E-Book, Deutsch, 76 Seiten
Garhammer Lebendige Seelsorge 6/2018
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-429-06382-5
Verlag: Echter
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit Rechten reden
E-Book, Deutsch, 76 Seiten
ISBN: 978-3-429-06382-5
Verlag: Echter
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erich Garhammer, Dr. theol., bis 2017 Professor für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg, vorher von 1991 bis 2000 in Paderborn. Schriftleiter der Zeitschrift 'Lebendige Seelsorge' und Herausgeber der Reihe 'Studien zur Theologie und Praxis der Seelsorge'.
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Nicht ohne die Anderen! Widerständiges zur identitären Umformung des Christentums
Nicht ohne die Anderen! Widerständiges zur identitären Umformung des Christentums
Wie findet man eine christlich reflektierte Haltung zu den neurechten Bewegungen und Parteien, die gerade Europa und die Welt spalten? Gesprächsbereitschaft zeigen oder klare Kante? Die Polarisierungen verlaufen hier auch durch die Kirchen und manchmal sogar durch einzelne Personen.
Es braucht eine Auseinandersetzung mit neurechtem Denken, einen guten eigenen Kompass gegen identitäre Versuchungen und in der Kommunikation aufmerksame Klugheit jenseits pastoraler Naivität. Michael Schüßler
Es ist die Gefahr eines Beitrags zum Gespräch mit „Neuen Rechten“, lediglich moralisierende Appelle zu illustrieren. Ich beginne zur Erdung mit drei eigenen Erfahrungen.
Meine Mutter ist nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem katholischen Sudetenland vertrieben worden und ins protestantische Nordbayern geflüchtet. Erst spät ist mir klar geworden, wie sehr diese Fluchterfahrung, der Mangel und das Nicht-erwünscht-sein meine ganze Familie geprägt hat. Als „Kriegsenkel“ (Sabine Bode) gibt es bei mir eine Ahnung davon, wie lange und subtil das zerstörerische Potenzial von Fluchttraumata sein kann.
Sommer 2016. Ein Grillabend mit den Nachbarn aus dem gut situierten Stadtteil. Ich komme mit einem pensionierten Arzt ins Gespräch. Schnell landen wir bei der „Flüchtlingskrise“. Ich bin begeistert über die Willkommenskultur, er reagiert süffisant entsetzt. Man wisse doch, dass die Afrikaner aufgrund ihrer genetischen Ausstattung zu einer freiheitlichen Demokratie gar nicht in der Lage seien.
Die von Sarrazin nach rechts „enthemmte Mitte“ (Decker/Kiess/Brähler) stand neben mir am Grill.
Katholikentag 2018 in Münster. Zu einer Podiumsdiskussion sind die kirchenpolitischen Sprecher aller im Bundestag vertretenen Parteien angekündigt, auch die AfD. Ein Bündnis katholischer Vereine und Initiativen ruft dazu auf, den AfD-Politiker offiziell auszuladen und damit ein Zeichen gegen rechtes Gedankengut zu setzen. Ich bin als Erstunterzeichner angefragt, sage aber ab. Mit einer Skandalisierung der AfD, so fürchte ich, geht man deren politischer Strategie auf den Leim.
Michael Schüßler
Dr. theol. habil, Dipl-Päd., Professor für Praktische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen; forscht zu Verflüssigungsprozessen in Kirche und Gesellschaft, zu Digitalität, Genderfragen und einer postheroischen Diakonietheologie.
Die öffentliche Geste verfestigt nur das Bild der Neuen Rechten als Anti-Establishment-Bewegung.
Das alles ergibt kein Gesamtbild, aber es spiegelt ein paar der Probleme, um die es im Folgenden geht.
MIT RECHTEN REDEN, OHNE ZU ZERSTÖREN
Mit Rechten reden? Das verdirbt einem nur den Tag, sagen die einen. Dafür ist es bereits zu spät, jetzt geht es um klare Kante, sagen die anderen. Aber gerade Christ/innen müssten mit Rechten Verständnis haben, dazu verpflichte die Nächstenliebe, sagen die Dritten.
Um die richtige Balance zu finden aus „Verstehenwollen“ und „Positionbeziehen“ ist es hilfreich, sich einige kommunikationstheoretische Grundlagen ins Gedächtnis zu rufen. Für eine brauchbare Verdichtung einiger der jüngst erschienenen Handlungs-Empfehlungen zum Umgang mit Rechten folge ich Bernhard Pörksen.
Eine vielleicht enttäuschende Erkenntnis steht am Beginn. Erstens gilt nämlich die Strategie pauschaler Abgrenzung und diffamierender Verurteilung als gescheitert. Sie unterläuft meist die eigenen moralischen Standards und wirkt kontraproduktiv. Wer „Alle Nazis!“ oder „Alles rassistische Ideologen!“ schreit, erzeugt bei unschlüssigen Sympathisanten erst jenen Drang zur Positionierung, der lose Zugehörigkeiten verfestigt. Zweitens wird das Gespräch mit unentschlossenen Mitläufern langfristig nicht umsonst sein. Man müsse zum „Hermeneuten der Wut“ werden, um zu begreifen, was sich hinter den Parolen verbirgt, so Pörksen. Hier verläuft allerdings ein schmaler Grat zum naiven Einverständnis.
Deshalb sollte drittens klar sein, dass Dialog kein Allheilmittel ist. Kommunikation transportiert Probleme, löst sie aber nicht automatisch. Bei einem Gespräch mit echten Fronten darf auch benannt werden, was unsäglich ist und wo die persönliche Grenze verläuft. „Grundsätzlich für das Gespräch zu votieren, heißt also nicht, auf Schärfe zu verzichten, sondern auf die diffamierende, oft falsche Sofort-Einordnung des politischen Gegners“ (Pörksen). Positionierung ja – Polarisierungen nach dem Schulz-von-Thun-Motto „Ich bin das Ideal – du bist der Skandal“ eher nicht.
