E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Futscher Der Erbsenjongleur
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7076-0831-1
Verlag: Czernin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7076-0831-1
Verlag: Czernin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Futscher, geboren 1960 in Feldkirch, Studium der Germanistik, lebt seit 1986 in Wien, wo er u. a. Pächter eines Stadtheurigen war. 1998 erfolglose Teilnahme beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, dafu?r 2006 Publikumspreis bei der »Nacht der schlechten Texte« in Villach. 2008 Gewinner des Dresdner Lyrikpreises. 2014 österr.-ungarisches Austauschstipendium. Seit 2010 Verfassen von Schulhausromanen mit Schulklassen. 2015 Aufenthaltsstipendium in Schloss Wartholz, 2016 in Winterthur und 2023 in Brno.
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Am Morgen
Am Morgen trete ich vor das Haus und sage: »Alles gut.«
Ich winke einem Mann auf der anderen Straßenseite zu, er winkt zurück.
»Guten Morgen!«, rufe ich.
»Guten Morgen!«, ruft der Mann.
Zwei Männer, zwei Lächeln, der Tag hat gut begonnen, er sollte so weitergehen. Niemand würde vermuten, was sich in der Nacht abgespielt hatte.
Der große rote Bus fuhr vorbei, Kinder darin, auf dem Weg zur Schule. Einige von ihnen saßen nicht auf den Plätzen, hatten die Arme in der Höhe, schrien. Der Busfahrer braucht gute Nerven, vielleicht denkt er: »Ach, die lieben Kleinen, wie fröhlich und munter sie sind. Ich hoffe, diese Lebhaftigkeit bleibt ihnen erhalten bis ins hohe Alter …«
Eine Mutter kommt auf mich zu, sie zieht ihren Sohn hinter sich her. Ich grüße auch sie mit einem lebhaften »Guten Morgen!«
Sie sagte nichts, lächelte aber leise. Ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht auch den Kopf geschüttelt hat. Ihr Sohn sieht mich mit großen Augen an.
»Guten Morgen, junger Mann!«, sage ich, er wendet sich ab.
»Pass gut auf in der Schule«, rufe ich ihm hinterher, »damit du groß und stark wirst!«
Er dreht sich um und streckt mir die Zunge heraus. Ich lache und strecke ihm auch die Zunge heraus. Dazu zeige ich ihm den Stinkefinger. Kleiner Blutsauger, Nervensäge.
»Vergangenheit oder Gegenwart?«, fragt mich eine alte Frau und fügt gleich hinzu: »Ich bin übrigens die mit den Raben vor ungefähr zwanzig Jahren. Ich bin schon seit vielen Jahren tot.«
»Einmal so, einmal so«, antworte ich.
»Können Sie sich noch an mich erinnern?«
»Aber sicher«, sagte ich. »Sie waren die mit dem nassen Brot, stimmt’s?«
»Genau die war ich! Die mit dem nassen Brot. Ihr Kind war nicht sehr freundlich zu mir.«
Die Zeit der Windeln und der Schnuller war schon lange vorbei. Als ich meinen Sohn noch zur Volksschule begleitete oder von dort abholte, spielte es oft Granada. »AAAA-TACKE!«, riefen er und seine Freunde und stürmten los. Es ging zum Beispiel gegen die »Kampfmädchen«. Der Vater eines der männlichen Angreifer meinte einmal so treffend: »Die Buben sind wieder voll in Ekstase.«
Ein Auto, auf dem Herbstblätter liegen, ist schöner als ein Auto, auf dem keine Herbstblätter liegen.
Das Wasser steigt und überschwemmt bald Hamburg, New York und viele andere Orte weltweit – sagt meine Mutter immer wieder, deren Haus auf einem Hügel steht über einem See, den es schon lange nicht mehr gibt. Mütter haben es oft nicht leicht mit ihren Söhnen, besonders wenn die Söhne Vögel sind.
Ein kleines Mädchen redete oft im Schlaf. Einmal sagte es: »Nein, ich will die toten Vögel nicht abtrocknen!« – Sie wurde von ihrer Tante getröstet: »Das musst du auch nicht, die kann man einfach abtropfen lassen.« – »Nein!!! Die müssen abgetrocknet werden, aber ich kann das nicht machen …«
Ich denke an nasses Brot.
Ich ging vor zur Bushaltestelle und sah zurück. Ich leide nicht darunter, dass es vorbei ist, sondern ich freue mich darüber, dass es war. Konfuzius sagt etwas Ähnliches, er spricht von leuchtenden Tagen: Nicht weinen, dass sie vorüber sind, lächeln, dass sie waren. Lange war ich so dumm wie der Schüler eines Zen-Meisters, der einen Baumstumpf umklammerte und jammerte: »Was kann ich tun, damit mich der Baum loslässt?« – Aber dann wurde ich erleuchtet. Zehnmal sagte ich mich los von den heulenden Susen und den schwarzen Hunden. Die Kartoffel, in die ich biss, hatte eine schwarze Stelle, sie schmeckte nach Keller. Nach dem Keller meiner Kindheit, in dem ich Angst hatte. Mit Kartoffeln kann man besser jonglieren als mit Erbsen.
Ich weine den Telefonzellen keine Träne nach.
