E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Gärtner Innovationsmanagement als soziale Praxis
1. Auflage 2007
ISBN: 978-3-86618-185-4
Verlag: Rainer Hampp Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Grundlagentheoretische Vorarbeiten zu einer Organisationstheorie des Neuen
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-86618-185-4
Verlag: Rainer Hampp Verlag
Format: PDF
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Es gibt den Leib. Und: Ohne den Leib gibt es keine Innovationen bzw. genauer: Ohne den Leib gibt es weder soziale Praktiken des Innovationsmanagements noch solche des Innovierens, Produzierens, Konsumierens etc. Das Problem aktueller Theorien bzw. Konzepte zu organisationalem Verhalten und Innovationsmanagement besteht nun darin, dass deren Bausteine und Gedankengänge 'ausverleibt' sind: Die orthodoxe Managementlehre und ökonomische Theorie behandelt ihre zentralen Begriffe (Information, Ziele, Einstellung, Motivation, Präferenzen etc.) mentalistisch, d.h. als Zustände und Leistungen des Bewusstseins oder des Geistes, der losgelöst von Körperlichem existiert.
Die europäische cartesianische Erbsünde der Spaltung von Geist und Körper zu revidieren und Wissen als Moment einer leiblich fundierten sozialen Praxis zu entdecken, ist das zentrale theoretische Anliegen des Textes. Diese Revision ist nicht nur für die sozialwissenschaftliche Theoriebildung, sondern auch für betriebswirtschaftliche Belange relevant. Einerseits müssen Modellierungen sozialen Handelns, sozialer Ordnung und sozialen Wandels neu konzipiert werden, andererseits muss bei der Gestaltung von Produkten und Dienstleistungen berücksichtig werden, welche leiblichen Akteure in welcher Art von Interaktion mit ihrer Umwelt diese Erzeugnisse hervorbringen und nutzen. In der Arbeit wird die Relevanz leiblicher Praxis und sozialer Praktiken insbesondere für die Entwicklung von Produkten, Technologien und Dienstleistungen demonstriert. Die gewonnen Erkenntnisse werden so auf die Gestaltung wirtschaftlichen Handelns übertragen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Geleitwort;6
2;Vor-Worte-Danksagung;10
3;Inhaltsverzeichnis;12
4;Einleitung;16
5;A Innovationsforschung und Innovationsmanagement: Aspekte, theoretische Modelle und Verfahren;22
5.1;1. Definitionen: Aspekte von Innovationen;23
5.2;2. Ausblendungen des Innovationsdiskurses – oder: Die dunkle Seite der Innovation;33
5.3;3. Ausgewählte Aspekte im Kontext der Innovationsforschung;39
5.3.1;3.1. Wissen, Lernen und Innovation;39
5.3.1.1;3.1.1. Allgemeines;40
5.3.1.2;3.1.2. Konzeption von Wissen und Lernen in ökonomischen Theorien;42
5.3.1.3;3.1.3. Wissen und Innovation I: Von Ressourcen und Kompetenzen...;55
5.3.1.4;3.1.4. Wissen und Innovation II: Konvertierung und Speicherung von Wissen;57
5.3.1.5;3.1.5. Wissen, Lernen und Nicht-Innovation;71
5.3.2;3.2. Zwecke und Mittel;76
5.3.2.1;3.2.1. Allgemeines;77
5.3.2.2;3.2.2. Das klassische Ziel- und Problemlösungsmodell der Wirtschaftswissenschaften;78
5.3.2.3;3.2.3. Die Paradoxie des Innovationsmanagements: Zielen auf das Unbekannte;81
5.3.2.4;3.2.4. Bewertungsprobleme von neuen Zweck-Mittel-Kombinationen;88
5.3.3;3.3. Technik und Technologie;90
