Gay | Stoneburner | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 420 Seiten

Gay Stoneburner

William Gay
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-948392-13-0
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

William Gay

E-Book, Deutsch, 420 Seiten

ISBN: 978-3-948392-13-0
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



'Stoneburner' ist eine hard-boiled Detektivgeschichte, wie sie nur William Gay schreiben konnte. Sie spielt in der Mitte der 1970er Jahre und erzählt die Story um den abgestumpften Privatdetektiv Stoneburner; Thibodeaux, einen Redneck Vietnam-Veteranen; Cathy Meecham, der schönen jungen Blondine, und den Ex-Sheriff Cap Holder. Stoneburner hat sein Büro in Memphis aufgegeben, um am Ufer des Tennessee River zu leben. Dort lernt er Cap Holder kennen, der ein kleines Vermögen gemacht hatte, nachdem Hollywood einen Film produzierte, der auf seinen Heldentaten basierte. Holder hat mit den Drogendealern in seiner ländlichen Gegend aufgeräumt. Cap Holder beauftragt Stoneburner, seine junge Freundin und einen Koffer mit Drogengeldern wieder zu beschaffen, nachdem Cathy und der Koffer gleichzeitig verschwunden sind. Die Nachforschungen bringen Stoneburner in Kontakt mit Thibodeaux, den er aus seiner Jugendzeit kennt. Nun ist Thibodeaux ein unberechenbarer Trinker. Verfangen in ihrer Vergangenheit, kollidieren die miteinander verschlungenen Wege und Motive von Storneburner, Thibodeaux, Holder und Cathy.

William Gay wurde 1939 in Hohenwald, Tennessee, geboren. Nach der High School trat Gay der United States Navy bei und diente während des Vietnam- krieges. Nach seiner Rückkehr in die USA lebte er in New York City und Chicago, bevor er nach Lewis County, Tennessee, zurückkehrte, wo er von 1978 bis zu seinem Tod 2012 lebte. William Gay arbeitete als Tischler, Gipskartonbauer und Anstreicher. Nach seinem Tod wurde eine große Anzahl von unveröffentlichten Manuskripten gefunden. 'Stoneburner' ist der zweite Roman, der posthum erschienen ist.
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Die erste Person, der Thibodeaux den Pick-up schenken wollte, war eine grobschlächtige, nach Land aussehende Frau in Jeans und Arbeitshemd mit zwei halbwüchsigen Jungen im Schlepp. Sie starrte ihn mit funkelnden blauen Augen an, packte die Jungen an den Ellbogen und zerrte sie weg, so als hätte Thibodeaux ihr ein perverses Angebot gemacht. Sie blickte sogar einmal über ihre Schulter, um sich zu vergewissern, dass er ihnen nicht folgte. Das tat er nicht. Er drehte sich um, ging zurück zum Pick-up, öffnete die Fahrertür und stieg ein.

Scheiße, fluchte er. Ich hätte gedacht, wenn man irgendwo auf der Welt nen Pick-up verschenken könnte, dann in Mississippi.

Cathy saß krumm und mit einem Knie auf dem Armaturenbrett da. Ein Ellbogen lag auf einer Armlehne, die Hand stützte das Kinn, während sie Thibodeaux nachdenklich ansah.

Die hat dich für verrückt gehalten. Ich muss zugeben, dass mir das auch schon ein, zwei Mal so gegangen ist. Cathy trug ein weites Seidenkleid, das ihr über den nylonbestrumpften Oberschenkel gerutscht war. Sie sah sehr schön aus und wirkte in Thibodeaux’ schäbigem Pick-up fehl am Platz.

Warum verkaufst du ihn nicht?, fragte sie. Oder park ihn irgendwo, wo er nicht im Weg ist, und lass ihn stehen. Für zwei Leute, die’s angeblich verflucht eilig haben, verbringen wir viel Zeit in Mississippi. Was nicht gerade der Staat ist, den ich mir ausgesucht hätte. Gibt’s da irgendwas Besonderes zwischen dir und Mississippi?

Thibodeaux antwortete nicht sofort. Er ließ den Blick über die Hauptstraße der kleinen Stadt wandern, so als würde er nach möglichen Autoempfängern suchen. Verdammt, das ist doch ein guter alter Pick-up. Jeder, der einen fahrbaren Untersatz braucht, kann damit was anfangen.

