E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Gärtner Das Vermächtnis des Bischofs
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7481-6491-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine satirische Erzählung
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7481-6491-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Michael Gärtner, geb. 1955 in Hamburg, Theologe und Historiker, Pfarrer, Oberkirchenrat, promoviert mit einer Arbeit zur Geschichte des Christentums in der Antike - www.michaelgaertner.info
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Hatte Oberkirchenrat Johannes Steufel ein leises Lächeln auf den Lippen gehabt, als er die Sitzung verließ? Marliese König arbeitete schon zwanzig Jahre in diesem Büro, hatte dem alten Bischof genauso treu gedient, wie dem neuen, der nun auch nicht mehr jung war, ein Mann Ende fünfzig, der aber doch noch einige Zeit vor sich haben würde. Er galt als liberal und war es auch. Sie hatte sich daran gewöhnt, auch wenn es ihr manchmal schwerfiel, zu akzeptieren, dass nicht alles beim Alten blieb, dass die Kirche sich änderte, dass die überkommene Ordnung infrage gestellt wurde. Aber sie diente diesem Chef genauso ergeben, wie ihrem alten, denn er war der Bischof und sie war die Sekretärin des Bischofs, nein, eigentlich war sie die Bischofssekretärin, denn sie gab es auf dieser Stelle bereits, als Dr. Martin noch Probst gewesen und sich immer über sie zu einem Gespräch mit dem damaligen Bischof anmelden musste. Sie hatten alle schon auf dem schmalen Stuhl gegenüber von ihrem Schreibtisch gesessen, den Arme-Sünder-Stuhl, wie sie ihn gerne für sich nannte, und hatten darauf gewartet, dass sie sie zu ihm hineinließ. Nur dieser Dr. Stein setzte sich nie auf diesen Stuhl, stand lieber gestanden oder ging hin und machte spöttische Bemerkungen über ihren Zimmerschmuck oder den Zustand ihrer Zwischenablage.
Dabei war es Marliese König so wichtig, dass alles seine Ordnung hatte. Das begann für sie mit ihrer Kleidung, immer ein Kostüm, meistens in dezentem Grau, die Bluse in Weiß, nur selten ein kleiner farblicher Akzent, die Dauerwelle wöchentlich erneuert und der Haaransatz vierzehntägig blond nachgefärbt. Es setzte sich fort mit einer ausgesprochen gründlichen täglichen Reinigung des Büros des Bischofs und ihres Vorzimmers, an die sie die Putzkraft stets erinnerte, manifestierte sich in sorgfältig geschriebenen Briefen, wie sie der Schreibkraft zu sagen nicht müde wurde, zeigt sich in der korrekten Anrede von Dr. Martin mit „Herr Bischof Dr. Martin“, auf die sie jedem Anrufer und Besucher hinwies, und kulminierte darin, dass man mindestens zwei Minuten auf dem Sitzmöbel gegenüber von ihrem Schreibtisch zu sitzen hatte, bevor man das Allerheiligste betreten durfte. Bei einem Besuch des Ministerpräsidenten wollte sie diesen gerade auf den Sitzplatz hinweisen, als Dr. Martin aus seinem Zimmer kam und eine mittelgroße Verstimmung im Verhältnis von Kirche und Staat gerade noch abweisen konnte.
Die wievielte Sitzung des Kollegiums es heute war, die sie miterlebt und mitbegleitet hatte, wusste sie nicht. Sie hatte nie gezählt. Wenn sie gezählt hätte, dann wäre sie irgendwo jenseits der Tausend angekommen. Über tausendmal Tagesordnungen schreiben und sie den Sekretärinnen der Oberkirchenräte und den Referenten zusenden, über tausendmal Kaffee und Tee vorbereiten, Obst und Gebäck auf dem Sitzungstisch richten, den leisen und manchmal auch sehr lauten Tönen aus dem Sitzungsraum lauschen, neuen Kaffee hineinbringen und schließlich aufräumen. Manchmal wurde sie hineingerufen, wenn es etwas zu erledigen gab. Dann bekam sie mit, wie die Stimmung war. Worum es ging, worüber sich die fünf Herren und die eine Dame unterhielten, das wusste sie meistens, schließlich schrieb sie die Tagesordnungen, bereitete die einzelnen Tagesordnungspunkte vor und fertigte einen Großteil der Briefe an, mit denen die Beschlüsse vollzogen wurden. Sie wusste, was in diesem Landeskirchenamt ablief. Sie war eine der bestinformierten Frauen der ganzen Landeskirche, aber sie konnte schweigen. Sie schwieg auch darüber, was sie spürte, wenn sie in die Sitzung hineingerufen wurde, oder was sie aus den Gesichtern lesen konnte, wenn die Mitglieder des Kollegiums den Raum verließen. Sie bemerkte die eisige Atmosphäre, wenn die Meinungen wieder einmal heftig aufeinandergeprallt waren, wenn die internen Machtkämpfe sich an Personalentscheidungen festmachten, wenn man darum rang, wer was vor der Öffentlichkeit oder vor der Landessynode vertreten durfte. Davon drang kaum je etwas nach außen. Nach außen, da stützte man sich gegenseitig, trug einhellig die Entscheidungen des anderen mit, verstand sich als Repräsentanten der Kirche, deren gesellschaftlichen Einfluss es zu erhalten galt. Gelegentlich beobachtete sie auch das Kommen und Gehen der Verbindungsmänner in die Synode, der Strippenzieher der synodalen Gruppen, die jeweils ein Mitglied des Kollegiums unterstützten und für die anderen die Fallstricke spannten. Sie konnten damit rechnen, irgendwann auf einen Posten gehievt zu werden, der sie aus der Masse der Pfarrerinnen und Pfarrer heraushob, mit nur wenig mehr Gehalt, aber dafür deutlich mehr Publicity und dem Gefühl von Bedeutung.
