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Gayton | Lettie Peppercorn und der Schneehändler | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 253 Seiten

Reihe: Baumhaus

Gayton Lettie Peppercorn und der Schneehändler


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1999-3
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 253 Seiten

Reihe: Baumhaus

ISBN: 978-3-8387-1999-3
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die 12-jährige Lettie Peppercorn lebt in einem Gasthof auf Stelzen. Sie verlässt nie das Haus, ihre einzigen Freunde sind der Wind und die Taube Periwinkle. Ihre Tage verbringt das Mädchen damit, den Gasthof zu führen. Nachts aber träumt sie von ihrer Mutter, die vor langer Zeit verschwunden ist - ohne eine einzige Spur. Eines Wintertages platzt ein völlig vereistert, ruppiger Reisender in den Gasthof, der sich als Alchemist ausgibt und eine neue Erfindung an sie verkaufen will. Eine Erfindung, die Letties Leben - und die Welt - für immer verändern wird. Eine Erfindung, die sich Schnee nennt ...

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1. Kapitel

Ankunft eines Fremden

In einer Winternacht, so kalt und dunkel, dass in den Kaminen die Feuer gefroren, kam der Schnee nach Albion, sicher verstaut im Koffer eines Fremden. Lettie war die Erste, die den Fremden sah.

Er kam zu Fuß vom Hafen her, schleifte sein Gepäck – wump, wump, wump – über das Kopfsteinpflaster von Tauschdorf und hielt Ausschau nach dem Schild des Gasthauses Zum Schimmel. In der Essiggasse wurde er schließlich fündig. Das Schild schwang über der Veranda eines auf Stelzen erbauten Hauses im Wind hin und her. Von weit oben, am kleinen Küchenfenster, sah Lettie, die Wirtin, den Fremden kommen.

Durch ihr Fernrohr konnte sie die lange Spur seiner in den frostüberzogenen Schlamm gestanzten Schritte erkennen. Sie sah, wie er eine Hand auf das Geländer der Leiter legte, die zum Eingang führte, und durch die schwarze, windwirbelnde Nacht zum Anstieg ansetzte. Der Wind war so stark, dass er einem schier die Finger von der Hand hätte abtrennen können, und der Fremde trug keine Handschuhe. Es war der kälteste Winter, den Lettie je erlebt hatte, und der Mann war mit Abstand der kälteste Gast.

Seine Zähne waren blau.

Sein Haar war weiß.

Seine Finger waren blau.

Das Weiße in seinen Augen war blau, die Pupillen weiß.

»Ein Mann mit einem Eiszapfenbart«, raunte Lettie Periwinkle zu, der gerade hereingeflogen kam. »Wo sollen wir ihn nur unterbringen? Alle Betten sind belegt.«

Periwinkle legte den Kopf schief, Lettie seufzte. Für eine Taube konnte Periwinkle erstaunlich gut zuhören, aber unterhalten konnte man sich mit ihm nicht besonders.

Lettie schob mit einem Schnappen das Fernrohr zusammen und ließ es in ihre Schürzentasche gleiten. Dann ging sie in ihr winziges Wohnzimmer, wo ihre zwei Gäste – eine Frau aus Laplönd und eine Juwelierin aus Bohemien – in zwei Lehnsesseln vor dem Kamin saßen. Ihre echten Namen standen im Gästebuch, aber Lettie nannte sie nur das Walross und die Glotzerin. Die Frau aus Laplönd war das Walross, weil sie sehr dick war und Barthaare hatte, und die Juwelierin hieß Glotzerin, weil sie den ganzen Tag nichts anderes tat, als vor sich hin zu starren. Und so passten Letties erfundene Namen besser zu ihnen als ihre echten.

»Da kommt jemand«, sagte die klein gewachsene, in sich verschrumpelte Juwelierin. Sie hakte sich die Bügel ihrer dicken Sucherbrille hinter den Ohren ein und klappte dann die Linsen nach unten, um mit tellergroßen Augen darüber hinwegzustarren.

»Mein Bett kriegt er jedenfalls nicht«, brummte das Walross. Ihr fleischiger Lippenstiftmund schmollte, ihre Schweinsäuglein waren fest zusammengekniffen, das Dreifachkinn schwabbelte empört.

