E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Gasser Solothurn tanzt mit dem Teufel
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96041-519-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-96041-519-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christof Gasser, geboren 1960 in Zuchwil bei Solothurn, war lange in führender Funktion in der Uhrenindustrie tätig und leitete zwölf Jahre einen Produktionsbetrieb in Südostasien. Seit 2016 arbeitet er als freischaffender Autor und Kolumnist. Seine Romane belegen regelmäßig Spitzenplätze auf der Schweizer Bestsellerliste.
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EINS
Karin tanzte im Rhythmus der Reggae-Klänge der Guggenmusik auf dem Friedhofplatz. Vor der Bar »Fryhof« unterhielt sich Luana mit drei jungen Männern. Sobald das Stück zu Ende war, kam sie zu Karin und hielt ihr eine Flasche Prosecco vor die Nase. »Prost.«
Karin trank in kleinen Schlucken. Der eiskalte Schaumwein kratzte in der Kehle. »Woher hast du den?«
»Den Typen dahinten abgeluchst.« Luana zeigte zu den drei Männern vor dem »Fryhof«, die über den Platz zu ihnen herübersahen.
»Was wollen sie dafür?« Karin setzte die Flasche erneut an.
»Wenn du daraus trinkst, musst du den in der Mitte, den Harry-Potter-Typ mit der Riesenbrille, auf den Mund küssen– mit Zunge bitte schön.«
Karin verschluckte sich. Sie wurde von einem Hustenanfall geschüttelt. Luana krümmte sich vor Lachen. Die Männer vor der Bar grinsten breit.
»Hättest du auch gleich sagen können.« Karin stieß Luana in die Seite. Sie warf sich die Kapuze ihres schwarzen Umhangs über. Ihr Blick wanderte verstohlen zur Bar. Sie konnte den Mann nicht einschätzen. Er trug einen überdimensionierten Zylinder, an dem eine ebensolche Brille festgemacht war. Was sie darunter zu erkennen glaubte, erweckte auf Anhieb keinen schlechten Eindruck, trotzdem wäre sie am liebsten gleich nach Hause gegangen. Ein kurzer Blick auf die Armbanduhr sagte ihr, dass sie bald zweiundzwanzig Stunden auf den Beinen war.
Um fünf Uhr früh des Vortages hatte der Böllerschuss die Stadt geweckt. Zusammen mit Hunderten anderer Durchmacher und Frühaufsteher hatte Karin im »Chesslerhemd«, einem übergroßen weißen Nachthemd, das sie über eine Daunenjacke gezogen hatte, mit dem traditionellen roten Halstuch um den Hals und weißer Zipfelmütze auf dem Kopf darauf gewartet, dass der Oberchessler den Zug in Marsch setzte. Eine voluminöse Kuhglocke, Leihgabe des großelterlichen Bauernhofes, hatte im Konzert mit weiteren Glocken, Rätschen, Hörnern und Pfannendeckeln zum Getöse beigetragen, welches die weniger fasnachtsaffinen Stadtbewohner aus den Betten riss.
Die »Chesslete« am Schmutzigen Donnerstag ist der Auftakt zum Höhepunkt der »fünften Jahreszeit«, wie die Solothurner ihre Fasnacht bezeichnen. Die Narren hatten die Stadtregierung temporär abgesetzt und das Regiment übernommen. Die Fasnacht ist Bestandteil der DNA der Stadt Solothurn, die jedes Jahr seit 1888 ab dem Hilaritag, dem offiziellen Beginn der Narrenzeit am 13.Januar, bis zum Aschermittwoch in »Honolulu« umbenannt wird. Zu diesem Zweck wechselt das Stadtbauamt die Orts- und Straßenschilder der Rathausgasse aus, welche für die Zeit der Fasnacht ihren ursprünglichen mittelalterlichen Namen trägt. Ob Einheimischer oder Besucher, freiwillig oder nicht, alle Menschen, die sich in den Fasnachtstagen in der Stadt aufhalten, werden in das verrückte Treiben einbezogen.
