Geisler | Schummeln für die Liebe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Geisler Schummeln für die Liebe

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-423-41214-8
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-423-41214-8
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Love, love, love Lene ist verliebt. In Flo. Doch das darf keiner wissen. Denn Flo ist nicht nur ihr alter Sandkastenfreund, nein, er ist auch noch der Schwarm ihrer allerbesten Freundin. Was also tun? In ihrer Not erfindet Lene ihre Urlaubsliebe Raoul - dunkle Haare, kohlschwarze Augen, temperamentvoll. Aber damit wird alles noch viel komplizierter ...

Dagmar Geisler, 1958 in Siegen geboren, studierte Grafik-Design in Wiesbaden und lebt heute als freie Autorin und Illustratorin in Bayern. Es sind nicht nur eine Vielzahl von Kinderbüchern mit ihren Illustrationen erschienen, inzwischen hat sie sich auch als Autorin einen Namen gemacht. Bei dtv junior sind von ihr zahlreiche Titel erschienen, u.a. die bekannten und beliebten Wanda-Bände, die Chaos-Comics von Luis und die Reihe >Die Tintenkleckser<.
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Schneewittchen als Piratenbraut


Tod und Teufel!!! Zum ersten Mal in meinem Leben freue ich mich, dass die Schule bald wieder anfängt. Und woran liegt das? Bloß an diesem ganzen Liebeswahnsinn. Jeden Morgen steht Teresa bei mir auf der Matte. Und wenn wir nicht gleich rüber zu Stadlers gehen, wird sie ganz zappelig. Ist Flo ausnahmsweise mal nicht da, will sie mit mir über ihn reden. Ob ich mir vorstellen kann, dass er sie ein bisschen mag.

Oh, Hölle! Und wie ich mir das vorstellen kann. Am liebsten würde ich laut brüllen, dass ich mir den ganzen Tag nichts anderes vorstelle. Aber dass ich mir das gar nicht vorstellen will, verdammt.

Stattdessen sage ich, ja, ja. Und nur damit Teresa nicht merkt, wie mir zumute ist, rede ich dann wieder von Raoul.

So langsam fange ich an, mich an meinen »Traumprinzen« zu gewöhnen. Er hat einen Nachnamen bekommen: Winterstein. Sein Hobby: Extremklettern. Und Rollerskaten tut er auch, klar. Er ist so ziemlich der beste Skater in der ganzen Schweiz. An Wettbewerben hat er allerdings noch nicht teilgenommen. Logisch. Teresa würde ja sofort im Internet herumsurfen und dabei feststellen, dass es keinen Rollerskater namens Raoul Winterstein gibt. Sie hat den Namen sowieso schon bei Google eingegeben, ist aber bloß auf den Ort Winterstein in Thüringen und einen uralten Stummfilmstar namens Eduard von Winterstein gestoßen. Einen Raoul gab es nicht. Zum Glück. Jetzt löchert sie mich jeden Tag mit der Frage, ob er schon ein Foto geschickt hat. Ich hätte so was gar nicht erst erwähnen dürfen.

Auch heute fängt sie damit an, kaum dass sie über unser Gartentürchen gehopst ist.

»Nein!«, sage ich. »Noch nicht! Keine Ahnung, wie lang die Post aus der Schweiz bis hierher braucht.«

»Bestimmt keine zwei Wochen!«, meint Teresa und guckt mich besorgt an.

»Elf Tage!«, sage ich und setze schnell eine wahnsinnig kummervolle Miene auf. Schließlich ist es meine »große Liebe«, die da nicht schreibt.

»Würdest du deine große Liebe elf ganze Tage auf Post warten lassen?«, fragt Teresa und dreht sich um.

»Wahrscheinlich nicht!«, brummt Flo, der gerade von Stadlers Terrasse zu uns rüberkommt.

»Lene ist verknahallt!«, brüllt Tonki aus der Hängematte zu uns runter.

»Verknallt, verknallt, verknahallt!«, echot Tiki.

Und Papa, der noch ein paar Urlaubstage übrig hat, lässt seine Zeitung sinken und fragt in diesem nervigen Verarschertonfall: »Tatsächlich? Und in wen?«

»Er heißt Raoul und wohnt in der Schweiz!«, brülle ich, stampfe ins Haus und knalle die Terrassentür hinter mir zu. Draußen stehen Flo und Teresa und gucken verblüfft hinter mir her. Toll gemacht, Magdalena Lohmaier, wirklich. Wütend stampfe ich in mein Zimmer und werfe mich aufs Bett.