5.3.3.1;3.3.1. Allgemeines über künstliche und kunstvolle Erzeugnisse;90
5.3.3.2;3.3.2. Zur Modellierung von Technik in ökonomischen Theorien;93
5.3.3.3;3.3.3. Technik in organisationstheoretischen Konzeptionen;95
5.3.3.4;3.3.4. Vom Technikdeterminismus zum Sozialdeterminismus;100
5.3.3.5;3.3.5. Neuere Techniktheorien;101
5.4;4. Klassifizierung der theoretischen Modellierung des Verhältnisses von Innovation und Organisation;104
5.4.1;4.1. Individualistische Modelle;105
5.4.2;4.2. Strukturalistische Perspektive;111
5.4.3;4.3. Interaktive Prozesstheorien;116
5.5;5. Verfahren und Methoden des Innovationsmanagements;122
5.5.1;5.1. Zur Kategorisierung von Verfahren des Innovationsmanagements;123
5.5.2;5.2. Die orthodoxe Sicht auf Verfahren: Effiziente Ressourcenallokation und effektive Organisation werden ermöglicht;125
5.6;6. Zusammenfassung;134
6;B Theorie sozialer Praxis;140
6.1;1. Abgrenzungshorizonte einer Theorie sozialer Praxis;142
6.1.1;1.1. Begriffsklärungen: Praktiken, Praktik und Praxis;143
6.1.2;1.2. Soziale Ordnung: zwischen Körper vs. Geist und Subjekt vs. Objekt;146
6.1.2.1;1.2.1. Kritik mentalistischer und intellektualisierender Erklärungen;147
6.1.2.2;1.2.2. Abgrenzung gegenüber materialistischer Reduktion;150
6.1.3;1.3. Praxistheorie und Pragmatismus;151
6.1.4;1.4. Fazit und roter Faden;154
6.2;2. Zur Körper-Geist-Debatte;158
6.2.1;2.1. Monismus;164
6.2.2;2.2. Dualismus;167
6.2.2.1;2.2.1. Eigenschaftsdualismus und die Gefahr des Epiphänomenalismus;168
6.2.2.2;2.2.2. Eigenschaftsdualismus als Perspektivendualismus – Begründungsstrategien gegen den Epiphänomenalismus;170
6.2.3;2.3. Die Scheinproblematik als Pointe des Kategorienfehlers – und der Erklärungslücke?;177
6.2.4;2.4. Identitätstheorien;180
6.2.4.1;2.4.1. Klassische Identitätstheorien: Token- und Typenidentität;181
6.2.4.2;2.4.2. Der computationale Funktionalismus als Variante identitätstheoretischer Ansätze;182
6.2.4.3;2.4.3. Neuronale Netze und Konnektionismus;189
6.2.5;2.5. Gibt es neuronale Korrelate des Bewusstseins?;193
6.2.5.1;2.5.1. Was zeigen binokulare Rivalitätsstudien?;194
6.2.5.2;2.5.2. Konsequenzen für die Konzipierung von Wahrnehmungsprozessen;203
6.2.5.3;2.5.3. Was können wir über neuronale Korrelate wissen? Eine kritische Würdigung;208
6.2.6;2.6. Das Körper-Geist-Problem: Versuch einer Reduktion;214
6.3;3. Von der Geist-Körper- zur Subjekt-Objekt-Relation;219
6.3.1;3.1. Einführung in die These;221
6.3.2;3.2. Die körperlich basierte Metaphorik des Denkens;226
6.3.2.1;3.2.1. Wie körperliche (Erfahrungs-)Muster Mentales strukturieren;227
6.3.2.2;3.2.2. Körpererfahrungen zwischen Natur und Kultur;232
6.3.2.3;3.2.3. Von der kulturellen Körpererfahrung zurück zur Natur?!;233
6.3.3;3.3. Vom verkörperten Geist zur leiblichen Erfahrung: Eine kleine Phänomenologie des Leibes;237
6.3.3.1;3.3.1. Leibliches Wahrnehmungsvermögen;239
6.3.3.2;3.3.2. Eingewöhnung oder: der kompetente, verstehende und lernende Leib;248
6.3.3.3;3.3.3. Freiheit und Einschränkung der Gestaltungsfähigkeit des Leibes;251
6.3.3.4;3.3.4. Der eigene Leib als Fremdkörper;254
6.3.3.5;3.3.5. Zusammenfassung;282
6.3.4;3.4. Die Aufforderungen der Um- und Mitwelt;289
6.3.5;3.5. Der (Leib-)Körper und die Sozialtheorie;294
6.3.5.1;3.5.1. Bourdieus Habitus;296
