E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Gailus Glashaus
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-2683-3
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jeder hat etwas zu verbergen
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-7325-2683-3
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wer das Netz beherrscht, regiert die Welt
Im Netz tobt, von den meisten unbemerkt, ein Krieg. Und der mysteriöse Hacker Godspeed ist fest entschlossen, die Macht über den Cyberspace - und damit über ganz Deutschland - an sich zu reißen. Als es ihm sogar gelingt, eine Aufklärungsdrohne der Bundeswehr abstürzen zu lassen, sieht sich die deutsche Regierung zum Handeln gezwungen. Ihre Antwort: die geheime Sondereinheit 'Glashaus'. Mit an Bord sind unter anderen der ehemalige Polizist und Afghanistan-Veteran Mark West und die junge Staatsanwältin Julia Murnau. Für das Team beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, um Deutschland vor den Bedrohungen durch Godspeed und anderen virtuellen sowie realen Verbrechern zu beschützen. Doch nicht alle im 'Glashaus' spielen mit offenen Karten...
Packend geschrieben und hochaktuell: Ein rasanter Thriller über die verheerenden Auswirkungen, die Cyberterrorismus auf uns alle haben kann, und ein außergewöhnliches Team, dass den Verbrechern den Kampf ansagt!
Autoren/Hrsg.
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TAG 1
(24 Stunden früher)
KAPITEL 1
Berlin. Charité. 08.53 Uhr
Mark West drohte der Schädel zu zerplatzen. Die Kopfschmerzen hämmerten wie Fausthiebe in seinem Gehirn. Trotz der Schmerzmittel. Und eine höhere Dosierung war nicht drin. Anweisung vom Stationsarzt. Zu gefährlich beim derzeitigen Zustand. Mit diesem Loch im Kopf.
Wenn diese Typen in Weiß wüssten, was er sich alles in Masar-e-Scharif reingezogen hatte: Cannabis, Ecstasy, Speed – und haufenweise Zeug, von dem er nicht einmal den Namen kannte.
Okay, das war vor dem Zwischenfall gewesen, vor dem Loch und dem Rückflug nach Deutschland. Berlin. Charité. Die hatten ihn wieder zusammengeflickt – was einem Wunder glich, wenn es stimmte, was man ihm erzählt hatte. Ein golfballgroßes Loch prangte in seinem Schädel. Verursacht durch ein Vollmantelgeschoss, abgefeuert aus kürzester Distanz. Es war durch den Knochen wie durch ein Stück Butter gegangen, von der linken Wange durch die Schädelbasis und aus dem Schädeldach wieder raus. Hatte dabei allerdings Teile des präfrontalen Kortex weggerissen. Bei einer Visite hatte er einen Assistenzarzt scherzen hören, man könne Wests Schädel nach seinem Tod dem Kindergarten als Murmelbahn stiften. Er hatte sich schlafend gestellt.
War das möglich? Konnte man mit einer solchen Verletzung überleben? Oder war er gar nicht mehr er selber, sondern nur noch eine Hülle, mit der irgendein perverses Experiment gemacht wurde?
Wenn diese Schmerzen nicht wären!
Verdammter Afghane!
Wieso hatte er seine Waffe nicht runtergenommen, als es ihm der Ami befohlen hatte? Wieso hatte er weiter auf Wests Kopf gezielt? Wie waren sie eigentlich in diese beschissene Situation geraten?
»What the fuck are you doing, Stuart?«
»Trying to find the fucking way.«
Sie waren unterwegs gewesen. In Afghanistan. Nördlich von Shorak. Irgendwo im Nirgendwo.
»Das hier ist niemals der Asian Highway.«
Farid, der Übersetzer, war stinksauer, weil das GPS ausgefallen war und die Amis die Orientierung verloren hatten. Und statt sich Gedanken zu machen, wie sie da am besten wieder rauskämen, kutschierten sie in ihrem Humvee einfach weiter in der Gegend herum. Völlig planlos.
