Gamerro | Das offene Geheimnis | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 344 Seiten

Gamerro Das offene Geheimnis


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-903061-17-0
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 344 Seiten

ISBN: 978-3-903061-17-0
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Polizeichef von Malihuel erhält von einem hochrangigen Militär den Befehl, Darío Ezcurra, einen Bewohner seines Dorfes, verschwinden zu lassen. Die Sache dürfte keine größeren Schwierigkeiten bereiten, abgesehen von einer praktischen Frage: Wie kann ein Mord in einem Dorf, in dem sich alle kennen, geheim gehalten werden? Zwanzig Jahre später kehrt Fefe zurück in das Dorf seiner verstorbenen Mutter, den Ort seiner Kindheit, um herauszufinden, warum Ezcurra sterben musste. Fefe geht in Malihuel von Haus zu Haus und trägt Zeugenaussagen zusammen. Doch je näher die Erzählungen der Dorfbewohner um den Mord kreisen, desto mehr widersprechen sie sich, klingen hohl und falsch. Ein Stimmengewirr, das immer lauter wird, als wollte es eine Wahrheit verschweigen, die nur schwer zu verstehen ist. In raffinierter Erzählweise und eindringlichen Dialogen stellt Carlos Gamerro in Das offene Geheimnis die schwierige wie unbequeme Frage nach der Verantwortung des Einzelnen in einem System von staatlichem Terror, wie es die argentinische Militärdiktatur in den 1970er Jahren mit sich brachte.

Carlos Gamerrogeboren 1962 in Buenos Aires, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des heutigen Argentiniens. Neben fünf Romanen und einem Erzählband veröffentlichte er auch Essays und übersetzte u.a. Werke von Graham Greene und William Shakespeare. Darüber hinaus schrieb er das Drehbuch zu dem Film Tres de Corazones. Ein Teil seiner Romane wurde ins Englische und Französische übertragen sowie für das Theater adaptiert. Mit Das offene Geheimns erschien 2013 einer seiner Romane erstmals auf Deutsch. 2015 folgt sein Roman Der Traum des Richters.
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Erstes Zwischenspiel

Das eigentliche Dorf erstreckt sich über ein Quadrat aus zehn mal zehn Straßen, von denen weniger als die Hälfte Anzeichen von Bebauung erkennen lässt. Der offenkundige Beweis dafür, dass die von einem äußerst optimistischen oder aber gleichgültigen Vermessungsingenieur ursprünglich vorgesehene Größe nie erreicht wurde. Im Gegensatz dazu wurden die umliegenden Dörfer zwar nach dem gleichen meisterhaften Plan erbaut, sind diesem jedoch im Laufe der Zeit entwachsen und haben der Tiefebene ihren eigenen Grundriss eingezeichnet. Malihuel aber war es nie gelungen, seiner Bestimmung zu entsprechen. Das Zentrum besteht, wie nicht anders zu erwarten, aus dem zwischen zwei Straßen gelegenen, etwas stickigen und mit Bäumen bepflanzten Marktplatz, um den herum die wichtigsten Gebäude angeordnet sind: die zwei Hotels, die Gemeindeverwaltung, die Kirche, eine Ecke weiter die Nudelfabrik Tuttolomondo, und geht man die Calle Comandante Pedernera entlang, das Polizeipräsidium, die Grundschule sowie das alte Kino – mittlerweile ein Kulturzentrum. Neben dem Marktplatz als Mittelpunkt des religiösen und öffentlichen Lebens stellt die Calle 25 de Mayo die Hauptschlagader des Geschäftslebens dar, auf deren gesamter Länge sich verteilen: die Metzgerei Ferro & Brancaloni, das neue Busterminal mit seinen Betonbögen, der Supermarkt, Sacamatas Gemischtwarenladen, Fischers Eisenwarenhandlung, Mendoncas Apotheke, an zwei gegenüberliegenden Ecken die Kawasaki Bar und das wegen Renovierung geschlossene Makumba (früher Sucundún), das Bar-Hotel Los Tocayos, der daran anschließende Kiosk Chacón, an der Ecke die eindrucksvoll gepanzerte Banco Nación und schließlich die zwei Tankstellen (Shell und YPF). Der ganze Rest findet sich in den angrenzenden Straßen: zwei oder drei kleine Läden, weitere Metzgereien und Kioske, die Straße mit dem Yachtclub samt Basketball- und Tennisplätzen, Dr. Alexanders Praxis, der Friseursalon, das Fitnessstudio für die Damen und – brav nebenan – das für die Herren, das Post- und Fernmeldeamt, das Gerichtsgebäude, im gleichen Block das Polizeipräsidium, die Videothek Indiana Jones, die Satellitenschüsseln der Kabelstation, der Callshop und an der Ecke neben der Banco Provincia das Original Italienische Eiscafé Tuttolomondo, ein niedriges Backsteingebäude mit Holztür und vergitterten Fenstern, das noch aus den Zeiten berittener Banditen stammt. Zwei Häuserblöcke vom Marktplatz entfernt in Richtung See befindet sich ein weiteres Heiligtum aus noch früherer Zeit: der Wachtturm von Malihuel, Markstein von immerhin noch einem der fünf Eckpunkte einer schiffsförmigen Festung, die von den Vizekönigen auf dem damaligen Territorium der Ranquelindianer errichtet worden war. Ein Blick genügt, um sich ein genaues Bild davon zu machen, wie es in diesem Winkel des Universums in den damaligen Zeiten zugegangen sein muss: Der Wächter auf der Plattform blickte, sofern es sich um einen groß gewachsenen Mann handelte, aus einer Höhe von allenfalls fünf Metern zum Boden herab. Nur eine mit der Wasserwaage gezogene Landschaft ohne auch nur das kleinste Bäumchen konnte erfolgreich aus einer solchen Höhe überwacht werden, die sogar von einem zweistöckigen Gebäude noch überragt werden würde – wovon es in Malihuel allerdings nicht ein einziges gibt, wie seine Bewohner nicht müde werden zu betonen. Früher konnte man den Glockenturm der Kirche hinaufsteigen und sich einen weiten Rundblick über den See, die benachbarten Dörfer und die umliegende Gegend verschaffen, doch weiß niemand mehr genau, wie lange es nun schon her ist, dass nur noch der Pfarrer, der auch bei Dunkelheit mit den brüchigen Treppenstufen zurechtkommt, und in fortlaufenden Inkarnationen ein imposantes Paar weißer Eulen den Turm aufsuchen. Wenn es den Bewohnern von Malihuel jedoch an etwas nicht mangelt, dann sind das die schönen Ausblicke. Es gibt keine einzige Straßenkreuzung im Dorf, von der aus der Blick in die vier möglichen Richtungen nicht am Ende der Straße auf den weiten Horizont eines Feldes trifft. (Malihuel besteht ausschließlich aus Straßen, die entweder parallel oder rechtwinklig zueinander angeordnet sind – die spanische Leidenschaft für schachbrettartige Städte fand in der devoten argentinischen Pampa das ideale Versuchsobjekt für die Ausübung dieser Perversion.)