Viertens hilft es deshalb, sich mit Empörung zurückzuhalten. Die Provokation durch Tabubrüche gehört zur Strategie rechter Kader. Die entstehende Alarmstimmung und öffentliche Erregung zeige dann nur die „Kaputtheit des Systems“. Fünftens sollte man unterscheiden zwischen den Kadern, also den ideologischen Stichwortgebern, und dem sympathisierenden Publikum bzw. den Wählern. Manche testen für sich vielleicht nur eine radikale Position, fühlen sich abgehängt oder suchen einfach die Protesterfahrung. Für die Auseinandersetzung mit Anführern und Aktivist/innen dagegen braucht es strategische Vorbereitung, wissensbasierte Gesprächsstrategien und rhetorische Kompetenz.
Dazu gehört sechstens, sich nicht aufs Glatteis führen zu lassen und das neurechte „Framing“ zu übernehmen. Für die Bedeutung entscheidend sind nämlich nicht reine Fakten, sondern die Person und die Sprache, die den Fakten einen sinnvollen Rahmen verleihen. Wer auf das Gegenüber nur reagiert, liefert sich ihm aus. „Wann immer man in der politischen Debatte […] gegen bestimmte Maßnahmen oder Ideologien argumentiert, verNicht ohne die Anderen! Widerständiges zur identitären Umformung des Christentums heddert man sich sprachlich – und damit gedanklich – in der Weltsicht des Gegners, anstatt in den Köpfen seiner Zuhörer einen Frame zu aktivieren, der von der eigenen […] Weltsicht erzählt“ (Wehling, 56). Donald Trump ist eine Katastrophe, denken sie jetzt nicht an ihn – eben!
IDENTITÄT UND VIELFALT: RECHTES DENKEN VERSTEHEN
Um die Gegenwart ins Bild zu bekommen, lässt sich ganz verkürzt ein roter Faden durch die jüngere Geschichte herausarbeiten. Der katholische Staatsrechtler Carl Schmitt (geb. 1888) war ein Kritiker der Weimarer Demokratie und Wegbereiter des Naziregimes. Heute gilt er als Ideengeber der Neuen Rechten. 1923 schrieb er: „Zur Demokratie gehört notwendig erstens Homogenität und zweitens nötigenfalls die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen. Die politische Kraft einer Demokratie zeigt sich darin, dass sie das Fremde und Ungleiche, die Homogenität Bedrohende zu beseitigen oder fernzuhalten weiß“ (Schmitt, 13f.).
Schmitt entwickelt einen völkischen Begriff von Demokratie, die gerade nicht aus der Vielheit der Einzelnen entsteht. „Der Wille des Volkes kann durch Zuruf, durch acclamatio, durch selbstverständliches, unwidersprochenes Dasein ebensogut und noch besser demokratisch geäußert werden als durch den statistischen Apparat“ (Schmitt, 22). Nach Jan-Werner Müller beschreibt das ziemlich genau die gängige Definition von (Rechts-)Populismus: „Wir – und nur wir – repräsentieren das wahre Volk“ (Müller, 26). Vielfalt und hybride Vermischungen erscheinen dagegen als Wurzel allen Übels.
Die Neue Rechte knüpft an dieses Denken an. Man akzeptiert die Vielfalt an Kulturen, aber nur in ihrem identitären Getrenntsein. Götz Kubitschek (geb. 1970), neurechter Verleger und Publizist erklärt: „Ethnopluralismus bedeutet, dass wir den ethnokulturellen Ausdruck der anderen würdigen, und nicht vorhaben, in irgendeiner Weise […] vereinnahmend zu wirken. Diese Haltung impliziert, dass man hofft, dass die anderen auch ethnopluralistisch sind und uns in Ruhe lassen. […] Klar ist, dass jedes Volk auch eine ethnische Größe ist und dass der Verlust dieser relativen Homogenität große Probleme nach sich zieht“ (Kubitschek, zit. nach Wagner, 82f.). Das erst auf den zweiten Blick rassistische Motto lautet: Es darf ja Afrikaner oder Muslime geben, aber nicht auf dem Gebiet, in dem „unser Volk“ lebt.
Neu ist auch ihre strategische Ausrichtung auf die Mitte der Gesellschaft. Statt dumpfer Skinheadkultur und Nazi-Folklore sucht man Rat bei der linken Protestkultur der 68er. Kubitschek übernahm von der APO die Strategie gezielter Provokationen und hoffte auf Nachahmer. Und so ist es dann auch gekommen, von Pegida über die AfD bis zu den Identitären. Martin Sellner (geb. 1989) ist deren österreichischer Sprecher. Von Lenins „Was tun?“, von Antonio Gramsci und Gene Sharp, dem Vordenker gewaltfreier Revolutionen im Osten und beim arabischen Frühling, habe er gelernt, „wie man es schafft, nicht selbst aggressiv zu werden, sondern den Gegner zu übertriebenen Reaktionen zu reizen und auf diese Weise zu blamieren“ (Sellner, zit. nach Wagner, 209).
In der Praxis funktioniert das so: Während eines kritischen Vortrags der Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl über neurechte Bewegungen hatte Sellner seine Leute im Publikum verteilt. Nach ein paar Minuten ging der Erste nach vorne und hat ihr mit den Worten eine Rose überreicht: „Frau Strobl, dürfen wir Sie zu unserem Stammtisch einladen. Damit Sie einmal nicht über uns, sondern mit uns reden?“ (zit. nach Wagner, 209). Die harmlose Gesprächseinladung war eine strategische Provokation im Raum des Politischen....