»Sorry, Mister West, dass Ihr kleiner Hitchhike zu ’ner scheiß Geisterfahrt wird.«
Farid hatte sich für West verantwortlich gefühlt, weil er Stuart und Carter bequatscht hatte, ihn mitzunehmen. Von Aqcha nach Masar-e-Scharif. Dort war West stationiert. Polizisten ausbilden. Ein Jahr Urlaub von der Heimatfront beim LKA. War auch dringend nötig, nach der ganzen Geiselscheiße. Und lief auch alles glatt: bis sie in dieses verdammte Dorf gekommen waren.
»Please stop the car!«
Er wollte nach dem Weg fragen. Wieso auch nicht? Wenn sich jemand hier auskannte, dann ja wohl die Afghanen. Erst hatten die Amis gelacht, weil sie Wests Vorschlag für einen Scherz gehalten hatten. Aber schließlich waren Captain Stuart und Farid doch noch ausgestiegen, während Lieutenant Carter zum Pissen hinter dem Humvee verschwand. Sie fragten einen alten Mann nach dem Weg. Doch entweder verstand er sie nicht, oder er fühlte sich unzureichend respektiert von diesem fluchenden US-Soldaten in seiner Hunderttausend-Dollar-Uniform und mit der M16 im Anschlag. Der Alte blieb stumm. Und Stuart wurde wütend.
»We haven’t got time for this shit!«
Er fuchtelte dem Alten vor dem Gesicht herum. Der begann unvermittelt wie ein Rohrspatz zu schimpfen und spuckte dem Captain vor die Füße. Stuart packte ihn am Kragen – und plötzlich war da dieser Junge. Höchstens zwölf. Und zielte mit dem Gewehr auf Stuarts Gesicht.
»Take it easy, okay? I’m just asking for the way.«
West war raus aus dem Humvee. Vermitteln. Zwanzig Jahre Polizeidienst hatten ihn konditioniert.
»Ganz ruhig, Junge! Wir tun euch nichts. Wir steigen wieder ein und hauen ab.«
Farid übersetzte. Der Junge schnaufte. Seine Hände zitterten. West hörte seine Zähne mahlen. Sein Körper war eine zum Zerreißen gespannte Armbrust. Eine falsche Bewegung, und sie würde losgehen.
Plötzlich kam Carter hinter dem Humvee hervorgeschossen, sein Sturmgewehr im Anschlag.
»Put the gun down!«
Dann ging alles ganz schnell. Der Junge zuckte, Stuart griff nach dessen Waffe, das Gewehr feuerte los.
Schwarz.
Drei Tage Nacht, wenn West der Datumsangabe auf der Armbanduhr trauen konnte, die er nach seinem Erwachen auf dem Tisch neben dem Krankenbett gefunden hatte. Ein Arzt gab ihm weitere Informationen: Notoperation. Verlegung nach Deutschland. Weitere OPs. Diagnose: Loch im Kopf.
Aber überlebt.
Und der Junge?, fragte er Farid per SMS.
West bekam keine Antwort.
*
Berlin. Albrechtstraße. 10.16 Uhr
Jörg Warninger öffnete die ramponierte Holztür im Hinterhof der Albrechtstraße 27 und ließ seiner Begleitung den Vortritt.
»Das Flurlicht ist kaputt«, gab er der schlanken Brünetten im grauen Kostüm warnend mit auf den Weg.
»Willkommen in der Schattenwelt«, sagte sie schmunzelnd und ging an ihm vorüber.
»Ein Tipp vom Architekten.« Warninger folgte ihr lächelnd und übernahm auf den Stufen ins Untergeschoss wieder die Führung. »Wir dachten, das wäre ganz passend für das Entree zu einer geheimen Sondereinheit.«
»Geheim?«, fragte die Brünette mit Stirnrunzeln. »Ich hatte es gar nicht so verstanden, dass die SE Glashaus eine Geheimorganisation ist.«
»Ist sie auch nicht«, gab Warninger zu. »Verborgen trifft es wohl eher.« Vor einer grauen Stahltür blieb der ältliche, aber dennoch drahtig wirkende Mann stehen und wandte sich seiner fast einen halben Kopf größeren Begleitung zu. »Zumindest hängen wir unsere Existenz nicht an die große Glocke, Julia. Und das ist ja nicht verboten, oder, Frau Staatsanwältin?«
Julia lächelte. Warninger fischte eine Chipkarte aus der Brusttasche seines Jacketts und zog sie durch das Lesegerät, das neben der Stahltür in die Wand eingelassen war. Das rote Lämpchen wechselte auf Grün, und mit einem Klacken öffnete sich der Sperrmechanismus. Warninger drückte die schwere Tür auf.
