E-Book, Deutsch, 316 Seiten
Reihe: Classics To Go
Galsworthy Weltbrüder
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-580-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 316 Seiten
Reihe: Classics To Go
ISBN: 978-3-98744-580-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Auszug: Am Nachmittag des letzten Apriltages 1900 überzog ein wallendes Meer von kleinen, zerrissenen Wölkchen die dünne Luft in der High Street im Kensington-Viertel. Dieses fließende Gewoge von Nebeln, die fast den ganzen Horizont bedeckten, kämpfte gegen ein kleines Stückchen blauen Himmels an, das da, beinahe sternförmig, noch hell schimmerte, gleich einer einzelnen Enzianblüte inmitten von unabsehbarem Graswuchs. Jedes dieser Wölkchen schien mit unsichtbaren Flügeln versehen, und wie Insekten auf ihrem steten Flug, so scharten sie sich um diese sternartige Blüte, die so klar leuchtete in ihrer fernen Ruhe. Auf der einen Seite ballten sie sich zu wogenden Massen; so eng drängten sie sich an einander, daß weder Form noch Umriß sichtbar ward. Auf der andren Seite schienen sie größer, kräftiger, aus ihren Mitwolken sich lösend, anzustürmen gegen dieses Stückchen Schimmer des Ewigen. Unaufhörlich die Wandlung jener Millionen einzelner Nebelschwaden, unwandelbar die Stetigkeit jenes einen stillen, blauen Sterns.
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Erstes Kapitel
Am Nachmittag des letzten Apriltages 1900 überzog ein wallendes Meer von kleinen, zerrissenen Wölkchen die dünne Luft in der High Street im Kensington-Viertel. Dieses fließende Gewoge von Nebeln, die fast den ganzen Horizont bedeckten, kämpfte gegen ein kleines Stückchen blauen Himmels an, das da, beinahe sternförmig, noch hell schimmerte, gleich einer einzelnen Enzianblüte inmitten von unabsehbarem Graswuchs. Jedes dieser Wölkchen schien mit unsichtbaren Flügeln versehen, und wie Insekten auf ihrem steten Flug, so scharten sie sich um diese sternartige Blüte, die so klar leuchtete in ihrer fernen Ruhe. Auf der einen Seite ballten sie sich zu wogenden Massen; so eng drängten sie sich an einander, daß weder Form noch Umriß sichtbar ward. Auf der andren Seite schienen sie größer, kräftiger, aus ihren Mitwolken sich lösend, anzustürmen gegen dieses Stückchen Schimmer des Ewigen. Unaufhörlich die Wandlung jener Millionen einzelner Nebelschwaden, unwandelbar die Stetigkeit jenes einen stillen, blauen Sterns. Drunten auf der Straße, unter dem steten Wogen der vielen sanft beschwingten Wölkchen drängten sich Männer, Frauen, Kinder, neben ihren Mitgeschöpfen, den Pferden, Hunden, Katzen; sie alle gingen in heiterer Frühlingsstimmung ihren Geschäften nach. Sie strömten, hasteten dahin; und der Lärm ihres geschäftigen Treibens schwoll auf zu einem gewaltigen Brausen: »Ich – Ich – Ich!« Am dichtesten vielleicht war das Gedränge vor dem riesigen Kaufhaus von Rose und Thorn. Jede Menschengattung, von der vornehmsten bis zur geringsten, war da vertreten unter denen, die an den zahllosen Eingängen vorüberzogen. An dem Schaufenster für Kostüme stand eine schlankgewachsene, anmutige Frau, aus deren Mienen man förmlich lesen konnte, was sie dachte: »Es ist ein richtiges Enzianblau! Aber ich weiß nicht, ob ich mir's leisten darf bei all dem Elend ringsumher!« Ihre grünlichgrauen Augen, die, vor Scheu, ihre Empfindung zu verraten, oft ironisch blickten, schienen ein Kleid in der Auslage bis in die letzten Möglichkeiten seiner Begehrenswürdigkeit zu prüfen. »Vielleicht gefalle ich Stephen gar nicht darin!