E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Gagnon #famous
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-522-65381-7
Verlag: Planet!
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Foto, eine Handvoll Pommes und ein Bauch voller Schmetterlinge
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-522-65381-7
Verlag: Planet!
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jilly Gagnon lebt seit ihrem Harvard-Abschluss in der Gegend von Boston, aber nichtsdestotrotz: Im Herzen ist und bleibt sie ein Minnesota-Mädchen. Wenn sie nicht gerade schreibt, spielt sie Computerspiele, redet mit ihren Katzen oder übt auf ihrer Geige - die sie sich aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen zugelegt hat. Sie schreibt unter anderem humoristische Bücher und Essays. www.jillygagnon.com
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RACHEL
DIENSTAG, 16:15 Uhr
Wenn man seine Mom liebt, kann das manchmal zu wirklich miesen Entscheidungen führen.
Eigentlich hatte ich mich sowieso nur aus purer Langeweile darauf eingelassen, mit ihr eine Gesichtscreme kaufen zu gehen. Ich meine: an einem Dienstagnachmittag ins Einkaufszentrum? Mit meiner Mutter? Als würde ich plötzlich an die beruhigende Wirkung einer Shoppingtherapie glauben. Wir waren vielleicht seit zehn Minuten da, und ich bereute es jetzt schon.
Wir hatten beinahe die Make-up-Abteilung erreicht, unser eigentliches Ziel, als sie plötzlich nach einem schwarzen, flatterigen Oberteil griff, das an der Vorderseite über und über mit Bändern zum Schnüren versehen war.
»Oh, Rachel, ist das nicht toll?« Sie streckte es mir entgegen. Es sah aus wie eine Fledermaus im Korsett.
»Nicht mein Stil.« Ich schob das Teil beiseite und drehte mich zu dem Ständer mit Oversize-Pullis in Neonfarben um. Wo hatte sie das überhaupt her?
»Nein, nicht für dich. Für mich. Ich finde es cool. Ist mal was anderes, meinst du nicht?« Sie hielt das Oberteil eine Armeslänge von sich. Eine dicke Strähne ihrer krausen Locken rutschte hinter ihrem Ohr hervor und fiel ihr ins Gesicht. Sie ließ sie immer viel zu kurz schneiden. Wir hatten beide Haare, die aussahen, als hätten wir gerade in eine Steckdose gefasst, und bei der Länge war es nahezu unmöglich, ihre Mähne durch bloßes Hinters-Ohr-Streichen zu bändigen.
»Na klar, Mom.« Um ehrlich zu sein, wäre ich ganz schön geschockt, meine Mom in einem Oberteil zu sehen, in das sie sich regelrecht hineinschnüren musste. Normalerweise bestand ihr Kleidungsstil eher aus sackartigen Gebilden in neutralen Farben, aber wenn sie sich wirklich wie ein Vampir anziehen wollte, würde ich sie nicht davon abhalten. Außerdem ist es irgendwie abgedreht, seine Eltern dabei zu beobachten, wie sie versuchen, cool zu sein. Als würde man einem Babyfaultier beim Klavierspielen zugucken oder so. Im Ergebnis die reinste Katastrophe, aber gerade deswegen umso niedlicher.
»Hey, macht es dir was aus, wenn ich mir eben was zu essen hole? Ich bin nach der sechsten Stunde direkt zum Töpferkurs gegangen und hab noch nichts gegessen.« Das Ganze wäre deutlich schneller erledigt, wenn sie mich bei ihren fragwürdigen Modevorstellungen nicht andauernd um Rat fragen konnte.
Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Wir treffen uns in fünfzehn Minuten wieder hier. Ich will nicht den ganzen Abend im Einkaufszentrum verbringen.«
»Alles klar«, antwortete ich über meine Schulter hinweg.
»Und komm ja nicht auf die Idee, einen von diesen Riesenbechern Limo zu kaufen«, mahnte sie. »Das Zeug ist Gift.«
Mom fand ständig neue Bedrohungen für meine körperliche Entwicklung. Zu spät: Ich hatte bereits vor drei Jahren bei einer Gesamtlänge von einem Meter sechzig aufgehört zu wachsen.
Ich spürte, wie mein Handy an meiner Hüfte vibrierte, während ich an den gesichtslosen, spindeldürren Schaufensterpuppen von Banana Republic vorbeilief. Ihre Verachtung brannte sich förmlich in meinen Nacken, als ich hinter dem Wet-Seal-Laden um die Ecke bog und dem fernen Duft köstlichen Bratfetts folgte.
(Von MO-MO): Hast du die neue Fassung von Um zwei Ecken schon fertig? Ich komm wahrscheinlich nicht vor dem Wochenende zum Lesen, aber wir müssen uns echt ranhalten.
(An MO-MO): Nein, ich hatte heute Töpfern. Ich setz mich demnächst dran – aber haben wir nicht sowieso noch drei Monate bis zur Deadline?
(Von MO-MO): Kein Grund rumzutrödeln.