6.3.5.2;3.5.2. Giddens' Konzeption körperlicher Bewegungen;302
6.3.6;3.6. Die Anwendung von Schemata und Regeln vor dem Hintergrund praktischen Könnens;305
6.3.6.1;3.6.1. Die paradoxe Suche nach dem einzuordnenden Eingeordneten;307
6.3.6.2;3.6.2. Unabschließbare Kontexte führen zu unendlichen Informationsmengen;309
6.3.6.3;3.6.3. Zur (wissenschafts-)theoretischen Fundierung und praktischen Lösung des Schematisierungsproblems;310
6.3.6.4;3.6.4. Hintergrund – implizites Wissen – Habitus – und der
Leib-Körper: wie das alles in der Praxis der Regelanwendung zusammenhängt;320
6.4;4. Leiblich bewegtes Antworten als zentraler Baustein einer Theorie sozialer Praxis;332
7;C Implikationen einer Theorie sozialer Praxis für organisations- und innovationstheoretische Analysen;340
7.1;1. Auf dem Weg zu einer praxeologischen Organisationstheorie;341
7.1.1;1.1. Regeln und organisationales Handeln;341
7.1.2;1.2. Das Problem: Regel und Regelinterpretation bei der Anwendung;345
7.1.3;1.3. Soziale und organisationale Praktiken (des Innovationsmanagements);350
7.1.3.1;1.3.1. Innovationsmanagement und soziale Praxis: Vier analytisch unterscheidbare Bereiche;358
7.1.3.2;1.3.2. Verfahren des Innovationsmanagements: Eine alternative Deutung;369
7.2;2. Wissen, Lernen, Kompetenzen;371
7.2.1;2.1. Wissen und Lernen im und durch Handeln I:knowing in practice;373
7.2.2;2.2. Wissen und Lernen im und durch Handeln II: erfahrungsgeleitetsubjektivierendes Handeln;379
7.2.3;2.3. Wissen im Handeln III: Verfertigung im leiblich bewegten Antworten;382
7.2.3.1;2.3.1.Communities of Practice und Storytelling: Praktiken für den
Erwerb von Wissen und Identitäten;382
7.2.3.2;2.3.2. Erfahrungsgeleitet-subjektivierendes Handeln;393
7.2.3.3;2.3.3. Praktiken des Kalkulierens: Vom embodied mind zum leiblich bewegten Antworten;396
7.2.3.4;2.3.4. Grenzen des Modells leiblichen Vermögens kompetenter Experten;410
7.3;3. Zwecke und Mittel;417
7.3.1;3.1. Rekursive Konstitution von Zwecken und Mittel auf der Ebene des Innovationsmanagements;419
7.3.2;3.2. Die Kreativität des Leibes: Innovieren als soziale Praxis;426
7.4;4. Von der Technik und Technologie zu den Techniken;440
7.4.1;4.1. Zur Verfertigung von Artefakten, Technik und Technologie in und durch soziale Praxis;440
7.4.2;4.2.Technology-in-Practice: Ein Beispiel zum Umgang mit Technologie;445
8;Fazit – Verzichtserklärungen;452
9;Literaturverzeichnis;460
3.5. Der (Leib-)Körper und die Sozialtheorie (S. ,289-290)
Der Körper erlebte in der Geschichte der Soziologie ein Auf und Ab im Grad der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde: Die "Wiederkehr des Körpers" (Kamper/Wulf 1982) wurde ebenso gefeiert wie als Verherrlichung kritisiert (vgl. Bernard 1980, S. 10f.). Zwar wurde schon vor ca. 25 Jahren die "Soziologie körperbetonter sozialer Systeme" (Rittner 1983) untersucht, aber dennoch ist eine Abwesenheit des Körpers in vielen sozialtheoretischen Entwürfen zu bemängeln (vgl. Gugutzer 2004, S. 19ff.). Dass der Körper immer wieder Spuren in soziologischen Arbeiten (wie bei Mead, Simmel, Elias, Goffman, Foucault, Giddens, Bourdieu, Butler und einigen anderen) hinterlassen hat, wird von den Kritikern zwar erkannt, aber nicht als fundierte und systematische Beschäftigung anerkannt.
