E-Book, Deutsch, Band 3, 368 Seiten
Reihe: Cora Johannis
Gasser Spiegelberg
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98707-210-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 3, 368 Seiten
Reihe: Cora Johannis
ISBN: 978-3-98707-210-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christof Gasser, geboren 1960 in Zuchwil bei Solothurn, ist seit 2016 Autor von Kriminalromanen und Kurzgeschichten. Zudem schreibt er als Gastkolumnist für die Solothurner Zeitung. In seinen Romanen, die regelmäßig Spitzenplätze auf der Schweizer Bestsellerliste belegen, spielt seine Heimatstadt stets eine wichtige Rolle. Gasser lebt mit seiner Frau unweit von Solothurn am Jurasüdfuß. http://www.facebook.com/solothurnkrimi www.christofgasser.ch
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Je mehr ich versuche, zu vergessen, desto eher holt mich die Erinnerung ein.
Ich habe aufgehört zu rennen. Ich will mich ihr stellen. Welche Alternativen bleiben mir? Der Sprung in den Abgrund? Dafür stehe ich hier am richtigen Ort, am äußersten Ende der Aussichtsplattform des Felsengrates Arête des Sommêtres, rund zweihundert Meter lang und nur eine Handvoll solcher breit. Hinter mir liegt die Hochebene der Freiberge, vor mir, rund fünfhundert Höhenmeter tiefer, die bewaldete Schlucht des Doubs, die über Kaskaden, Windungen und durch Stauwehre fließende Trennlinie zwischen dem Schweizer und dem französischen Jura. Ganz so tief würde ich nicht fallen, wenn ich springen wollte. Aber es wäre ein schöner Tod, an diesem Ort, mit der Weite des Landes vor Augen.
Ich verscheuche den Schwarm dunkler Gedanken. Stattdessen lasse ich meinen Blick über die weißen Felsen schweifen, in der Hoffnung, die Überreste der Burg zu entdecken, die im Mittelalter hier gestanden hatte.
Ruine Spiegelberg.
In einer Gegend, die Wert auf ihre frankofone Identität legt, muten deutschsprachige Ortsbezeichnungen merkwürdig an.
Spiegelberg. Für mich ist es mehr als nur ein Ort. Er steht für eine Erinnerung, die mich zwingt zu vergessen und mir gleichzeitig verunmöglicht, genau das zu tun. Ein Name, der Gespenster erlebten Schreckens auferstehen lässt, die ich hoffte, aus meiner Erinnerung verbannt zu haben.
Hier hatte die Burg gestanden, die heute als »La Ruine de Spiegelberg« bekannt ist. Das Blut der letzten Nachfahren der Dynastie, die es erbaute, klebt an meinen Händen seit den Tagen an jenem verwünschten Ort im Berner Oberland vor zwei Jahren: Blutlauenen.
Charlène, die schwatzhafte Serviererin im Restaurant der Klinik, die einen Steinwurf von hier entfernt liegt, hat mir die Geschichte erzählt. Die im 13. Jahrhundert errichtete Festung war der Sitz der Familie Mireval gewesen. Sie hatte die Grafschaft Muriaux, Spiegelberg zu Deutsch, vom Bischof von Basel als Lehen erhalten. Später verlegten sie ihr Domizil in die Herrschaft Kriegstetten im Solothurner Wasseramt. Dort vermählte sich ein Mireval mit der Adligen Anna von Halten. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts stellten zwei Generationen der Mireval oder Spiegelberg, wie sie sich fortan nannten, die Schultheißen der freien Reichsstadt Solothurn. Ludivine, der letzte Spross des Geschlechts, war eine meiner besten Jugendfreundinnen gewesen.
Wenn ich die Augen schließe, werden die Bilder von ihr lebendig. Ich sehe sie vor mir. Der Fels unter meinen Füßen löst sich auf. Unter mir ist die Leere des Abgrunds. Nur etwas hindert mich zu fallen.
Die Schlinge.
Sie schnürt mir die Kehle zu. Ich ringe nach Luft, versuche Halt zu finden, den Druck von mir zu nehmen. Mein Blickfeld verengt sich wie das Licht am Ende eines Tunnels, in dem ich rückwärtsfahre.
