E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Gärtner Die Basilika
3. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7526-5569-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vier Erzählungen
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-7526-5569-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Gärtner, geb. 1955, wohnt seit dreißig Jahren in Ludwigshafen am Rhein und hat sie von vielen Seiten kennengelernt.
Autoren/Hrsg.
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Die Basilika
1
Ein Anruf vom Büro des Oberbürgermeisters. Noch ein paar Tagen zuvor hätte er nicht damit gerechnet und es wäre ihm egal gewesen. Jetzt war es ihm auch egal, nur hatte er damit gerechnet. Womit er jedoch zu diesem Zeitpunkt der Ereignisse nicht rechnete, war die rasante Entwicklung der nächsten Tage und Wochen, die ihn für manche zu einem Helden, für andere zu einem unumgänglichen Faktor im politischen Kräftespiel und schließlich zum Salvator Ecclesiae, zum Retter der Kirche, machte. Außerdem ahnte er nicht, wie sehr er sich zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen fühlen würde, ohne zu bemerken, dass seine Entscheidung im Grunde schon gefallen war.
Nach dem Telefonat lehnte er sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Jetzt fiel es ihm noch schwerer, sich zu konzentrieren, außerdem war die Kaffeetasse leer, aber er war der festen Absicht, keine weitere zu trinken, denn Kaffee war letztlich ungesund. Es machte einfach keinen Sinn, so hatte er sich schon oft gesagt, sich jeden Tag mit mehreren Tassen Kaffee volllaufen zu lassen, und dann an drei Tagen in der Woche zu versuchen, den Körper mit morgendlichem Joggen wieder fit zu bekommen.
Bis zu dem am Telefon vereinbarten Gespräch im Rathaus dauerte es noch zwei Stunden, so legte er den Besuch, den er eigentlich erst am Nachmittag machen wollte, auf den Vormittag. Es war sowieso besser, vormittags zum Geburtstag zu gratulieren, dann, wenn die Gäste außerhalb der Familie erwartet wurden. Man hatte ihm schon durch einen ganzen Blumenstrauß hindurch mitzuteilen versucht, dass man seine Besuche eigentlich am Vormittag erwartete, und zwar zwischen elf und zwölf, pünktlich und möglichst bei allen gleichzeitig. Egal ob er nun ein, zwei oder drei an einem Tag zu absolvieren hatte. Es wäre völlig unangebracht, wie er es gerne machte, erst am Nachmittag zu kommen, machte man ihm klar. Manchmal erschienen ihm die Erwartungen seiner Gemeindeglieder absurd. Es war nicht seine erste Stelle, aber er hatte sich immer noch nicht an all die Ansprüche gewöhnt, die an manchen Tagen auf ihn herab prasselten.
Den Weg zum Rathaus ging er zu Fuß. Hätte er sich umziehen sollen? Nein, entschied er, wer für den Geburtstag einer achtzig Jahre alten Frau angemessen gekleidet war, war das auch für ein Gespräch mit dem ersten Bürger der Stadt. Außerdem, was heißt das, erster Bürger der Stadt? Genau genommen war das eine verlogene Formulierung, von der allenfalls das „erste“ stimmte, aber nicht der Bürger. Das suggerierte eine Gleichheit, die es nicht gab. Dieser Bürger hatte in der kleinen Großstadt mehr Macht als jeder andere – abgesehen vielleicht vom Vorstand der großen Chemiefabrik. Dieser „erste“ Bürger kannte vermutlich nicht die aktuellen Preise für H-Milch oder Spaghetti. Er kannte wahrscheinlich auch nicht die Benzinpreise, denn sein Wagen wurde von seinem Fahrer gepflegt und gewartet. Bürger war er in dem Sinne, dass er wahlberechtigt und wählbar war, Steuern zahlen musste. Ansonsten erlebte er das Leben nur aus zweiter oder dritter Hand, kannte nicht die Enge und den Gestank einer Straßenbahn, das Anstehen beim Bürgerservice oder das Warten beim Arzt und hatte vermutlich schon lange nicht mehr schwere Einkaufstüten ins Parkhaus geschleppt.
Bis zum Rathaus waren es vielleicht zwei Kilometer. Er hätte die Straßenbahn nehmen können, dann hätte er jedoch umsteigen müssen. Mit dem Auto hätte die Parkplatzsuche länger gedauert als der Fußmarsch. Außerdem, wer zu Fuß ging, sah sowieso viel mehr, und man roch auch etwas. Das Erste, was er roch, als er sein Haus in der Südstadt verlassen und die Tür hinter sich zugemacht hatte, war der Duft des Fliederstrauchs vor seinem Haus. Von diesem Geruch konnte er nie genug bekommen, und so sog er ihn tief ein und versuchte ihn in der Nase und allen angrenzenden Höhlen des Kopfes zu speichern. Bilder aus seiner Jugend schossen ihm bei diesem Geruch in den Sinn – der Fliederstrauch im Garten seiner Großeltern, die sie am Sonntag besuchten, die Schokoladentorte im Frühjahr, der Erdbeerkuchen im Sommer, die Schwester an seiner Hand, Sonne in allen Winkeln seines Kopfes. Ganz andere Gerüche begleiteten ihn auf seinem weiteren Weg zum Rathaus, vor allem der Geruch der Autoabgase, der stickige Geruch der Benzinmotoren – so hatte sein erstes Auto gerochen –, die aromatischen Kohlenwasserstoffe der alten Dieselfahrzeuge, der stumpfe Geruch des Abriebs der Bremsen, die dumpfen Ausdünstungen der Elektromotoren der Straßenbahnen und dann dieser eigentümliche Geruch der großen, alles bestimmenden Chemiefabrik im Norden, der sich an manchen Tagen wie ein Vlies über die Stadt legte, besonders dann, wenn die Hitze im Rheintal brütete und keine Bewegung in die Luft kam.
