E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Galloway Post Corona: Von der Krise zur Chance
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86470-780-3
Verlag: Plassen Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gewinner und Verlierer in einer auf den Kopf gestellten Welt
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-86470-780-3
Verlag: Plassen Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Scott Galloway lehrt an der NYU Stern School of Business zu den Themen 'Brand Strategy and Digital Marketing'. Er ist einer der gefragtesten internationalen Experten und wurde 2012 als 'einer der 50 besten Wirtschaftsprofessoren der Welt' ausgezeichnet. Außerdem gehört er zu den Global Leaders of Tomorrow des Weltwirtschaftsforums. Galloway gilt als scharfer Kritiker der großen Tech-Konzerne. Sein Buch 'The Four' wurde zum internationalen Bestseller.
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Einleitung
Es heißt, die Zeit sei verlässlich und unerbittlich. Der Lauf der Sonne am Firmament und unsere jahreszeitliche Umlaufbahn um die Sonne erzeugen einen ewig gleichförmigen Rhythmus. Unsere Wahrnehmung von Zeit ist aber nicht konstant. Mit fortschreitendem Alter weitet sich unser Bezugsrahmen (die Vergangenheit), und die Jahre vergehen schneller. Erst heute Morgen gab ich meinem Sohn vor seinem ersten Kindergartentag einen Abschiedskuss. Und heute Nachmittag kam er dann schon aus der fünften Klasse nach Hause. Er empfindet es genau umgekehrt, und seine Schule ist der Meinung, die fünfte Klasse wäre genau der richtige Ort, um zu scheitern: Seine ersten Dreier und Vierer halten für ihn die Zeit an – oft.
Aber was wir erleben, ist nicht Zeit, sondern Veränderung. Aristoteles merkte an, dass Zeit nicht ohne Veränderung existiere, denn das, was wir Zeit nennen, ist lediglich unsere Maßeinheit für die Differenz zwischen „vorher“ und „nachher“.1 Aus diesem Grund machen wir täglich die Erfahrung, die Zeit würde sich entweder endlos hinziehen oder wie im Flug vergehen. Zeit ist formbar, beeinflussbar durch Veränderung. Und dabei kann das Allerkleinste zu beispiellosen Veränderungen führen. Selbst so etwas Kleines wie ein Virus.
Anfang März 2020 lebten wir im „Vorher“. Das neuartige Coronavirus war zwar in den Schlagzeilen, mehr aber auch nicht. Außerhalb Chinas gab es nur wenige Anhaltspunkte, dass sich eine weltweite Krise zusammenbraute. Einundvierzig Menschen waren in Norditalien verstorben, aber im übrigen Europa ging das Leben unverändert weiter. Zwar meldeten die Vereinigten Staaten am 1. März den ersten Todesfall, die wichtigere Nachricht war allerdings, dass Mayor Pete seine Kandidatur zur Präsidentschaft zurückgezogen habe. Es gab keine Schließungen, keine Masken, und den meisten Menschen wäre Dr. Anthony Fauci unbekannt gewesen.
Zum Ende des Monats befanden wir uns dann im „Nachher“. Die Welt machte zu. Hunderttausende waren positiv auf das Virus getestet worden, darunter Tom Hanks, Placido Domingo, Boris Johnson und Dutzende Seeleute auf einem US-Flugzeugträger mitten im Pazifischen Ozean.
Ein Virus, dessen Größe ein Vierhundertstel des Durchmessers eines menschlichen Haares beträgt, packte sich eine 5,972 Trilliarden Tonnen schwere Kugel und ließ sie zehnmal schneller drehen.
Doch trotz der beschleunigten Zeit (Veränderung) hatte man das Gefühl, das Leben sei stehen geblieben. Wie mein Sohn, als er sein erstes schlechtes Zeugnis in der Hand hielt, verloren wir unsere Fähigkeit, über den Augenblick hinaus zu denken. Kein Vorher kein Nachher. Nur noch Zoom-Anrufe, Essen zum Mitnehmen und Netflix. Statt Spielstände und das Kinoprogramm lasen wir Fall- und Todeszahlen nach. Der Kinohit des Sommers war – die Geschichte zweier Menschen, die immer und immer wieder denselben Tag erleben.
Nachdem ich bereits ungefähr fünfzigmal um die Sonne gekreist bin, weiß ich, dass wir die Dauer dieses Moments falsch einschätzen. Stets versuche ich, mich selbst von dem zu überzeugen, was ich meinen Jungs sage: „Auch das geht vorüber“. Dieses Buch ist der Versuch, über unsere beispiellose Gegenwart hinauszublicken und die Zukunft vorherzusagen, indem wir sie so gestalten, dass ein Dialog angestoßen wird, der zu besseren Lösungen führt.
Wenn das einzige bekannte astronomische Objekt, auf dem es Leben gibt, zu seiner normalen Rotationsgeschwindigkeit zurückkehrt, was wird sich im Geschäftsleben, in der Bildung und in unserem Land geändert haben? Wird es humaner und erfolgreicher zugehen? Oder werden die Menschen einfach vorziehen, dass es aufhört, sich zu drehen? Was können wir tun, um das „Nachher“ zu gestalten?
