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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 3, 202 Seiten
Reihe: Ein Fall für Nina Wagner
Gebert Mord in Travemünde: Tödliche Küste
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-261-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ostseekrimi: Ein Fall für Nina Wagner 3 | Kreuzfahrt mit einem Mörder
E-Book, Deutsch, Band 3, 202 Seiten
Reihe: Ein Fall für Nina Wagner
ISBN: 978-3-98690-261-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anke Gebert studierte u.a. am Deutschen Institut für Literatur in Leipzig. Sie arbeitete in verschiedenen Berufen, bevor sie in Hamburg an der Master School Film ein Drehbuch-Studium absolvierte. Seit einigen Jahren ist sie freie Autorin von Romanen, erzählenden Sachbüchern und Drehbüchern. Sie gibt Seminare für fiktives und autobiografisches Schreiben. Für ihre Arbeiten erhielt sie diverse Preise. Die Autorin im Internet: www.ankegebert.de Bei dotbooks veröffentlicht Anke Gebert: »Eine Liebe im Adlon« und die Krimireihe um Nina Wagner mit den Titeln »Mord in Travemünde - Tödliche Brise«, »Mord in Travemünde: Tödliche Wellen« und »Mord in Travemünde: Tödliche Küste«
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Kapitel 5
Er war an diesem frühen Morgen der einzige Mensch auf der Straße Mittschiffs, nicht mal im Godewindpark war schon jemand unterwegs, um seinen Hund auszuführen. Wieder einmal faszinierte Pierre die Idylle, die dieser Park ausstrahlte, mit seinen beiden miteinander verbundenen Teichen, die wie Seen anmuteten, über die eine Brücke führte. Die Pavillons aus hohen Hecken und besonderen Sträuchern, in denen Menschen ausruhen oder picknicken konnten. Die riesigen, seltenen Bäume, deren Aste bis übers Wasser ragten und dem Park etwas Verwunschenes verliehen. Schwäne und Enten waren auf der Suche nach Nahrung für ihre Jungen. Der Ausblick von der Wohnung auf diesen Park, hinter dem man die Wellen der Ostsee rauschen hörte und abends die beleuchteten Fähren aufs Meer hinausfahren sah, war einer der Gründe gewesen, weshalb sich Monica und Pierre in die Wohnung Mittschiffs verliebt und sie kurz entschlossen gekauft hatten. Eine Weile waren sie dort glücklich gewesen. Sehr glücklich. Jetzt ging Pierre allein am Strand entlang und musste sich ermahnen, die Schönheit des Meeres, des Himmels und der Weite wahrzunehmen.
Er verharrte am Ufer und ließ den Blick schweifen. Danach begann er, auf seiner gewohnten Strecke zwischen Sand und Steinen nach Bernstein Ausschau zu halten. Wenn Monica ihm wohlgesinnt war, bezeichnete sie seine Bernsteinsammelei als eine Passion. Wenn sie ihm schlecht gesinnt war, verglich sie ihn mit spießigen Sammlern von Bierdeckeln oder Briefmarken. In Wahrheit war das Suchen von Bernstein für Pierre zu einer Zwangshandlung geworden. Wenn es ihm nicht gut ging oder er dringend über etwas nachdenken oder gar eine wichtige Entscheidung treffen musste, dann gelang ihm dies am besten, wenn er wie mit einem Tunnelblick Ausschau nach Bernstein hielt. An diesem Morgen traf alles zusammen zu: Es ging ihm nicht gut. Er musste dringend über etwas, über mehreres nachdenken. Und er musste eine Entscheidung treffen.
Er hatte Monica einen Zettel mit der Nachricht, dass er an »seine Bernsteinküste« ginge, auf den Tisch gelegt, obwohl sie wusste, wo er war, wenn er in aller Frühe allein loszog. Pierre hatte die Wohnungstür leise hinter sich geschlossen, um seine Frau nicht zu wecken, denn er wollte ihr nach dem gestrigen Abend nicht begegnen, so verkatert, wie sie sicherlich war. Sie hatten sich in der vergangenen Nacht wieder einmal so vieles gesagt, was nun zwischen ihnen stand und vielleicht für immer zwischen ihnen stehen würde, auch wenn Monica am Morgen nach solchen Abenden dies meist bedauerte und weinerlich, fast wie ein kleines Mädchen war, das wieder »lieb« sein wollte.