Lettie kam nicht dazu zu antworten, denn schon flog die Tür auf und der Mann mit dem Eiszapfenbart erschien auf der Schwelle.

»Ich brauche ein Zimmer«, sagte er. »Und es muss unbedingt eiskalt sein!«

Sofort schrumpfte das Feuer im Kamin zu kleinen Flämmchen zusammen. Der Wind rauschte herein, und noch bevor sich die Walrossfrau die Ohren mit den Händen bedecken konnte, schnaufte er die winzigen Kerzen an ihren Kandelaber-Ohrringen aus.

»Ja«, sagte der Fremde sanft. »Das ist wunderbar.«

Sein Lächeln knirschte, ein Splitter seines Eiszapfenbarts klirrte zu Boden.

Lettie starrte ihn an. Dann löste sie sich aus der Erstarrung und ging mit wackeligen Knien auf ihn zu, um seinen Koffer zu nehmen.

Aber der Fremde scheuchte sie mit einer Handbewegung zurück.

»Weg da«, sagte er finster. »Viel zu anfällig.«

»Ich bin weder anfällig noch schwach«, erwiderte Lettie. »Ich bin schon zwölf.«

»Ich rede von meiner Ware!«, keifte der Fremde und deutete mit dem Kopf auf den Mahagoni-Koffer. »Sie ist sehr … empfindlich. Wenn sie kaputtgeht, wirst du sie nicht mehr kaufen wollen. Und dann wäre ich den ganzen Weg hierher umsonst gekommen.«

»Sir«, sagte Lettie. »Ich weiß ja nicht, was Sie da zu verkaufen haben, aber ich kann mir Ihre Ware so oder so nicht leisten.«

»Nicht so anmaßend sein!«, schimpfte der Fremde. »Ich erkenne meine Kunden zehn Meilen gegen den Wind.«

Das Walross und die Glotzerin betrachteten ihn neugierig.

Lettie verschlug es schier die Sprache. Seit einer Woche hatte sie nichts anderes gehört als:

»Ich will mehr Zucker in meinen Tee!«

»Mehr Decken auf die Sessel!«

»Mehr Holz ins Feuer!«

Und jetzt stand hier jemand – ein eisiger Mann mit einem Koffer voller Geheimnisse – und behauptete, sie sei seine Kundin.

Lettie Peppercorn, genug gestarrt! Jetzt sag endlich was!, redete sie sich selbst gut zu.

»Willkommen im Gasthaus Zum Schimmel, Sir.«

»Schon gut, schon gut«, sagte der Mann ungehalten. »Jetzt hol endlich den Wirt, bevor ich hier noch auftaue!«

Lettie verdrehte die Augen. Diesen Fehler machte jeder neue Gast. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Ich bin die Wirtin hier.«

»Du?!«, schnaubte er.

Lettie musterte ihn streng. »Ganz recht. Ich. Lettie Peppercorn.«

»Aber was ist denn mit Mr Peppercorn?«

»Mein Vater ist in der Kneipe, schätze ich mal. Unten am Hafen, Zur Muschel vor dem Sturm. Wird wohl mit den Seeleuten ein paar Wetten zocken.«

Der Fremde schürzte ärgerlich die blauen Lippen. »Und deine Mutter?«

»Nun«, ereiferte sich Lettie. »Da würde ich sagen, das geht Sie nichts an.«

»Mädchen, das hast du wohl kaum zu entscheiden, oder? Du bist nur eine Kundin für mich, mehr nicht.«

»Und ob ich mehr bin!«, entgegnete Lettie. »Ich wasche Bettlaken, ich staube Schränke ab, ich räume Zimmer auf und ich kann einen verflixt guten Tee aufbrühen!«

»Ihre Fähigkeiten als Wirtin sind durchaus zufriedenstellend«, mischte sich das Walross ein.

