E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Cora Johannis
Gasser Schwarzbubenland
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96041-281-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Cora Johannis
ISBN: 978-3-96041-281-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christof Gasser, geboren 1960 in Zuchwil bei Solothurn, war lange in der Uhrenindustrie tätig und leitete mehrere Jahre einen Produktionsbetrieb in Südostasien. Heute ist er selbstständig und unterrichtet nebenamtlich als Dozent und als freier Autor. Seine beiden Solothurn-Kriminalromane stehen seit mehreren Wochen auf den schweizerischen Bestsellerlisten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
EINS
Der dünne Lichtstrahl aus dem Nichts durchschnitt das Schwarz des schmalen, engen Korridors. Die Luft war zum Schneiden dick. Sie atmete mit offenem Mund. Sie hatte das Gefühl, nahe am Ersticken zu sein. Irgendwo vor ihr hörte sie die Angst- und Schmerzensschreie derjenigen, die auf sie zählten. Oder war es hinter ihr? Es kam von überall.
Die Luft hatte sich verändert. Neben staubigem Mief drang der schlammige Geruch modriger Feuchtigkeit in ihre Nase. Da war noch etwas anderes, etwas noch nicht Definierbares. Vor sich sah sie eine mit Stahlbolzen verriegelte Metalltür. Eine unbändige Todesfurcht ergriff von ihr Besitz und nahm ihr Herz in einen Klammergriff. Er drohte es zu zerdrücken und die Lebenskraft bis zum letzten Tropfen aus ihm herauszupressen.
Der Boden war hier feucht und glitschig. Sie rutschte aus und landete stolpernd auf ihren Knien. Eigenartigerweise verspürte sie keinen Schmerz. Der helle Lichtkegel verschwand im Nichts, woher er gekommen war. Lediglich ein schwaches blaues Leuchten schimmerte unter der Kante der Tür hindurch.
Beim Sturz hatte sie sich mit den Händen aufgefangen. Sie fühlten sich an den Innenflächen feucht und klebrig an. Sie hielt sie nahe vor die Augen. Eine träge Flüssigkeit lief in kleinen Rinnsalen über ihre Unterarme. Gleichzeitig begann die Luft zu zittern. Die Vibration vereinigte sich mit einem Geräusch, das sich vom hintersten Winkel ihres Gehirns einen Weg nach vorne bahnte. Es war ein lang gezogener, schriller Schrei. Ihr Schrei.
***
Cora Johannis warf Patrizia Egger einen mahnenden Blick zu und tippte sich auf den Mund. Patrizia leckte sich mit der Zunge den Milchschaumschnauz von der Oberlippe, den ihr Cappuccino hinterlassen hatte, und biss genüsslich in eine Butterlaugenbretzel.
Die Sonne hatte sich nach den nächtlichen Regenfällen bis in den frühen Morgen über der Solothurner Altstadt etwas hervorgewagt und dem anfänglich trüben Morgen ein spätsommerliches Gefühl verliehen. Unter der Markise auf der Terrasse des Café Hofer am Stalden, wo sie heute ihren Sonntagmorgenkaffee tranken, wurde es bereits angenehm warm. Coras Kinder waren den ganzen Tag beschäftigt; Julian mit einem Uni-Projekt, Mila bestritt einen Volleyballmatch.
Cora sah nicht ohne Neid zu, wie Patrizia genüsslich ihr Gebäck kaute. Nachdem ihr erbarmungsloses Spiegelbild an diesem Morgen einige bisher nie gesehene Hüftröllchen offenbarte, hatte sie sich ein Gebäck versagt und trank anstelle ihres Lieblings-Latte-macchiato einen doppelten Espresso. Immerhin konnte sie sich auf einen Lunch in einem der besten Restaurants der Stadt freuen, den sie nicht bezahlen musste.
«Ich hatte wieder einen dieser Träume», sagte Cora.
«Was meinst du?», fragte Patrizia. «Etwa die Alpträume, die dich lange verfolgt haben, nachdem du aus dieser Hölle zurückgekehrt bist?»
