E-Book, Deutsch, 274 Seiten
Reihe: Classics To Go
Galsworthy Auf Englands Pharisäerinsel
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-577-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 274 Seiten
Reihe: Classics To Go
ISBN: 978-3-98744-577-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
John Galsworthys berühmter satirischer Roman über die englische Aristokratie erschien erstmals 1904 und machte seinen Autor rasch einem größeren Publikum bekannt.
Autoren/Hrsg.
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Erster Teil
In der Weltstadt London
Erstes Kapitel
Die gute Gesellschaft An dem Bücherstande des Bahnhofes der Dover-Station stand ein stiller, wohlgekleideter Mann mit braunem Gesicht und kurzem, blondem Bärtchen, namens Schelton. Er war im Begriffe, nach London zu reisen und hatte seine Reisetasche in die Ecke eines Waggons dritter Klasse gelegt. Nach seiner langen Fahrt klang ihm die weich-vokalische Stimme des Verkäufers, der den neuesten Roman anpries, recht angenehm; angenehm auch die selbstbewußten Antworten eines bärtigen Schaffners, wie selbst das plumpe Abschiednehmen eines Ehemannes von seiner Gattin. Packträger, ihre Handkarren antreibend; die graufarbige Dämmerung der Station; und der gutmütig törichte Humor, der an Leuten, Atmosphäre und Stimmengewirr haftete, all dies gewährte ihm ein trautes Gefühl, als wäre er schon zu Hause. Mittlerweile schwankte er zwischen dem Ankauf eines Buches, betitelt »Markt Harborough«, das er schon gelesen hatte, aber auch zum zweiten Male sicherlich genießen würde, und der »Französischen Revolution« von Carlyle, einem Buche, das er noch nie gelesen hatte, von dem er aber zweifelte, daß es ihm Vergnügen bereiten würde. Er fühlte, er sollte das letztere kaufen, konnte es aber auch nicht über sich gewinnen, dem ersteren zu entsagen. Während er noch zauderte, begann sich sein Coupé zu füllen; und so nahm er, rasch beide Bücher kaufend, einen Platz ein, von dem aus er seine Fahrgastrechte zu verteidigen vermochte. ›Nichts,‹ dachte er im Selbstgespräche, ›zeigt besser, was Leute wirklich sind, als das Reisen.‹ Der Waggon war fast voll; und nachdem er seine Reisetasche auf den Rechen gelegt hatte, nahm er seinen Sitz ein. Gerade im Momente, als der Zug sich in Bewegung setzte, kletterte noch ein Passagier, ein Mädchen mit bleichem Angesicht, herein. ›Ich war ein Narr, dritter Klasse zu fahren,‹ dachte Schelton und betrachtete, über eine Zeitung hinweg blickend, seine Nachbarn. Es waren ihrer sieben. In der entferntesten Ecke saß ein greiser Landmann; seine leere Pfeife, deren Kopf herabhing, stand wie ein Stiel seines Gesichtes hervor, das triefäugig verdunkelt war von der Schmiere der Nichtigkeit wie sie auf jenen Gesichtern wächst, die ihr Leben im Strome harter Tatsachen verbringen. Neben ihm diskutierte ein rotwangiger, schwerschulteriger Mann mit einer grauhaarigen Person, deren Gesicht scharfgeschnittene Züge aufwies, über den Zustand ihrer Gärten. Und Schelton beobachtete ihre Augen, bis er inne ward, welch wunderbarer Ausdruck in ihnen lugte – eine behutsame Freundlichkeit, ein gemeinsames Mißtrauen; und daß ihre Stimmen, so fröhlich, ja jovial sie auch erklangen, fortwährend auf der Hut zu sein trachteten. Sein Blick wandte sich ab und prallte