So toll ist er auch nicht. Der fährt sich wie ein Holzlaster. Außerdem hat jeder ein Auto. Sogar die Neger hier unten fahren heute gute Autos.

Thibodeaux ließ den Motor an und stieß zurück, fuhr langsam um das Gerichtsgebäude herum und bog in eine Seitenstraße.

Nie vergess ich den Abend, an dem ich meinen ersten Pick-up bekommen habe, begann er. Es kam mir vor wie ein Wunder. Ich hatte den Wagen, den ich wollte, bei einem Händler in der Stadt gesehen, aber der wollte ihn mir nicht verkaufen, wenn nicht mein Alter mit mir zusammen den Vertrag unterschrieb. Aber keine zehn Pferde konnten ihn dazu bewegen. Wir haben uns gestritten, dass die Fetzen flogen, und am Ende warf er mich aus dem Haus. Ich hab ihn nie so wütend erlebt. Damals bekam er eine Glatze, und zwischen den Haaren war schon die Kopfhaut zu sehen. Wenn er wütend war, so richtig sauer, dann wurde seine Kopfhaut weiß. Blutleeres, totes Fleisch, weiß wie ein Fischbauch, wie Huckleberry Finn gesagt hat. Die Kopfhaut wurde blass, und im Gesicht bekam er rote Flecken.

Warum sind dein Dad und du eigentlich nie klargekommen?

Hm, darüber hab ich lang nachgedacht. Immer wenn mir nichts anderes zum Nachdenken eingefallen ist. Verdammt, ich war auch nicht schlimmer als alle anderen. Ich bin ein paarmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten, aber meistens erst nachdem er mich rausgeworfen hatte. Aber eines Tages, als ich auf See war, bin ich draufgekommen. Es war so simpel, dass ich nicht wusste, warum ich’s nicht früher gemerkt hab. Er mochte mich einfach nicht. Ich war ihm einfach scheißegal, alles, was ich tat, war ihm egal. Damit konnte ich leben; jeder trifft Leute, die er schlicht und einfach nicht mag. Danach hab ich mir nie wieder Gedanken darüber gemacht.

Du wolltest doch was von einem unglaublichen Wunder erzählen.

Allmählich wurden die Läden weniger, und sie kamen in ein Wohnviertel mit provisorisch wirkenden Hütten auf Hohlblocksteinen. Misstrauisch dreinblickende Menschen wie von einem anderen Planeten. Verwitterte graue Bretterverschläge als Symbole für die abgehängten Südstaaten.

An dem Abend hab ich mich mit George getroffen, und wir sind ins Drive-in gefahren. Das war die Zeit, als sie jeden Freitag eine Verlosung gemacht haben, um das Geschäft anzukurbeln. Da wurden Autos verlost. Und als sie die Losnummern durchgegeben haben, saß ich da und hatte das passende Los. Mein Gott. Nach allem, was mein Alter mir an den Kopf geknallt hatte. Es war, als hätte Gott höchstpersönlich in den Lostopf gegriffen und das Los für mich ausgesucht. Als würde er sagen: Scheiß drauf, Junge, vergiss dieses blöde Gequatsche. Hier, da hast du was, das dich auf andere Gedanken bringt.

Sie deutete ein Lächeln an. Kann mir nicht vorstellen, dass Gott so daherredet.

Er bog von der Asphaltstraße auf einen Schotterweg. Er wand sich durch brache Felder, flankiert von durchhängenden Zäunen mit Pfosten, die in Bodennähe bereits verrotteten. In einiger Entfernung standen ein paar zusammengeschusterte Hütten, Rauch ringelte sich himmelwärts.

Da geht einer, sagte Thibodeaux. Wenn einer geht, braucht er vielleicht nen Wagen.

Aber er brauchte keinen, zumindest glaubte er es. Ein alter Mann mit wettergegerbtem Gesicht auf einem runzeligen roten Truthahnhals, der unschlüssig in einer ausgetrockneten Spurrinne stehen blieb. Auf dem Kopf hatte er einen Filzhut, dem der Schweiß seine ursprüngliche Farbe geraubt und einen Sepiaton verliehen hatte. Er schien direkt aus einem Walker-Evans-Foto aus der Depressionszeit zu stammen.