«Ja. Als ich mit Mila schwanger war und bis einige Monate nach ihrer Geburt waren sie verschwunden. Danach kamen sie nur selten wieder. Ich frage mich, warum sie mich ausgerechnet jetzt wieder heimsuchen.»
«Das hat nicht etwa mit deinem bevorstehenden Mittagessen und deinem Gespräch mit Wagner zu tun? Sag mir nicht, dass du mit dem Gedanken spielst, wieder in den Mittleren Osten zu reisen.»
Cora rührte mit dem Löffel in dem erkalteten Rest ihres Espressos. «Mach dir keine Sorgen, bei dieser Reportage, wenn ich sie denn kriege, bleibe ich in Europa. – Obwohl …», sie führte die Tasse zum Mund, «… Berichte über den Mittleren Osten würden besser bezahlt. Ich könnte das Geld gebrauchen.»
Kurz nachdem Cora vor etwas mehr als vierzehn Jahren eine Auszeit von ihrer Journalistentätigkeit genommen hatte, war sie schwanger geworden. Nach Milas Geburt hatte sie sich auf das Verfassen einiger aufsehenerregender Sachbücher über Flüchtlingspolitik, Schlepperei und Menschenhandel in den Krisengebieten Afrikas und dem Mittleren Osten konzentriert. Die einzige längere Reise in dieser Zeit hatte sie nach der Scheidung von Matthias unternommen, einen Trip zur Selbstfindung nach Südostasien.
Patrizia sah sie kritisch an. «Julian ist ja jetzt einundzwanzig und draussen. Ihm wird es nichts ausmachen, wenn du wieder herumreist. Mila hingegen –»
Cora schnaubte. «Der ist das doch erst recht wurscht. Die ist wahrscheinlich froh, wenn ich für eine Weile weg bin.»
«Liegt ihr euch etwa schon wieder in den Haaren? Mann, Cora.»
«Was? Ich darf meiner Tochter wohl noch sagen, wenn ich finde, dass es in ihrem Zimmer aussieht wie nach einem Bombenangriff, und dass ich ausserdem finde, dass sie von Matthias und Grazyna zu sehr verwöhnt wurde.»
«Das hast du ihr echt gesagt? Und dann?»
«Hat sie mir an den Kopf geworfen, dass ich eifersüchtig auf Grazyna bin, weil ich eh keinen Kerl mehr abkriege, und dass sie Matthias voll verstehen kann, dass er sich eine neue … ach!» Beim Wort «voll» zeichnete Cora Anführungszeichen in die Luft und äffte die keifende Stimme eines Teenagers nach.
Patrizia konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. «Die Kleine ist um eine Antwort nicht verlegen. Liegt wohl in der Familie.»
«Ich hätte ihr am liebsten eine gelangt.»
«Hast du aber nicht – hoffentlich.»
«Natürlich nicht. Mila ist ein richtiges Papimädchen, Papi hier, Papi da, und überhaupt ist Papi der Beste. Jetzt ist sie wütend auf ihn, weil er sie im Stich lässt. – Und lässt es an mir aus. Ich kann nichts dafür, dass es dort in Argentinien, wo er sein Kraftwerk baut, keine vernünftige Schule gibt und sie für die nächsten fünf Jahre mit mir vorliebnehmen muss.»
«Zahlt Matthias wenigstens für sie, wenn er sie schon bei dir parkiert?»
Cora hatte sich von Matthias Marthaler, Milas Vater, scheiden lassen, nachdem er sich auf einer Geschäftsreise in Lettland in Grazyna, die polnische Assistentin seines Kunden verliebt hatte, als Mila sechs Jahre alt war. Es schmerzte Cora heute noch, dass es nicht mehr als einer blonden Polin mit üppigen Kurven bedurft hatte, damit Matthias seinen Verstand verlor. Immerhin liess er sich nicht lumpen und beteiligte sich nach wie vor an der Amortisation des gemeinsamen Heimes, eines renovierten Bauernhauses im Bucheggberger Dorf Nennigkofen, das Cora zusammen mit ihren Kindern bewohnte. «Geld ist bei Matthias nicht das Problem. Ich will einfach nicht für den Rest meiner Tage von ihm abhängig sein. – Was mir zu denken gibt, ist, dass ich einfach nicht mehr weiss, wie ich an Mila herankomme. Sobald ich einen Schritt auf sie zumache, schnappt sie nach mir. Glücklicherweise hat wenigstens Julian einen guten Draht zu ihr und kann zwischen uns vermitteln.»
