Gasser | Solothurn hüllt sich in Schweigen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Gasser Solothurn hüllt sich in Schweigen

Kriminalroman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-106-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-98707-106-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Ambassadorenstadt im Netz der Mafia. Ein temporeicher Kriminalroman, bei dem Lokalkolorit auf globales Verbrechen trifft. Eine Informantin der Polizei erscheint nicht zu einem vereinbarten Treffen. Wenige Stunden später ist sie tot. Am Tag darauf wird am Aareufer die Leiche eines Mannes gefunden. Das einzig verbindende Element ist der Solothurner Ableger eines deutscharabischen Familienclans. Doch dieser hüllt sich in Schweigen. Um die Fälle zu lösen, muss Hauptmann Dominik Dornach auf die Hilfe bewährter Verbündeter zurückgreifen. Ausgerechnet jetzt holt ihn eine Affäre aus der Vergangenheit ein, die tragisch endete ...

Christof Gasser, geboren 1960 in Zuchwil bei Solothurn, ist seit 2016 Autor von Kriminalromanen und Kurzgeschichten. Zudem schreibt er als Gastkolumnist für die Solothurner Zeitung. In seinen Romanen, die regelmäßig Spitzenplätze auf der Schweizer Bestsellerliste belegen, spielt seine Heimatstadt stets eine wichtige Rolle. Gasser lebt mit seiner Frau unweit von Solothurn am Jurasüdfuß. http://www.facebook.com/solothurnkrimi www.christofgasser.ch
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ZWEI


Die Bürotür stand offen. Dornach klopfte kurz an den Türrahmen und trat ein. Der Hauch eines blumigen Parfüms hing in der Luft, vermischte sich mit dem Aroma frisch gebrauten Kaffees.

»Guten Morgen, Katrin.«

»Dominik.« Kripochefin Katrin Friis zeigte zum Sitzungstisch. »Setz dich.« Gewöhnlich gehörten die Wochenenden ihr und ihrer Familie. Wenn es die Umstände erforderten, war sie vor Ort. »Kaffee?«, fragte sie.

»Danke, hatte ich bereits.«

Sie setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. »Ich habe Majas Bericht gelesen. Tragisch. Wie ist die Spurenlage?« Friis hatte es gern kurz und bündig.

»Wir gehen davon aus, dass in der Wohnung ein Kampf stattgefunden hat. Anscheinend wurde Frau Kurth mit ihrem eigenen Küchenmesser niedergestochen.«

»Erste Vermutungen?«

»Keine Anzeichen, dass sich die Täterschaft gewaltsam Zutritt zur Wohnung verschafft hat. Vermutlich hatte Frau Kurth die Person gekannt.«

»Nur ein Täter?«

»Die Spuren lassen den Schluss zu. Es könnte eine Tat im Affekt gewesen sein, vielleicht aus einem Streit heraus. Frau Kurth könnte sich mit dem Messer gewehrt haben. Die Täterin oder der Täter entwaffnet sie und verletzt sie damit, absichtlich oder aus Versehen.«

»Dafür spricht, was im Bericht der Rechtsmedizin steht. Es gibt Abwehrverletzungen an den Oberarmen und an der Schulter.« Friis schob die Unterlippe vor. »Kann auch sein, dass der oder die Täterin ihr von Anfang an Gewalt antun wollte.«

»Möglich. Aber wenn es eine geplante Tat war, frage ich mich, weshalb die Täterschaft die Tatwaffe dagelassen hat. Maja und Karin gehen einem Hinweis aus der Nachbarschaft nach.«

»Was für ein Hinweis?«

»Ein uniformierter Kollege hat heute Morgen die Aussage einer älteren Dame aufgenommen, die gestern im Lauf des Nachmittags einen Streit aus der Wohnung von Vanessa Kurth gehört haben will. Wir suchen weitere Zeugen, die das bestätigen und eventuell etwas gesehen haben.«

»Frau Kurth könnte die Tatperson also gekannt haben. Hinweise auf sexuellen Missbrauch?« Hinter der Frage verbarg sich nicht nur fachliches Interesse. Friis hatte zwei Kinder. Das ältere, eine Tochter, feierte in diesem Jahr seinen achtzehnten Geburtstag. Dornach konnte die Sorge seiner Chefin nachvollziehen. Er hatte dasselbe mit Pia durchgemacht und tat es noch heute. Angst um ihre Kinder verfolgte Eltern ein Leben lang. »Die Legalinspektion ergab keine Anzeichen.«

»Zumindest das wurde ihr erspart«, sagte Friis. »Arme Frau, wurde mit gerade mal fünfundzwanzig aus dem Leben gerissen.« Einen Moment saßen beide schweigend da, ein kurzes stilles Gedenken an den sinnlosen Verlust eines jungen Lebens.

