E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Gabathuler Freerunning
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7494-7683-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7494-7683-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alice Gabathuler schreibt Geschichten für Kinder und Jugendliche. Meistens werden daraus Bücher, manchmal auch Hörgeschichten fürs Radio. Und ab und zu gewinnt sie dafür einen Preis, zum Beispiel den Hansjörg-Martin-Preis für den besten deutschsprachigen Jugendkrimi 2014. Sie hat immer 1000 Ideen. Gute, verrückte, spannende und gefährliche. Die gefährlichen probiert sie nicht selbst aus. Die schreibt sie lieber in ihre Bücher. Ist besser so.
Autoren/Hrsg.
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4
Marek öffnet die Tür zu seinem Büro. »Hier rein«, sagt er zu Nenad Jankovic.
Die Hände tief in den Taschen seiner Hose vergraben, den Kopf leicht eingezogen, betritt der Junge den Raum. Mittendrin bleibt er stehen, dreht sich um und sieht Marek fragend an.
Wortlos deutet Marek auf den Stuhl an der Längsseite seines Schreibtisches. Er muss sich endlich entscheiden. Du oder Sie. Den ganzen Weg hierher hat er die direkte Anrede vermieden, weil der Ausgang der Befragung davon abhängt.
Vermutlich könnte er mit dem kumpelhaften Du mehr erreichen, doch es gibt da ein Problem. Nicht nur er kommt damit dem Jungen näher, sondern auch der Junge ihm. Zu nah. Weil sie sich zu ähnlich sind. Um das zu wissen, braucht Marek keine Informationen über Nenad Jankovic. Er fühlt es.
Nenads Gegenwart ist Mareks Vergangenheit.
Ein Zeichen würde genügen, und sie würden aufstehen, zur Tür hinaussprinten, die Treppe hochjagen, über die Brüstung springen, einander im Flug angrinsen, wie die Katzen landen und dann locker zurück ins Büro schlendern. Zwischen Freerunnern gibt es eine Sprache, die keine Worte braucht. Diese Sprache verlernt man nicht, selbst wenn es eine Weile her ist seit dem letzten Lauf.
Marek setzt sich hin und beobachtet sein Gegenüber. Unter dem T-Shirt von Nenad zeichnen sich die Muskeln ab, ein Ellbogen ist aufgeschürft und feine Narben an Armen und Händen verraten den Draufgänger. Im Moment ist aber davon nicht viel zu spüren. Nenad starrt auf seine Hände, sein rechtes Bein zuckt auf und ab.
Distanz. Ich muss Distanz wahren, denkt Marek, ihm keine Chance geben, mich für ihn einzunehmen, damit die Lügen leichter runtergehen. Die Entscheidung ist gefallen.
»Sie haben gesagt, Sie wollen niemanden dabeihaben bei der Befragung. Möchten Sie sich das noch einmal überlegen?«
Verwirrt schüttelt Nenad den Kopf. »Ich habe doch schon alles erzählt«, sagt er. Die formelle Anrede macht ihn sichtbar nervös.
Marek sucht Nenads Blick. »Und was ist mit dem Film?«, fragt er.
Der Junge schaut schnell weg, aber nicht schnell genug. Marek hat das Flackern in seinen Augen gesehen.
»Auf welchem Handy müssen wir suchen? Auf Ihrem oder dem von Dennis?«
Nenad fährt mit dem Zeigefinger über die Stuhllehne. Marek wartet.
»Ist ja nicht verboten«, kommt schließlich die Antwort. Leise und ein wenig trotzig. »Alle nehmen ihre Läufe auf.«
Marek denkt an die vielen Stunden, in denen er und seine Kumpels Filmmaterial geschnitten und mit Musik unterlegt haben, um sie danach ins Netz zu stellen. »Und der Tote?«, fragt er. »Habt ihr den auch gefilmt?« Es ist ein Schuss ins Blaue, ein Test, von dem Marek hofft, Nenad würde ihn bestehen.
Der Junge wird noch eine Spur blasser. »Den … Den nicht.« Er presst seine Hände auf die Oberschenkel. »Mann, das wäre doch krank!«
Das wäre es wirklich. »Ich möchte den Film sehen«, sagt Marek.
Nenad zögert. Dann greift er in seine Hosentasche, zieht sein Handy heraus und drückt sich mit zitternden Händen zur Abspielfunktion durch. Wortlos reicht er Marek das Gerät.
Die verwackelten Aufnahmen zeigen Julian, wie er Anlauf nimmt und dann von Balkon zu Balkon springt. Als er beim letzten nicht abbremst, hört man die aufgeregten Stimmen von Nenad und Dennis. Dann fliegt Julian durch die Luft. Marek hält den Atem an. Er weiß, wie die Sache ausgeht, trotzdem will er einen Augenblick lang daran glauben, dass Julian das Kunststück gelingen wird. Dieser verrückte Kerl wusste, was er tat. Er bewegte sich am absoluten Limit, doch er war perfekt unterwegs, bis ihn die Sonne blendete.
Marek sieht zu, wie Julian im falschen Winkel auf der Mauer aufschlägt und dann nicht gegen das Unvermeidliche kämpft, sondern sich auf den Fall und Aufprall vorbereitet. In dem Moment, in dem er von der Mauer stürzt, schreit jemand. Ein Mädchen.
Marek schaut hoch, mitten in das erstaunte Gesicht von Nenad. »War noch jemand bei Ihnen?«, fragt er.
