E-Book, Deutsch, Band 4, 240 Seiten
Reihe: Die Felsenland-Krimis
Gärtner Mainebel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-0712-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der vierte Felsenlandkrimi
E-Book, Deutsch, Band 4, 240 Seiten
Reihe: Die Felsenland-Krimis
ISBN: 978-3-6951-0712-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Gärtner, geb. 1955, verfasst Kurzgeschichten, historische Romane und Krimis. Von den Kriminalromanen, die im Dashner Felsenland spielen, ist dieser der vierte. Weitere Informationen unter www.michaelgaertner.info.
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1
Yasmin und Mattes waren bei Oma und Opa Fouquet. Das hatten sie sich schon so lange gewünscht – einmal ein Wochenende bei den Großeltern in Kaiserslautern und ohne die Eltern. Bei Oma und Opa gab es immer Kakao zum Frühstück und ein Ei, wenn man wollte. Honig und Nougatcreme gehörten genauso dazu wie ein Fruchtjoghurt zum Nachtisch. Oma und Opa mussten morgens nicht zur Arbeit, hatten einen riesengroßen Fernseher und wussten, wie man bei You-Tube an die neusten Folgen von Bob, dem Baumeister, kam.
Barbara und Bernd hatten endlich einmal wieder Zeit zum Ausschlafen, ohne die Kinder, ohne nächtliches Getrappel auf dem Flur oder ein »Mama, ich habe schlecht geträumt«. Die Zwillinge waren drei Jahre alt, überaus rege und redeten bereits wie die Alten. Nun waren sie für drei Tage bei den Großeltern, die sich danach vermutlich am liebsten für eine Kur anmelden würden.
Nun, es sollten keine ruhigen drei Tage werden, denn eines dieser unermüdlichen Wandererpärchen war bereits im Morgengrauen aufgebrochen und hatte eine erschreckende Entdeckung gemacht.
Die beiden waren noch nicht lange ein Paar. Vor knapp vier Wochen hatten sie sich auf der Jubiläumsfeier ihrer Firma kennengelernt. »75 Jahre Werkzeugmaschinen aus Dahn« – das war den Chefs ein Fest wert gewesen, wie es das kleine Gewerbegebiet bisher nicht gesehen hatte. Selbstverständlich Bierzelt, Musikband, feinste Vorspeisen, Ochse am Grill und für die Vegetarier alles, was die Veggieindustrie so hergab. Die beiden hatten sich im Arbeitsalltag schon ab und an gesehen, auch gelegentlich einen Gruß zunicken können. Zu einem Gespräch war es bisher nicht gekommen. Das ergab sich jetzt fast von selbst, als beide bei der Essensausgabe anstanden. Später holte er sie vom Tisch mit ihren Kolleginnen ab, lotste sie auf die Tanzfläche und die Dinge nahmen ihren Lauf. Am Abend knutschten sie intensiv in einer Ecke des Zeltes. Zwei Tage später übernachtete er bei ihr.
Nun sagt man den deutschen Männern nach, dass sie mit ihren Neueroberungen gerne wandern gehen – sozusagen als eine unverfängliche gemeinsame Aktivität, die dazu geeignet ist, einander besser kennenzulernen. Dies soll angeblich noch beliebter sein als die Einladung zum Essen. Auf jeden Fall ist es in der Regel billiger. Was die Motivation dieses jungen Mannes aus der Werkzeugmaschinenfabrik gewesen war, muss ungeklärt bleiben. Nicht zu leugnen ist jedoch, dass das Dahner Felsenland eine beliebte Region bei Wanderern und Kletterern ist. Er lud jedenfalls seine Neue zu einer Wanderung ein, und weil es morgens so schön ist und man mit ein wenig Glück den Sonnenaufgang Schulter an Schulter und Arm in Arm, einander wärmend genießen kann, sollte diese Wanderung recht früh beginnen. Sie stellten den Wagen am Bundenthaler Bahnhof ab und gingen hinauf zu den Fladensteinen. Die Betrachtung des Sonnenaufgangs hatten sie bereits absolviert, als sie sich der dem Tal zugewandten Seite des Bundenthaler Brockens näherten. Er erzählte ihr gerade begeistert von seinen Erfolgen in der Jugendfußballmannschaft der TSG Rumbach, was sie nur peripher interessierte, als ihr umherirrender Blick eine unerwartete Entdeckung machte.
»Was ist das?«, rief sie. »Siehst du das?«
Er unterbrach seine Erzählung über den Aufstiegskampf in die Kreisliga und das entscheidende Spiel gegen den FC Hinterweidenthal und schaute in die von ihr gewiesene Richtung.
»Ein Anorak!«
»Mit Haaren?«, fragte sie, und es klang ein wenig empört.
»Ich schaue es mir näher an.«
Dies war eine gute Gelegenheit, neben seinen spielerischen Fähigkeiten auch den in ausreichendem Maße vorhandenen Mannesmut zu beweisen. Also ging er sicheren Schrittes auf das behaarte Etwas zu, schaute näher hin, wandte sich ab und lief zu ihr zurück.
»Eine Frau. Ich glaube, sie ist tot.«
»Dann ruf die Polizei!«, sagte sie aufgeregt.
Damit kam ein Vorgang in Gang, der Bernd Peters Pläne für das Wochenende komplett auf den Kopf stellte.
Was das junge Paar betrifft, das wir an dieser Stelle schon wieder verlassen müssen, können wir auf eine glückliche gemeinsame Zukunft hoffen, hatte der Mann doch bereits verstanden, dass es entsprechend dem bewährten Motto »Happy Wife, happy Life« sinnvoll ist, dem zu folgen, was die Frau sich wünscht.
