Gamerro Der Traum des Richters
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-903061-21-7
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-903061-21-7
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carlos Gamerro, geboren 1962 in Buenos Aires, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des heutigen Argentiniens. Neben fünf Romanen und einem Erzählband veröffentlichte er auch Essays und übersetzte u.a. Werke von Graham Greene und William Shakespeare. Darüber hinaus schrieb er das Drehbuch zu dem Film Tres de Corazones. Ein Teil seiner Romane wurde ins Englische und Französische übertragen sowie für das Theater adaptiert. Mit Das offene Geheimns erschien 2013 einer seiner Romane erstmals auf Deutsch. 2015 folgt sein Roman Der Traum des Richters.
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Erster Teil
An diesem Morgen schreckte der neu ernannte erste Friedensrichter von Malihuel aus einem Traum auf, in dem einer der Dorfbewohner namens Rosendo Villalba ihm an die gerade erst fertiggestellte Außenmauer des Gerichtsgebäudes gepisst hatte.
»Dieser Schweinehund!«, fauchte er vor Entrüstung bebend und riss sich mit einem Ruck das durchgeschwitzte Laken vom Leib. »Dem werd ich was erzählen!«
Stützt sich wie ein Besoffener mit einer Hand am Eckpfeiler ab … und dann sieht er mich und grinst mich von der Seite aus an … und bevor er ihn wieder wegpackt … schüttelt er ihn, direkt vor meiner Nase schüttelt er ihn, als wollte er seinen Spott mit mir treiben, dieser verfluchte … Der Richter fischte nach einzelnen Fetzen seines Traums, fügte sie Stück um Stück zusammen und geriet, während er wütenden Schrittes zum Gerichtsgebäude stapfte, immer noch mehr aus der Fassung. Und dann hebt er auch noch in aller Seelenruhe wie ein Hund das Bein, erinnerte er sich in einem erneuten Zornesanfall plötzlich wieder.
Um sich das Warten zu verkürzen, ließ er seinen Blick ungeduldig über das Distelfeld wandern, wo sich eines Tages der Dorfplatz mit einer Reiterstatue von ihm in der Mitte befinden würde, eine Beschäftigung, die normalerweise seine Stimmung hob, doch dieses Mal machte ihn der Anblick der maroden Hütten, die um seinen zukünftigen Dorfplatz herum standen, nur noch wütender. Den vom Vormonat eingerechnet hatte er bereits drei Briefe an die Regierung geschrieben, um den Feldvermesser anzumahnen – ohne Reaktion. Wer kommt auch sonst auf die Idee, aus dem hier ein Dorf machen zu wollen, dachte er und schloss die Augen, während eine leichte Brise vom See herauf quer durch den Raum zog. »Wenn sie mir die Ziegel noch vor dem Winter schicken würden, könnte ich wenigstens die drei restlichen Wände fertigbauen«, grummelte er und lehnte sich gegen die eine, die er zuerst hatte errichten lassen, um daran die Flagge aufzuhängen und sicherzustellen, dass ihm niemand in den Rücken würde fallen können. »Wie soll denn einer Respekt vor mir haben, wenn das Gericht aussieht wie ein Indiolager und das Gefängnis wie ein Kuhstall? Aber damit ist jetzt Schluss. Dieses Mal lasse ich mich nicht einfach so abspeisen. Das ist das letzte Mal, dass die ihre Spielchen mit mir treiben, so wahr ich Urbano Pedernera heiße.«
Die Uhr im Gerichtsgebäude zeigte zwanzig nach fünf – vor lauter Zorn hatte er vergessen, sie nachzustellen, was er fortwährend tun musste, seitdem sie stehen geblieben war –, als der Unteroffizier den Beschuldigten vortreten ließ und ihn mit der Spitze seines ausgestreckten Zeigefingers bis zum Schreibtisch schob.