In den letzten Jahren fanden einige Entwicklungen statt, die dazu genutzt werden den "somatic turn" auszurufen (Schroer 2005) – warum dies genau jetzt geschieht, soll hier nicht weiter erörtert werden.222 Ein Element dieser 'Belebung' der theoretischen Diskussion ist sicher auch die Etablierung der Zeitschrift Body &, Society, die aus dem Blatt Theory, Culture &, Society hervorgegangen ist und seit 1995 erscheint. Die Veröffentlichungen zu grundlagentheoretischen Problemen der Relation Geist-Körper-Sozialität sind jedoch im Vergleich zu empirisch-deskriptiven Arbeiten v.a. im Bereich der Geschlechterforschung (z.B. Pink 1996, Lupton/Tuloch 1998, Hassard/Holliday/Wilmott 2000, Epstein 2004) unterrepräsentiert. Immer wieder werden in Body &, Society bestimmte Themenbereiche und Praktiken herausgegriffen, so z.B. militärische Praktiken (Special Issue in 2003), Herausforderungen durch Krankheiten bzw. den Gesundheitsbereich i.w.S. (Special Issue in 2004) oder Bereiche der Sportsoziologie (z.B. St Martin/Gavey 1996, Crossley 2004).
Einen ähnlichen Befund konstatiert Schroer, der die Felder Politik, Gewalt, Geschlecht, Sport und Arbeit am Körper (Schönheitsoperationen, Body Building, etc.) sowie soziale Ungleichheit als typische empirische Betätigungsfelder der Körpersoziologie identifiziert (vgl. 2005, S. 27ff.). Theoretische Arbeiten beziehen sich meist auf einen bestimmten Denkansatz, was durchaus beinhaltet, dass eine Abkehr vom Geist-Körper-Dualismus und ein nicht-reduktionistisches Verständnis des Körpers postuliert wird – jedoch ohne klar und konsistent aufzuzeigen, wie das Verhältnis von Körper-Sein und Körper-Haben sowie jenes zwischen Körper und sozialer Welt zu konzipieren ist. Die Argumentation zweier Vertreter einer praxeologischen Sozialtheorie, die sich um die konzeptionelle Integration des Körpers in ihre Theorie bemüht haben, möchte ich nun kurz nachzeichnen.
Sich bei dieser Darstellung auf Giddens und Bourdieu zu beschränken, ist insofern gerechtfertigt, als ihre Theorien des Sozialen nicht nur die bekanntesten und profiliertesten im Feld praxeologischer Ansätze sind, sondern weil im Laufe dieser Arbeit bereits mehrmals Anschlussstellen zu diesen Werken aufgezeigt wurden. Dass ich hier keine ausführliche Exegese weder des umfangreichen Œuvre Giddens' noch Bourdieus leisten kann, sollte weniger problematisch sein, da es mir um die Position des Körpers in ihrem theoretischen Grundgerüst und nicht ihren weitverzweigten Sozialanalysen geht. Ergebnis der Diskussion wird sein, dass zwei Probleme bei den großen sozialtheoretischen Würfen von Giddens und Bourdieu bestehen: Nicht nur, dass sie nicht systematisch zwischen Leib und Körper unterscheiden, sondern sie verwenden den Leibbegriff oft im Sinne eines Körperdings.




