Geiss | Geschichte in Zeiten der Unsicherheit | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 504 Seiten

Geiss Geschichte in Zeiten der Unsicherheit

Wie Politik seit der Antike aus der Vergangenheit lernt
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-17-045284-8
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie Politik seit der Antike aus der Vergangenheit lernt

E-Book, Deutsch, 504 Seiten

ISBN: 978-3-17-045284-8
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Zeiten der Krisen und des Krieges ist der Wunsch besonders stark, aus der Geschichte zu lernen. Je überfordernder und dynamischer sich die Gegenwart präsentiert, desto ausgeprägter die Sehnsucht des Menschen, in der Vergangenheit Analogien und Orientierung zu finden. Doch (was) lässt sich überhaupt aus der Geschichte lernen? In 14 spannenden Fallskizzen von der Antike bis in die jüngste Zeitgeschichte präsentiert Peter Geiss historische Personen mit Entscheidungsverantwortung und zeigt, wie sie in ihrer konkreten Situation versuchten, ihr Handeln von Erkenntnissen aus der Vergangenheit abzuleiten. Augustus war bei seinem Aufstieg zum ersten römischen Kaiser genauso bemüht, aus dem Mord an Cäsar zu lernen, wie US-Präsident Kennedy während der Kubakrise aus der Vorgeschichte der beiden Weltkriege.

Seit April 2013 ist Peter Geiss Professor für Didaktik der Geschichte am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn. In den Jahren 2004 bis 2010 unterrichtete er die Fächer Geschichte und Franzözisch am Friedrich-Ebert-Gymnasium der Stadt Bonn und war dann von 2011 bis 2013 in der geschichtsdidaktischen Lehrerbildung der Universität Wuppertal tätig.
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Einleitung


Historisches Lernen macht Geschichte

Das Lernen aus der Geschichte war und ist allgegenwärtig: Kriege werden in seinem Namen geführt, aber auch Frieden und Versöhnung aus historischen Erfahrungen und Einsichten heraus begründet. Tatsächliche oder vermeintliche Lehren der Geschichte fließen in Staatsverfassungen und internationale Organisationen ein, prägen Gesetze, begründen Besitzansprüche, nähren Leidenschaften, mahnen zur Mäßigung, motivieren aber auch Massenmorde bis hin zu Genoziden oder werden umgekehrt als Appell zu deren Verhinderung beschworen. Lang ist die Liste menschlicher Entscheidungen, Unterlassungen, Taten und Untaten, die unmittelbar zeitgenössisch oder im Rückblick mit dem Lernen aus der Geschichte in Verbindung gebracht wurden.[1]

Was glaubten Menschen in politischen Entscheidungssituationen praktisch aus der Geschichte lernen zu können? Und welche konkreten Konsequenzen hatte dieses Bemühen für ihr Handeln und die daraus erwachsenden Folgen? Diesen beiden Fragen wird dieses Buch anhand von vierzehn exemplarischen Fällen von der Antike bis an die Schwelle zum 21. Jahrhundert nachgehen. Damit ist auch bereits ausgesprochen, was dieses Buch nicht bietet: eine Beantwortung der Frage, was heute aus der Geschichte abzuleiten wäre, um bestimmte Gegenwartsprobleme zu lösen. Dass ich hier bewusst keine historisch argumentierende Politikberatung mit direktem Anwendungsbezug versuche, ergibt sich nicht aus einem Desinteresse gegenüber den drängenden Fragen unserer Zeit. Es ist vielmehr Ausdruck der Vorsicht und der Hoffnung, dass vielleicht gerade der Verzicht auf aktualitätsbezogene Orientierungsansprüche Erkenntnisse über Möglichkeiten und Grenzen des praktischen Lernens aus der Geschichte erlaubt, die unter dem Druck und in der Hitze von Gegenwartsfragen kaum zu erreichen wären. Vorsicht ist geboten, denn allzu oft haben sich Menschen geirrt, wenn sie in der Geschichte Rat suchten – selbst gemessen an ihren eigenen Absichten und Zielen.[2] Davor schützte die Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit der Lernbereitschaft nicht immer – und auch die Fachkompetenz von Historikern macht sie nicht automatisch zu guten politischen Ratgebern.