»Hier haben Sie ihn, mein Oberst«, sagte er erneut aus Versehen, obwohl Don Urbano bereits vor mehreren Monaten seinen militärischen Rang zugunsten des bürgerlichen aufgegeben hatte.
»Herr Richter. Hat er Widerstand geleistet?«
»Wir haben ihn beim Piss… beim Urinieren überrascht, mein Herr Richter.«
Als er damit den Beweis hatte, bekam der Herr Richter glänzende Augen. Er blickte den Beschuldigten an, der, anstatt seinen Blick zu senken, ihn mit verschlagener Miene herausfordernd ansah, genau wie in seinem Traum. Verflucht, es kam ihm vor, als würde er immer noch träumen! Der Zorn trieb ihm die Worte auf die Zunge.
»Du dämlicher Viehtreiber, auf der Stelle wirst du mir verraten, was das gestern Nacht sollte, mir wie ein Köter an die Wand zu pissen.«
Der Beschuldigte öffnete erstaunt den Mund, um alles abzustreiten. Aber genau das war es, was der Richter absolut und auf den Tod nicht ausstehen konnte. Wenn doch nur ein Mal, nur ein einziges Mal einer von Anfang an alles zugeben und ihn sein Urteil sprechen ließe, ohne ihm dieses ewige Theater von wegen »Ich wars nicht« aufzunötigen. Merken die denn nicht, dass sie damit alles nur noch schlimmer machen? Anscheinend bereitete es ihnen ein abartiges Vergnügen, ihn zu reizen, indem sie ihre Vergehen nur umso vehementer abstritten, je offensichtlicher sie waren. Als dächten sie, ich sei blöd, ich, ausgerechnet ich.
»Und? Sag schon, dass du es nicht warst. Na los, ich warte.«
»Bei allem Respekt, Don Urbano, aber ich hab die ganze Nacht keinen Fuß vor meine Hütte gesetzt. Und falls Ihnen jemand erzählt hat …«
»Ich hab dich gesehen, ich selber, mit diesen Augen.« Durch sein Herumfuchteln fuhr er sich mit dem Finger in das eine Auge, was seine Wut gegen den Beschuldigten auf die Spitze trieb. »Hast du gedacht, ich bekomme nicht mit, was in meinen Träumen passiert, he? In meinen eigenen Träumen?«
»Don Urbano, ich schwörs Ihnen, ich wars nicht. Vielleicht haben Sie mich ja in der Dunkelheit verwechselt.«
»Ach ja? Soll ich dir mal was sagen? Es war taghell.«
»Tschuldigen Sie, wenn ich was falsch verstanden hab, aber ich dachte, Sie hätten grade gestern Nacht gesagt. Gestern Nacht war aber kein Mond am Himmel.«
»Na und, gesehen hat man trotzdem alles wunderbar.«
In den Augen des Beschuldigten machten sich Zweifel breit. Der Richter und der Unteroffizier zwinkerten sich vielsagend zu.
»Wenn Sie es sagen, wirds schon stimmen. Aber ich schwörs Ihnen, ich war wirklich nicht beim …«
»In meinem Traum, du Hammel, in meinem Traum! Hörst du nicht zu, wenn man mit dir redet? Ich hab das alles gestern Nacht geträumt. Und jetzt sag mir, ob du immer noch alles abstreitest. Willst du mir vielleicht erzählen, du weißt besser als ich, was in meinen Träumen passiert?«
Der Richter lehnte sich zufrieden zurück. Jetzt hab ich dich. Man musste ihnen nur ein wenig Leine lassen, dann verhedderten sie sich früher oder später ganz von allein.