»Halten Sie sich fest.« Eine Frauenstimme. Sie spricht französisch mit mir.
Ich mache die Augen auf.
»Vorsicht.« Sie packt mich am Arm. »Für einen Moment dachte ich, Sie fallen mir über das Geländer.«
Ihr Alter ist schwer zu bestimmen, älter als ich auf jeden Fall, zehn Jahre, zwanzig? Sie strahlt Klarheit aus, ohne arrogant zu wirken. So blau ihre Augen sind, ist ihr Haar blond, oder war es mal. Sie scheint nicht eitel genug zu sein, um graue Strähnen nicht zuzulassen.
»Geht es Ihnen besser?«
Ich starre sie an. Sie wiederholt die Frage auf Deutsch, wahrscheinlich aus Gewohnheit. Die meisten Touristen in den Freibergen sind Deutschschweizer.
»Danke, ja. Ich muss mich setzen.«
Die Frau deutet hinüber zum Wald, wo der Felsenpfad seinen Anfang nimmt. »Können Sie gehen?«
Ich nicke.
»Was war mit Ihnen? Es sah aus wie eine Panikattacke.« Es klingt weder neugierig noch übertrieben besorgt, nur mitfühlend.
»Ich hätte es nicht tun sollen.«
»Was?«
Ich winke ab. Der Arzt in der Klinik hat mich ermahnt, es langsam anzugehen. Was heißt langsam? Seit zwei Jahren bewege ich mich im Kriechmodus.
Meine »Retterin« besteht nicht auf eine Antwort. Stattdessen reicht sie mir eine Wasserflasche. »Sie müssen trinken.« Erst will ich ablehnen, ein Pandemiereflex. Monate bevor das Virus zum Thema wurde, befand ich mich in meinem persönlichen Lockdown. Zuerst die Wochen im Spital, die Rückkehr in die eigenen vier Wände, die immer wieder gleichen Alpträume.
Bis der Zusammenbruch kam.
Mit der linken Hand verdecke ich das baumwollene rosa Stoffband mit dem Smiley, das die Narbe an meinem rechten Handgelenk verbirgt. Mila hat es mir geschenkt.
»Sie können ruhig trinken«, sagt die Frau. »Die Flasche ist noch versiegelt.«
»Was?« Ich merke, dass ich die Flasche die ganze Zeit nur versonnen in den Händen drehe. »Danke.« Ich trinke das Halblitergefäß fast leer. Mit jedem Schluck merke ich, wie durstig ich bin. Zwei Kaffee beim Frühstück sind eindeutig zu wenig.
»Besser?«
»Besser.« Ich versuche aufzustehen und setze mich gleich wieder hin.
»Warten Sie, bis sich Ihr Kreislauf normalisiert hat.«
Um nicht reden zu müssen, nehme ich mir Zeit, die Flasche zu leeren. Die Frau hat etwas Irritierendes. Ich glaube, sie von irgendwoher zu kennen, und komme nicht drauf.
»Sie sind Patientin in der Klinik Le Noirmont.« Sie zeigt auf das Patientenband an meinem linken Handgelenk.
»Ich war zur Kur, heute ist mein letzter Tag. Und Sie?«
»Kurzurlaub bei einer befreundeten Familie im Dorf. Morgen geht’s zurück nach Paris. Die Arbeit ruft.«
»Sie sind Französin?«
»Merkt man mir das an?«
Ich nicke, trotz meiner durchschnittlichen Kenntnisse unserer zweiten Landessprache höre ich die geschliffene Aussprache der Pariserin heraus.
»Sie kommen aus der Deutschschweiz, nicht wahr?«
»Dürfte schwer zu überhören sein.« Ich strecke die Hand aus. »Cora Johannis.«
Ein breites Lächeln erhellt ihr Gesicht. »Wusste ich es doch, deine schwarzen Haare, die weiße Strähne über der Stirn, die Bernsteinaugen. Wir kennen uns.« Sie greift nach meiner Hand und schüttelt sie.
