Galsworthy | Die Forsyte-Saga | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 314 Seiten

Reihe: Classics To Go

Galsworthy Die Forsyte-Saga


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-585-9
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 314 Seiten

Reihe: Classics To Go

ISBN: 978-3-98744-585-9
Verlag: OTB eBook publishing
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Die Forsyte-Saga (englisch The Forsyte Saga) ist eine Roman-Trilogie mit zwei kurzen Einschüben, die zwischen 1906 und 1921 vom britischen Literaturnobelpreisträger John Galsworthy veröffentlicht wurde. Der Autor erhielt den Nobelpreis für Literatur 1932, kurz vor seinem Tode, mit der Begründung: ?für die vornehme Schilderungskunst, die in ?The Forsyte Saga? ihren höchsten Ausdruck findet?. Im Werk werden die Ereignisse in einer Familie, die der oberen Mittelschicht Englands Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts angehört, beschrieben. Das Romanwerk thematisiert das Leben der fiktiven Familie Forsyte in ihren verschiedenen Schattierungen. Im Mittelpunkt steht Soames Forsyte, der als Prototyp seiner ökonomisch erstarkten bürgerlichen Klasse die vom viktorianischen Lebensgefühl geprägten Familienideale und sein Vermögen zu wahren versucht. Die Geschichte entspannt sich in dramatischen Ereignissen, die den vier Generationen umfassenden Kampf zwischen Familientradition und Befreiung von gesellschaftlichen Fesseln zum Gegenstand hat. Dabei treten zahlreiche Charaktere der weitverzweigten Forsyte-Familie in Erscheinung und offenbaren in ihren Widersprüchlichkeiten das Ende einer Epoche.