Bald wird es wieder Dinosaurier, Säbelzahntiger und Maikäfer geben, davon bin ich überzeugt. Ich schalte mein Smartphone aus und genieße es, unerreichbar zu sein. In der Straßenmitte zu gehen ist ein Vergnügen. Es herrscht nicht immer starker Verkehr. Ich ernähre mich tagelang nur von Wasser, Brot und Äpfeln. Ich schöpfe aus der Fülle, sie heißt Veränderung. Die Unterirdischen lassen sich nicht so leicht ans Tageslicht locken. Es ist wichtig, Geduld zu haben und sich die Fingernägel zu schneiden.
Ich fahre mit dem Bus, der Straßenbahn, der U-Bahn bis zu einer Haltestelle, an der ich noch nie ausgestiegen bin. Von dort geht es weiter. Ich gönne mir diesen Luxus. Immer schon hatte ich gute Ideen, nur habe ich sie nicht immer verwirklicht. Und wenn, dann oft stümperhaft. Ich fange etwas an, aber dann. Euphorisch stürme ich in Sackgassen, so habe ich es früher. Jemand, der mir nahesteht, sagte zu mir, ich solle nicht so viel zitieren. Ich reagierte darauf auf meine Art, unverbesserlich, aber ich bemühe mich. Blütenlese ist ein schönes Wort. Ich summe das Lied vom Leben, werfe Luftballons in den Kanal. Das war schon längst fällig. Von einem »Schwatzschwein« schreiben Rainer Brambach und Frank Geerk in einem ihrer Kneipenlieder. Ehrlich gesagt, höre ich lieber einer Waschmaschine zu als einer Opernsängerin. Es ist fast unerträglich für mich, einer Opernsängerin zuzuhören, die Liebeskummer hat, betrogen wurde oder gerade stirbt. Gilt auch für Opernsänger. Ich bin nicht dafür, dass die Opernhäuser abgerissen werden. Vielleicht komme ich auch noch drauf. Vielleicht stimmt etwas mit meinen Ohren nicht. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, sein Bierchen. Die wunderbare Welt der Getränke und der Bücher! Der Unicum im Bücherregal steht vor den Büchern von Bohumil Hrabal. Müsste er, frage ich, nicht vor den Büchern von Péter Esterházy stehen? Und weit und breit kein Becherovka, ganz zu schweigen von Pivo. Die zwei Bierdeckel neben Bohumil Hrabal sind aus dem Goldenen Tiger in Prag. Na zdraví!
Noch einmal trat ich am Morgen vor die Tür, da sah ich einen Hirten mit seiner Herde, auch sah ich einen Elefanten, auf seinem Rücken eine weiße Taube – das erinnerte mich an ein Gedicht von Antonio Fian: Hirte, Herde, Elefant, Taube. Überhaupt die Literatur. »Jetzt wär’ ein Hirte schön mit seiner Herde …« Ich werde später darauf zurückkommen.
Der Morgentext soll endlich geschrieben werden, der lässt tief blicken. Ich werde ihn auszugsweise vorstellen. »Heb’s doch selber auf!«, wie das Kind sagte. »Immer brav sein, das bringt’s nicht«, wie der Wienerliedsänger sagte. »Schrittli für Schrittli«, wie der Schweizer sagte.
Schlechtes Gewissen. Ich sollte etwas tun.
5 Uhr. Die Arbeit beginnt. Der frühe Vogel legt los. Die Würmer flüchten in alle Richtungen. Ich rufe ihnen hinterher: »Fickt euch!«
Ich nahm mir vor, nie wieder schlecht zu schlafen. Ich wünschte mir erzählenswerte Albträume.
Ich schrieb ein Vorwort: »Alles Gute!«
Ich schrieb ein Schlusswort: »Ende gut, alle tot.«
Mit einem Schraubenzieher wollte er eine lockere Schraube in seinem Kopf anziehen. Das überlebte er nicht. Dass er immer übertreiben muss.
Morgenstund’ hat Kot im Mund. Das Leben ist oft unappetitlich. »Der gute Geschmack verhindert schließlich immer, dass das Wesentliche gesagt wird.« – Ivan Wernisch.
Mit einem Fingerhut fing ich eine Fliege. Das soll mir wer nachmachen.
Es gibt 62 Gründe, erwachsen zu werden.
Es war einmal ein begonnener Roman, darin kam nasses Brot vor.
Original Morgentext (Brainstorming, Rohfassung):
Wider die Prokrastination
Gefahren: E-Mails und Briefe! Erst ab 11 Uhr (oder nach mindestens zwei Stunden Arbeit – realistisch!), gilt auch fürs Surfen
Schrittli für Schrittli
Recherchieren, was lernen, Neues entdecken, raus aus der Komfortzone, Neugier, Wissen, Engagement
Aktionen, Mutproben, Reisen, Abenteuer, Jungbrunnen
Repertoire: Auswendig!
Lieder singen, neue lernen – weckt die Lebensgeister
Thomas Mann: Zu Ende bringen, und siehe da, es war gut (oder so ähnlich, nachlesen!)
Ringelnatz: Frühstücksgedicht (»Ich bin so knallvergnügt erwacht«)
Auftritte
»Wenn man sich in der Früh zwanzig Sachen vornimmt und am Abend zwei ausgeführt hat, bekommt jeder eine Depression. Der Künstler hat von vornherein ein starkes Ich-Ideal, das er in einer Gesellschaft mit so viel Konkurrenz oft nicht erreichen kann.« – August Ruhs, Psychiater und Psychoanalytiker
Besonders lange habe ich nicht mehr Zeit, entweder – oder
Es tut gut, das Leben wird hell, ich werde erlebnisfähiger, kann besser...




