter gelegt, damit sich die Bürger nicht gar zu sehr beschmutzen. Dort laufen sie, wie jetzt, wenn es zur Arbeit an die verschiedenen Orte der Stadt geht, in langer Reihe und heben wie die Störche die Beine. Aus den fertigen Wohnungen dringen Geräusche, wie aus einem Bienenstock, und mischen sich mit dem Lärm der Baustelle. Hier quäkt ein Kleinkind, dort bellt ein Hund, hier schimpft eine Männerstimme, da kreischt eine Frau, eine elektrische Kaffeemühle surrt los, ein Haartrockner sendet pfeifende Töne, übertönt einen Wasserkessel…
Obwohl nur eines der Fenster ein wenig geöffnet, sickern all diese Geräusche zu den Schlafenden. Die Lider der schlafenden Frau zucken. Ihr Kopf hebt sich ein wenig. Die Glieder strecken sich. Die Finger der linken Hand bewegen sich wie bei einer Klavierspielerin.
Nun hört sie aus dem Nachbarzimmer ein weinendes Kind. Doch das Weinen hört bald wieder auf. Die Frau murmelt irgendwas. Ihr Kopf sinkt zurück. Sie schläft weiter.
Im Hausflur rührt es sich. Schritte trampeln die Treppe hinab. Ein Mülleimer schlägt gegen das eiserne Geländer. Oben gurgelt Wasser in den Abfluss. Das Morgenbad scheint beendet. Oder ist es die Toilette? Jetzt summt nebenan die Türglocke. Worte sind zu hören.
Dann schlägt die Tür zu. Schlüsselgeräusche. Die beiden schlafen weiter…
Über der Elbestadt lag, wie an vielen Tagen des Jahres, wie er aber besonders im Herbst typisch ist, ein trüber Dunst. Es roch nach dem brackigen braunen Wasser des Flusses, nach den Abwässern der Fabriken, die schaumige gelbgraue Kronen bildeten und faulig stanken, und es roch nach dem Diesel der Schleppkähne, nach menschlichen Fäkalien und anderem noch.
Dieser Brodem, ein ständiger Begleiter für alle, die am Fluss lebten, schien zur Landschaft zu gehören und niemand wunderte sich mehr. Ja, wenn sie einmal verreist waren in dem kleinen Land, zu Bekannten und Verwandten in die Berge oder an die Küste, und sie kamen zurück, dann atmeten sie den Elbedunst wie etwas Heimatliches ein und freuten sich zu Hause zu sein. Diejenigen aber, welche es abstoßend fanden oder gar dagegen protestierten, waren eine kleine verlachte Minderheit, Umweltspinner, nicht ernst zu nehmen. Die Häuser am Fluss wie alles andere in der Stadt, grau und traurig, hatten diesen Geruch längst in ihre Wände aufgesaugt; im Sommer bei großer Hitze atmeten sie diesen Dunst wieder aus und so roch es denn immer und überall nach dem alten, belasteten Fluss. Die Straßenbäume in ihren Alleen reckten in trostlosem Starren ihre Äste gen Himmel, so als flehten sie um Gnade und jetzt im Herbst, da sie ohne Blätter waren, verstärkte sich dieser Eindruck von Traurigkeit und Wehmut nur noch mehr.
Könnten die Nachrichten aus Berlin von gestern da nicht Hoffnung sein? Die Hoffnung nämlich, dass sich endlich ein Fenster auftun, der alte Mief abziehen könne und endlich frische Luft, Farbe und Sonne auch bis hier an die Elbe käme…
Auf der Autobahn A 71, aus dem tiefen Süden, aus München kommend, näherte sich dem Grenzübergang Henneberg an der niederbayrisch-thüringischen Grenze ein großer grauer mattglänzender Wagen. Es war ein Mercedes 600 SL. Ein Mann, mittelgroß, sportlich, etwas über die Mitte Fünfzig, mit vollem weißgrauen welligen Haar, saß am Steuer. Schon konnte er die Grenzanlagen sehen, und, je näher er kam, entdeckte er die Menschentraube, die sich zu beiden Seiten drängte. Er ließ die Scheibe der Fahrertür herunter, lehnte sich lässig heraus, hob grüßend und jovial die Hand, die in einem gelben Rennfahrerhandschuh steckte. Die Leute lachten ihm entgegen. Herzlich willkommen! Ein Zivilist, er stand mit einer Gruppe anderer halb auf der Straße, winkte ihn lachend durch. Dann kam ein ostdeutscher Grenzer heran - von den Bundesbeamten sah er niemanden - und auch der schien froher Stimmung. Er nickte lachend, flüchtig warf er einen Blick auf die ihm entgegengestreckten Papiere. Schon in Ordnung, mein Herr!, versuchte er den Lärm zu überbrüllen. Viel Spaß in der Deutschen Demokratischen Republik! Gute Reise! Der Mann im Mercedes gab Gas und fuhr zügig durch die jubelnden Menschen. Auf der Fernstraße ging es flott vorwärts. Kaum Verkehr. Ein paar Kilometer links ragten die Schornsteine eines Kraftwerkes in den Himmel. Dunkler Rauch stieg auf. Und, als er gerade die Scheibe an der Fahrerseite wieder hochdrehen wollte - er hatte vergessen sie zu schließen - da flog ihm ein Rußpartikel ins Auge. Scheiße! Wann wird das bloß aufhören?, fluchte er und wischte sich das Auge mit einem Taschentuch.
Der Mann im Mercedes heißt Tankred Kraatz.
Er ist Inhaber und Geschäftsführer der Münchner Immobilienfirma „United-County-GmbH“. Das verschlungene „U“ und das „C“, die Initialen der Firma, als prunkende übergroße grellrote Lettern an den beiden vorderen Türen des Wagens, vermitteln den Eindruck, eine Weltfirma oder gar ein Hollywood-Team sei unterwegs. Gestern Abend, gleich nach der ersten Meldung von den offenen Grenzen, hat der Unternehmer Kraatz seinen Teilhaber angerufen und gesagt:
Hast du gehört?
Die haben die Grenzen aufgemacht. Eine Riesendummheit, so unkontrolliert. Mensch, Eberhardt! Los! Wir müssen rüber. Sondieren und die Filetstücke sichern. Werde zuerst in meine alte Heimat fahren. Nach Sachsen. Da kenn ich mich ein bisschen aus. Du weißt, wer zuerst kommt… der frühe Vogel fängt den Wurm, ha, ha…
Indes im sächsischen Pirna. Es steht vor dem Spiegel im oberen Badezimmer seiner Villa ein Mann. Halbglatze, Bauchansatz. Um die Fünfzig. Er hat den Bademantel vorn offen gelassen. Seine Brust, fett und hängend, ist unbehaart. Die Geschlechtsteile, unter dem Bauch halb verborgen, sieht man kaum. Aber auch dort wenig Haare. Der Mann lächelt in den Spiegel, zieht die schlaffen Lider herab, kräuselt die Nase, streckt die Zunge heraus. Eine blaurote Zunge mit gelblichweißen Belägen kommt zum Vorschein. Dann winkt er ab, lässt einen verächtlichen Laut hören und entkleidet sich, stellt sich unter die Brause, seift sich ein, duscht sich ab. Dazu pfeift er ein...




