E-Book, Deutsch, Band 2, 200 Seiten
Reihe: Abruzzen-Krimi
Gebhardt / Cataldo Wenn der Tod nicht scheidet
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-939499-82-4
Verlag: MedienEdition Welsch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Morettis zweiter Fall
E-Book, Deutsch, Band 2, 200 Seiten
Reihe: Abruzzen-Krimi
ISBN: 978-3-939499-82-4
Verlag: MedienEdition Welsch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Gebhardt wurde 1961 in München geboren. Seit zehn Jahren lebt er mit seiner Frau Immacolata Cataldo in den Abruzzen, wo er sich aus Liebe zu Mare e Monti und der italienischen Lebenskultur viele Gegenden erwandert hat. So entstanden aus der Kombination Wandern, Essen und Fantasie seine ersten Bücher: 'La Promozione' und 'Wenn der Tod nicht scheidet', zwei kurzweilige Krimis, eingebettet in die urwüchsige Landschaft der Abruzzen.
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GUT GETROFFEN
»Mario, du spinnst wohl, ich bringe dich um.« Lisa, die Freundin von Commissario Mario Moretti, springt wütend aus dem Bett und reißt das Bettlaken mit sich. »Schon wieder das Gleiche mit deinem blöden Wecker.«
Moretti dreht sich mit geschlossenen Augen auf die andere Seite, mit einer Hand sucht er nach dem Laken. Sekundenbruchteile später verspürt er einen Schlag, den Aufprall eines harten Gegenstandes auf seinem Kopf.
»Aua, Lisa, was kann ich denn dafür, wenn der Wecker nicht läutet.« Moretti fasst sich mit noch immer geschlossenen Augen an den Kopf, gleich darauf schielt er blinzelnd auf seine Hand. »Ich blute, Lisa. Ich verblute.«
»Dann ist der Wecker doch für was gut.«
»Ich kann kein Blut sehen«, stammelt Moretti zwar leise vor sich hin, aber immerhin so laut, dass Lisa es im Bad hört.
»Certo, darum bist du ja bei der Polizei, du Held.«
Moretti drückt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Bettlaken auf die Wunde und blickt mitleiderregend zu Lisa, die in diesem Moment aus dem Bad rennt, sich ihren Autoschlüssel greift und zur Tür hastet.
»Ciao Amore, ich muss zum Großhändler. Wir sehen uns, falls du es überlebst.« Bevor sie die Tür schließt, betrachtet sie noch einmal den Leidenden, der gerade eine andere Stelle des Betttuchs an seinen Kopf drückt.
»Wenn du noch eins brauchst, du weißt ja, wo sie sind.« Lisa grinst und lässt die Tür ins Schloss fallen.
Die Wohnung von Commissario Moretti liegt im Centro Storico von Teramo, einer ruhigen Seitenstraße unweit der Piazza della Liberta. Heute, am Samstag, ist Wochenmarkt und geschäftiges Treiben empfängt Lisa. Die Marktverkäufer haben längst ihre Stände aufgebaut, und die ersten Kunden, meist Angehörige der älteren Generation von Teramo, nutzen die morgendliche Frische für den Einkauf. Ein großer, dunkelhäutiger Mann stellt sich Lisa in den Weg.
»Buongiorno, bella Signora Commissario, was für eine Gluckstag für Sie. Bin ick die Erste, die Ihnen über Weg läuft?«
»Ciao, Obama, lass mich in Ruhe, ich bin in Eile.«
»Obama« oder »Präsident« nennen ihn alle, seinen richtigen Namen kennt man nur in der Questura. Dort war er schon mehrmals tageweise wegen Schwarzhandels mit allen möglichen nachgemachten Luxusartikeln untergebracht. Hat man große Fantasie, kann man eine Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Präsidenten erahnen, besonders wenn er lacht, was er meistens tut.
»Obama, warum soll das mein Glückstag sein? Bloß weil du mir über den Weg läufst?«
»Signora Moretti, weil ick gehört, es Gluck macht, wenn man sieht eine Kaminkehrer.«
»Aber du bist doch kein Kaminkehrer.« Lisa schüttelt den Kopf und will, so viel Zeit muss sein, Obama die Familienverhältnisse klarmachen.