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Zweites Kapitel
Ein Mann von Welt geht ab Daß ein Mann von Welt, der so dem Wechsel des Glücks unterworfen war wie Montague Dartie noch in dem Hause leben konnte, das er wenigstens seit zwanzig Jahren bewohnte, wäre noch merkwürdiger, wenn nicht Miete, Zinsen, Abgaben und Reparaturen des Hauses von seinem Schwiegervater bestritten worden wären. Durch diese einfache, wenn auch großmütige Maßnahme hatte James Forsyte dem Leben seiner Tochter und Enkel eine gewisse Stabilität gesichert. Denn ein sicheres Dach über dem Kopf eines so flotten Sportmannes wie Dartie ist etwas Unschätzbares. Bis zu den Ereignissen der letzten wenigen Tage war er dieses ganze Jahr fast unnatürlich solide gewesen. Es kam daher, daß er einen halben Anteil an einer Stute von George Forsyte erworben hatte, der zum Entsetzen Rogers, der jetzt verstummt im Grabe lag, endgültig zum Turf gegangen war. SIeeve-links, von Martyr, aus der Shirt-on-fire von Suspender war eine rotbraune Stute, dreijährig, die aus verschiedenen Gründen niemals ihre wahre Form gezeigt hatte. Mit dem halben Besitz dieses hoffnungsvollen Tieres war aller Idealismus, der irgendwo latent in Dartie lag, zutage getreten und hatte ihn die letzten Monate völlig im Zaume gehalten. Besitzt jemand etwas Gutes, für das er leben kann, so ist es erstaunlich, wie vernünftig er wird, und was Dartie besaß, war wirklich gut – die besten Chancen, drei zu eins, für ein Herbstrennen, das öffentlich mit fünfundzwanzig zu eins angeschlagen war. Der altmodische Himmel war eine armselige Sache daneben, und er hatte auf die Shirt-on-fire-Tochter gewettet. Aber wieviel mehr als seine Wette hing von der Suspender Enkelin ab! In dem wankelmütigen Alter von fünfundvierzig Jahren, eine Klippe für Forsytes, – und wenn es sich hier vielleicht auch weniger von einem andern Alter unterschied, sogar eine Klippe für einen Dartie – hatte Montague seine Neigung augenblicklich einer Tänzerin geschenkt. Es war keine gemeine Leidenschaft, aber ohne Geld, und zwar ohne viel Geld, wäre es wahrscheinlich eine Liebe geblieben, die so luftig gewesen wäre, wie ihre Röckchen; und Dartie hatte nie Geld, da er in kläglicher Abhängigkeit von dem lebte, was er Winifred abbetteln oder von ihr borgen konnte. Sie war eine Frau von Charakter, die nicht von ihm ging, weil er der Vater ihrer Kinder war und sie noch eine leise Bewunderung für die jetzt schwindende Schönheit seiner Erscheinung hegte, die sie in ihrer Jugend entzückt hatte. Sie, wie alle, die ihm etwas liehen, und seine Verluste beim Kartenspiel und bei Rennen (es ist merkwürdig, wie manche Leute ihre Verluste auszunutzen verstehen) waren seine ganzen Subsistenzmittel, denn James war jetzt zu alt und zu nervös, um behelligt werden zu dürfen, und Soames hart wie Stein und unzugänglich. Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß Dartie monatlang von der Hoffnung gelebt hatte. Aus Geld an sich hatte er sich nie etwas gemacht, hatte die Forsytes mit ihren vorsichtigen Vermögensanlagen immer verachtet, wenn er sich auch bemühte, soviel Gebrauch davon zu machen wie er konnte. Was er an dem Gelde liebte, waren – was man sich dafür kaufen konnte – persönliche Genüsse. »Keinem echten Sportsmann liegt etwas am Gelde,« pflegte er zu sagen, wenn er sich, sobald er merkte, daß es vergeblich war, es mit fünfhundert Pfund zu versuchen, fünfundzwanzig lieh. Er war köstlich, dieser Montague Dartie, ein ›Juwel‹, wie George Forsyte sagte. Der Morgen des Rennens am letzten Tage des September brach klar und strahlend an, und Dartie, der die Nacht vorher nach Newmarket gefahren war, zog karrierte Hosen an und stieg auf eine Anhöhe, um seine Hälfte der Stute ihren Endgalopp machen zu sehen. Wenn sie gewann, würde er seine dreitausend in der Tasche haben – ein kärglicher Lohn freilich für die Mäßigkeit und Geduld dieser letzten Wochen voll Hoffnung, wo sie für dieses Rennen vorbereitet wurde. Doch mehr hatte er nicht daran wenden können. Sollte er es ›ablegen‹ bei acht zu eins, bis wohin sie gekommen war? Das war sein einziger Gedanke, während die Lerchen über ihm sangen, die grasigen Wiesen süß dufteten und die schöne Stute, den Kopf hin und her werfend und wie Atlas glänzend, vorüber kam. Schließlich, wenn er verlor, würde es nicht an ihm sein zu zahlen, und wenn er es ›ablegte‹, würde es seinen Gewinn auf fünfzehnhundert reduzieren – kaum genug, sich eine Tänzerin zu leisten. Noch mächtiger aber im Blute aller Darties war das Verlangen nach einer richtigen Spannung. Er wandte sich zu George und sagte: »Sie ist ein Renner. Sie gewinnt sicherlich; ich lasse das ganze stehen.« Georg, der jeden Pfennig und noch einige dazu ›abgelegt‹ hatte und auf Gewinn rechnete, wie es auch enden mochte, grinste ihn von seiner massigen Höhe aus mit den Worten an: »Ei, ei, du Wilder!