Doch Monica war nicht lieb, sie war krankhaft eifersüchtig. Das war sie bereits, bevor Pierre etwas mit einer anderen Frau angefangen hatte. Monica würde immer eifersüchtig bleiben, auch wenn Pierre inzwischen mit seiner Geliebten auf der MS »Azzuro« Schluss gemacht hatte. Er musste darüber nachdenken, wie er das weiterhin aushalten konnte. Monicas stetige Eifersucht. Diese Ehe. Das Leben mit ihr. Außerdem die Drohungen seiner Geliebten. Niemals hätte Pierre gedacht, dass diese fröhliche Frau, die für die an Bord der MS »Azzuro« engagierten Künstler und deren Entertainmentprogramme verantwortlich war, so reagieren würde, wenn er sie bat, den Spaß, den sie fast zwei Jahre lang auf ihren gemeinsamen Kreuzfahrten gehabt hatten, zu beenden.
Nachdem sie begannen, sich heimlich in seiner Kabine zu treffen, hatten sie vereinbart, dass alles nur zum Vergnügen wäre, keiner zu etwas verpflichtet sei und sie damit aufhörten, wenn sie daran die Lust verlören. Wie sie sich verhielten, wenn nur einer von beiden die Lust verlor, darüber hätten sie wohl auch eine Vereinbarung treffen sollen. Eigentlich hatte Pierre nicht die Lust verloren, ganz im Gegenteil, in seinen erotischen Phantasien kam bis heute immer noch Marion vor. Doch sie hatte irgendwann angefangen, mehr von ihm zu wollen als nur Spaß. Ein Leben mit ihm. Offiziell auf dem Schiff und an Land ebenfalls. Pierre lehnte das ab. Daraufhin hatte Marion ihn gestalkt, wenn er in Travemünde bei seiner Frau war. Bombardierte ihn mit Anrufen und Mails, sodass es nur eine Frage der Zeit gewesen war, bis Monica dahinterkam, dass Pierre eine Geliebte hatte. Seitdem spielten sich nicht nur an Bord der MS »Azzuro« für Pierre Dramen ab, sondern auch, wenn er daheim war.
Wie dumm von Marion! Wäre sie die Frau geblieben, die anfangs heimlich, fröhlich, frech und unverbindlich mit ihm ins Bett stieg, hätte er sich vielleicht sogar für ein Leben mit ihr entschieden. Nun hatte er beschlossen, bei Monica zu bleiben. Denn weshalb vom Regen in die Traufe wechseln?
Auf Höhe der Segelschule, kurz vor der Steilküste mit ihrem Naturstrand, wo sich auch FKK- und Hundestrand befanden, glitzerte Pierre ein erster Bernstein im flachen Wasser entgegen. Er bückte sich, hob ihn auf und hielt ihn gegen das Licht der Sonne, die am Horizont höher und höher stieg. Ein kleiner Einschluss war zu erkennen, so lange, bis der Stein in Pierres Händen getrocknet war. Er fand die Steine am schönsten, wenn sie nass waren, deshalb rieb er sie zu Hause immer mit einem leichten Öl ein.
Pierre blickte über die Ostsee. Die MS »Azzuro« fuhr gerade aus der Trave aufs Meer hinaus. Der Anblick »seines« Kreuzfahrtschiffes hatte ihn bis vor Kurzem ähnlich beglückt wie ein Bernsteinfund. Doch heute Morgen versetzte er ihm einen schmerzhaften Stich. Wenn die schiffseigene Auslaufmelodie »Song of Azure« noch nicht verklungen wäre, hätte er sich jetzt sicherlich sogar die Ohren zugehalten.