Nach der traditionellen Mehlsuppe, die in einigen Cafés und Beizen der Stadt gratis ausgegeben wird, hatten sich Karin und Luana in der Wohnung eines Freundes an der Rathausgasse ausgeruht. Die mit den Volksbräuchen weniger vertraute Luana hatte sich über das ausgewechselte Straßenschild mit dem Namen »Eselsgasse« gewundert. Karin hatte ihre Freundin aufgeklärt. Im Mittelalter befanden sich dort die Stallungen der für diese Gasse namensstiftenden langohrigen Unpaarhufer. Die gnädigen Herren, die im Jahr 1483 ihr neu errichtetes Rathaus in der Nachbarschaft bezogen, fanden den Bezug unangebracht und dekretierten den nobleren, außerfasnächtlichen Namen.
Am Abend hatten sie sich mit genügend Glühwein aufgewärmt, bevor sie im Hof des Gemeindehauses den Vorträgen der Schnitzelbankgruppen am traditionellen »Höflisingen« zuhörten. Dort wurde ihnen bald zu kalt. Sie dislozierten zum Restaurant »Roter Turm«, wo man die Schnitzelbänke im Warmen hören konnte, bis das Gedränge zu unangenehm wurde und sie weiter durch die Gassen zogen.
Auf dem Friedhofplatz wollten sie den Abend beschließen, das zumindest hatte sich Karin fest vorgenommen– vor dem Piccolo-Zwischenfall. Ein versonnener Blick auf die Etikette versetzte sie in Schock. Der vermeintliche Prosecco war ein »Moët& Chandon Brut Impérial«, der im Einzelhandel gut und gerne gegen vierzig Franken kostete.
Sie sah sich nach Luana um, die eine Bekannte getroffen hatte. Die beiden standen in ein heftiges Gespräch vertieft beim Simsonbrunnen. Karin kannte die andere Frau nicht. Sie war jung, höchstens zwanzig, und trug ein ähnliches Kostüm wie Karin, einen schwarzen, rot gefütterten Umhang, wie ihn Heldinnen in Vampirfilmen oder in klassischen Mantel-und-Degen-Schinken trugen. Darunter war sie, im Gegensatz zu Karin, welche Chesslerhemd und Thermowäsche anbehalten hatte, verhältnismäßig leicht bekleidet. Bei einer ausladenden Geste klaffte ihr Umhang auseinander und gab den Blick auf ein dünnes Minikleid mit schwarzen Strümpfen frei. Allein schon weil sie Anfang Februar in diesem Aufzug bei den herrschenden Temperaturen keinen Kältetod sterben wollte, würde sich Karin nicht mal an der Fasnacht so zeigen. Das Gespräch eskalierte. Die Unbekannte packte Luana am Kragen ihres Chesslerhemdes und redete wütend auf sie ein. Es sah aus, als wollte sie handgreiflich werden. Karin machte sich bereit zu intervenieren.
»Hey, du!«
Sie drehte sich überrascht um und blickte in das Gesicht ihres Getränkesponsors mit der überdimensionierten Harry-Potter-Brille. Dahinter sah er um einiges besser aus, als sie aus der Distanz vermutet hatte. So groß die Verlockung war, sie hatte keine Zeit für einen Flirt. In ein paar Stunden begann ihr Dienst. Sie überlegte, wie sie den Kerl abwimmeln konnte. Hilfe von Luana war nicht zu erwarten. Die musste sich voll auf ihre Gesprächspartnerin konzentrieren. Typisch, wenn man eine gute Freundin brauchte, war sie nicht zur Hand.
»Hey«, sagte sie zu Harry Potter und hob die Flasche in die Höhe. »Danke.«
»Gern geschehen.«
Seine Augen versprühten eine Kombination von Spitzbübigkeit und Sanftmut, die Karins Willenskraft auf eine harte Probe stellte. Trotz der eisigen Kälte errötete sie und zog die Kapuze ihres Capes tiefer ins Gesicht.
»Was ist?«, fragte er. »Gönnt sich Draculas Braut noch einen Schluck?«
»Wer?« Sie hatte ihn akustisch nicht verstanden.
