Galen | Der Irre von St. James | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 204 Seiten

Galen Der Irre von St. James


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1511-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1511-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der in Form eines Reisetagebuches verfasste Roman erzählt die Geschichte eines deutschen Arztes, der auf einer Englandreise einen ihn faszinierenden Verrückten kennenlernt. Bald gerät er in die Auseinanersetzung zwischen ihm und seinem Bruder - aber ist der Mann wirklich verrückt?

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6. Kapitel


In der Konferenz, welche dem Konzerte gefolgt war, hatte man beschlossen, diejenigen Irren, welche man für die Darstellung des Schauspiels auserwählt hatte, am nächsten Morgen zu versammeln, um ihnen ihre Rollen zuzuteilen, die der Oberarzt längst zu dem Zwecke hatte ausschreiben lassen.

Man hatte ein allgemein bekanntes und ergreifendes Stück ausgewählt, Shakespeares "König Lear", da dieses Trauerspiel durchaus der Absicht entsprach, welche die Unternehmer vor Augen hatten. Denn sie brauchten ein Schauspiel, welches alle menschlichen Leidenschaften in Anspruch nimmt, voll von Gemütsaffekten ist, den Geist spornt und dennoch wegen der darin befindlichen Gegensätze des Guten und Schlechten beruhigt und zur Lehre dienen kann.

Hauptsächlich hatte man sein Augenmerk auf den Kontrast gerichtet, denn dieser ist ein vorzügliches Heilmittel in der Hand eines erfahrenen Irrenarztes.

Betrachtet man nun "König Lear" von diesem Gesichtspunkte, so findet man nicht allein die ungeheuersten Kontraste darin, sondern in dem kurzen Zeitraum einiger Stunden entwickeln sich dieselben auf die anschaulichste und gemessenste Weise.

Shakespeare selbst läßt den Gloster in seinem Trauerspiel von den Zuständen, in welchen sich dasselbe bewegt, sagen:

"Liebe erkaltet, Freundschaft fällt ab, Brüder entzweien sich; Bande zwischen Vater und Sohn zerreißen, Sohn gegen Vater, Vater gegen Kind, die Natur selbst aus dem Geleise."

Das sind alles vortreffliche Dinge, um einen Geist, der von seiner regelmäßigen Bahn abgewichen ist, auf seine Pflicht und sein Verhältnis aufmerksam zu machen.

Der Oberarzt, schon in ähnlichen Arbeiten geübt, hatte längst dieses Trauerspiel, seinem Zwecke gemäß, gesäubert, gekürzt und gewissermaßen, ohne seinem Werte, den es als Kunstwerk besaß, etwas Bedeutendes zu nehmen, künstlich zugeschnitten. Er legte mir seine Arbeit vor und ich hatte mit ihm ein langes Gespräch zu Ende geführt.

Bei genauerer Prüfung seines "König Lear" fand ich nicht ein einziges Wort zugesetzt, wie sich das von selbst versteht, nur das Ganze war in eine etwas gefälligere Form gebracht, die der Zeit und den Umständen angemessener war; und da ich den alten, unübertrefflichen Shakespeare, nur in verständlicherer Gestalt, wiederfand, so war ich natürlich mit ihm einverstanden.

"Wie wollen Sie aber dieses schwierige Stück besetzen?" fragte ich am Schlüsse unserer Unterredung.

"O, das ist sehr leicht", war seine Antwort. "Ich kenne meine Leute und habe ihnen schon längst im Stillen ihre Rollen zugeteilt, ohne daß sie die geringste Ahnung davon haben. Nun ist es nur noch unsere Sache, daß jeder der Mitspielenden aus freiem Antriebe seine gerade für ihn ausgesuchte und passende Rolle wähle. Einige schöne, zur rechten Zeit angebrachte Redensarten, eine vorteilhafte Darstellung des Umfanges, des tiefen Sinnes und Inhaltes der Rolle, und wie natürlich der Beifall sein muß, den man damit ernten kann, das allein wird schon dazu beitragen, den von uns auserlesenen Darsteller zur Übernahme seiner Rolle geneigt zu machen. Freilich muß man sich gefaßt machen, alle kleinlichen, egoistischen Rücksichten und Spiegelfechtereien, wie wir sie auf den Brettern der Welt und der Schaubühne haben, auch hier in unserem Irrenhause wiederzufinden, denn diese Menschen sind wie alle Menschen und haben ihre starken und schwachen Seiten so gewiß wie jene. Natürlich aber sind nur diejenigen zur Rollenverteilung eingeladen, die wir zum Spielen tauglich befunden haben, denn wenn alle oder der größte Teil nur zugegen wäre, so würden wir so viele Schauspieler haben, als Verrückte da sind. Der verrückte wie der geistesgesunde Mensch spielt ungeheuer gern Komödie, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet."

"Aber wie? Erwacht kein Neid, keine Eifersucht unter den nicht Gewählten gegen die, welche glücklicher sind als sie?"

"O nein! Sie hören davon wie von einer abgemachten Sache, ärgern sich vielleicht ein wenig und geben sich nachher desto mehr Mühe, durch vorzügliches Betragen in den vornehmen Rang der Spieler mit einzutreten. Deshalb beruhigen sie sich bald, denn sie hoffen von der Zukunft für sich ein Gleiches."

