Gaarder | Die Frau mit dem roten Tuch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten, Gewicht: 1 g

Gaarder Die Frau mit dem roten Tuch

Roman
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-446-23526-7
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten, Gewicht: 1 g

ISBN: 978-3-446-23526-7
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein dramatisches Ereignis bringt eine Liebe zum Scheitern. 30 Jahre später trifft sich das ehemalige Paar überraschend wieder - am gleichen Ort in Norwegen, an dem sich der Vorfall ereignete. Ist es Schicksal oder einfach nur Zufall, dass sie sich genau dort wieder begegnen? In einem Briefwechsel erinnern sie sich, was damals eigentlich geschah. Wie sie heftig verliebt ins Fjordland fuhren, eine wahnsinnige Dummheit begingen, und jener rätselhaften Frau mit dem roten Tuch begegneten. Gibt es Kräfte, die stärker sind, als Vernunft und Wissenschaft es wahrhaben wollen? Jeder der beiden hat seine eigene Philosophie. Um endgültig Klarheit über das rätselhafte Erlebnis zu gewinnen, beschließen sie, sich noch einmal wiederzusehen.

Jostein Gaarder, 1952 in Norwegen geboren, studierte Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaften. Er war lange Philosophielehrer und lebt heute als freier Schriftsteller in Oslo. Sein Roman Sofies Welt (1993) wurde in über 50 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschienen von ihm Ein treuer Freund (Roman, 2017) und Genau richtig (2019). 2023 folgte Ist es nicht ein Wunder, dass es uns gibt? Eine Lebensphilosophie.
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1

Hier bin ich, Steinn. Es war wie ein Zauber, dich wiederzusehen. Und ausgerechnet dort! Du warst so verdutzt, dass du fast über die eigenen Füße gestolpert wärst. Glaub mir, das war keine zufällige Begegnung. Hier waren Kräfte am Werk!

Vier Stunden waren uns gegönnt. Was heißt gegönnt: Niels Petter fand das Ganze gar nicht lustig. Erst in Førde hat er wieder mit mir geredet.

Wir sind einfach durchs Mundalstal nach oben gestiegen. Nach einer halben Stunde standen wir wieder vor dem Birkenwäldchen …

Auf dem ganzen Weg haben wir kein Wort gewechselt. Darüber, meine ich. Über alles andere haben wir geredet, aber darüber nicht. Wie damals, als wir es auch nicht schafften. Wir waren unfähig, uns dem, was geschehen war, gemeinsam zu stellen. So sind wir an der Wurzel verfault, vielleicht nicht du als du und nicht ich als ich, aber wir als wir beide. Wir schafften es nicht einmal, einander eine gute Nacht zu wünschen. Ich erinnere mich, dass ich in der letzten Nacht in unserer gemeinsamen Wohnung auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen habe. Und ich erinnere mich an den Geruch der Zigaretten, die du nebenan im Schlafzimmer geraucht hast. Ich bildete mir ein, durch die Wand und die geschlossene Tür hindurch deinen gesenkten Kopf zu sehen. Du hast über deinen Schreibtisch gebeugt gesessen und geraucht. Am nächsten Tag bin ich ausgezogen, und wir haben uns nicht wiedergesehen, mehr als dreißig Jahre lang. Das ist nicht zu begreifen.

Und jetzt erwachen wir plötzlich aus unserem Dornröschenschlaf – wie vom selben wundersamen Signal geweckt. Wir nehmen ganz unabhängig voneinander noch einmal dort Quartier. Am selben Tag, Steinn, in einem neuen Jahrhundert. In einer vollkommen neuen Welt. Nach über dreißig Jahren!

Erzähl mir bitte nicht, das sei Zufall gewesen. Behaupte nicht, da gäbe es keine Regie!

Der Gipfel des Surrealistischen war, als auch noch die Hotelbesitzerin auf die Veranda trat. Damals war sie die junge Tochter des Hauses gewesen, auch für sie waren über dreißig Jahre vergangen. Ich glaube, sie hatte das Déjà-vu ihres Lebens. Erinnerst du dich, was sie gesagt hat: Wie schön zu sehen, dass ihr noch immer zusammen seid! Das tat weh. Aber es hatte natürlich auch etwas Komisches, schließlich hatte sie uns seit jenem Morgen Mitte der siebziger Jahre, an dem wir auf ihre drei kleinen Mädchen aufpassten, nicht mehr gesehen. Wir hatten ihr diesen Gefallen getan, weil sie uns Fahrräder und ein kleines Kofferradio geliehen hatte.

