E-Book, Deutsch, 502 Seiten
Galiani Briefe an Madame d'Epinay
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1512-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 502 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1512-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ferdinando Galiani - auch genannt Abbé Galiani - war ein italienischer Diplomat, Ökonom und Schriftsteller in der Zeit der Aufklärung. Berühmt wurde sein lange Jahre andauernder Briefwechsel mit Frau von Epinay.
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Neapel, den 2. Juni 1770
Meine schöne Dame,
Ihre Briefe kommen vorschriftsmäßig; die meinen sollen ebenso pünktlich sein. Der letzte bringt mir eine andere Salve von Ephemeriden der Citoyens rustres oder, wenn Sie wollen, ruraux. Ich versichere Ihnen, der Merlin ganz allein macht mir mehr Qual, als alle Ökonomisten zusammen. Dieser Merlin ist mein Abbé Terray. Er macht mir bange um meine Kontrakte. Um Gotteswillen, befreien Sie mich von ihm und wenn ich auch etwas Verlust daran haben soll; ziehen Sie Ihre Auslagen ab und schicken Sie in einem schönen Bankwechsel den Überschuß...
Der Baron Gleichen macht sich köstliche Vorstellungen von den Freuden, die er durch meine Gesellschaft hier haben wird. Ich muß unwillkürlich schon im voraus über die Überraschung lachen, die ihm bevorsteht, wenn er sieht, daß ich bis zur Unkenntlichkeit verändert bin und daß meine Gesellschaft zu gar nichts nutze ist. Die Pflanzen verändern ihre Natur, wenn sie in anderen Boden versetzt werden, und ich war eine Pariser Pflanze...
Ein Wort über die Ephemeriden. Wissen Sie, daß ich allen Ernstes entzückt bin über die Art, wie man mich behandelt? Ich habe schon den Vorzug der groben Injurien. Diese Ehre wurde nur Voltaire von den Hunden des Sankt Medardus zuteil. Ich erhalte sie von den Hunden des Luxembourg. Dieser alte Teil der guten Stadt Paris ist das Viertel der Äbte und Hunde. Freilich ist zwischen mir und Voltaire keine andere Ähnlichkeit, als daß wir alle beide von Paris abwesend sind; aber ebenso wahr ist es, daß zwischen den Jansenisten und den Ökonomisten ein großer Unterschied ist. Alle beide schreien und bellen; aber jene zählten einen Arnaud, einen Pascal zu ihren Gründern; diese haben nur Leute wie Quesnay. Nun, ich sehe, die Regierung wünscht einen Stierkampf für die Literaten, wie an der Barriere von Sèves einer für den Pariser Pöbel stattfindet. Vortrefflich! Her mit den Hunden, wir wollen der Stier sein! Und der Abbé Morellet, der arme Abbé, mein lieber Abbé, der mir so teuer war! Was wird er denn nur machen in diesem lustigen Hourvari? Will er der Bulldogg sein? Sicherlich wird er es mit den Ephemeriden nicht aufnehmen. Er wird mir nicht so grobe Beleidigungen sagen. Er wird nicht so geläufig Unsinn reden. Er wird nicht so flaches Zeug schreiben. Er wird meine Reden und Ideen nicht so gut entstellen wie sie. Er wird also in allem minderwertiger sein als sie, er wird nicht einmal im Schlechten ausgezeichnet sein. Warum also schreibt er ein Buch?
Was Sie mir von den Satiren mitteilen, die gegen mich veröffentlicht worden sind, bestimmt mich, nichts darauf zu antworten. Ich will diesen Herren die allergrößte Qual bereiten, nämlich so tun, als ob ich sie nicht gelesen hätte. Ich werde des Vorrechtes der Toten genießen.
Umarmen Sie tausendmal meinen lieben Marmontel. Wird er euch nicht aus meinem Dialog eine Erzählung machen, betitelt »Der Agrarphilosoph und sein Pächter«? Er braucht nur den Kontrast zwischen Theorie und Praxis ins rechte Licht zu rücken, so wird eine ausgezeichnete Geschichte daraus werden.
Mademoiselle Clairon hat eine Unschicklichkeit begangen, und ich bin betrübt darüber! Es ist unschicklich, über das lange Leben alter Leute ungeduldig zu werden. In China wäre sie amtlich getadelt worden. Wenn sie besser spielt als die Dumesnil, so hat sie eine Grausamkeit, wenn sie weniger gut spielt, eine Dummheit begangen ...
[23] An Frau von Epinay
Neapel, den 9. Juni 1770
Meine schöne Dame!
Sie versprachen mir so fest, mich nicht eine einzige Woche ohne Nachricht über Sie und ihre Gesundheit zu lassen; dennoch haben wir jetzt eine leere Woche. Aber das wird die Schuld des Herrn Magallon sein, der bei den Feuerwerken und dem Böllergeschieße der Hoffeste war. Ich fürchte wirklich, diese Heirat verpufft in lauter Feuerwerk. Hat der Dauphin sie fertiggebracht? Nun, ich entschuldige Sie, und um soviel mehr, als ich nicht die Zeit habe, Ihnen recht ausführlich zu schreiben. Jetzt aber etwas, was für mich von Interesse ist.