"Aber", fragte ich weiter, "fürchten Sie denn unter den Schauspielern verschiedenen Geschlechtes keine Vorfälle ernster Art, keine entstehende Neigung, keinen möglichen Abscheu, keinen Widerwillen?"

"Ganz und gar nicht!" erwiderte der Arzt. "Denn wir finden das ja auch in der Welt ebenso und oft noch viel deutlicher und schroffer ausgesprochen als hier. Betrachten Sie nur einmal den sogenannten künstlerischen Eigensinn und seine Laune, ob Sie da nicht manchmal an dem gesunden Verstande dieser liebenswürdigen, talentvollen Personen zweifeln möchten! Niemand aber hat von all dem Krieg und all der Feindseligkeit, mit der sie aufeinander losstürzen, einen entschiedenen Nachteil, man müßte denn die Verletzung der Eitelkeit dafür halten. Hierin ist Jeder sein eigenes Schicksal, und er hat sich zu hüten, daß er sich selbst kein Elend bereite Während wir nun diesen Vorteil mit den vernünftigen Menschen zugleich genießen, haben wir unsererseits noch einen anderen, und für uns einen viel wichtigeren, voraus, nämlich den, daß es uns schon oft gelungen ist, durch eine leidenschaftliche, unvorhergesehene Neigung, durch eine interessante nachhaltige Bekanntschaft, durch das Anspinnen eines unschuldigen Romans eine schnelle, glückliche Heilung zustandezubringen. Überhaupt gibt es ja nichts Heilsameres für unsere Pfleglinge, als wenn es uns gelingt, sie aus ihrem Insichversunkensein heraus und zu dem Sichhineindenken in eine andere Lage bringen zu können. Und was bewirkt dies mehr als die Liebe, diese am wenigsten egoistische Leidenschaft, deren Gegenstand eine fremde Individualität ist! Freilich haben Sie Recht, wenn Sie fürchten, es könne einmal ein Irrtum, ein Fehltritt, eine sogenannte Szene entstehen, das ist auch schon vorgekommen, aber, haha! dafür haben wir ja Mittel, dem Irren seine richtige Stellung in der Welt anzuweisen und ihn vor der Wiederholung seiner Torheit zu bewahren. Übrigens weiß hier auch ein Jeder, was sich für ihn ziemt, und da er es für einen Vorzug hält, mitzuspielen, so zeigt er sich von seiner besten Seite, um auf keine Weise sein einmal erlangtes Glück ein- für allemal zu verscherzen. Sie sehen, wir sind auf Alles gefaßt und vorbereitet."

Ich sah die Vortrefflichkeit von dem, was er mir sagte, ein und wünschte ihm Glück, soviel Gutes durch soviel Angenehmes leisten zu können. Der Rollenverteilung, welche unmittelbar nach dem Gespräche stattfand, wohnte auch Mr. Sidney bei, obwohl er selbst nicht als Schauspieler mitwirkte.

Es vergingen hierauf mehrere Tage, an denen ich keine Gelegenheit hatte, mich mit Mr. Sidney ungestört zu unterhalten. Und selbst die kurzen Unterhaltungen, die wir den vielen Hindernissen, welche uns umgaben, abgewannen, wurden noch sehr oft unterbrochen. Es war ein Glück für ihn, daß keiner seiner Wärter vollständig Deutsch verstand und ihn somit wohl stören, aber nicht belauschen konnte; daher sprachen wir denn auch gewöhnlich Deutsch, sogar über Dinge, die Jeder hören konnte, damit nicht etwa unter den zufälligen Zuhörern der Verdacht entstände, er spräche nur das Gleichgültige englisch, das aber, was Niemand verstehen sollte, deutsch.

Hierbei bemerkte ich erst recht, unter wie strenger Aufsicht man diesen Kranken hielt, wenigstens fiel es mir bei ihm am meisten auf. Beständig machten sich einige Aufpasser um ihn zu schaffen, seine Zimmer wurden, wenn er darin war, beinahe stündlich von dem ihm gegenüber wohnenden Wärter besichtigt und jeder Besuch, der bei ihm eintrat, genau beobachtet und höheren Orts gemeldet.

Auch im Garten, im Park, in der Reitbahn, auf dem Turnplatz, im Billardzimmer, kurz überallhin folgten ihm scharf blickende Augen, die all sein Tun und Lassen mit der sorgsamsten Ausdauer bewachten. Die Klasse dieser Bediensteten war in St. James, wie sie nicht immer gefunden wird, ausgezeichnet an Aufmerksamkeit und Beharrlichkeit.

So kam mir der sogenannte Irre von St. James mehr wie ein Staatsgefangener als ein Kranker vor. Was mir hierbei am meisten auffiel, war, daß er selbst diese Aufpasserei kaum zu bemerken schien, entweder, weil er sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt hatte, oder weil er von Natur zu stolz war, dergleichen Dinge zu beachten. Und wenn er es auch in Ausnahmefällen, in denen der Spion nicht zu verkennen war, bemerkte, so verriet doch kein Zeichen an ihm, daß er unangenehm dadurch berührt wurde. War dies jedoch wirklich der Fall, so bewies er durch seine Ruhe und sein durchaus gleichmäßiges Betragen, daß er wenigstens ebenso klug war wie diejenigen, die ihm diese Aufpasser zugesellt hatten.

Nur einigemale, als uns, auf einem Spaziergange oder auf einer...



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