»Also, wenn das wirklich so war, dann tuts mir leid«, stammelte der Beschuldigte verwirrt. »Ich verspreche Ihnen, das war keine Absicht …«
»Ach Gott, ihr werdet das nie lernen«, erwiderte ihm der Richter nun fast schon vertraulich, nachdem das Spiel gewonnen war und er sich diesen väterlichen Ton erlauben konnte, und beugte sich über den Schreibtisch. »Man gibt euch den kleinen Finger, und ihr nehmt gleich die ganze Hand. Oder hast du gedacht, dass der Hase jetzt anders läuft, nur weil ich nicht mehr beim Militär bin? Du glaubst doch nicht, dass ich über so was einfach hinwegsehen kann. Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede! Mir einfach ans Gericht pinkeln, und dann auch noch in meinem eigenen Traum. Meinst du, ich merke das nicht? Oder dass ich beim Aufwachen alles wieder vergessen hab? Oder dass es mich nicht interessiert, weil es ja nur ein Traum war, he?«
Don Urbano schwieg. Warum Zeit mit Erklärungen vergeuden, wo man schon am Gesichtsausdruck deutlich sah, dass er nichts kapierte. Am besten brachte er die Sache schnell zu Ende. Als der Unteroffizier Papier und Tinte herbeigeschafft hatte, begann der Richter, die Anklageschrift aufzusetzen, indem er mühsam Sätze aus einem zerknitterten Lehrbuch abschrieb: Am dritten November achtzehnhundertsiebenundsiebzig in der Ortschaft Malihuel gab der Angeklagte im Beisein von mir als dem Friedensrichter sowie den aufgeführten Zeugen zu Protokoll … Er benötigte fast eine Stunde, um das Schriftstück zu verfassen, und hob nicht einmal bei den erforderlichen Nachfragen den Blick: dass sein Name … »Wie heißt du gleich noch mal? Villalba mit V oder mit W?« – »Wie es Ihnen lieber ist, Don Urbano« ... wohnhaft in Malihuel, im Alter von … »Alter.« – »Neunundzwanzig.« … neunundzvanzig Jahren … »Verdammt, jetzt hab ich mich schon wieder verschrieben, das machst du doch mit Absicht.« … verheiratet, Tagelöhner, Ar… »Bist du überhaupt Argentinier?« … Auf die Frage, ob ihm der Grund für seine Verhaftung bekannt sei, gab er an … »Ja oder nein?« – »Was, Herr Richter?« – »Nichts, schon gut.« … dass er bekennt, sich heimlich in die Träume Sr. Exzellenz des Herrn Friedensrichters aus dem Bezirk Malihuel eingeschlichen zu haben, um die Mauern des rühmlichen Gerichts zu entehren, wobei er in fraglanti von besagtem Staatsbeamten überrascht wurde ... Als ginge es um eine andere Person, antwortete der Gaucho Rosendo Villalba mechanisch auf alle Fragen und begann aufgrund der Hitze bereits halb einzunicken, als er merkte, dass ihm der Richter das Schriftstück hinstreckte.
»Lies.«
Er warf einen flüchtigen Blick auf das zerknitterte Papier und gab es ihm zurück.
»Jetzt musst du noch unterschreiben. Hast du jemand zum Unterschreiben? Wahrscheinlich nicht, bei den ganzen Analphabeten hier. Egal. Unteroffizier …«
Der Unteroffizier kam zusammen mit dem Basken Incháustegui herein, der jeden Morgen griffbereit im Schatten der westlichen Gefängnismauer schnarchte und während seiner hundsmiserablen Träume immer wieder krampfartig zusammenzuckte, wobei er sabberte und die Augen so verdrehte, dass nur noch das Weiß zu sehen war. Das ging so, seitdem ihn die Indios bei ihrem letzten Überfall restlos ausgeplündert hatten, angefangen bei seiner Ladenschenke bis hin zu seinem sonstigen Hab und Gut einschließlich seiner Mutter und der drei Schwestern. Allein den staubigen Leichnam seines Vaters hatte er noch vorgefunden, und es hieß, dass seine Träume stets die gleichen waren. Und auch wenn es zweifelhaft war, ob er die Bedeutung des Gekritzels erfassen würde, das er auf dem Papier hinterließ, war er tatsächlich einer der wenigen in der Gegend, die überhaupt zu einer...