Mathe wär jetzt nicht schlecht. Ganz fiese Gleichungen. Oder eine Stunde Horrorenglisch bei der Haferkamp. Am besten mit Vokabelabfragen Grammatik-Ex. Alles, bloß nicht dieser Affenzirkus da unten. Ich bleibe eine Weile hier oben liegen.

Mit jeder Minute schwindet meine Hoffnung, dass mir jemand nachkommt. Flo wäre mir natürlich am liebsten. Und Teresa? Was ist mit ihr? Schließlich ist sie meine beste Freundin, auch wenn sie tausendmal in Flo verliebt ist. Ich bleibe liegen und liegen. Hier oben ist es höllisch heiß.

Langsam wird mir das zu blöd. Ich stehe auf und gehe runter ins Bad. Aus dem Badfenster kann ich den Garten überblicken. Tiki und Tonki sind rüber zu Stadlers gerannt und spielen eins ihrer seltsamen Spiele. Wahrscheinlich Wassernixe und verwunschener Prinz oder irgendwas in der Art.

Flo und Teresa sitzen in der Hängematte. Nebeneinander! Sie lassen die Beine baumeln und unterhalten sich. Ich beiße mir auf die Lippe. Geheult wird nicht. Das steht schon mal fest.

Teresa sieht schon wieder wahnsinnig hübsch aus. Sie trägt heute kurze Hosen in Olivgrün und ein Top, das an ein Seeräuberhemd erinnert. Es ist bauchfrei, klar, und hat so ganz kurze Puffärmelchen, einen tiefen Ausschnitt und einen dicken Knoten über dem Nabel. An den Füßen baumeln sonnengelbe Flipflops. Mit ihren Wahnsinnszottellocken sieht sie aus wie die Piratenbraut persönlich. Wenn ich Flo wäre, würde ich mich sofort in sie verknallen. Aber ich bin nicht Flo. Ich bin Lene. Lene, die keinen Furz nach Piratenbraut aussieht, sondern eben nach… na, eben Lene. Sonst nix. Und Flo ist doch eigentlich bester Freund. Wieso stehe ich also hier oben am Badfenster rum und fange trotz Hochsommerwetter an zu frieren, anstatt da unten zwischen den beiden zu sitzen? Ich gebe dem Badezimmerhocker einen Tritt. Irgendwas muss ich jetzt tun.

Und ich weiß auch schon, was! Ich hole mir Papas altes Handy aus der Kommode im Schlafzimmer. Es ist ein Kartenhandy und es muss noch jede Menge Guthaben drauf sein. Das weiß ich, weil Mama neulich gesagt hat, dass man das mal abtelefonieren müsste. Na bitte, das könnt ihr haben! Ich speichere die Nummer auf meinem Handy unter »Raoul« ein. Dann schalte ich es aus und tippe auf Papas eine SMS an mich selbst.

Ich schlucke und will mir gerade die blöde Träne abwischen, die inzwischen doch über meine Wange gerollt ist. Aber ich lasse sie, wo sie ist, und gehe zurück in den Garten. Ganz kurz bevor ich durch die Terrassentür trete, schalte ich mein Handy wieder ein und schlendere in Richtung Hängematte.

Bingo! Perfektes Timing! Kaum bin ich in Hörweite der beiden, surrt es laut und vernehmlich. Ich mache nichts.

»Hey, Lene! Bist du taub? Ich glaube, du hast eine SMS gekriegt!«, ruft Teresa und ist mit einem Hops neben mir.

»Echt?«, sage ich und wische mir mit dem Handrücken die Träne weg. Die ist zwar schon angetrocknet, aber ich wette, man sieht sie noch.

»Tatsächlich!«, rufe ich ganz glücklich.

»Von Raoul?«, fragt Teresa aufgeregt. Ich nicke.

Mein geliebter Stern,

hast du meine Post nicht bekommen?

Ich warte sehnsüchtig auf Antwort.

Dein Raoul in Liebe

»Wow!«, macht Teresa. »Geht es dir jetzt wieder besser?«, fragt sie und legt mir den Arm um die Schulter. Ich nicke noch mal. Es geht mir tatsächlich besser. Und als Flo auch noch aus der Hängematte springt, mir freundschaftlich in die Seite boxt und »Wo warst’n so lange?« fragt, geht es mir tatsächlich wieder gut. Erst mal wenigstens.