« Bei diesem Zweifel begann sie mit ihren behandschuhten Fingern eine Falte in die Vorderbahn ihres Kleides zu kniffen. In diese kleine Falte gab sie ihr eigenstes Ich hinein, den Wunsch, zu besitzen und die Scheu vor dem Besitz, den Wunsch, zu sein und die Furcht vor dem Sein. Ihr Schleier, der drei Zentimeter vom Gesicht entfernt, über den Rand des Hutes hinabfiel, umhüllte mit seinem Gewebe ihre feinen, unentschlossenen Züge, die etwas zu stark hervortretenden Backenknochen, die Wangen, die leicht eingefallen waren, als hätte sie die Zeit ein wenig zu oft geküßt. Der alte Mann mit dem langen Gesicht, den papageiähnlich umrandeten Augen und der buntangelaufenen Nase, der hier im Auf- und Abgehen die ›Westminster Gazette‹ verkaufte, bemerkte die Dame und nahm seine leere Pfeife aus dem Munde. Es gehörte zu seinem Geschäft, alle Vorübergehenden zu kennen – aber auch zu seinem Vergnügen; denn das hielt ihn davon ab, fortwährend an sein schmerzhaftes Fußleiden zu denken. Er kannte also die Dame mit dem zarten Gesicht, und sie beschäftigte seine Gedanken; manchmal kaufte sie ihm diese Zeitung ab, die seiner politischen Überzeugung so gar nicht entsprach, und die zu verkaufen das Schicksal ihn doch verdammt hatte. Eine Dame ihres Standes hätte unbedingt die konservativen Blätter kaufen müssen. Und er wußte auf den ersten Blick was eine ›Dame‹ war. Denn ehe das Schicksal ihn auf die Straße hinausgewiesen, ehe es ihm ein Leiden beschert hatte, für dessen Heilung er alle seine Ersparnisse hatte hergeben müssen, war er herrschaftlicher Diener gewesen. Sein Respekt vor den Gebildeten war ebenso unverändert geblieben, wie sein Mißtrauen gegen jene ›Sorte, die alle ihre Sachen aus den großen Kaufhäusern holen‹ und die ›auf die gemeinen Maskenbälle laufen‹. Er beobachtete die Dame mit besonderem Eifer, aber ohne die geringste Absicht, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, trotzdem er nur allzu genau wußte, daß er erst fünf Exemplare von seiner Morgenausgabe verkauft hatte. Als die Dame jetzt hinter einem der vielen Eingänge seinen Blicken entschwand, war er überrascht und förmlich enttäuscht. Was sie trieb, in das Geschäft von Rose und Thorn hineinzugehen, war die Erwägung: »Ich bin jetzt achtunddreißig Jahre; ich habe eine Tochter von siebzehn! Ich will noch nicht aufhören, meinem Manne zu gefallen. Ich bin jetzt in den Jahren, wo ich etwas für mein Äußeres tun muß!« Vor dem langen Spiegel, in dessen schimmerndem Grund sich jährlich viele Hunderte weiblicher Körper, von Rock und Taille entblößt, badeten, und dessen ungekräuselte Fläche täglich ein Dutzend Frauenseelen, von jeglicher Hülle entblößt, wiederspiegelte, wurden ihre Augen hart wie Stahl. Aber nachdem sie festgestellt hatte, daß über der Brust des Enzianfarbenen zwei Zentimeter, einer aus der Taille und drei von den Hüften fortgenommen, am Rock aber etliche zugegeben werden mußten, da umwölkten sich ihre Augen wieder mit Zweifeln. Es schien, als zogen sie sich ängstlich zurück vor der Entscheidung, die jetzt getroffen werden mußte. Während sie ihre Taille wieder anzog, fragte sie: »Bis wann könnte ich es haben?« »Bis Ende der Woche, gnädige Frau!« »Nicht früher?« »Wir sind so sehr besetzt, gnädige Frau.« »Aber dann schicken Sie es spätestens bestimmt bis Donnerstag.« Die Direktrice seufzte: »Ich will zusehen, was sich machen läßt.« »Ich verlasse mich auf Sie. Hier ist meine Adresse: Mrs. Stephen Dallison. The Old Square 76.« Während sie hinunterging, dachte sie: »Das arme Ding sah überarbeitet aus; es ist ein Skandal, daß die Mädchen so angestrengt werden!