Pierre hatte gewusst, dass »sein Schiff« über Nacht in Travemünde lag. Als er an Bord noch keine Probleme hatte, wäre er auf jeden Fall abends hingegangen und hätte die Mitglieder der Crew und auch einige Künstler, die er seit Jahren kannte, begrüßt. Er hätte an Bord einen Drink genommen, während die meisten Gäste des Kreuzfahrtschiffes während der Overnight organisierte Ausflüge nach Lübeck, Hamburg oder vielleicht ins Restaurant des Drei-Sterne-Kochs Kevin Fehling im »Columbia Hotel« machten. Dieses Mal erinnerte Pierre der Anblick der »Azzuro« allerdings ausschließlich daran, dass das Schiff bereits in wenigen Tagen nach Travemünde zurückkehren würde und er seine vermutlich letzte Reise darauf antreten musste. Gemeinsam mit Marion. Die Entertainmentmanagerin, die bis vor Kurzem seine heimliche Geliebte war, hatte ihm gedroht, dafür zu sorgen, dass er weder auf der MS »Azzuro« noch auf einem anderen Schiff auf der Welt jemals wieder engagiert würde, wenn er es wage, die Affäre mit ihr zu beenden. Sie würde schon eine gute Begründung dafür finden, dass sein Name auf die »Schwarze Liste« der Kreuzfahrtreedereien gesetzt würde.
Es gab jedoch noch einen anderen Grund, weshalb Pierre die bevorstehende Schiffsreise scheute: Er war hinter die Machenschaften eines bekannten Galeristen, der schon jahrelang auf der MS »Azzuro« Bilder ausstellte und verkaufte, gekommen. Felix Manthei. Dieser sympathische Mann mit seinem einnehmenden Wesen, der einen tadellosen Ruf auf der MS »Azzuro«, in seiner Heimatstadt Köln und darüber hinaus als Maler und Galerist in ganz Deutschland genoss, hatte offenbar schon Vorjahren begonnen, Bilder unter dem Namen Eugen Kästners, eines vor Jahrzehnten verstorbenen expressionistischen österreichischen Künstlers, zu verkaufen. Bilder, die Felix Manthei selbst gemalt hatte. Fälschungen, für die er immer höhere Preise erzielte, weil die Nachfrage nach den Werken des angeblich verschollenen Expressionisten so groß war, dass ein angesehenes Auktionshaus sie im Auftrag Mantheis zu schwindelerregend hohen Summen versteigerte.
Angefangen hatte wohl alles damit, dass Felix Manthei zufällig an eine Arbeit des österreichischen Malers Eugen Kästner aus den 1920er-Jahren gekommen war und ihm ein Sammler viel Geld für diese bezahlte. Manthei gab vor, noch weitere Arbeiten auf irgendeinem Dachboden entdeckt zu haben, und begann, die Bilder des Künstlers systematisch zu fälschen. Anfangs bot er geschickt dosiert immer mal wieder nur eine dieser Fälschungen auf dem Markt an, so auch in der Galerie an Bord der MS »Azzuro«.
Sogar Pierre hatte Felix Manthei die geschickt gewebte und erzählte Legende des inzwischen fast vergessenen Expressionisten abgenommen und dessen Ausstellungen mit Laudationen eröffnet. Es waren ja an Bord immer schon mal von anderen Galeristen echte Werke berühmter Künstler ausgestellt und verkauft worden – zum Beispiel von Lyonel Feininger und Heinrich Zille. Außerdem hatte Pierre dem Galeristen vertraut. Er hatte sich mit ihm und dessen Frau angefreundet und wäre niemals auf die Idee gekommen, dass Felix ein Fälscher sein könnte. Ein Betrüger. Das war es, was Pierre am stärksten bedauerte: dass er sich mit jemandem angefreundet hatte, dem er blind vertraute und von dem er über Jahre betrogen wurde. Vielleicht hatten Felix und Saskia Manthei nach netten gemeinsamen Abendessen oder Barbesuchen über Pierre gelacht. Wie dieser so dumm sein konnte, als der Kunstexperte an Bord nicht zu bemerken, dass er die Fälschungen Felix Mantheis den Gästen als wertvolle Kunstwerke anpries. Es machte Pierre immer noch wütend, dass er nicht nur auf diese Leute reingefallen war, sondern sich von ihnen auch noch hatte benutzen lassen. Oder wusste Felix Mantheis Ehefrau gar nichts von den Machenschaften ihres Mannes?
Pierre wäre vielleicht niemals dahintergekommen, wenn Felix Manthei irgendwann nicht zu gierig und dadurch unvorsichtig geworden wäre. Weil die Nachfrage nach »seinen« Werken Eugen Kästners stetig stieg, lieferte er in immer höherem Tempo welche nach. Bis sich jemand fragte, wie das sein konnte. Felix Manthei hatte jedoch stets für alles eine plausible Begründung parat. Er malte...