Am Nachmittag fährt Flo mit seinen Eltern weg. Teresa und ich haben endlich mal wieder einen ganzen Nachmittag für uns. Den verbringen wir auf der Rollschuhbahn. Wo auch sonst? Im Winter machen wir Eiskunstlaufen und im Sommer laufen wir Rollschuh. Außerdem sind wir noch zusammen in der Percussiongruppe an unserer Schule. Im letzten Dezember haben wir gemeinsam einen Eiskunstlauf-Wettbewerb gewonnen. Wir waren so stolz und ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mich an dem Tag gefühlt habe, mit Teresa an meiner Seite. Wir sahen aus wie Schneeweißchen und Rosenrot und so kamen wir uns auch vor. Unzertrennlich bis in alle Ewigkeit. Die anderen Mädchen aus dem Verein sind vor Neid geplatzt.

Ich lasse die Verschlüsse meiner Rollschuhe zuschnalzen. Teresa kurvt schon auf der Bahn herum. Sie fährt einen Achter. Ihre Haare fliegen wie eine schwarze Wolke hinter ihr her. Kann nicht einfach alles so sein wie früher? Da habe ich mich gefreut, wenn ich Teresa zugeschaut habe. Ich fand sie hübsch und begabt und war einfach stolz auf meine Freundin. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mich selbst deswegen für weniger hübsch oder weniger begabt zu halten.

Jetzt sehe ich ihre Superfigur, die blitzenden Augen, den breiten Mund und stelle mir sofort vor, dass Flo bei dem Anblick garantiert Lust kriegt, sie zu küssen.

Ich stoße mich von der Bande ab und fahre hinter Teresa her. Es ist jedes Mal wieder ein tolles Gefühl, auf Rollschuhen zu stehen. Fast so, als ob man fliegen könnte. Ich fahre ein kurzes Stück rückwärts, breite die Arme aus und… gleich hebe ich ab… Die Musik passt auch dazu: , tönt es aus den Lautsprechern.

Teresa fährt noch drei schwungvolle Kurven, dann lässt sie sich gegen die Bande krachen. Ich bremse und lasse mich neben sie rollen.

»Wenn du ein Junge wärst«, frage ich, »würdest du mich dann küssen wollen?«

Teresa guckt mich an. »Was soll denn Frage?«, sagt sie unwirsch. »Erstens bin ich kein Junge und zweitens kann ich da nicht mitreden. Ich bin schließlich noch nie geküsst worden. Im Gegensatz zu dir.«

»Wie kommst du denn darauf?«, frage ich und beiße mir sofort auf die Lippen. Stimmt ja, ich bin schon geküsst worden. Von Raoul natürlich. Ha, ha! Zungenkuss? Na klar, auch das! Was habe ich mir da bloß eingebrockt?

»Du hast es gut!«, sagt Teresa, begleitet von einem abgrundtiefen Seufzer. Ich sage jetzt vorsichtshalber mal nichts. »Du weißt wenigstens, woran du bist mit deinem Schweizer«, fährt sie fort. Mit der Faust haut sie auf den Handlauf. »Weißt du, was Flo mir eben in der Hängematte erzählt hat?« Ich halte die Luft an.

»Nein«, quetsche ich hervor.

»Dass wir in Gefahr sind.« Sie lacht auf. Es ist ein bitteres kleines Lachen. »In Gefahr, dass sich der Ochsenfrosch in unserer Gegend ausbreitet.«

»Oh!«, sage ich und fühle, wie ein winziger Glücksschmetterling in meinem Magen zu flattern beginnt.

»Ich weiß auch, wie groß das Vieh wird und wie es sich anhört, wenn es quakt«, stöhnt sie.

»Wie eine verschlammte Basstuba!«, ergänze ich.

»Genau!«, sagt Teresa und klingt dabei total resigniert. Und dann jault sie auf. »Lene, was soll ich denn machen? Am liebsten würde ich mich in jemand...


Geisler, Dagmar
Dagmar Geisler, 1958 in Siegen geboren, studierte Grafik-Design in Wiesbaden und lebt heute als freie Autorin und Illustratorin in Bayern.
Es sind nicht nur eine Vielzahl von Kinderbüchern mit ihren Illustrationen erschienen, inzwischen hat sie sich auch als Autorin einen Namen gemacht. Bei dtv junior sind von ihr zahlreiche Titel erschienen, u.a. die bekannten und beliebten Wanda-Bände, die Chaos-Comics von Luis und die Reihe ›Die Tintenkleckser‹.

Dagmar Geisler, 1958 in Siegen geboren, studierte Grafik-Design in Wiesbaden und lebt heute als freie Autorin und Illustratorin in Bayern.
Es sind nicht nur eine Vielzahl von Kinderbüchern mit ihren Illustrationen erschienen, inzwischen hat sie sich auch als Autorin einen Namen gemacht. Bei dtv junior sind von ihr zahlreiche Titel erschienen, u.a. die bekannten und beliebten Wanda-Bände, die Chaos-Comics von Luis und die Reihe ›Die Tintenkleckser‹.



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