»Dock, in der Bar sagen, schau, da komm die Kaminkehrer.« Seine schneeweißen Zähne strahlen Lisa entgegen, was auch sie zum Lachen bringt. Schnell ruft sie ihm im Weiterlaufen noch zu, dass sie weder Moretti heiße, noch die Signora Commissario sei.
Gerne wäre sie jetzt in die Bar gegangen. Dafür haben die Italiener eigentlich immer Zeit, oder sie nehmen sie sich. Lisa aber hetzt weiter durch die immer mehr werdenden Marktbesucher. Kaum sitzt sie in ihrem Auto, klingelt das Handy. Sie holt es aus der Tasche, aber es ist nicht ihres.
»So ein Blödmann! Sein Handy.« Noch völlig außer Atem greift sie es sich. »Pronto.«
»Scusi, Mario? No, äh, Anna, äh, oder Lisa, sono io, Enzo. Gib mir Mario, schnell, es ist dringend.«
»Enzo, buongiorno. Ich heiße Lisa und sitze im Auto, versuch es doch bei Anna.«
»Habe ich – äh.« Peroni merkt, dass er gerade in ein etwas größeres Fettnäpfchen getreten ist.
»Mario ist zu Hause und verblutet gerade.«
»Jetzt nicht, das kann er später. Grazie, Ann – äh Lisa, ciao.«
Was will er denn von Mario, heute an seinem freien Tag? Lisa hätte es gerne gewusst, hält sich aber nicht länger mit der Frage auf. Enzo ruft Mario sicher gleich zu Hause an.
Das Telefon klingelt, aber es ist keiner zu Hause. Der Commissario hat sich sofort angezogen, nachdem Lisa gegangen war. Er will zur Apotheke, ein Desinfektionsmittel besorgen. Die Gesamtmenge des verlorenen Blutes hätte vielleicht ausgereicht, einen Tag lang eine Mücke zu ernähren, aber Moretti ist, was Blut und die kleinsten Wunden betrifft, ein großer Angsthase. Ungewaschen, unrasiert läuft er in Richtung Apotheke. Eigentlich wollte er seinen freien Tag gemütlich angehen. Aus der Bar Italia weht ihm der frische Geruch von Caffè und Cornetti entgegen. Der Duft lähmt Moretti förmlich im Weitergehen, er dreht ab in die Bar. Suchend wirft er einen Blick nach rechts und links, der einzige Platz, der frei ist, befindet sich an der Theke.
»Permesso, buongiorno, Signori.« Moretti stellt sich so an die Theke, dass er die Hälfte der Gäste im Rücken hat und nicht so leicht erkannt werden kann.
»Buongiorno Commissario«, begrüßt ihn der Barista.
»Salve, Gianni.«
Ohne Aufforderung bekommt er seinen Caffè. Er fängt von der linken Seite der Bar an, die Gäste zu betrachten und zu sortieren. Bekannt, unbekannt, sympathisch, weniger sympathisch. Da steht, wie jeden Samstag, ganz am linken Rand der Theke die ältere, gut gekleidete Dame mit einem großen Blumenstrauß. Moretti überlegt, auch das jeden Samstag, wie die Blumen heißen. Bei der nächsten Gelegenheit möchte er seiner Freundin genau solche schenken. Vor einiger Zeit sprach Moretti die Signora an und erkundigte sich nach dem Namen der Blumen, er hat ihn aber wieder vergessen. Er fragt sich, ob er die Dame erneut fragen sollte, so ganz zufällig auf dem Weg zum Bagno, doch da wird er unsanft aus seinen Gedanken gerissen.
»Polizia, Polizia«, schreit ein Gast von der rechten Seite der langen Theke herüber. Moretti kennt die Stimme, reagiert aber nicht. Er nimmt die kleine Caffè-Tasse langsam vom Unterteller, führt sie in Erwartung der Köstlichkeit zu den Lippen und genießt den ersten kleinen Schluck. Einige Sekunden lang lässt er den Caffè im Mund, um die ganze Geschmacksentfaltung zu genießen, und hofft, dass der Dottore nicht ihn gemeint hat. Fehlanzeige, schon zieht ihn eine Hand kraftvoll von der Theke weg.