Mit Ausnahme der Eukalyptusbäume in der Siedlung und der alten Bäume, die auf dem Marktplatz Schatten spenden, sind die Bäume entlang der Straßen von Malihuel in aller Regel niedrig und schmal, mit dürren Stämmen, und werden ganz offenbar von der umliegenden Fläche am weiteren Wachsen gehindert. Doch hier und da, wo sich die Anarchie ihren Weg bahnt – auf dem Friedhof, in vereinzelten Gärten und Häusern, an einem ganzen Streifen entlang der unbebauten Staubpiste, die das Dorf auf der Seeseite begrenzt –, ragen die dicken Stämme von Palmen hervor, deren exotische, sich beinahe schwarz vom Himmel abhebende Kronen Malihuel während einem seiner seltenen Sonnenuntergänge in eine orientalische Wüstenstadt verzaubern. Sie sind es auch, die dem Ort, neben den halbwegs altertümlichen Bauten, zwar nicht unbedingt Schönheit, doch wenigstens ein gewisses Etwas verleihen.

Nordöstlich der Ortsmitte befindet sich die Handelsschule, deren hässliche Betonkanten auch von den jungen Olivenbäumen, die sie umgeben, nicht sonderlich kaschiert werden. Gleich daneben stehen die monotonen weißen Gebäude der Banco Hipotecario, und am Ende einer Verbindungsstraße, an der Malihuels zweite Grundschule liegt (»die Mini-Schule«), beginnt schließlich die Siedlung, ein Rechteck von fünf mal zehn Straßen, das durch die Schienen und den Bahnhof der Länge nach zweigeteilt wird und in dem sich kleinere Häuschen mit Hütten, Ruinen (darunter die zwei ehemaligen Hotels für Bahnreisende) und Brachflächen abwechseln.

Die Siedlung entstand zu Beginn des Jahrhunderts und wuchs mit der gleichen fieberhaften Geschwindigkeit wie das Netz der Eisenbahn, mit dem zusammen sie dann, nachdem erst keine Passagiere und später auch keine Waren mehr transportiert wurden, allmählich auch wieder erlahmte und schließlich verkümmerte. In jüngerer Vergangenheit wurde an den unasphaltierten Straßen der Siedlung jedoch wieder neu gebaut: zum einen ein ganzer Block grün bedachter Ziegelhäuser, finanziert durch den Staatsfonds für Sozialen Wohnungsbau FONAVI, zum anderen, vom Bahnhof durch einen dicht bewachsenen Garten mit Eukalyptusbäumen getrennt, das Spiritistische Zentrum mit seinem Wellblechdach, in dem Palmiro Raulí, Malihuels hochverehrter Prophet, Pilger aus ganz Santa Fe und den angrenzenden Provinzen um sich schart.