»Nein, nur wir drei.« Nenad kaut auf seiner Unterlippe und sucht sichtbar irritiert nach einer Erklärung. »Sie … Sie muss auf der anderen Seite der Mauer gewesen sein. Aber … Aber wenn sie dort war, warum hat sie Julian einfach liegen lassen?«
»Wollen Sie damit sagen, dass sie weg war, als Sie bei Ihrem Freund ankamen?«
»Da war niemand.«
Das hat Julian anders erzählt. Marek beschließt, nicht nachzubohren. Noch nicht.
»Kennen Sie den Toten?«
Wieder presst Nenad seine Hände auf die Oberschenkel. »Ja.« Er klingt unsicher. »Ich meine, den kennt doch hier jeder.«
Diese Worte kommen Marek vertraut vor. Er horcht in sich hinein. Genau das hat Julian schon gesagt. Genauso unsicher wie jetzt Nenad.
»Dem … Dem hat das Grundstück gehört«, sagt Nenad leise.
»Sie waren heute bestimmt nicht zum ersten Mal dort.« Marek beobachtet, wie Nenads Bein noch schneller auf und ab zuckt. »Hat er nie versucht, Sie von dort zu vertreiben?«
»Nein.« Die Antwort kommt zu schnell, zu unsicher.
Marek wartet, während Nenad mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand an einem Häutchen neben dem Fingernagel am Mittelfinger der anderen Hand herumzupft, bis es abreißt. Nun ist der Ringfinger dran.
»Herr Jankovic«, sagt Marek. »Ich muss Sie darauf aufmerksam machen ... «
»Na ja, kann sein«, gibt Nenad zu. »Ist das wichtig?«
»Kommt drauf an.« Marek nimmt seinen Blick keinen Moment von dem Jungen.
»Er hat auf jeden Fall nie die Bullen gerufen.« Jetzt endlich schaut Nenad hoch, in seinen Augen liegt Trotz. »Mann, Sie denken doch nicht, wir haben das getan?«
»Habt ihr?« Direkt auf den Mann gespielt. Ohne die Distanz der höflichen Anrede.
»Nein!« Das ganze aufgestaute Grauen bricht in dieser Antwort durch. Es spiegelt sich in Nenads Gesicht, bringt seinen Schutzwall zum Einsturz. Seine Schultern sacken nach vorn. »Nein, Mann«, flüstert er. »Der Typ und seine Handlanger haben zwar ab und zu Ärger gemacht, aber deswegen bringt man doch niemanden um.«
»Ärger?«, hakt Marek nach.
»Drohungen halt. Dass er uns anzeigen wird, wenn wir uns noch einmal blicken lassen. Hat er aber nie gemacht.«
Nenad ist beim Häutchen vom kleinen Finger angekommen.
»Und?«
»Nichts und.«
Marek zieht die Schraube noch ein wenig an. »Herr Jankovic!«
Nenad zuckt zusammen. »Es kam zu einer kleinen Prügelei. Ist aber niemand ernsthaft verletzt worden.«
»Sie haben sich mit Hartmann geprügelt?«
»Sicher nicht.« Nenad sieht Marek an, als wolle er ihn fragen, ob er keine Ahnung von gar nichts habe. »So was machen seine Laufburschen. Die aufgepumpten Typen.«
»Seine Security-Leute?«
»Wenn Sie diese aufgeplusterten Wichtigtuer so nennen wollen.« Nenad lässt seinen Worten ein verächtliches Schnauben folgen.
»War von denen heute einer da?«
Nenad schüttelt den Kopf. »Nein. Da war niemand. Keiner von Hartmanns Leuten, keine Frau ...« Er stockt. »Moment mal. Juli sagte, da war einer.«
»Einer?«
»Na, einer von den Punks, die sich dort so rumtreiben.«
Marek lehnt sich zurück. »Hat er Ihrem Freund geholfen?«
»Nein.« Nenad ballt seine Hände zu Fäusten. »Ist weggerannt, das miese Schwein.«
»Können Sie ihn beschreiben?«, fragt Marek.
»Juli sagt, es war der Typ mit den orangefarbenen Haaren.«
»Hat er auch einen Namen?«
Nenad zuckt mit den Schultern. »Ich glaube, sie nennen ihn Edge. Seinen richtigen Namen kenne ich nicht.«
Marek presst die Hände gegen seine pochenden Schläfen. Es scheint mindestens zwei weitere Zeugen zu geben, doch von dem Mädchen gibt es gar keine Beschreibung und vom Punk haben sie nur einen Spitznamen. Hoffentlich sind die Kollegen, die sich im Moment in der Nachbarschaft der Geistersiedlung umhören, erfolgreicher.
»Das wär's für den Moment«, sagt er zu Nenad. »Sie können gehen. Vielleicht muss ich später noch einmal auf Sie zukommen.«
Sichtbar erleichtert steht Nenad auf.
Marek begleitet ihn zur Tür. »Wenn Ihnen noch ...«
»Ich kenne den Spruch aus dem Fernsehen«, unterbricht ihn Nenad. »Ist schon ziemlich verrückt, wenn man ihn plötzlich selber hört.«
»Ja«, antwortet Marek. »Das kann ich mir vorstellen.«
Vor knapp zwei Stunden ging es noch um einen Sprung. Vielleicht wären die Jungs danach an den Fluss gegangen, hätten Spaß gehabt und den Abend mit ihren Mädchen...