Julia war überrascht. Beim Hinabsteigen in die Katakomben des betagten Backsteingebäudes hatte sie sich auf ein muffiges Fahrradkeller-Ambiente gefasst gemacht, stattdessen erblickte sie einen lang gezogenen, gut ausgeleuchteten Raum, in dem rund zwei Dutzend Personen damit beschäftigt waren, an vier rechteckigen Tischen Computer aufzubauen und Kabel zu verlegen. Der schmale Gang zwischen den Tischen mündete an der Stirnseite in zwei durch Glaswände abgetrennte Büros. Links davor stand ein ovaler Konferenztisch, über dem ein übergroßer Flatscreen an Eisenketten baumelte; rechts war eine kleine Küchenzeile in die Kellerstruktur eingebettet. Acht mächtige Säulen stützten mit ihren Rundbögen die Backsteindecke des nahezu tennisplatzgroßen Raums.
»Willkommen in der Kommandozentrale der SE Glashaus«, sagte Warninger. »Kommen Sie, ich stelle Ihnen den Administrator vor.« Er übernahm wieder die Führung. Der Raum war vollgestopft mit Elektronik: Computer, Bildschirme, Messgeräte, Antennen, Funkanlagen, Abhörequipment – vieles noch in Kartons verpackt. Dicke Kabelbäume verliefen auf Aluminiumträgern, die unterhalb der Gewölbedecke angebracht waren. Über den Arbeitstischen zweigten die Kabel ab und baumelten in Trauben aus Strom- und Netzwerkanschlüssen herunter. In den Gängen stapelten sich Styroporverpackungen, in den Ecken türmten sich Luftpolsterfolie und Kabelreste zu chaotischen Gebirgen auf. Da es keine Fenster gab, erhellte eine grelle Neonbeleuchtung den künstlichen Lebensraum. Und statt Frischluft röhrte eine leistungsstarke Klimaanlage gegen die Hitzeentwicklung von Mensch und Maschine an.
Den beiden Neuankömmlingen wurde von den Anwesenden so gut wie keine Beachtung geschenkt. Alle waren entweder mit dem Zusammenbau irgendwelcher Computerbestandteile beschäftigt oder in intensive Gespräche vertieft, wobei die sorgenvollen Blicke der Diskutanten auf den Geräten vor ihnen ruhten. Der Mix aus Gesprächen, Computergebläsen und Klimaanlage erzeugte einen nicht unerheblichen Geräuschpegel, der schon beinahe unangenehm war.
Unter dem letzten Tisch am Ende des schmalen Gangs schauten zwei menschliche Beine in ausgewaschenen Jeans und mit schmuddeligen Turnschuhen an den Füßen hervor.
»Herr Radinger?«, fragte Warninger. »Haben Sie kurz Zeit?«
»Nein«, kam die prompte Antwort, gefolgt von Schnauben, Ächzen, Fluchen. Was auch immer der Mann unter dem Schreibtisch versuchte: Es klappte nicht.
»Nur eine Minute«, bat Warninger geduldig, obwohl der ehemalige Vize-Präsident des Landeskriminalamts es eigentlich nicht gewohnt war, um Aufmerksamkeit zu bitten.
»Ich sagte Nein«, gab der Mann unter dem Schreibtisch zurück – als plötzlich ein schabendes Geräusch zu hören war, gefolgt von einem Aufschrei.
»Verdammt noch mal!«, rief er und bugsierte seinen Körper ruckelnd unter dem Schreibtisch hervor. »Jetzt bin ich mit dem scheiß...