In nördlicher Richtung befinden sich die mittlerweile eingezäunten Schutt- und Ziegelhaufen des Landesschießstands sowie die glänzenden Silos der Getreidefabrik Bullock, die ohne jeden Sinn für Ästhetik über den verkohlten Backsteinmauern der alten Alvarado-Mühle hochgezogen wurden.

In Malihuel kreuzen sich drei Bahnlinien, was dem Bahnhof eine der landesweit besten Anbindungen verschaffen würde, sofern es noch Personenzüge gäbe. Es ist gut möglich, dass die Bewohner der Gegend heute noch die Namen der alten Linien benutzen, weil beim Klang dieser Worte eine gewisse Größe mitschwingt: die Santa Fe Westeisenbahn, mit der 1886 der erste Zug aus Rosario anrollte; die Große Südeisenbahn, die auf ihrer Strecke nach Río Cuarto ab 1890 auch in den Ortschaften Alcorta, Rosas Paz, Malihuel, Elordi und Toro Mocho haltmachte; und schließlich die Argentinische Zentraleisenbahn, die ab 1894 Malihuel mit Pergamino und der Hauptstadt Buenos Aires verbunden hat. Der Bahnhof selbst wurde im allgegenwärtigen englischen Stil erbaut, mit schmiedeeisernen Stützpfeilern und metallenen Wappenlilien an den Geländern, einer zeigerlosen Uhr, so groß und weiß wie der Vollmond, und einer Halle, die deutlich höher ist als breit. Von der ursprünglichen Ausstattung blieb gerade einmal der alte Briefkasten übrig (wenn auch gelb überstrichen), der jetzt wie der Schiefe Turm von Pisa auf seinem verrosteten Ständer hängt und in den am Ende eines jeden Jahres die Kinder aus dem Dorf ihre Briefe an den Weihnachtsmann und die Heiligen Drei Könige einwerfen.

Genau vier asphaltierte Straßen führen von Malihuel weg. Hinter dem Betonbogen, der einen beim Verlassen des Dorfes zum Abschied grüßt, gabelt sich die Calle 25 de Mayo. In östlicher Richtung geht es nach Rosas Paz und Alcorta, mit Anschluss an die Autobahn Buenos Aires – Rosario. In südlicher Richtung verbindet die Straße in einem engen Z die nah beieinander liegenden Dörfer Leopardi, Dupuy und Bullock, bevor sie dann auf die Nationalstraße 8 trifft, die über Pergamino ebenfalls nach Buenos Aires führt. Richtung Norden geht es zur Straße nach Fuguet, die während der großen Überschwemmung den Teil von Malihuel, der damals noch übrig war, mit der restlichen Welt in Verbindung hielt. Und Richtung Westen schließlich gelangt man zum Friedhof und auf die Straße zum See, die, nachdem man an den neu errichteten Badeanlagen (von Benoit und dem Yachtclub) vorbeigekommen ist und Elordi durchquert hat, auf die Nationalstraße 8 in Richtung Toro Mocho und Río Cuarto trifft. Um die Mautstationen zwischen Bullock und Toro Mocho zu umfahren, nutzen viele Lkw-Fahrer eine offiziell gesperrte Nebenstraße, die direkt am See vorbeiführt. An den Seiten dieser Nebenstraße befinden sich das Mochica Motel und gleich gegenüber eine Autowerkstatt, was im Dorf unter der schlichten Bezeichnung »drüben bei den Brumminutten« läuft. Entlang dieser mit mehr Schlaglöchern als Asphalt gesegneten Seitenstraße verteilen sich die Heiligtümer aus dem Goldenen Zeitalter: das erste Teilstück des...


Carlos Gamerrogeboren 1962 in Buenos Aires, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des heutigen Argentiniens. Neben fünf Romanen und einem Erzählband veröffentlichte er auch Essays und übersetzte u.a. Werke von Graham Greene und William Shakespeare. Darüber hinaus schrieb er das Drehbuch zu dem Film Tres de Corazones. Ein Teil seiner Romane wurde ins Englische und Französische übertragen sowie für das Theater adaptiert. Mit Das offene Geheimns erschien 2013 einer seiner Romane erstmals auf Deutsch.
2015 folgt sein Roman Der Traum des Richters.



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