Oberkirchenrat Johannes Steufel hatte gelächelt, als er aus dem Sitzungszimmer gekommen war. Gerade er, der zwar der Stellvertreter des Bischofs war, aber zugleich sein größter Gegenspieler. Die Stimmung musste gut gewesen sein. Zum Glück, das würde das Arbeiten in diesen hohen stuckverzierten Räumen in den nächsten Tagen leichter machen. Nach und nach kamen die anderen. Auch die schienen keineswegs erregt, wenn auch nicht so entspannt wie Oberkirchenrat Steufel.
Oberkirchenrat Fritz Meyer machte wieder eine seiner üblichen Bemerkungen zu ihr, die witzig sein sollten, aber vor allem anzüglich waren. Marliese König hatte es aufgegeben, sich dagegen zu wehren. Es half sowieso nichts. Einmal hatte sie sich sogar bei dem Gedanken erwischt, dass OKR Fritz Meyer sie immerhin noch als Frau wahrnehme, was man von den meisten anderen Männern nicht mehr sagen konnte.
OKR Rufus Liber fragte sie mit dieser sterilen Freundlichkeit, mit der er allen Menschen begegnete, vor allem denen, die ihm gleichgültig waren, denn wirklich interessiert war er nur an Büchern, mit denen er den größten Teil seiner Zeit verbrachte, wie es ihr ginge. Aber er war wenigstens freundlich, fast immer freundlich, und das war keine Selbstverständlichkeit bei diesen hohen Herren.
OKR Dr. Stein passierte ihren Schreibtisch mit einem „So, jetzt ist es vorbei mit dem Ausruhen, Frau Königin. Der Tisch muss abgeräumt werden.“ Ein Satz, den er häufig sagte, wenn ihm kein anderer Sarkasmus einfiel. Hinter ihm trottete seine folgsame Rechtsdirektorin, in unscheinbarem Grau von den Haaren bis zu den Kniestrümpfen unter dem knöchellangen Wollrock.
Der Bischof saß ein wenig erschöpft am großen runden Sitzungstisch. Marliese König riss die Fenster auf, um etwas von der würzigen Herbstluft unter den Sitzungsmief zu mischen. Der Blick hinunter auf die Stadt war einfach überwältigend, besonders in diesen Wochen, in denen sich die Laubbäume bunt gefärbt hatten und die Zugvögel sich in großen Schwärmen sammelten, laut kreischend ihre Kreise über den Häusern und Straßen zogen, um dann scheinbar plötzlich in den Süden aufzubrechen. Marliese König fühlte sich diesen Tieren verbunden. Wenn sie Urlaub hatte und all das hier einmal hinter sich lassen konnte, dann zog es sie in den Süden, in ein kleines Hotel in Soller auf Mallorca. Dort konnte sie all die Verlogenheit und die Intrigen, die in diesem Mauern herrschten, vergessen.
Oft fragte sie sich, wie ihr Chef das alles aushielt. Normalerweise kam so ein Mann wie er nicht auf den Bischofsstuhl. Er hatte nicht zu denen gehört, die über Jahre hinweg im Hintergrund an ihrer Karriere arbeiteten. Er war ein Kompromisskandidat, weil die Fraktionsdisziplin in den kirchenpolitischen Gruppen nicht funktionierte. Die beiden großen Gruppierungen konnten sich nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen. Also stellten beide einen auf und versuchten, Stimmen aus der dritten, kleinsten Gruppierung zu gewinnen und die wenigen wirklich unabhängigen Synodalen auf ihre Seite zu bekommen. Beide Gruppen waren sich ihrer Sache sicher gewesen, aber sie hatten nicht mit den Dissidenten in den eigenen Reihen gerechnet. So hatte man sich nach misslungener Wahl auf einen dritten Kandidaten geeinigt, von dem alle annahmen, er sei so schwach, dass man ihn im Landessynodalausschuss gängeln könnte. Die beiden ursprünglichen Bewerber wurden gut versorgt. Der eine, Johannes Steufel, war nun Oberkirchenrat, den anderen machte man zum Chef im Diakonischen Werk. Beide versuchten immer wieder, dem Bischof das Leben schwer zu machen.
Sie wollte sich gerade umwenden, als sie das Klirren einer Tasse gefolgt von einem dumpfen Aufschlag hörte. Erschrocken drehte sie sich um. Der Bischof lag am Boden neben dem Sitzungstisch, der Mund geöffnet, die Augen aufgerissen.
Marliese König stieß einen Schrei aus. OKR Dr. Stein, der sich im Vorzimmer ein wenig die Korrespondenz des Bischofs angeschaut hatte, kam herein und fragte noch in Tür: „Was ist denn Königin? Will Ihnen der Bischof an die Wäsche?“ Dann sah er den Bischof neben dem Tisch, beugte sich zu ihm hinunter und sagte nach wenigen Augenblicken: „Er ist tot. Rufen Sie einen Arzt und seine Frau. Ich kümmere mich um den Rest.“
„Der Ministerpräsident erwartet eine genaue Untersuchung des Todes.“ Staatssekretär Baldauf hatte sich mit Rechtsdirektorin Gundula Wiesnhüter in Verbindung gesetzt und die...