Sie rufen nach mir. Es ist ein schöner Juliabend, und wir führen hier am Meer ein Ferienleben. Ich glaube, sie haben Forellen auf den Grill gelegt. Und Niels Petter bringt mir einen Schnaps. Er gibt mir zehn Minuten, um die Mail zu beenden, und die Zeit brauche ich auch, denn ich möchte dich um etwas Wichtiges bitten.

Wollen wir einander feierlich versprechen, dass wir alle unsere Mails löschen, sobald wir sie gelesen haben? Ich meine, sofort, auf der Stelle. Und natürlich lassen wir konsequent die Finger vom Drucker.

Ich stelle mir unseren neuen Kontakt lieber als vibrierenden Gedankenstrom zwischen zwei Seelen vor denn als festen Briefwechsel, der dann für alle Zeit zwischen uns steht. So könnten wir auch über alles schreiben.

Wir sind beide verheiratet, und wir haben Kinder. Mir gefällt die Vorstellung nicht, alles Mögliche im Speicher des Rechners liegen zu haben.

Wir wissen alle nicht, wann wir aufbrechen müssen. Aber eines Tages werden wir uns von diesem Karneval mit all seinen Masken und Rollen verabschieden und nur eine Handvoll flüchtige Requisiten zurücklassen, ehe auch die vom Spielfeld des Lebens gefegt werden.

Wir müssen irgendwann heraus aus der Zeit, aus dem, was wir »Wirklichkeit« nennen.

Die Jahre vergehen, aber der Gedanke, dass etwas von dem, was damals geschehen ist, plötzlich wiederkehren könnte, lässt mir keine Ruhe. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir jemand auf dem Fuß folgt oder mir plötzlich in den Nacken haucht.

Ich werde nie das Blaulicht in Leikanger vergessen, und ich zucke noch immer zusammen, wenn hinter mir ein Streifenwagen auftaucht. Vor einigen Jahren klingelte einmal ein uniformierter Polizist an meiner Tür. Er muss bemerkt haben, wie ich mich erschrocken habe. Dabei wollte er sich nur nach einer Adresse in der Nachbarschaft erkundigen.

Du findest sicher, dass ich mir unnötig Sorgen mache. Und sowieso wäre die Sache, juristisch gesehen, verjährt.

Aber Schuldgefühle verjähren niemals …

Versprich mir, die Mails zu löschen!

Erst als wir oben zwischen den Überresten der alten Berghütte saßen, hast du erzählt, was dich wieder in das Hotel geführt hatte. Wie im Zeitraffer hast du erzählt, was du in den vergangenen dreißig Jahren gemacht hast, und mir dein Klimaprojekt erklärt. Danach reichte es gerade noch für ein paar Sätze über einen besonders intensiven Traum in der Nacht, bevor wir uns auf der Veranda des Hotels begegneten. Es sei ein kosmischer Traum gewesen, hast du erzählt, doch dann kamen diese jungen Kühe auf uns zu gejagt, und wir mussten flüchten. Auf dem Weg hinunter haben wir über den Traum nicht mehr gesprochen.

Dass du kosmische Träume hast, liegt für mich auf der Hand … Damals wollten wir versuchen, ein paar Stunden zu schlafen, aber wir waren zu aufgeregt, natürlich, deshalb lagen wir mit geschlossenen Augen nebeneinander und unterhielten uns flüsternd. Wir sprachen über Sterne und Galaxien, nichts sonst. Nur über solche großen, fernen, sozusagen übergeordneten Dinge …

Wenn ich heute daran denke, finde ich es seltsam. Es war, bevor ich an etwas geglaubt habe. Aber bis dahin war es nur ein kleiner Schritt.

Sie rufen mich wieder. Nur noch einen letzten Kommentar, ehe ich die Mail abschicke. Der See von damals heißt Eldrevatn. Ist das nicht ein seltsamer Name für einen einsamen Bergsee weit entfernt von der nächsten menschlichen Ansiedlung? Wer waren damals wohl die »Älteren« dort oben zwischen Felskegeln und den Gipfeln der Berge?