« Und dann trat sie wieder auf die Straße hinaus. Eine zaghafte Stimme tönte hinter ihr: »Die Westminster gefällig, gnädige Dame?« »Das ist der arme Alte mit der gräßlichen Nase,« dachte Cecilia Dallison. »Ich glaube ich habe kein –« und sie suchte in ihrem Täschchen nach Kleingeld. Neben dem ›armen Alten‹ stand eine Frau in abgetragener aber sauberer Kleidung, mit einem alten Kapotthut, der wohl einmal einen vornehmeren Kopf geziert haben mochte. Die spärlichen Überreste eines Pelzkrägelchens lagen um ihren Hals. Sie hatte ein mageres, nicht unfeines Gesicht, kluge, sanfte, braune Augen und glattes dunkles Haar. Neben ihr stand ein dürftiger, kleiner Junge, und ein ganz kleines Kind trug sie auf dem Arm. Mrs. Dallison hielt dem Alten eine Münze für die Zeitung hin, aber ihr Blick haftete an der Frau. »Ah, Mrs. Hughs,« sagte sie, »wir haben darauf gewartet, daß Sie kommen, um uns die Vorhänge zu nähen!« Die Frau drückte das Kleine fester an sich. »Entschuldigen gnädige Frau nur. Ich weiß, daß ich kommen sollte; aber ich habe so viel Aufregung gehabt.« Cecilia fragte teilnehmend: »Wie so denn?« »Ach, gnädige Frau, mit meinem Mann.« »Oh weh,« murmelte Cecilia. »Aber weshalb sind Sie denn da nicht erst recht zu mir gekommen?« »Ich konnt's nicht, gnädige Frau! Weiß Gott, ich konnt's nicht.« Eine Träne lief ihr die Backe hinunter bis in die kleine Furche am Munde. Mrs. Dallison sagte hastig: »So, so! Das tut mir wirklich sehr leid.« »Der alte Mann hier, Mr. Creed, der wohnt mit uns im selben Hause, und er will mit meinem Mann mal reden.« Der Alte bewegte seinen Kopf auf dem langen, dürren Halse wiegend hin und her. »Der Mann sollt sich schämen, sich so unmanierlich aufzuführen,« sagte er. Cecilia sah ihn an und meinte zaghaft: »Hoffentlich fängt er dann nicht auch mit Ihnen an!« Der alte Mann scharrte mit den Füßen. »Ich halt gern Frieden mit den Leuten. Aber wenn er sich was rausnimmt gegen mich, hol' ich die Polizei! ... Die Westminster gefällig, mein Herr?« Und indem er sich von Mrs. Dallison abwendend die Hand an den Mund legte, fügte er in lautem Flüstertone hinzu: »Die Hinrichtung des Mörders von Shoreditch!« Cecilia hatte plötzlich die Empfindung, als beobachteten alle Vorübergehenden ihre Unterhaltung mit diesen zwei recht schäbigen Personen. »Ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen helfen könnte, Mrs. Hughs. Ich werde mit meinem Mann und Mr. Hilary über die Sache sprechen.« »Ach ja, gnädige Frau; danke vielmals, gnädige Frau!« »Wenn ich nur nicht zu unfreundlich gewesen bin,« sagte sie zu sich, während sie noch einmal den Kopf zurückwandte nach den drei Gestalten am Rande des Trottoirs – sie standen noch da, der alte Mann mit seinen Zeitungen, die blauangelaufene Nase unter der breitrandigen Brille hoch in der Luft, die Näherin in ihrem schwarzen Kleid und der dürftige kleine Bursche. Regungslos und stumm sahen sie in das Treiben hinaus; und in Cecilia empörte sich etwas bei diesem Anblick. Er war so trübselig, hoffnungslos und unschön. »Wie kann man solchen Frauen wie dieser Mrs. Hughs helfen?« dachte sie. »Frauen, die so aussehen? Und der arme Alte! Ich hätte mir das Kleid doch nicht kaufen sollen; aber Stephen mag dies nicht mehr leiden.« Sie wandte sich von der Hauptstraße in eine Promenade, die von dem lauten Geschäftsverkehr nicht berührt wurde, und blieb vor einem langgestreckten, niedrigen Haus stehen, das halb versteckt hinter den Bäumen seines Vorgartens lag. Es war das Heim von Hilary Dallison, dem Bruder ihres Mannes, der gleichzeitig der Gatte ihrer Schwester Bianca war. Cecilia fand plötzlich, daß...