Unter diese Gerüche der Motoren und Bremsen mischte sich alle paar Meter ein anderer. Hier ein Hauch von den letzten Lindenblüten der Straßenbäume – das Aufbäumen der Natur gegen die Zivilisation –, da der feuchte Bierdunst aus der Kneipe – die Reste eines Abends in der verführerischen Euphorie des Alkohols –, ein paar Meter weiter der Gestank des schlecht platzierten Mülleimers – ein überquellendes Symbol des Wohlstandes –, in den sich dann nach und nach der wunderbare Duft der Kaffeerösterei mischte – der wohlriechende Beleg für die Ausbeutung der Südhalbkugel durch die alte und die neue Welt –, abgelöst von den vielfältigen Aromen des türkischen Obst- und Gemüsegeschäftes – das die kulturübergreifenden Bedürfnisse wachrief – , und dem tief ins Unterbewusstsein eingeprägten Duft aus der Bäckerei. Den Weg in die City ging er immer zu Fuß, und vielleicht hätte er es einmal mit geschlossenen Augen und nur seiner Nase nach versuchen sollen.
Er fühlte sich glücklich, wenn er durch diese Straßen ging und die gewohnten Gerüche einander abwechselten. Er hatte sich diese Stadt ausgesucht, auch wenn das manchen Kollegen auf dem Land unverständlich erschien. Die Südstadt war einer der schönsten Stadtteile, noch viel alte Bausubstanz, ein bisschen Jugendstil, ein bisschen Neoklassik. Hier bauten einst die ihre Häuser, die vom Aufblühen der Chemieindustrie profitierten. Von denen hatten inzwischen die meisten die Stadt verlassen und waren in die Weindörfer an den Rändern der Rheinebene gezogen. Aber auch das Alte und manchmal etwas Verfallene hatte seine Reize. Vor allem aber liebte er an dieser Stadt ihre Vielfalt, die Vielfalt der Menschen mit der Vielfalt ihres Aussehen und der Vielfalt ihrer Lebensstile. Er konnte wütend werden, wenn man ihnen das Recht absprach, in diesem Land und in dieser Stadt zu sein.
Auf dem Weg zum Rathaus machte er einen kleinen Umweg, um noch einmal an der Stelle vorbeizugehen, an der er heute Morgen beim Joggen stehen geblieben war. Es war alles in Ordnung dort. Sein eiliger Anruf im Rathaus hatte gute Dienste getan. Nun würde man weitersehen müssen.
Er wusste nicht, was er von dem bevorstehenden Gespräch zu erwarten hatte. Der Oberbürgermeister persönlich, eigentlich war das nicht sein täglicher Umgang. Er gehörte nicht zu denen, die eingeladen wurden, wenn etwas los war in der Stadt, eine Einweihung, irgendein besonderes Ereignis oder der Neujahrsempfang zum Beispiel. Er gehörte nicht zu den sieben- oder achthundert Menschen, die jedes Jahr in der zweiten Januarwoche in die gute Stube der Stadt geladen wurden, um miteinander und mit dem Oberbürgermeister auf ein gutes und erfolgreiches neues Jahr anzustoßen – ein Anlass, bei dem man sich umsah, um gesehen zu werden, einander anlächelte und höfliche Worte wechselte, den unangenehmen Gestalten auszuweichen versuchte und, falls sich die Begegnung nicht vermeiden ließ, sie dann um so freundlicher anlächelte, im Stehen ein Glas Sekt oder Bier oder deren auch mehrere zu sich nahm, denn es kostete ja fünf Euro Eintritt, und die wollten verzehrt ein. Für den Oberbürgermeister war es eine gute Gelegenheit, Freunde und Feinde an sich zu binden, mit einer Einladung außer der Reihe zudem verdienten Bürgern eine besondere Ehre zu erweisen und das politische Programm für das folgende Jahr seiner ausgewählten Hörerschaft nahe zu bringen. Der Rest würde es über die Zeitungen erfahren – falls es ihn interessierte. Für die Besucher war es eine Gelegenheit, dem Oberbürgermeister die Hand zu schütteln und dem einen oder anderen Beigeordneten oder Stadtrat ein lang gehegtes Anliegen zum wiederholten Male nahezubringen. Dann nahm man wieder ein Bad in der Menge, falls dies zu dem gehörte, was man im Leben suchte. Wobei sich diese Menge in zwei Gruppen teilte, nämlich diejenigen, die in der Rede des Oberbürgermeisters namentlich und mit ihrer Funktion begrüßt wurden, und diejenigen, die unter „ferner liefen“ rangierten. Dabei war es jedes Jahr ein schönes Spiel zu analysieren, wer in welcher Reihenfolge begrüßt wurde, wen er gar wegließ bei dieser Ehrenbezeugung, um dann Vermutungen anzustellen, welche Gründe ihn, den...