Mo schien mal wieder im Stress zu sein. Andere wegen Kleinigkeiten herumzukommandieren, war ihre Art, Dampf abzulassen, wenn sie mal wieder zu viel auf dem Schreibtisch liegen hatte. Wir wollten uns mit Um zwei Ecken für einen Sommerkurs für Nachwuchs-Drehbuchautoren bewerben, aber bis zum Abgabetermin war es noch ewig hin, und abgesehen davon lag der Hauptteil der Schreibarbeit sowieso bei mir. Mo interessierte sich mehr fürs Schauspielern, deswegen korrigierte sie auch nur die Texte, die ich schrieb. Es brachte jedoch nichts, sie darauf hinzuweisen, denn dadurch würde sie sich nur noch mehr in ihren Wahn hineinsteigern. Das Beste war, sie sanft auf das Thema hinzulenken, über das sie wirklich reden wollte, statt sich wegen Belanglosigkeiten in die Wolle zu kriegen.
(An MO-MO): Keine Sorge. Ich schick dir was, sobald du Zeit findest, es dir anzusehen. Warum bist du so gestresst?
(Von MO-MO): Hab ich schon mal erwähnt, wie sehr ich Europäer hasse?
(An MO-MO): Das ist rassistisch.
(Von MO-MO): Man kann nicht rassistisch sein, wenn es um einen Kontinent geht.
(Von MO-MO): Ich versuch gerade, deren gesamte bescheuerte Geschichte auswendig zu lernen – die übrigens ausschließlich aus Kriegen und der Unterdrückung von Frauen besteht –, und mir brummt der Schädel. Ich werd bei diesem Test SO WAS von durchfallen.
Unwahrscheinlich. Monique fiel nie irgendwo durch. Wir waren beste Freundinnen seit Windelzeiten, und ich konnte mich nicht daran erinnern, dass sie jemals auch nur eine Eins minus geschrieben hätte. In der dritten Klasse hatte sie sogar gleich zwei Projekte für die Ausstellung der Naturwissenschafts-AG angefertigt, für den Fall, dass eins besser wäre als das andere.
(An MO-MO): Das kommt davon, wenn man SOGAR IN DEN WAHLFÄCHERN nur Streberkurse belegt.
(An MO-MO): Rate mal, wie schwer mein Test in Kunst wird? Oh, Moment, wir schreiben ja gar keinen.
(Von MO-MO): Ich hasse dich.
(Von MO-MO): Ich nehm’s zurück. Lenk mich ab. Wenn mein Kopf schon explodiert, will ich wenigstens lachend sterben.
Ich sah mich nach etwas um, das ich Monique schicken konnte. Wir spielten schon seit Längerem dieses Spiel, bei dem wir uns über Flit lustige Fotos schickten und versuchten, uns gegenseitig zum Lachen zu bringen. Für jedes Geräusch, das man machte – egal ob amüsiertes Schnauben oder schallendes Gelächter – gab es einen Punkt. Und das Einkaufszentrum war normalerweise die reinste Goldgrube. Monique mochte unbeabsichtigte Zweideutigkeiten und Grammatikfehler auf Ladenschildern. Ich dagegen verschickte meistens witzige Graffitis oder Hunde, die Klamotten trugen. Hunde in Hosen gehen immer.
Auf meinem Weg zur Fressmeile hielt ich die Augen nach geeigneten Motiven offen, doch ich fand nichts. Inzwischen war ich dem Essen so nahe, dass ich die verschiedenen Bratfettaromen mühelos unterscheiden konnte, und damit hatte ich sowieso keine Chance mehr, mich auf das Spiel zu konzentrieren. Ich war zu hungrig, um mich auf die Suche nach einem verkleideten Zwergspitz zu machen. Erst musste ich etwas essen. Ich drehte mich langsam im Kreis und versuchte herauszufinden, worauf ich Lust hatte.
Es gab ein deprimierend einfarbiges Büffet aus panierten Fleischstückchen beim China-Imbiss (nein, danke), Sushi, das aussah, als sei es vielleicht vor einer Woche mal frisch gewesen (darf es eine Fischvergiftung dazu sein?), Mrs Butterbun’s Cookie Shoppe (allein schon bei der Vorstellung der zentimeterdick glasierten Plätzchen bekam ich Zahnschmerzen) …
Und dann sah ich ihn.
Kyle Bonham.
Instinktiv senkte ich den Kopf, drehte mich zur Seite und tat so, als sei ich voll und ganz in mein Handy vertieft, damit nur ja nicht der Eindruck entstand, ich würde ihn anstarren.
In Wahrheit tat ich genau das – Kyle musste man einfach anstarren. Er war so dermaßen überhaupt nicht mein Typ – so glatt geschleckt, dass er in einem Milch-Werbespot hätte auftreten können –, und trotzdem fielen mir, jedes Mal wenn ich ihn sah, fast die Augen aus dem Kopf. Was umso peinlicher war, weil ich tagtäglich in der fünften Stunde mit ihm im selben Kurs saß. Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit, bis er mich beim Glotzen und Sabbern erwischte.
Er stand bei Burger Barn hinter der Kasse und gab gerade einem Mädchen Wechselgeld raus. Die Kleine war höchstens sieben oder acht und hatte ein verträumtes Strahlen im Gesicht, entweder weil sie so stolz war, dass er sie wie eine Erwachsene behandelte, oder weil sie gerade dabei war, sich in ihn zu verlieben.
Willkommen im Club, Schätzchen.
Er legte ihr die letzte Münze in die Hand und richtete sich auf, wobei ihm seine halblangen Haare, die ganz leicht gelockt waren – was sie noch perfekter machte –, lässig in die Stirn fielen. Irgendwie sah er hier sogar noch heißer aus als in der Schule. Das terrakottafarbene T-Shirt mit dem...