Geschichte schärft den Blick von Menschen auf ihre jeweilige Gegenwart nicht notwendigerweise, sie kann ihn auch begrenzen, vernebeln und radikalisieren – mit bedenklichen Konsequenzen bis hin zum Realitätsverlust. Oft genug wurde Geschichte überdies »als Waffe« eingesetzt, wie es Edgar Wolfrum treffend formuliert hat.[3] Vielfach dürfte den politischen Akteuren selbst nicht bewusst gewesen sein, ob sie historische Herleitungen und Analogien tatsächlich einsetzten, um eine aktuelle Situation besser zu verstehen (»diagnostisch«), oder ob es vielleicht doch eher darum ging, bereits getroffene Entscheidungen zu legitimieren (»rhetorisch«).[4] Dies galt auch für Vertreter der Geschichtswissenschaft, wenn sie gefragt oder ungefragt in ihrer fachlichen Rolle politische Empfehlungen abgaben. Ein Beispiel war das flammende und dezidiert historisch argumentierende Plädoyer des prominenten Fachvertreters Friedrich Meinecke für den Kriegseinsatz im Jahr 1914, den er als eine aus der deutschen Geschichte seit den Befreiungskriegen gegen Napoleon abzuleitende Notwendigkeit präsentierte.[5] Der sicherste Weg, sich politischer (Selbst-)Instrumentalisierung solcher Art zu entziehen oder zu vermeiden, unter dem Deckmantel von Wissenschaft Politik zu treiben, besteht für Historiker zweifellos darin, gar keine Lehren für das Hier und Heute auszusprechen – am besten durch das tiefe Abtauchen in Spezialforschung, für die sich außerhalb eines engen Kreises von Spezialisten kein Mensch interessiert.[6] Wer sich weltvergessen im Elfenbeinturm den Details merowingerzeitlicher Paläografie widmet, verfällt nicht so leicht dem Risiko, aus der eigenen professionellen Rolle heraus Kriegsrhetorik zu produzieren oder bei der Formulierung menschenfeindlicher Ideologien zu assistieren.

Der Verzicht auf einen gegenwartsbezogenen Lernanspruch zugunsten einer Betrachtung des Lernens aus der Geschichte als einer wirksamen Kraft in der Geschichte hat allerdings einen Preis: Die Geschichtswissenschaft kann sich der Frage, was denn aus der Geschichte gelernt werden solle, wohl nie vollständig entziehen, ohne den Eindruck der Pflichtvergessenheit zu hinterlassen.[7] Mehr noch dürfte dies für das geschichtswissenschaftliche Teilgebiet der Geschichtsdidaktik gelten, die ja das »Lehren« mit dem griechischen didáskein schon im Namen trägt. Gesellschaften erwarten von der historischen Forschung berechtigterweise Orientierung in ihrer Gegenwart, was der Didaktiker Karl-Ernst Jeismann treffend als »Geschichtsbegehren« charakterisiert hat.[8] Neben dem Wunsch nach einer Positionsbestimmung im Gefüge der Zeiten liegt darin auch die Hoffnung darauf, dass wissenschaftlich abgesicherte Historie zumindest Anhaltspunkte dafür geben kann, wie eine Gesellschaft ihre Ziele bestimmen soll und welchen Kurs sie einschlagen muss, damit sie diese Ziele erreicht. Es geht dabei um ein kaum zu entwirrendes Knäuel der Fragen ›Wo kommen wir her?‹, ›Wie sehen wir uns selbst?‹ und ›In welche Zukunft gehen wir?‹.[9] Historiker dürfen solche Orientierungswünsche nicht ignorieren – und würden doch ihrer Gesellschaft einen schlechten Dienst erweisen, wenn sie ihr eine gesicherte Fahrrinne historisch fundierter Handlungsempfehlungen vorgaukeln würden, wo doch tatsächlich vor allem Untiefen und Strudel sind. Aber wie könnte ein Kurs zwischen Skylla und Charybdis aussehen, zwischen der vorsichtigen Verweigerung handlungsorientierter Lektionen der Geschichte einerseits und oberflächlichen oder naiven Belehrungen anderseits, die Scheingewissheit erzeugen und vielleicht mehr Schaden als Nutzen nach sich ziehen?