Die zum Fundort der Leiche beorderte junge Polizistin und ihr Kollege riefen im Pfarrhaus in Schönbach an, und der Samstag begann so ganz anders, als Bernd Peters es sich am Abend zuvor in seiner durch kurzzeitige Kinderlosigkeit überbordenden Fantasie ausgemalt hatte. Er hatte sich schon mit Barbara im Thermalbad in Bad Bergzabern gesehen, mit Saunagang und allem Drum und Dran. Der Nachmittag im Bett, den Abend ganz entspannt vor dem Fernseher. Endlich einmal heraus aus dem Trott von Kindergeschrei, nächtlicher Unruhe und Schlafmangel. Und nun kam dieser Anruf.
Ein Gutes hatte die Angelegenheit: Die Anfahrt war kurz. Der Kriminalkommissar wohnte bei seiner Frau im Pfarrhaus in Schönbach, Luftlinie keine zwei Kilometer von den Fladensteinen entfernt, von denen der Brocken der größte war. Also konnte sein Kollege Scheller erst einmal bei seiner ihm angetrauten Krankenschwester und dem Baby in Pirmasens bleiben. Der hatte seinen freien Samstag genauso verdient wie Bernd Peters, hatte doch eine Serie von Einbrüchen die beiden die letzten Wochen intensiv beschäftigt. Schließlich war es ihnen gelungen, den Kleinbus mit den beiden Erwachsenen und den sechs osteuropäischen Minderjährigen direkt nach einem Einbuch vor einer Villa in Lemberg sicherzustellen. Die Jugendlichen kamen ins Nardinihaus in Pirmasens, die beiden Erwachsenen ins Gefängnis nach Zweibrücken.
Jetzt musste er noch vor dem Frühstück ins Wieslautertal hinunter und dann auf Forstwegen so nahe wie möglich an die Fladensteine heran. Der im Mai allgegenwärtige Frühnebel lag im Tal der Wieslauter. Er musste vorsichtig fahren. Aber kaum hatte er ein paar Meter an Höhe hinauf zu den Felsen gewonnen, war die Sicht wieder klar.
Die einzelnen Felsen haben eigene Namen. Der größte, in Richtung Schönbach gelegene, wird »Bundenthaler Turm« oder »Brocken« genannt. Es folgen der »Namenlose Turm«, der »Ilexturm« und der »Stuhl«, bei dem seine Form der Namensgeber war. Dem »Jüngstturm« und dem »Backofen« schließt sich in Richtung Erlenbach der »Erlenbacher Turm« an.
Um diese Felsformationen rankt sich – wie um so viele im Felsenland – eine Geschichte. Sie erzählt von einer Hochzeit, die einst auf der Burg Berwartstein gefeiert wurde. Unter den Gästen waren sieben Bundenthaler Brüder. Am Ende des rauschenden Festes wankten sie nach Hause. Unterwegs kamen sie jedoch vom Weg ab und beschlossen, auf dem Berg über Bundenthal zu rasten. Während sie sich ausruhten, kam ein alter, gebrechlicher Mann des Wegs und bat die sieben um ein Almosen. Sie beschimpften ihn und nannten ihn einen Faulpelz und Tagedieb. Da sagte der Alte zu ihnen: »Eure Herzen sind aus Stein. Und so sollen auch eure Körper zu Stein werden!« So geschah es. Seitdem waren die sieben Brüder zu Stein geworden und rührten sich nicht mehr vom Fleck.
Der Wald um die Steine herum war jung, und doch hatte er sie schon fast überwuchert. Die Gipfel der Bäume reichten bis an die Spitzen der Sandsteinfelsen. Unten, im Schatten, hatten die Wanderer und Kletterer Wege ausgetreten. Peters kam an einer Bank vorbei, warf einen kurzen Blick auf die Schautafel mit den Erläuterungen, nahm im Vorbeigehen wahr, dass an den Felsen bis zu zehn verschiedene Ablagerungsschichten des Urmeeres zu unterscheiden waren, stolperte über einen grün bemoosten Ausläufer des Ilexturms, strich ein wenig ehrfürchtig mit der Hand über den Sandstein und suchte den Ort des Geschehens.
Übermäßiger Alkoholgenuss und anschließender Verlust der Orientierung wie bei den sieben Brüdern hätten auch die Ursache für den Tod dieser Frau mit den blondierten Haaren und der sportlichen Figur sein können. Sie lag auf dem Rücken, als wäre sie gerade umgefallen, vielleicht im Rausch gestolpert und in der kühlen Mainacht an Unterkühlung gestorben. So etwas hatte Peters immer wieder einmal erlebt. Es musste nicht eine klirrend kalte Winternacht sein, auch diese Frühlingsnächte nahe dem Gefrierpunkt genügten für eine tödliche Unterkühlung, wenn der Alkoholpegel hoch genug war. Gegen die Unterkühlung sprach, dass die Frau ihre Regenjacke anhatte. Menschen, die zu erfrieren drohen, ziehen oft ihre Kleidung aus, weil sie kurz vor dem Kältetod ein unerträgliches Wärmegefühl überfällt. Aber vielleicht war sie auch dazu zu betrunken gewesen.
Er hatte den Weg zum Fundort der Leiche schnell gefunden. Die Kollegen von der Bereitschaft hatten ihren Einsatzwagen in der Nähe des Felsens geparkt und das Blaulicht eingeschaltet gelassen. Fünfzehn Minuten nach ihrem Anruf war er bereits bei ihnen angekommen. Das Wandererpärchen saß ein wenig abseits auf einem Stapel Schichtholz und trank aus einer...




