Galli | Wie wir das Verbrechen besiegen können | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 240 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm

Galli Wie wir das Verbrechen besiegen können

Ideen für eine Überwindung der Strafe
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-89684-716-4
Verlag: Edition Einwurf GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ideen für eine Überwindung der Strafe

E-Book, Deutsch, 240 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm

ISBN: 978-3-89684-716-4
Verlag: Edition Einwurf GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Unser noch aus der Zeit der Jäger und Sammler stammendes Gerechtigkeitsgefühl täuscht uns. Der Strafgedanke in seiner derzeitigen Ausprägung ist eigentlich überholt. Er fördert oft weder Gerechtigkeit noch das möglichst kooperative menschliche Miteinander. Der Täter-Opfer- Ausgleich muss wichtiger werden, wir dürfen das Strafen nicht mehr als Rache begreifen und müssen viel stärker in die Verhinderung von Straftaten investieren.

Thomas Galli, Jahrgang 1973, hat Rechtswissenschaften, Psychologie und Kriminologie studiert. Von 2001 bis 2016 war er in leitenden Funktionen im Strafvollzug tätig, zuletzt als Leiter einer Justizvollzugsanstalt. Seitdem ist er als Rechtsanwalt, Autor und Vortragsredner tätig.
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Vorzeitige Entlassung für Dr. M.?


An diesem Morgen fuhr ich mit einiger Wut im Bauch in meine Kanzlei. Am Vortag hatte ich das Schreiben eines Inhaftierten bekommen, den ich als Rechtsanwalt in einem gerichtlichen Verfahren vertreten hatte. Es ging dabei um seine vorzeitige Entlassung zur Bewährung. Dr. M. (der eigentlich keinen Doktortitel hatte, sich aber so ansprechen ließ, was mit zu seiner Verurteilung geführt hatte), war wegen zahlreicher Betrügereien zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. U.a. hatte er eine Maklerfirma für Immobilien betrieben und Anzahlungen, die Verkäufer und Kaufinteressenten „schwarz“ austauschten, um Steuern und Gebühren zu sparen, in die eigene Tasche gesteckt. Auch als Vermögensverwalter und Investor hatte er sich betätigt. Damit und mit anderen krummen Geschäften hatte er über ein kompliziertes Geflecht aus Firmen Millionen ergaunert. Mit seinem stets penibel gestutzten Vollbart, seinem sonnengebräunten Gesicht, seinem Wohlstandsbauch und hochwertiger Kleidung und Autos dürfte es ihm nicht zu schwergefallen sein, Kunden und Geschäftspartner zu täuschen. Von dem Geld war, als er verhaftet worden ist, nichts mehr übrig. Zumindest konnten die Behörden es nicht ausfindig machen.

Mit seiner Haftdauer gehörte er zu den nur etwa 10 Prozent der Inhaftierten in Deutschland, die Strafen von mehr als fünf Jahren zu verbüßen haben. Die meisten müssen deutlich weniger Zeit in Haft verbringen. Die größte Gruppe der Gefangenen verbüßt Haftstrafen von bis zu neun Monaten.28

Fast 95 Prozent aller Inhaftierten sind wie Dr. M. männlich. Die Tatsache, dass Männer deutlich häufiger straffällig werden, zeige sich nach der Forschung der Kriminologin Susanne Karstedt auch im internationalen Vergleich:

„Frauen sind nicht nur deutlich weniger kriminell, sie sind weniger aggressiv, sie begehen deutlich weniger Selbstmorde. Frauen sind offensichtlich auch psychisch resistenter als Männer. Und psychisch resistenter heißt eben auch weniger anfällig für Alkoholsucht oder Drogensucht. Sie sind insgesamt, sagen wir mal, das Geschlecht, das sich normenkonformer verhält.“29

Bei Vermögensdelikten, wie sie Dr. M. begangen hatte, kommt hinzu, dass Männer immer noch eher die Möglichkeit haben, hohe Positionen etwa in der Wirtschaft einzunehmen und dort auch größeren Schaden anzurichten. Auch werden Männer oft nach ihrem finanziellen Status beurteilt und haben so eine Motivation, diesen gegebenenfalls auch mit illegalen Mitteln aufzuwerten.