Als ich meinen ersten Brief an Panurg schrieb, habe ich auch an den Baron geschrieben; er hat mir nicht geantwortet. Warum nicht? Hätte Panurg ihn mir verführt? Wenn er mir das angetan hat, so werde ich ihm mein ganzes Leben lang nicht verzeihen. Ich habe den Baron lieber als Panurg, lieber sogar als meine Dialoge. Ich verehre ihn abgöttisch; ich will seine Freundschaft um nichts in der Welt verlieren. Ich bitte Sie also um Aufklärung hierüber.
Außerdem muß ich Ihnen sagen, daß ich mir seit einiger Zeit, in einer Art von Vorgefühl, in den Kopf gesetzt habe, meine Dialoge werden zur Widerrufung des Ediktes führen; denn sonst wird in Frankreich die Teuerung kommen, die ich vorausgesehen und vorausgesagt habe. Diese Woche stoße ich zufällig in der Pariser Zeitung auf einen Artikel, der mir absichtlich hineingesetzt zu sein scheint, um den Aufruhr in einigen Provinzen zu beschwichtigen; denn man meldet darin in einer Art Freudentaumel, daß in Nantes eine Getreideflotte angekommen sei. Ich bitte Sie, mich genau hierüber zu unterrichten, und auch über den Preis des Getreides, das nach Paris kommen wird. Denn da die Leute immer nach den tatsächlichen Ereignissen urteilen, so werde ich recht haben, wenn das Getreide in Paris teuer ist, und ich werde ein großer Mann, ein großer Politiker sein, und Panurg und Pangloß werden Dummköpfe sein. Der Hallenpreis wird das Thermometer meines Ruhmes sein.
Guten Abend, schöne Frau. Ohne Ihre Briefe bin ich wie ein Kind, das entwöhnt wird; alles ekelt mich an. Behalten Sie mich immer lieb, denn ich bete Sie an.
[24] An Frau von Epinay
Neapel, den 23. Juni 1770
Meine schöne Dame,
Ihr Brief vom 4. ist durchaus nicht heiter, und der meine wird es noch weniger sein. Ich bin erdrückt von kleinen Kümmernissen. Man wird in diesem verfluchten Lande von Flöhen aufgefressen. Obendrein gibt es hier Mücken und Wanzen. Aber das ist noch nichts. Mit meiner Gesundheit steht es nicht gut. Ich kann mich an diese Nahrung und diese Luft, die früher meine Heimatluft war und es jetzt nicht mehr ist, nicht gewöhnen. Mein Augenlicht wird alle Tage schwächer. In einem fort verliere ich Zähne; erst heute Morgen ist mir wieder einer ausgefallen, und ich habe nun nur noch vierzehn; aber das alles ist noch nichts.
Ich habe Ihren Brief Nr. 9 nicht erhalten. Diese ewig denkwürdigen und abscheulichen Feste werden die Ursache gewesen sein, daß Ihr Brief verloren ging, und ich quäle mich in Todesängsten ab, um zu erraten, was Sie mir wohl geschrieben haben mögen. Versuchen Sie, ihn entweder wieder aufzufinden oder mir seinen Inhalt zu wiederholen ...
Das Unglück von Paris und das gräßliche Blutbad der Rue Honoré haben mich mit Entsetzen erfüllt. Arme Madame Berthelot! Ich klage die Ökonomisten dafür an. Sie haben so viel von Eigentum und Freiheit gepredigt, sie haben so sehr gegen Polizei, Ordnung, Reglements gehetzt, sie haben so viel davon geredet, die Natur, sich selber überlassen, sei so schön, gehe so gut vorwärts, halte so gut das Gleichgewicht, daß endlich die Leute das Gefühl hatten, alle Welt sei Gemeingut und ein jeder könne gehen, wo er wolle, und daß sie sich das zunutze machen wollten. Da haben wir nun das schöne Ergebnis ihrer langen Predigt! Wahrhaftig, wäre ich in Paris und hätte ich noch mein sonstiges Feuer, heuer würde dies Ereignis mir genügen, um den Ökonomisten zu antworten. Ich würde ihnen fühlbar machen, daß sich nur das Gerücht zu verbreiten braucht, an irgendeinem Ort gebe es volle Freiheit und folglich große Menschenmenge: im Augenblick erwachen die Spitzbuben, große Monopoliseure von Uhren und Tabakdosen bilden eine Verschwörung und machen sich den Wirrwarr zunutze. Was ich Ihnen sage, ist kein Scherz. Denken Sie nach, und Sie werden finden, wie genau der Vergleich stimmt.
Ich empfing heute morgen meine Kiste mit dem imitierten Tafelsilber und bin ziemlich zufrieden mit dem Einkauf, obgleich der Transport mich rasend viel gekostet hat. Zugleich erhielt ich die Bücher; ich habe sie schon verschlungen und habe alles gelesen, was man gegen mich ausgespien hat. Diese Lektüre hat mich über den Verlust meines Zahns getröstet, der mir ausfiel, als ich gerade mitten in einem schönen Briefe des Abbé Ribaud war. Auf Ehre und Gewissen, schöne Frau, sie sind zu dumm; es ist vollkommen unmöglich, ihnen eine einzige Zeile zu antworten. Die Unverschämtheit, womit sie mir alle erdenklichen Dummheiten sagen lassen und dabei sogar Seitenzahlen meines Buches anführen, verdiente, daß sogar die Polizei sich darüber ärgerte; und wenn ich in Paris gewesen wäre, so hätte ich mir den Spaß gemacht, ihnen zur Vergeltung einen Prozeß vor dem Parlament anzuhängen. Aber ein langweiliger Stil ist ein schönes Ding, besser als ein königlicher...