Ja zum Kuckuck, der Fahrzeugschein ist im Handschuhfach. Das ist mein Auto. Ich will ihn einfach herschenken. Wollen Sie ihn oder wollen Sie ihn nicht?

Der Mann sah sich nervös um, so als suchte er die versteckte Kamera, die ihn heimlich filmte, oder den lustigen Moderator, der die Szene arrangiert hatte. Und hinter den Kulissen mit einem neuen Pontiac Tempest wartete. Was krieg ich, wenn ich den Wagen nicht nehme?, fragte er.

Wovon redet der?, fragte Thibodeaux Cathy.

Der ist so verrückt wie du. Er glaubt, dass du mit ihm ein Spielchen spielst.

Am Fernsehen geht die Welt zugrunde. Dann kriegen Sie eben nichts, sagte Thibodeaux zu dem Mann. Dann bleibt Ihnen nur der lange Fußmarsch nach Corinth.

Meinen Sie’s wirklich ernst, dass Sie den Wagen herschenken wollen?

Herrgott noch mal, ja. Wollen Sie ihn jetzt oder nicht? Wenn nicht, schenk ich ihn jemand anderem.

Der ist doch nicht gestohlen, oder? Die Polizei sucht nicht danach?

Ich zeig Ihnen meinen Führerschein. Da steht derselbe Name drauf wie auf dem Fahrzeugschein.

Sie kommen auch nicht von so ner Wohltätigkeitsorganisation, oder?

Hören Sie. Mein Vater ist gestorben, und ich hab ein bisschen was geerbt. Jetzt hab ich mir einen Cadillac gekauft, der ist so lang wie ein Raddampfer, und ich kann ja nur eine Karre fahren. Und wer zu Fuß geht, könnte vielleicht ein Auto brauchen. Also?

Na gut, ich nehm ihn, sagte der Mann widerwillig. Ich bin allerdings kein so guter Fahrer. Bin ein bisschen eingerostet.

Kein Problem. Thibodeaux rutschte zu Cathy rüber. Steigen Sie ein. Das Einzige, was Sie tun müssen, ist, uns zum Motel fahren, wo unser Auto steht.

Der Mann kletterte schwerfällig auf den Sitz, umklammerte das Lenkrad und starrte über die Motorhaube auf die Straße. Dann blickte er in den Fußraum auf die Kupplung, anschließend leicht vorwurfsvoll zu Thibodeaux. Der hat ja gar keine Automatik, sagte er enttäuscht.

Tja, leider nein, sagte Thibodeaux. Läuft nicht immer alles so, wie man’s gern hätte.

Am nächsten Tag bezogen sie ein Motel kurz vor Tupelo. Thibodeaux ging los, um Bier zu kaufen, und als er zurückkam und die Zimmertür öffnete, wirbelte sie mit dem Telefonhörer in der Hand herum und legte hektisch auf. Er sprang zu ihr, schnappte sich das Telefon und hörte noch ein letztes Klicken. Er riss das Kabel aus der Buchse und knallte den Hörer mit aller Kraft gegen die Wand. Dann drehte er sich um und schlug sie mit der Hand so fest ins Gesicht, dass ihre Haare zur Seite schwangen. Ihre Miene wurde leer, dann machte sich Schock darauf breit.

Sie begann zu schluchzen und vergrub das Gesicht in den Händen. Ich wusste doch nicht, wer’s ist, stieß sie zwischen den Schluchzern hervor. Es hat einfach geklingelt, und ich bin rangegangen.

Na klar, es hat einfach geklingelt. Irgendwer ruft ganz zufällig in diesem Motelzimmer an, in dem ganz zufällig du bist.

Aber wenn ich’s dir sag. Der hat sich verwählt. Der wollte irgendwas verkaufen.

Klar, der Avon-Berater.

Sie hatte eine Schachtel Pralinen in der Hand gehabt, als er zuschlug, und jetzt begann sie, die Pralinen aufzuheben und sie wieder in die kleinen Wachspapierförmchen zu legen. Da kann ich doch nichts dafür, wenn das Telefon klingelt.

Wen hast du angerufen, Cathy?

Niemand. Ich hab niemand angerufen. Da hat sich einer verwählt, ein Sullivan.

Was du nicht sagst. Er fing an, seine Kleidung einzusammeln, holte sein...



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