Nach Zweidritteln der Zeit, also vier Jahren, war eine vorzeitige Entlassung für Dr. M. grundsätzlich möglich. Dabei kommt es nicht, wie viele denken, in erster Linie auf eine gute Führung in Haft an. Das Verhalten während des Strafvollzuges hat eine eher untergeordnete Bedeutung. Es ist nur einer von mehreren Gesichtspunkten bei der Prüfung einer positiven Sozialprognose, die vor allem Voraussetzung für eine vorzeitige Entlassung ist. Das Gericht musste also davon überzeugt werden, dass mein Mandant mit hoher Wahrscheinlichkeit in Freiheit nicht wieder straffällig werden würde.

Bei Dr. M. standen die Chancen auf eine Entlassung zum Zweidrittelzeitpunkt nicht gut. Die Justizvollzugsanstalt, in der er seine Haft verbüßte, und die Staatsanwaltschaft waren gegen eine Entlassung. In einem Gespräch mit dem zuständigen Richter deutete dieser mir gegenüber an, dass er zuungunsten meines Mandanten entscheiden werde, aber eine vorzeitige Entlassung zu einem späteren Zeitpunkt für realistisch hielte, wenn dieser bis dahin zumindest ein Opfer-Empathie-Training (OET) absolvieren würde. Dr. M. (der sich zwar nicht mehr offiziell als Dr. bezeichnete, aber von den Mitgefangenen nach wie vor so ansprechen ließ) war erstmals in Haft und hatte mit seiner aktuellen Ehefrau drei minderjährige Kinder. Der Richter wollte ihm diese eine Chance noch geben.

Mehr Empathie

Empathie, die bei Dr. M. nun durch das Training gefördert werden sollte, ist generell ein ganz zentrales Thema. Sowohl hinsichtlich der Begehung von Straftaten, als auch in Bezug auf das Strafen. Empathie kann als die Fähigkeit zum „Mit-Erleben“30 bzw. dazu, gedanklich in die Haut eines anderen zu schlüpfen, verstanden werden.31

Grundsätzlich kann sich diese vor allem in der (frühen) Kindheit erworbene32 Fähigkeit, die Bedürfnisse anderer zu erkennen und zu berücksichtigen, hemmend auf die Begehung von Straftaten auswirken.33 Der langfristige Rückgang von Tötungsraten in Westeuropa (unter zwei pro 100.000 Einwohner pro Jahr) wird u. a. auf eine Sozialisierung hin zu mehr Empathie zurückgeführt.34

Studien deuten darauf hin, dass Frauen mehr Fähigkeit zur Empathie besitzen.35 Bei Mädchen lässt sich bereits im Vorschulalter eine gegenüber gleichaltrigen Jungen beschleunigte Empathie- und damit zusammenhängende36 Schamentwicklung beobachten.37 Erwachsene (Lehrer und Eltern) regulieren das Verhalten von Mädchen viel stärker als das von Jungen. Eltern beschämen Töchter viel öfter als gleichaltrige Söhne.38 Wahrscheinlich ist auch das ein Grund dafür, dass Frauen deutlich weniger häufig straffällig und inhaftiert werden.

Anders als vielfach vermutet, ist allerdings nicht jede Straftat empathielos, und nicht jeder Straftäter weniger empathiefähig als der Durchschnitt der Menschheit. Das gilt in extremer Hinsicht für Sadisten, denen gerade das Leid des Opfers ein Lustgefühl bereitet. Dazu müssen sie sich in dieses hineinfühlen. Empathie ist hier die Motivation zur Tat, sodass diese nicht trotz, sondern gerade aus Empathie begangen wird.39

Aber auch bei nicht sadistisch veranlagten Menschen erhöhen Gefühle wie Ärger die Aggressionsbereitschaft40 und vermindern die Empathie. Auch großer Stress führt oft dazu, dass man die ganze Energie für die Bewältigung der Situation verwendet und keinen Raum mehr für Empathie mit anderen hat.41 Jeder, der Kinder hat, wird ein Lied davon singen können. Sie können einen zur sprichwörtlichen „Weißglut“ und dazu bringen, kaum Verständnis oder Gefühl mehr für die kindlichen Bedürfnisse zu haben.