»Draculas Braut«, sagte er lauter, um die Guggenmusik zu übertönen, die ein neues Stück angestimmt hatte. »Oder was stellst du in diesem Umhang dar?«
Anstelle einer Antwort bleckte sie ihr Gebiss, um ihm zu zeigen, dass die Fangzähne fehlten. »Und du stellst Harry Potter in Übergröße dar, oder wie?«
»Nein.« Er nahm die Pappbrille ab und warf sie achtlos zu Boden. »Ich habe hellseherische Fähigkeiten.«
»Ach ja?«
»Ja.«
»Was siehst du denn so alles hell?«
»Zum Beispiel wirst du innerhalb der nächsten dreißig Sekunden einen weiteren Schluck aus dieser Flasche trinken.«
»Wirklich? Was macht dich da so sicher?«
»Ganz einfach: Wenn nicht, tanzt du gleich mit mir über den Platz.«
Karin lachte und trank. Sie hatte die Flasche ein wenig zu heftig angesetzt, Schaum sprühte aus ihrem Mund. Kichernd und hustend setzte sie ab. Bevor sie ihn abwehren konnte, beugte er sich zu ihr herunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
»Was soll das?« Sie stieß ihn von sich weg.
»Entschuldigung, das war der Deal, einen Schluck gegen einen Kuss.«
»Und wo bleibt der Anstand? Ist um Erlaubnis fragen neuerdings aus der Mode gekommen?« Sie gab sich Mühe, nicht über seinen verdatterten Dackelblick zu lachen.
»Sorry, ich dachte–«
»Mach das noch mal.«
»Was?«
Sein Gesichtsausdruck war zu drollig. »Was wohl? Noch mal küssen sollst du mich. Ich hab’s eben nicht recht mitgekriegt.«
Er ließ sich kein drittes Mal bitten. Es war eher ein Picker als ein Kuss.
»Wie heißt du?«, fragte Karin.
»Andi.«
»Karin.« Sie packte ihn am Revers seines Fracks. »Das war nichts, Andi. Lass uns das gemeinsam wiederholen.«
»Was?«
»Das.« Sie zog ihn zu sich herunter. Er zuckte zusammen, als Karins Zunge ihren Weg zu ihm suchte. Ihre Lippen verschmolzen ineinander. Er schmeckte nach Minze und Zitrone mit einem Hauch von Alkohol.
Sie ließen voneinander ab. »Wie fandest du das?«, fragte Karin.
»Besser.«
»Ich auch. Mach’s gut, Andi, hat mich gefreut.« Sie drehte ihm den Rücken zu.
»Was hast du als Nächstes vor?«, rief er ihr nach.
»Schlafen. Ich muss früh raus.«
»Soll ich dich begleiten?«
Der Kuss hatte ihn offenbar ermutigt. »Ich–«
»Störe ich?« Luana hakte sich bei Karin unter. »Sorry, ich musste was mit einer Freundin besprechen.« Sie sah von der einen zum anderen, bevor es in ihren Augen erkennend aufblitzte. »Verstehe. Bin schon weg.«
»Halt, warte!«, rief Karin. »Ich gehe nach Hause.«
»Ich nicht«, antwortete Luana. »Macht nichts, ich muss eh noch ein paar Takte mit meiner Freundin reden.«
»Die, mit der du vorhin gesprochen hast?«
Luana nickte. »Alte Schulfreundin. Sie hat ein Problem, mit dem sie nicht zurechtkommt. Besser, wenn sie nicht allein bleibt.«
»Brauchst du Hilfe? Vorhin sah es aus, als wollte sie dir an die Gurgel.«
»Danke, ich hab’s im Griff. Geh nach Hause. Wir sehen uns beim Dienst.«
»Sei pünktlich«, mahnte Karin sie scherzhaft.
Luana arbeitete seit einem Monat als polizeiliche Sicherheitsassistentin bei der Kantonspolizei.
»Keine Sorge.« Luana drückte Karin einen...