»Frau Kurth soll eine unserer Informantinnen gewesen sein?«, nahm Friis den Faden wieder auf.

»Das ist richtig. Sie hat uns mit Insiderwissen aus dem Dunstkreis von Boran Baddour versorgt.«

»Boran Baddour? Der Kronprinz von Akim Baddour, Chef des gleichnamigen Clans?«

»Frau Kurth arbeitete in einem seiner Etablissements, dem ›Lioness Pub‹ in Bellach. Sie ist von sich aus zu uns gekommen. Ihr Bruder ist an einer Überdosis Drogen gestorben, die angeblich aus Baddours Küche stammten.«

Friis lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und richtete den Blick an die Decke. »Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr Boran Baddour befragen wollt? Weil er dahintergekommen sein könnte, dass Frau Kurth uns mit Informationen über seine Machenschaften versorgt?«

»Ich denke, wir sollten ihm auf den Zahn fühlen.«

Friis überlegte kurz. »Einverstanden, aber bitte mit Feingefühl. Ich habe keine Zeit, mich mit einem Heer wild gewordener Anwälte herumzuschlagen. Die lassen sich von ihrem Mandanten jede Minute bezahlen, wir können das nicht.«

Dornach stand auf. »Keine Sorge. Wir ziehen Glacéhandschuhe an.«

»Klärst du das mit Staatsanwältin Wirz?«

Dornach ließ sich zurück auf den Stuhl fallen. »Ich kann es noch mal probieren.« Er hatte heute bereits zweimal vergebens versucht, sie zu erreichen, obwohl sie angeblich auf seinen Bescheid wartete.

»Sie hat mich angerufen«, sagte Friis.

»Wirz?« Das klang nicht gut.

»Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, Hannah Wirz ziehe es vor, mit mir zu reden anstatt mit dir. Ist was zwischen euch beiden, wovon ich wissen sollte? Hattet ihr mal –«

»Nein, hatten wir nicht«, schnitt er ihr das Wort ab. »Soweit es mich betrifft, habe ich gegenüber Frau Wirz keinerlei Vorbehalte. Warum sie mir die kalte Schulter zeigt, ist mir ein Rätsel.«

Friis schürzte die Lippen. »Angela Casagrandes Weggang hat Wellen geschlagen, Dominik. Dass ihr beide ein Verhältnis hattet, wurde im Franziskanerhof nicht von allen goutiert.« Friis verriet mit keiner Miene, ob sie selbst es missbilligte oder nicht.

»Das ist bedauerlich. Gab es je oder gibt es Beanstandungen unserer fachlichen Zusammenarbeit?«

»Mir ist nichts zu Ohren gekommen. Der Oberstaatsanwalt hat sich nie negativ geäußert, weder zum einen noch zum andern.«

Das musste reichen. Dornach kannte Mosimann. Bei ihm galt die Devise: Nicht geschimpft ist genug gelobt.

»Am besten sprichst du mal mit Hannah Wirz. Einer von euch beiden muss den Anfang machen.«

Auf seine Anrufe und Nachrichten zu reagieren wäre ein guter Anfang. »Kein Problem, an mir soll’s nicht liegen.«

Damit war die Sache für Friis erledigt. »Hatte Frau Kurth Angehörige, die wir verständigen müssen?«

Dornach erklärte ihr, dass der Vater in Thailand lebte. »Die Adresse ist unbekannt. Karin versucht, ihn über die Botschaft in Singapur ausfindig zu machen. Wegen des Wochenendes wird das nicht vor Montag der Fall sein. Klärst du das wegen Baddour mit Frau Wirz?«

Friis’ Mundwinkel zuckten. »Okay, ich rede mit ihr. Du siehst aber zu, dass ihr eure Zusammenarbeit auf die Reihe bringt.«

»Natürlich, danke.« Eine ankommende Nachricht auf seinem Handy hinderte ihn ein weiteres Mal am Aufstehen. Sie war von Karin und kam wie gerufen. »Gerade ist ein weiterer triftiger Grund eingetroffen, weshalb wir Boran Baddour befragen sollten.«

»Der wäre?«

»Boran Baddour ist der Besitzer der Liegenschaft am Patriotenweg. Er ist nicht nur der Arbeitgeber von Vanessa Kurth, sondern auch ihr Vermieter.«

***

Nadine blinzelte.

Selbst mit aufgesetzter Sonnenbrille fühlte es sich an, als würden die Netzhäute das UV-Licht ungefiltert aufnehmen. Das trug nicht zur Linderung ihrer Kopfschmerzen bei.