Empathie hängt eng mit Mitgefühl oder Mitleid zusammen, ist jedoch mit diesen nicht deckungsgleich, u. a. da Mitleid zur Folge hat, dass (vorgestelltes) fremdes Leid wie eigenes Leid erlebt wird. Sogenannte Spiegelneuronen spielen dabei eine Rolle.42 Es ist hirnphysiologisch nachweisbar, dass sensorische Zellen im Gehirn, die auf Schmerzsignale reagieren, auch dann feuern, wenn Menschen mit ansehen müssen, dass einer anderen Person Schmerz zugefügt wird.43 Bereits Babys reagieren auf den Schmerz von anderen. Sie fangen an zu weinen, wenn andere Babys auch weinen, und versuchen, einer leidenden Person zu helfen, indem sie diese beruhigen.44 Da Menschen solches eigenes Leid lindern bzw. vermeiden wollen, führt Mitleid dazu, andere zu schonen bzw. ihnen zu helfen. Es wirkt daher auch kriminalpräventiv.

Strafen als „empathischer Sadismus“

Dass jedoch auch hoch empathische und zum Mitleid fähige Menschen dazu in der Lage sind, anderen Leid zuzufügen, zeigen nicht nur manche Straftaten, sondern vor allem auch das Strafen selbst. Wenn wir wollen, dass Menschen, die kriminelle Handlungen begangen haben, bestraft werden, müssen wir uns Gedanken darüber machen, was für den zu Bestrafenden überhaupt ein Übel, ein Leid, eine Strafe darstellt. Wir müssen uns dazu in den anderen hineinfühlen. Der Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt bezeichnet Strafen daher als „empathischen Sadismus“.45 Wenn wir dann jedoch auch mitleiden würden, würde uns das vom Strafen abhalten. Allerdings zeigen Studien, dass unser Mitleid deutlich gesenkt wird, wenn jemandem, der als böse empfunden wird, ein Leid zugefügt wird.46 In bildgebenden Verfahren des Gehirns kann im Gegenteil sogar beobachtet werden, wie in solchen Fällen Gehirnregionen, die für Lust und Belohnung zuständig sind, durch die Beobachtung von Schmerzen der anderen Person aktiviert werden.47

Entsprechend groß war früher das öffentliche Interesse an Hinrichtungen. Als Beispiel mag ein Bericht aus der Mainzer Zeitung vom 22. November 1803 über die Hinrichtung des als „Schinderhannes“ berühmt gewordenen Räuberhauptmanns Johannes Bückler und seiner Mittäter dienen:48

„Die Wälle und benachbarten Anhöhen wimmelten von Neugierigen. Über die Hälfte gehörten sie zum weichen, zärtlichen Geschlechte, von denen sogar ein großer Theil die Metzeley von 20 Menschen ohne sonderliche Anfälle von Weichheit mit ansehen konnte.“

Als 1783 die Kurmainzer Landesregierung vorschlug, den steinernen Galgen vor dem Stadttor abzureißen, um dem Publikum den Anblick der dort bis zur Verwesung hängenden Hingerichteten zu ersparen, gab es massive Proteste dagegen.49

Heute sind zwar die Hauptverhandlungen vor Gericht grundsätzlich öffentlich, der eigentliche Vollzug der Strafe findet aber hinter hohen Mauern und weitgehend im Verborgenen statt. Bekanntlich funktionieren dafür nach wie vor z. B. viele Filme, indem sie unsere Straflust befriedigen: Dem unschuldigen Opfer muss geholfen werden, und dem Bösen muss es am Ende richtig schlecht gehen, damit der Zuschauer zufrieden ist. Wie stark die Interessen Anderer die eigenen durch Empathie oder Mitgefühl beeinflussen, hängt also mit vielen weiteren inneren Einstellungen zusammen wie etwa ideologischen oder religiösen Überzeugungen, und insbesondere auch dem individuellen Gefühl von Gerechtigkeit.

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Galli, Thomas
Thomas Galli, Jahrgang 1973, hat Rechtswissenschaften, Psychologie und Kriminologie studiert. Von 2001 bis 2016 war er in leitenden Funktionen im Strafvollzug tätig, zuletzt als Leiter einer Justizvollzugsanstalt. Seitdem ist er als Rechtsanwalt, Autor und Vortragsredner tätig.



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