« denn nach einer bewegten Lehrzeit, über die Roger ihm murrend mit seinem Geld hinweggeholfen hatte, kam sein Forsyteblut ihm in der Eigenschaft als Besitzer jetzt gut zu statten. Es gibt Momente der Enttäuschung im Menschenleben, vor denen der empfindsame Berichterstatter zurückschreckt. Es mag genügen zu sagen, daß die Sache schlecht ausging. SIeeve-Iinks brach zusammen. Darties Wette war verloren. Was war zwischen diesen Ereignissen und dem Tage, wo Soames sich nach der Green Street begab, nicht alles geschehen! Wenn ein Mann mit der Konstitution von Montague Dartie aus triftigen Gründen monatelang Enthaltsamkeit geübt hat und unbelohnt bleibt, flucht er nicht Gott und stirbt, sondern er flucht Gott und lebt zum Leidwesen seiner Familie. Winifred – eine tapfere Frau, wenn auch ein wenig zu modern – die seine Streiche genau einundzwanzig Jahre ertragen hatte, hätte nie geglaubt, daß er tun würde, was er jetzt getan. Wie so viele Ehefrauen, meinte sie das Schlimmste zu wissen, doch sie hatte ihn noch nicht in seinem fünfundvierzigsten Jahre kennen gelernt, wo er fühlte, wie andere Männer auch, daß es für ihn hieß, jetzt oder nie. Als sie am zweiten Oktober den Inhalt ihres Schmuckkastens untersuchte, war sie entsetzt zu bemerken, daß die Krone und der Glanz ihres Frauenlebens – die Perlen, die Montague ihr im Jahre 86 nach der Geburt Benedikts geschenkt und die James, um einen Skandal zu vermeiden, im Frühling 87 bezahlen mußte, verschwunden waren. Sie zog ihren Mann sogleich zu Rate. Er ging leicht über die Sache hinweg. Sie würden sich schon wiederfinden! Erst als sie scharf sagte: »Gut, Monty, ich werde selbst zur Polizei gehen,« willigte er ein die Sache in die Hand zu nehmen. Ach! Daß die festesten entschlossensten Vorsätze, die zur Ausführung gelegentlicher Unternehmungen notwendig sind, durch Trinken vereitelt werden konnten! In dieser Nacht kam Dartie ohne jede Spur von Rücksicht lärmend nach Haus. Unter normalen Verhältnissen hätte Winifred einfach ihre Tür verschlossen und ihn seinen Rausch ausschlafen lassen, aber die quälende Ungewißheit über ihre Perlen hatte sie veranlaßt auf ihn zu warten. Während er einen kleinen Revolver aus der Tasche nahm und damit an den Eßtisch trat, sagte er unvermittelt zu ihr, daß ihm nicht das geringste daran liege, ob sie lebe, solange sie sich ruhig verhalte; er selbst aber habe das Leben satt. Winifred, die an der anderen Seite des Tisches stand, erwiderte: »Sei kein Clown, Monty. Bist du auf der Polizei gewesen?« Den Revolver auf seine Brust gerichtet, hatte Dartie mehrmals abgedrückt. Aber er war nicht geladen. Mit einer Verwünschung ließ er ihn fallen und murmelte: »Um der Kinder willen,« dann sank er in einen Sessel. Winifred, die den Revolver aufgehoben hatte, gab ihm etwas Sodawasser. Der Trank hatte eine magische Wirkung. Das Leben habe ihm übel mitgespielt, Winifred hätte ihn nie verstanden. Wenn er nicht das Recht habe, die Perlen zu nehmen, die er ihr geschenkt hatte, wer denn sonst? Die kleine Spanierin habe sie bekommen. Wenn Winifred etwas dagegen habe, würde er – ihr – den Hals umdrehen. Was war denn dabei? Winifred, die in harter Schule Selbstbeherrschung gelernt hatte, schaute ihn an und sagte: »Die Spanierin? Meinst du das Mädchen, das wir im ›Pandemonium‹-Ballett tanzen sahen? Also du bist ein Dieb und ein Schuft.« Es war der letzte Strohhalm eines schwer beladenen Gewissens gewesen. Dartie sprang von seinem Sessel auf, und sich der Heldentaten seiner Knabenzeit erinnernd, ergriff er den Arm seiner Frau und verdrehte ihn. Winifred ertrug die Pein mit Tränen in den Augen, aber ohne einen Laut. Sie wartete einen Moment der Schwäche ab und riß sich los; dann, mit dem Tisch zwischen sich und ihm sagte sie zwischen den Zähnen: »Du bist ein Lump, Monty!« Sie ließ Dartie mit Schaum auf seinem dunkeln Schnurrbart zurück und ging nach oben, und nachdem sie ihre Tür verschlossen und den Arm in heißem Wasser gebadet hatte, lag sie die ganze Nacht wach und dachte an ihre Perlen, die den Hals einer andern schmückten, und an den Lohn, den ihr Mann vermutlich dafür erhalten hatte. Der Mann von Welt erwachte mit einem Gefühl für diese Welt verloren und der vagen Erinnerung ›Lump‹ genannt worden zu sein. In dem Sessel, wo er geschlafen hatte, saß er eine halbe Stunde in der Morgendämmerung da – vielleicht die elendste halbe Stunde, die er jemals verlebt hatte, denn selbst für einen Dartie hat das Ende etwas Tragisches. Und er wußte, daß es für ihn gekommen war. Nie wieder würde er in seinem Eßzimmer schlafen und bei dem Licht erwachen, das durch die Vorhänge drang, die Winifred mit James' Geld bei Nickens und Jarvey gekauft hatte. Nie wieder nach einer kalten Abreibung und einem heißen Bad eine geröstete Niere an diesem Tisch aus Rosenholz essen. Er nahm seine Brieftasche heraus. Vierhundert Pfund,...



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