fast zurück vor dem halbrömischen, etwas verdrießlichen, aber höchst selbstzufriedenen Gesicht einer wohlbeleibten Dame in schwarzgrauem Kostüm, die das »Strand-Magazine« las, während ihre andere geschmeidige, plumpe Hand, befreit von ihrem schwarzen Handschuh und mit einem dicken Uhr-Bracelet geschmückt, auf ihrem Schoß ruhte. Eine jüngere, hellwangige und selbstbewußte Frauensperson saß neben ihr und betrachtete das blasse Mädchen, das soeben gekommen war. ›An diesem Mädchen ist ein gewisses Etwas,‹ dachte Schelton, ›was den andern nicht behagt.‹ Aus ihren braunen Augen sprach sicher scheue Furcht, ihr Kleid war nach ausländischer Mode geschnitten. Plötzlich traf ihn der Streifblick eines anderen Augenpaares; diese Augen, hervorstehend blau, starrten mit einer Art durchtriebener Verschmitztheit über einer dünnen, schiefhängenden Nase und waren im Nu wieder abgewandt. Sie machten auf Schelton den Eindruck, daß er beurteilt, verhöhnt, verführt und in irgend etwas eingeweiht werde. Er senkte seinen eigenen Blick nicht. Dieses sanguinische Gesicht mit seinem zweitägig unrasierten, rötlichen Bart, der langen Nase, den vollen Lippen, auf denen Ironie lag, gab ihm zu denken.› Ein zynisches Gesicht,‹ dachte er; und dann durchfuhr es ihn: ›aber auch sensitiv, gefühlvoll!‹ und wieder: ›doch allzu zynisch.‹ Der junge Mann, dem es gehörte, saß mit an den Knieen geöffneten Beinen da, seine staubigen Hosenenden und Stiefel schräg unterhalb des Sitzes geworfen; seine gelben Fingerspitzen zogen sich krampfhaft zusammen, als ob er Zigaretten rollte. Ein sonderbares Gebaren des absoluten Losgelöstseins von seiner Umgebung lag in dieser jugendlichen, schäbigen Gestalt und nicht das kleinste Gepäckstückchen füllte den Rechen über seinem Kopfe. Neben dieser wild-barbarischen Persönlichkeit saß das scheue Mädchen. Es war möglich, daß der Mangel an Äußerlichkeit in seinem Wesen sie veranlaßte, ihn zu ihrem Vertrauten zu erküren. »Monsieur,« fragte sie, »sprechen Sie Französisch?« »Vollkommen.« »Könnten Sie mir also sagen, wo man Billete löst?« Der junge Mann schüttelte seinen Kopf. »Nein,« sagte er, »ich bin ein Ausländer.« Das Mädchen seufzte. »Aber was wünschten Sie eigentlich, Ma'moiselle?« Das Mädchen antwortete nicht und schlang ihre Hände um einen alten Reisesack auf ihrem Schoße. Im Coupé war schwüle Ruhe eingetreten – eine Ruhe, wie sie etwa Tiere bei der ersten Annäherung einer Gefahr befällt. Aller Augen waren auf die Gestalten der beiden Ausländer gerichtet. »Ja,« eröffnete der Mann mit dem roten Gesicht das Gespräch, »er war ein wenig angetrunken an jenem Abend – der alte Tom.« »Ah!« antwortete sein Nachbar, »er hat es ja so wollen ...« Irgend etwas schien ihren Blick gegenseitigen Mißtrauens behoben zu haben. Die plumpe, geschmeidige Hand der Dame mit der römischen Nase krümmte sich krampfhaft; und diese Regung stimmte mit dem Gefühle überein, das Scheltons Herz in Aufregung versetzte. Es war fast so, als ob Hand und Herz sich fürchteten, um etwas gebeten zu werden. »Monsieur,« sagte das Mädchen mit einem Beben in ihrer Stimme, »ich bin höchst unglücklich; könnten Sie mir raten, was ich tun soll? Ich hatte kein Geld für ein Billet.« In dem Antlitz des ausländischen Jünglings flammte es auf. »Ja?« sagte er; »nun – so etwas kann jedem passieren, natürlicherweise ...