»Mario, komm, bring ihn hinter Schloss und Riegel.«
Es ist Rinaldo Cuccullo, ein guter, nein, kein guter Bekannter. Sie haben sich in der Bar kennengelernt und plaudern oft miteinander. Cuccullo zieht Moretti zu seinem Platz, wo der Commissario in ein schneeweißes Gebiss blickt, in ein Halbquadratmeter großes Lachen.
»Buongiorno, Obama, na, was ist los, geht es um eine Garantiefrage, oder soll ich dem Anwalt sagen, dass Nike, Rolex und Armani eigentlich dir gehören? Ansonsten bin ich nicht zuständig«, winkt Moretti schmunzelnd ab und möchte an seinen Platz zurückgehen.
Der Dottore fuchtelt mit seiner linken Hand, an der sich eine Rolex befindet, vor dem Gesicht von Moretti herum.
»Fünfzig Euro habe ich bezahlt, für eine Uhr, die nicht geht.«
»Für eine Rolex, die nicht geht?«, grinst der Commissario den Avvocato an.
»Commissario, ick habe ihm gesprochen, er bekommt andere Uhr, domani.«
Rinaldo Cuccullo, der eine Anwaltskanzlei in Teramo besitzt, will dem um einen halben Meter größeren Afrikaner an den Hals springen, Moretti geht entschlossen dazwischen.
»Silenzio!«, ruft er und schlägt mit offener Hand auf die Tischplatte. Er streckt seine rechte Hand aus, er trägt seine Uhr rechts, nimmt seine Rolex ab und gibt sie dem Avvocato.
»Hier, nimm meine, e finito, basta.« Moretti drückt Cuccullo die Uhr in die Hand und dreht sich zu Obama. Er zieht sein Ohr ganz nah an seinen Mund und flüstert: »Du besorgst mir eine neue, aber eine, die funktioniert. Die, die ich dem Rechtsverdreher gegeben habe, geht auch nur, wenn sie will.«
Obama, dem kurz das Lachen vergangen ist, strahlt schon wieder bis zu den Ohren und bestellt sofort einen Caffè für Moretti.
»Du, Präsident, hör zu.« Moretti zieht den Afrikaner noch einmal zu sich her. »Und den Wecker, den du mir vor ein paar Wochen verkauft hast, so günstig, den habe ich heute Morgen schon da oben gespürt.« Er senkt seinen Kopf, um Obama einen Blick auf seine Wunde zu ermöglichen.
»Ah, von der Signora, habe sie gesehen, wunderschön.« Obama klopft Moretti auf die Schulter und grinst. Das mit der Reklamation hat er anscheinend gar nicht gehört oder nicht hören wollen. Moretti schüttelt den Kopf, geht zur Glasvitrine und sucht sich eine Sfogliatella aus. Teresa, die kleine, zierliche Bedienung, reicht Moretti das süße Blätterteiggebäck und einen Caffè; ihre strahlend blauen Augen und ihr süßes Lächeln sieht er gerne und lächelt zurück. Mit der Tasse in der einen und der Sfogliatella in der anderen Hand geht er zur Tür, um sich draußen an einen Tisch zu setzen und den Trubel auf dem Markt zu beobachten. Simona, von der Polizia Municipale und chronisch verliebt in Moretti, stürmt just in dem Moment in ihrer hübschen Uniform in die Bar und direkt in die Hände ihrer großen Liebe, genauer gesagt, in dessen Körper. Der Aufprall ist so gewaltig, dass Moretti sich die Sfogliatella, von der er gerade abbeißen will, an seinem Hemd zerdrückt. Den Caffè gießt er sich auf seine Wildlederschuhe. Wie Simona, deren Augenhöhe sich im Einschlagbereich der Süßigkeit bewegt, selbige zerquetscht auf seinem Hemd sieht, stammelt sie:
»Die esse ich auch immer. Ist gut, oder?«
»Ciao, Simona, ich esse sie auch gerne, sonst. Und für die Schuhe nehme ich was anderes, die mögen keinen Caffè.« Moretti sieht schon den entstehenden Tsunami in Simonas Augen, schnell wischt...