Auf der Fahrt mit Niels Petter habe ich erst nur die Landkarte angestarrt. Ich war seit damals nicht mehr dort gewesen und konnte trotzdem nicht aufblicken, nicht bei dem See. Ein paar Minuten später kamen wir auch an der anderen Stelle vorbei, ich meine, an der Kurve bei dem Abgrund. Es war der Moment auf der Fahrt, der am meisten wehgetan hat.

Ich glaube, ich habe erst unten im Tal wieder von der Karte aufgeschaut. Wenigstens habe ich so ein paar neue Ortsnamen entdeckt. Ich habe sie Niels Petter vorgelesen, etwas musste ich ja tun. Ich hatte Angst vor einem Nervenzusammenbruch, denn den hätte ich ihm erklären müssen.

Ich war froh, als wir zu den neuen Tunneln kamen, und bestand darauf, durch sie durchzufahren, nicht vorbei an der Stabkirche und über die alte Straße am Fluss entlang. Ich saugte mir die blöde Erklärung aus den Fingern, dass es spät sei und wir nicht viel Zeit hätten.

Zum Eldrevatn also.

Die Preiselbeerfrau war »älter«. Fanden wir damals jedenfalls. Eine ältere Dame mit einem roten Tuch um die Schultern. Wir mussten uns gegenseitig versichern, dass wir dasselbe gesehen hatten. Das war, als wir noch miteinander redeten.

Die Wahrheit ist, dass sie damals so alt war wie ich heute, nicht älter und nicht jünger. Eine Frau mittleren Alters …

Als du auf die Veranda kamst, war es, als begegnete ich mir selbst. Wir hatten uns dreißig Jahre nicht gesehen. Aber das war nicht alles. Ich hatte ganz deutlich das Gefühl, mich von außen sehen zu können, ich meine, aus deinem Blickwinkel und mit deinen Augen. Plötzlich war ich die Preiselbeerfrau. Der Gedanke überkam mich wie eine bange Ahnung.

Sie rufen schon wieder. Es ist das dritte Mal, ich schicke die Mail jetzt ab und lösche sie dann. Ich denk an dich. Solrun.

Ich muss mich zusammennehmen, um nicht »deine Solrun« zu schreiben, zwischen uns hat es ja nie eine richtige Trennung gegeben. Ich habe an jenem Tag meinen Kram genommen und bin gegangen. Und ich bin nicht zurückgekommen. Ich brauchte fast ein ganzes Jahr, bis ich dir aus Bergen schrieb und dich bat, mir meine restlichen Habseligkeiten zusammenzupacken und zu schicken. Und auch das wollte ich nicht als offizielle Trennung verstanden wissen, es war einfach praktischer so, weil ich schon lange auf der anderen Seite der Berge war. Es hat dann noch ein paar Jahre gedauert, bis ich Niels Petter kennenlernte. Und mehr als zehn Jahre, wie ich jetzt weiß, bis du und Berit einander gefunden habt.

Du hattest Ausdauer. Du hast uns niemals ganz aufgegeben. Und ich hatte ab und zu das Gefühl, ein Leben als Bigamistin zu leben.

Ich werde nie vergessen, was uns dort oben auf der Passhöhe passiert ist. Manchmal kommt es mir vor, als verginge keine Stunde, ohne dass ich daran denke.

Aber es geschah noch etwas danach, und das war wunderbar und verheißungsvoll. Heute betrachte ich es als Geschenk.

Stell dir vor, wir hätten es geschafft, dieses Geschenk zusammen anzunehmen? Aber wir waren leider außer uns vor Angst. Erst bist du zusammengebrochen und hast dich von mir trösten lassen wie ein Kind, dann bist du plötzlich aufgesprungen und davongestürzt.

Schon nach wenigen Tagen schauten wir in unterschiedliche Richtungen. Wir hatten die Fähigkeit oder den Willen eingebüßt, einander in die Augen zu blicken.

Wir beide, Steinn. Es war nicht zu glauben.

Solrun, Solrun! Du warst so schön! So strahlend in dem roten Kleid vor dem weißen Geländer, mit dem Rücken zum Garten und zum Fjord!

Ich habe dich...


Gaarder, Jostein
Jostein Gaarder, 1952 in Norwegen geboren, studierte Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaften. Er war lange Philosophielehrer und lebt heute als freier Schriftsteller in Oslo. 1993 erschien bei Hanser der Weltbestseller Sofies Welt, zuletzt erschien der Roman Ein treuer Freund (2017).



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