»Aber die Einrichtung ist grauenhaft«, sagte die Glotzerin. »Tut richtig in den Augen weh.«

Lettie folgte dem Blick des Fremden, als er sich im winzigen Raum umsah. Das Gasthaus Zum Schimmel war in der Tat ziemlich trostlos und nur spärlich eingerichtet. An den Wänden hingen längst keine Bilder mehr, nur dunkle Rechtecke verrieten noch ihren alten Platz. An der Tür zur Küche stand ein Esstisch, und außer den beiden Lehnsesseln am Kamin gab es nur noch das alte Pianola von Letties Mutter. Und einen letzten kleinen Teppich.

»Zumindest ist es hier kalt genug«, sagte der Mann.

»Aber alle Betten sind belegt«, wandte Lettie ein.

»Ich brauche auch kein Zimmer zum Schlafen, Kind. Sondern eins fürs Geschäft.«

Lettie hätte ihm nur allzu gern ein paar Takte über gute Manieren erzählt und ihn mit Sack und Pack nach draußen befördert. Aber das ging nicht. Das Gasthaus hatte das Geld bitter nötig. Wegen der Wetten, auf die Letties Vater sich immer einließ, klopfte Mr Egel, der Schuldeneintreiber, längst jede Woche an die Tür.

Also schluckte Lettie die Antwort, die ihr auf der Zunge lag, hinunter. Stattdessen schenkte sie dem Fremden ein Lächeln, bei dem ihre wunderschönen großen Augen aufblitzten. Die Augen, die sie von ihrer lange verschwundenen Mutter geerbt hatte.

»Selbstverständlich, Sir. Bett oder Geschäft, bei uns kostet alles gleich viel …« Sie streckte eine Hand aus. »Drei Schilling pro Nacht, bitte.«

»Drei Schilling ist annehmbar …«, begann die Glotzerin.

»… zumindest für ein Gasthaus, in dem es nur noch einen einzigen Teppich gibt«, fügte das Walross hinzu.

»Für geschäftliche Zwecke können Sie jedes beliebige Zimmer nutzen«, sagte Lettie, ohne auf die Kommentare ihrer Gäste einzugehen. Dann senkte sie die Stimme, sodass die zwei Frauen sie nicht hören konnten: »Auch die Zimmer der beiden hier.«

Sie dachte, nun würde der Fremde anfangen zu feilschen. Schließlich war er Geschäftsmann und man befand sich hier in Tauschdorf. Aber der Mann runzelte nur finster die Stirn und sagte: »Hauptsache, du stellst mir alles zur Verfügung, was ich brauche.«

»Das werde ich«, versprach Lettie. »Dazu einen Tee und ein Lächeln.«

»Also gut«, sagte er. »Abgemacht.«

Lettie gab sich alle Mühe, einen Jubelschrei zu unterdrücken. Sie war inzwischen so knapp bei Kasse, dass sie sich selbst mit zwei Schilling zufriedengegeben hätte. Drei würden die heutigen Schulden ihres Vaters decken. Wenn sie ihm das Geld jetzt zukommen ließ, würde er sich heute nichts von Mr Egel borgen müssen. Und das bedeutete, dass Mr Egel nicht um Mitternacht im Gasthaus aufkreuzen würde, um sich auch noch den letzten Teppich zu holen.

Ein dreifaches Hoch auf den Mann mit dem Eiszapfenbart und den schlechten Manieren!, rief Lettie stumm.

Da wurde ihr klar, dass sie noch nicht einmal seinen Namen kannte. Er hatte sich noch gar nicht vorgestellt, was Lettie ungewöhnlich fand. Schließlich war er doch Geschäftsmann und bezeichnete sie als seine Kundin. Ob er es unhöflich finden würde, wenn sie direkt danach fragte? Aber bevor sie den Mund aufmachen konnte, bückte er sich plötzlich und pflückte drei Kieselsteine aus den schwarzen Eistrauben, die seine Stiefel umwucherten.

»Da«, sagte er. »Streck deine Hand aus.«

Lettie verschränkte die Arme vor der Brust. »Sir, ich hab gesagt, drei Schilling, nicht drei Steine

»Und ich sage: Streck deine Hand aus. Und hör endlich auf zu meckern.«

Widerstrebend tat Lettie, wie ihr geheißen. Der Fremde ließ die Kieselsteine auf ihre...



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