Ein stechender Schmerz in der Seite ließ sie zusammenzucken. »Mach das noch mal, und du schläfst heute Nacht an einem sehr kalten, harten Ort«, fuhr sie Cédric an, der sie gekniffen hatte. Es hatte eine liebevoll neckende Geste sein sollen. Nach kaum anderthalb Stunden Schlaf und mit der Mutter aller Kater war es nur eine Pein.

Cédric grinste. »Wollte nur sehen, ob du aus deinem Schnapskoma erwacht bist. Kannst du die Fahrt nicht wenigstens ein klein wenig genießen?«

Sie wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden. »Ich kotze gleich das Boot voll, wenn du nicht aufhörst, an mir rumzufummeln.«

»Aber –«

Nadine deutete einen Kehlschnitt an. »Sendepause, ich will nichts hören.«

Sie war nicht fair zu ihm, das war ihr bewusst. An ihrem Brummschädel war sie selbst schuld. Sie hätte darauf bestehen sollen, nach Kneipenschluss an der HESO gleich nach Hause zu gehen, mit oder ohne Cédric. Stattdessen hatte sie sich breitschlagen lassen, zur Wohnung eines seiner Kumpels zu fahren und weiterzufeiern. Der Jahrestag ihrer Verlobung musste gefeiert werden, hatte er gemeint. Sie waren um halb sieben Uhr morgens ins Bett gekommen.

Das wäre so weit kein Problem gewesen, wenn sie nicht schon um elf Uhr beim Schiffsanleger bei der Rötibrücke hätten sein müssen. Es war der Geburtstag ihres zukünftigen Schwiegervaters. Er hatte Familie und Verwandte, zu denen Nadine auch gehörte, dorthin bestellt. Auf dem Programm zu seinem Siebzigsten stand eine Apéro-Fahrt mit der MS »Pisoni«, einem der drei Ausflugsboote der Öufi-Flotte. Nadine hasste Boote, erst recht, wenn sie einen Kater hatte. Sie hatte sich an die Reling gesetzt, für den Fall, unfreiwillig die Fische füttern zu müssen. Ziel der Flussreise war der Uferpark Attisholz, wo sie im Restaurant 1881, einer ehemaligen Fabrikkantine, mittagessen wollten. Allein beim Gedanken an feste Nahrung verknoteten sich Nadines Magennerven. Sie lehnte den Kopf an Cédrics Schulter und schloss die Augen.

Das Schiffshorn riss sie aus ihrem Dämmerzustand. Sie hatte fast die ganze Fahrt verschlafen. Die gemächliche Fahrt durch die herbstliche Flusslandschaft, die Unterhaltungen und das Geschwätz der anderen Gäste hatten sie eingelullt. Das Boot steuerte den Anleger des Uferparks an. Auf der linken Seite glitten die mit bunten Graffiti bemalten Gebäude der Industriebrache und der historische Säureturm vorbei. Nadine war froh, bald aus der Nussschale aussteigen zu können. Sie hoffte, ihr Magen würde die anstehende Nahrungsaufnahme zulassen. Sie hatte sich vorgenommen, bis auf Weiteres auf Alkohol zu verzichten. Ihr Blick glitt über das mit Bäumen und Buschwerk überwachsene Ufer. Zwischen dem Herbstlaub schimmerte die weiße Fassade des Fabrikneubaus eines amerikanischen Pharmamultis hindurch. Auf einer dem Ufer vorgelagerten Kiesbank sah sie ein verlassenes Holzboot mit Außenbordmotor. Anscheinend war es leckgeschlagen. Der Bug war im Trockenen, das Heck war vollgelaufen. Den Kahn hatte wohl einer im Suff auf Grund gesetzt. Die »Pisoni« fuhr in wenigen Metern Distanz daran vorbei. Nadine konnte ins Innere sehen.

Sie hatte sich lange...


Gasser, Christof
Christof Gasser, geboren 1960 in Zuchwil bei Solothurn, ist seit 2016 Autor von Kriminalromanen und Kurzgeschichten. Zudem schreibt er als Gastkolumnist für die Solothurner Zeitung. In seinen Romanen, die regelmäßig Spitzenplätze auf der Schweizer Bestsellerliste belegen, spielt seine Heimatstadt stets eine wichtige Rolle. Gasser lebt mit seiner Frau unweit von Solothurn am Jurasüdfuß.
http://www.facebook.com/solothurnkrimi
www.christofgasser.ch

Christof Gasser, geboren 1960 in Zuchwil bei Solothurn, ist seit 2016 Autor von Kriminalromanen und Kurzgeschichten. Zudem schreibt er als Gastkolumnist für die Solothurner Zeitung. In seinen Romanen, die regelmäßig Spitzenplätze auf der Schweizer Bestsellerliste belegen, spielt seine Heimatstadt stets eine wichtige Rolle. Gasser lebt mit seiner Frau unweit von Solothurn am Jurasüdfuß.
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