»Sie kommen mir auch bekannt vor, aber –«
»Marokko, Anfang der Neunziger, erinnerst du dich nicht mehr an mich? Françoise, Françoise Gravier.«
Die Neunziger? Das war vor Äonen. Trotzdem dämmert es mir langsam. Ich recherchierte für eine Reportage über Flüchtlingsströme nach Europa. Die zu Spanien gehörende Landspitze von Ceuta an der marokkanischen Küste und das weiter östlich gelegene Melilla bilden die einzige EU-Landgrenze zu Afrika. Dort wird mit allem gehandelt, was Geld bringt, erst recht, wenn es auf illegale Weise verschoben werden kann, Alkohol, Drogen und Menschen. Die Arbeit ist mir weniger in Erinnerung geblieben als das lebendige Souvenir, das ich von dort nach Hause gebracht habe.
Inzwischen ist Julian fünfundzwanzig und lebt seit über einem Jahr mit seiner Freundin zusammen. Je älter er wird, desto ähnlicher sieht er Marzuk, dem marokkanischen Assistenten, den mir Françoise Gravier, damals mein Kontakt in der französischen Botschaft, vermittelt hatte. Mit einer Sonderbewilligung bewegte Marzuk sich frei mit mir zwischen Marokko und den spanischen Exklaven. Mich zu schwängern war nicht Bestandteil seines Jobprofils gewesen, geschah aber im gegenseitigen Einvernehmen, was den Akt betrifft, nicht dessen Resultat.
»Wie lange bist du danach in Marokko geblieben?«, will ich wissen, nachdem wir uns umarmt haben.
»Bis Ende 2001. Dann kam die erste Ernennung zur Botschafterin und Vietnam für drei Jahre, darauf folgten zwei weitere in Athen. Dann noch mal Marokko, bevor es zurück nach Europa ging, erst Bern, dann Brüssel.«
»Du warst Botschafterin in der Schweiz? Davon habe ich nichts mitbekommen. Warum hast du dich nie gemeldet?«
»Du warst ständig unterwegs. Ich war oft in Paris und dann …« Gravier senkt den Kopf. »Es ist viel passiert seit Marokko.«
Stimmt. Kaum hatte ich Julian abgestillt, überließ ich ihn der Obhut meines damaligen Partners Matthias. Ein Fehler, wie ich später bemerkte. Seine Assistentin Grazyna unterstützte ihn dabei mehr, als mir lieb sein konnte. Wie man sich bettet … »Bist du noch im diplomatischen Dienst?«
»Im Ruhestand, offiziell.«
»Und inoffiziell?«
»Gibt es so was nicht. Ich arbeite im Stab des Präsidenten.«
»Und mit Präsident meinst du …«
»Genau den, ich bin seine Sonderberaterin für Sicherheit in auswärtigen Angelegenheiten.«
»Diplomaten in Frankreich werden nie pensioniert, oder wie?«
»Nicht, wenn der Präsident sie um sich haben möchte. Nächstes Jahr werde ich siebzig. Dann ist Schluss.«
Dass Alter nur eine Zahl ist, unterstreicht ihr Äußeres. Bis auf die Falten um Mund und Augen wirkt sie wesentlich jünger. Sollte sie dereinst die Diplomatie satthaben, könnte sie eine zweite Karriere als Senior Model oder Best Ager ins Auge fassen.
Die Journalistin in mir stellt sich die Frage, ob Gravier sich nicht nur privat, sondern auch dienstlich in der Gegend aufhalten könnte. Was an den Freibergen könnte für den Hausherrn im Élysée-Palast von Interesse sein? »Vor Jahren kursierte ein Gerücht, der Kanton Jura wolle sich von der Schweiz abspalten und zu Frankreich wechseln«, sage ich augenzwinkernd. »Ist es etwa so weit? Geheime Sondierungsgespräche?«
Gravier lacht. »Mittlerweile dürfte den maßgeblichen Leuten in Delémont aufgegangen sein, dass sie einen schlechten Tausch machen würden. Doch genug von mir. Was ist mit dir, Cora? Weshalb bist du in der Klinik? Sag nicht, du hast Herzprobleme.«
Das wäre die...