Bei einer Kursbestimmung können vielleicht Überlegungen helfen, die der deutsche Historiker Thomas Nipperdey 1972 in seinem Aufsatz Über Relevanz formuliert hat. Dies geschah wahrscheinlich nicht zufällig in der Zeitschrift Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, die schon im Titel Forschung und Vermittlung zusammenführt. Nipperdey reagierte in der Reformstimmung der 1970er Jahre auf den verbreiteten Vorwurf, die Befassung mit Geschichte sei irrelevant, da sie in ihrer Rückwärtsgewandtheit die Gesellschaft nicht voranbringen könne. Seine Position lässt sich aber aus diesem Debattenkontext lösen und kann auch heute noch Geltung beanspruchen: Man könne durchaus die Erfahrungen der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft nutzbar machen, wenn auch nicht als konkrete Handlungsanleitungen. Die Befassung mit historischen Problemen und Prozessen vermittle vielmehr ein Gespür für das, was Nipperdey den »Spielraum des Möglichen« nennt. Geschichte lenke unter anderem heilsame Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass Absichten und Wirkungen menschlichen Handelns vielfach auseinanderdriften können. Je mehr und je engagierter wir es dagegen darauf anlegen, Geschichte als »Vorgeschichte« des Hier und Jetzt an gegenwärtige Interessen zu binden und aus ihr konkrete Handlungsanleitungen abzuleiten, desto weniger werden uns Nipperdey zufolge solche Anleitungen bei der Bewältigung anstehender Herausforderungen tatsächlich helfen. Zugespitzt formuliert müssen wir auf das Lernen verzichten, um lernen zu können – in Nipperdeys Worten:

»Nur wer sich, indem er vom Lernenwollen gerade absieht, der Fülle der wesentlichen Phänomene der Vergangenheit zuwendet, wird zu Ergebnissen kommen, von denen wir im eben beschrieben Sinne vielleicht etwas lernen können.«[10]

Die Erkenntnis der »Diskrepanz zwischen Absichten und Verwirklichungen« menschlichen Handelns führt Nipperdey zufolge dazu, dass Ideologien ihre Macht verlieren und »Handlungsprogramme relativiert« werden: Wer studiere, wie frühere politische Strategien und Heilsversprechen die von ihren Verkündern ausgegebenen Ziele verfehlt hätten, der neige dazu, Vorsicht walten zu lassen, wenn er in der eigenen Lebenszeit auf Zukunftsvisionen und zugehörige Umsetzungspläne vertrauen solle.[11] Das entscheidende Lernergebnis war für ihn also Skepsis.[12] Auch wenn Nipperdey das nicht ganz wörtlich ausgesprochen hat, drängt sich beim Lesen seiner Ausführungen von 1972 die Annahme auf, dass er in dieser Skepsis eine für die Demokratie lebensnotwendige Grundhaltung sah. Genau dadurch setzte er sich in einen scharfen Gegensatz zu jenen Zeitgenossen, die den...


Seit April 2013 ist Peter Geiss Professor für Didaktik der Geschichte am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn. In den Jahren 2004 bis 2010 unterrichtete er die Fächer Geschichte und Franzözisch am Friedrich-Ebert-Gymnasium der Stadt Bonn und war dann von 2011 bis 2013 in der geschichtsdidaktischen Lehrerbildung der Universität Wuppertal tätig.



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