« »Was wird mit mir geschehen?« seufzte das Mädchen. »Verlieren Sie nur nicht den Mut, Ma'moiselle!« Der junge Mann ließ seine Augen von links nach rechts schweifen und auf Schelton ruhen. »Obgleich ich noch keinen Ausweg für Sie sehen kann.« »O, Monsieur!« seufzte das Mädchen. Und wenn es auch klar war, daß außer Schelton niemand wußte, was die beiden sprachen, verbreitete sich dennoch eine fröstelnde Atmosphäre im Waggon. »Ich wollte, ich könnte Ihnen helfen,« sprach der ausländische Jüngling; »unglücklicherweise ...« Er zuckte mit den Achseln, und wieder kehrten seine Augen zu Schelton zurück. Dieser steckte die Hand in seine Tasche. »Kann ich von irgendwelchem Nutzen sein?« fragte er in englischer Sprache. »Gewiß, Sir! Sie könnten dieser jungen Dame die denkbar größte Gefälligkeit erweisen, wenn Sie ihr das Geld für ein Fahrbillet leihen wollten!« Schelton zog einen Sovereign F1 hervor, den der junge Mann an sich nahm. Indem er ihn dem Mädchen reichte, sagte er: »Tausend Dank dafür – voilà une belle action!« F2 Besorgnisse, die gelegentliches Wohltun begleiten, stiegen in Schelton empor und ließen ihn nichts Gutes ahnen. Er fühlte sich beschämt, sie zu hegen und auch, sie nicht zu hegen, und er warf verstohlene Blicke auf diesen jungen Ausländer, der jetzt zu dem Mädchen in einer Sprache sprach, die er nicht verstand. Obgleich seinem ganzen Wesen nach ein Vagabund, bekundete des Burschen Gesicht doch einen scharfsinnigen Geist, Seelenstärke und Ironie, wie sie auf dem Gesichte eines Durchschnittsmenschen nicht zu finden sind. Als er sich von jenen abwandte und den anderen Reisenden zukehrte, war Schelton sich eines inneren Aufruhrs, einer Geringschätzung und eines Mißtrauens bewußt, deren Sinn er sich nicht erklären konnte. Mit halbgeschlossenen Augen zurückgelehnt, versuchte er, diese neuartige Empfindung zu diagnostizieren. Es brachte ihn förmlich außer Fassung, daß die Gesichter und das Benehmen seiner Nachbarn all dessen ermangelten, was er aufgreifen und insgeheim hätte schmähen können. Sie alle fuhren in ihrem bewundernswerten, ihnen gelinde bewußt werdenden Phlegma fort, sich zu unterhalten; und doch wußte er bestimmt, so gut, als ob jeder es ihm privat zugeflüstert hätte, daß jener zweideutige Vorfall sie erschütterte. Ihre Schicklichkeitsbegriffe waren in Verwirrung geraten – etwas für ihre Behaglichkeit Gefährliches und Zerstörendes hatte sich ereignet, und dies war unverzeihlich. Jeder hatte eine besondere Art – humorvoll oder philosophisch, verachtend, sauertöpfisch oder verschlagen – wodurch er seinen Groll zeigte. Aber in blitzartiger innerer Selbstbeobachtung erkannte Schelton, daß jenes Gefühl auf dem Grunde ihres und seines eigenen Geistes ganz dasselbe war. Eben weil er ihren Unwillen teilte, war er über sie und sich selbst erbost. Er blickte auf die plumpe, geschmeidige Hand der Frau mit der römischen Nase. Die Isoliertheit und das Wohlgefallen ihrer blassen Haut, der Zug passiver Selbstgerechtsamkeit in ihrer Krümmung, der affektierte Abstand des fetten kleinen Fingers von den anderen, hatten eine unberechenbare Wichtigkeit angenommen. All dies verkörperte das Werturteil seiner Mitreisenden, das Urteil der englischen guten Gesellschaft. Denn er wußte, mochte es...