Ich bin Unternehmer und Professor an einer Business School und sehe die Dinge daher aus dem betriebswirtschaftlichen Blickwinkel. Damit sind wir bei dem zentralen Thema dieses Buches: Wie wird die Pandemie das wirtschaftliche Umfeld verändern? Hierfür untersuche ich, wie die Pandemie Großunternehmen und insbesondere Big-Tech-Firmen zugutegekommen ist. Eine gehörige Portion des vorliegenden Buches ist eine pandemische Aktualisierung meines ersten Buches , womit wir noch einmal Amazon, Apple, Facebook und Google aufgreifen. Zudem beleuchte ich die Disruptionsmöglichkeiten außerhalb der Sektoren, die von den Vier dominiert werden, und einige der Firmen, die in den Startlöchern des Erfolges stehen.
Nachdem die Wirtschaft allerdings nicht im luftleeren Raum operiert, stelle ich einen breiteren Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Gesellschaft her. Der Hochschulbildung habe ich ein gesamtes Kapitel gewidmet, da sie sich meiner Ansicht nach an der Schwelle zu einem tiefgreifenden Wandel befindet. Ich verdeutliche, auf welche Art und Weise die Pandemie allgemeine Trends in unserer Kultur und in der Politik aufgedeckt und beschleunigt hat. Und warum der tiefgreifende, im Namen des Kapitalismus vorgenommene Wandel das kapitalistische System unterminiert und was wir diesbezüglich unternehmen können. Wir haben es hier mit einer weltweiten Krise zu tun. Und auch wenn meine Beispiele und die Analysen auf den Erfahrungen der Vereinigten Staaten von Amerika fußen, so hoffe ich, dass diese Erkenntnisse auch für Leser und Leserinnen in anderen Ländern von Wert sind.
Dabei stelle ich zwei Thesen auf: Erstens, der nachhaltigste Effekt der Pandemie dürfte die Beschleunigung sein. Auch wenn einige Veränderungen initiiert und die Richtung von Entwicklungen verändert werden dürften, wirkte sich diese Epidemie primär als Beschleuniger für die bereits in der Gesellschaft vorhandenen Dynamiken aus. Zweitens, in jeder Krise bieten sich Chancen; je größer und disruptiver die Krise, desto größer die Chancen. Allerdings dämpft der erste Punkt meinen Optimismus bezüglich des zweiten. Denn viele Entwicklungen, die die Pandemie beschleunigt, sind negativer Natur und schwächen unsere Fähigkeit zur Erholung und Entfaltung in einer Welt nach Corona.
Die große Beschleunigung
Das folgende Zitat wird Lenin zugeschrieben: „Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert; und Wochen, in denen Jahrzehnte passieren“. Tatsächlich stammt es jedoch nicht von Lenin, sondern vom schottischen Parlamentsmitglied George Galloway (toller Name, übrigens). Und dieser Galloway umschrieb mit der für einen Schotten typischen Kürze, was Lenin 1918, nach den durch seine Revolution angerichteten Umwälzungen, sehr viel umständlicher und stumpfsinniger ausgedrückt hatte.
Dieses Motiv, Jahrzehnte in Wochen, lässt sich in den meisten Branchen und in vielen Facetten des Lebens wiederfinden. Der E-Commerce kam ab dem Jahr 2000 auf. Seitdem stieg der Anteil des E-Commerce am Einzelhandel jedes Jahr um etwa ein Prozent. Anfang des Jahres 2020 wurden 16 Prozent des Einzelhandels über digitale Kanäle abgewickelt. Acht Wochen, nachdem die Pandemie die Vereinigten Staaten (März bis Mitte April) erreicht hatte, kletterte diese Zahl auf 27 Prozent … und sie geht nicht mehr zurück. Wir verzeichneten also im E-Commerce innerhalb von acht Wochen ein Jahrzehnt des Wachstums.
VERBREITUNG DES ONLINEHANDELS IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
(% vom Einzelhandelsumsatz)
2009–2020
Nehmen wir einen beliebigen Trend – ob sozialer, geschäftlicher oder persönlicher Natur – und spulen ihn um zehn Jahre nach vorn. Selbst wenn Ihre Firma noch nicht so weit ist, auf der Trendlinie liegen das Verbraucherverhalten und der Markt auf dem Punkt des Jahres 2030. Hatte Ihre Firma eine schwache Bilanz, wäre sie nun untragbar. Sind Sie im Einzelhandel tätig, der die Grundversorgung sicherstellt, wären Ihre Waren lebensnotwendiger denn je. Sind Sie im Konsumgüterbereich tätig, wären Sie konsumorientierter denn je. Und stritten Sie sich im Privaten mit Ihrem Partner, wären Ihre Auseinandersetzungen noch schlimmer. Gute Beziehungen würden auf weitere zehn Jahre gemeinsamer Geschichte und Wohlwollens zurückblicken.
Jahrzehntelang investierten Unternehmen in der Hoffnung, Distanzen zu überwinden, Millionen in die Ausrüstung für virtuelle Konferenzen. Universitäten übernahmen in den frühen 1990er-Jahren widerwillig technologische Tools wie beispielsweise Blackboard, um (mehr oder weniger) mit der Außenwelt Schritt halten zu können. Kommunikationsunternehmen schalteten zahlreiche Spots, die virtuelle Abendessen im Kreise der Familie, Arzt-Patienten-Gespräche quer durch das ganze Land und Studenten zeigten, die – ohne ihre Heimatstadt verlassen zu haben – bei den weltbesten Dozenten studierten.
Und jahrzehntelang passierte kaum etwas. Multimillionen-Dollar-Videokonferenzsysteme funktionierten nicht und Universitäten wehrten sich gegen eine Technologie, die komplexer als Whiteboards oder PowerPoint war. FaceTime und Skype drängten sich...