«Töchter in der Pubertät», sagte Patrizia mitfühlend. «Kein Wunder hast du wieder Alpträume.»
«Ich hätte mich früher mehr um sie kümmern sollen. Jetzt zahlt sie es mir heim.» Cora fühlte, wie ihre Augen feucht wurden, und wischte vorsorglich mit der Hand darüber.
«Hey», Patrizia legte eine Hand auf ihren Arm, «mach dir deswegen keine Vorwürfe. Du hast damals deiner Karriere Priorität eingeräumt. Mila und Julian waren während dieser Zeit bei deinen Eltern gut versorgt.»
«Trotzdem, die Grosseltern sind kein Elternersatz. Dafür hasst mich meine Tochter heute.»
«Weil dich diese Pubertätserbse anpisst? Da hast du doch Schlimmeres gesehen.»
Cora warf ihrer Freundin einen schmerzvollen Blick zu. «Reden wir nicht davon. Die Alpträume reichen mir.»
«Mensch, Cora!» Patrizias Stimme klang vorwurfsvoll. «Für das, was du gesehen hast, würde man sogar knallharte Elitesoldaten in Therapie schicken. Ich wüsste da einen guten Psychologen.» Sie beugte sich mit verschwörerischer Miene zu Cora hinüber. «Ausserdem ist er Single und sieht verdammt gut aus. Das wäre doch …»
«… eine Sauerei, wenn er sich mit einer Klientin einlassen würde. Danke, Patty, ich schaffe das allein.»
«Gerade habe ich den Eindruck, dass du dich von deiner Tochter schaffen lässt.»
Cora seufzte. «Du hast gut reden, du hast keine Kinder.»
Patrizia hob mit einem milden Lächeln die Augenbrauen. «Ist das dein Killerargument, ja? Wenn du das gegenüber Mila genauso machst, brauchst du dich nicht zu wundern, dass sie dich anfaucht.»
Cora hob resigniert die Arme. «Ja, entschuldige. Jungs aufzuziehen ist halt leichter als eine Göre, die meint, alle über dreissig seien uralt und voll peinlich.»
Patrizia schöpfte mit ihrem Kaffeelöffel die grosszügige, mit Schokopulver bestreute Schaumhaube von ihrem Cappuccino ab. Sie war die jüngste von drei Schwestern, die wiederum fünf Töchter hatten. Patrizia hatte ihre Nichten in allen Entwicklungsphasen begleitet und betreut, wenn ihre berufstätigen Mütter etwas Luft brauchten. «Weisst du, was dein Problem ist?», fragte sie, bevor sie den vollen Löffel in den Mund steckte. «Du lässt Mila zu nahe an dich herankommen.»
«Was soll ich denn deiner Meinung nach tun?», gab Cora zurück. «Sie ignorieren? Da hätte ich sie geradeso gut zu meiner Ex-Schwiegermutter gehen lassen können, wie Matthias vorgeschlagen hat. Somit wäre ich endgültig die unfähige Mutter.»
«Lass die Kirche mal im Dorf», sagte Patrizia einen Zacken energischer. «Mila war bei Matthias, und du hast Julian neben deiner Arbeit aufgezogen. Und Julian ist mehr als super herausgekommen.» Sie umfasste Coras Hände.
Cora dachte an ihren inzwischen verstorbenen Vater Nicolas Johannis, den sie zwischendurch schmerzlich vermisste, auch wenn sie nicht immer ein Herz und eine Seele gewesen waren. Julian hatte glücklicherweise viele der positiven Charakterzüge seines Grossvaters geerbt, dem Grosszügigkeit, Gerechtigkeit und Respekt vor Schwächeren stets...




