Geissler | Anfrage | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 344 Seiten

Geissler Anfrage

Roman
Kommentierte Neuausgabe 2023
ISBN: 978-3-95732-563-1
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 344 Seiten

ISBN: 978-3-95732-563-1
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Herausgegeben und mit einem Nachwort von Detlef Grumbach Christian Geissler untersucht in seinem Romandebüt 'Anfrage' (1960) die Schuld der Väter am Holocaust und greift die 'Wir haben von allem nichts gewusst'-Haltung der Adenauer-Ära an. Das war neu und stieß nicht gerade auf Gegenliebe in der Nachkriegsgesellschaft. Der Roman erzählt vom Physiker Klaus Köhler, der herausfinden will, was mit der jüdischen Familie Valentin geschehen ist. Ihr hatte das Haus gehört, in dem das Institut untergebracht ist, in dem er arbeitet. Seine 'Anfragen' fördern das Bild einer Gesellschaft zu Tage, in der alte Nazis unbehelligt weiterleben und die Opfer sich weiterhin verstecken müssen. Zudem sucht der Protagonist den einzigen überlebenden Sohn des Eigentümers, der - noch immer in Angst und Schrecken - unter falschem Namen in der Stadt wohnen soll. Köhlers mit der DDR sympathisierender Kollege Steinhoff interessiert dies nicht. Für ihn, der ein Bein im Krieg verloren hat und der traumatisiert wie zynisch stets davon erzählt, wie Menschen als Soldaten von Hitler zum Kriegsende verheizt wurden, zählt ein Einzelschicksal nicht. Schließlich begegnet Köhler einem entfernten Verwandten der jüdischen Familie, der in den USA lebt und während einer Europareise das Haus der Familie aufsucht. 'Anfrage' wurde 1960 zum Bestsellererfolg. Große und kleine Zeitungen druckten Besprechungen, sorgten so für eine enorme Verbreitung. Marcel Reich-Ranicki sah in dem Buch den lang ersehnten Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung, der Schande und der Empörung: 'Ein heiserer Schrei, gewiß, doch ein erschütternder Schrei, dessen Ehrlichkeit nicht bezweifelt werden kann.'

Christian Geissler wurde am 25. Dezember 1928 in Hamburg geboren. Nach einem nie abgeschlossenen Studium der Theologie, Philosophie und Psychologie in Hamburg, Tübingen und München arbeitete er ab 1956 als freier Schriftsteller. Geissler arbeitete u. a. beim NDR, war Mitherausgeber der linken Literaturzeitschrift Kürbiskern, Dokumentarfilmer und Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Neben seinem Debüt »Anfrage« (1960) ist »kamalatta« (1988) sein bekanntester Roman. Er lebte zumeist in Hamburg und Ostfriesland und starb am 26. August 2008. Außer seinen Romanen veröffentlichte Geissler zahlreiche Hörspiele, Dokumentarfilme und Lyrik-Bände. Die Christian Geissler Gesellschaft e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, seine Werke wieder zugänglich zu machen und fördert Veranstaltungen und Fachtagungen. Sie unterstützt auch die Christian-Geissler-Werkschau, die seit 2013 im Verbrecher Verlag erscheint. Im Verbrecher Verlag erschienen bislang die Bände »Wird Zeit, dass wir leben« und »Kalte Zeiten/Schlachtvieh«, sowie »Das Brot mit der Feile« und »kamalatta«.
Geissler Anfrage jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Die Finsternis wuchs, der Beschuss nahm ab. Wenn’s hell wird, geht’s wieder los, dachten die jungen Leute, zum Töten, dachten sie, braucht man die Sonne; und vielleicht schlief einer ein. Hatten die Götter mit ihm ein Einsehen, starb er im Schlaf …

Steinhoff schlief nicht. Er saß hingekauert am Rande der Erde und horchte. Er hörte jeden Schuss, jeden Schrei, in jedem Schuss schon den nächsten und in jedem Schrei schon den künftigen. Er hatte einen zu sich in seine kleine Grube gezogen. Er hatte den Schrei übersteigen müssen wie eine Mauer. Er hatte auf den eigenen Schultern gestanden, um diese Mauer hinter sich zu bringen. Er hatte ein Streichholz genommen – was für ein Leichtsinn liegt in dem Wunsch, es mit eigenen Augen sehen zu wollen – und den Schreienden sekundenlang ganz aus der Nähe gesehen. Dass der noch schreien konnte. In der Hüfte war alles von Blut durchnässt und das Gesicht war in seinem unteren Teil fast gänzlich zerrissen.

Inzwischen war Zeit vergangen, neben Steinhoff der Junge war tot. Alles Blut war vergossen, fünf Liter, sechs, wieviel das ist – aber was für ein Dreck, dachte er, fünf Liter, nicht mehr, was für ein Dreck. Übelkeit stieg in ihm auf, er erbrach und lag dann in der Nässe und wartete auf den nächsten Beschuss, auf ein Leuchtzeichen, auf den Tag, auf das Ende, auf ein Wunder, nein, auf ein Wunder.

Irgendwann später schob sich von hinten etwas an ihn heran. Der dünne Lichtstrahl einer Abblendlampe fiel, dicht über dem Boden, hinunter zu ihm in die Grube: »Alles klar?«, fragte ein Kopf.

»Was ist los?«, fragte Steinhoff.

»Was ist mit dem da?«, fragte der Kopf und zog Arme und Beine hinter sich her in das Loch.

»Ist er tot?«, fragte Steinhoff.

»Fass an! Leg ihn dir drüben als Deckung hin, in einer Stunde geht’s los. Dann kannst du ihn brauchen.«

Es war ein Unteroffizier von der Feldpolizei, der so sprach. Man hatte Steinhoff von diesen Leuten erzählt, und also erschrak er und war gehorsam. Sie krümmten den Leichnam im Schutze der Dunkelheit oben nach Osten hin über das Loch. Steinhoff zitterte.

»Was ist los mit dir? Herhören, in einer Stunde, du bist bei der dritten Gruppe, drüben hinterm Damm sind Wiesen und Büsche, da sitzt ’ne kleine Gruppe vom Iwan, die muss weg, das ist alles.«

»Und wann?«

»Abwarten.«

Der Feldgendarm glitt über den Rand der Grube nach rechts in die Nacht, ein Wurm, zäh und geschickt.

Kurz vor Ablauf der letzten Stunde wurde Steinhoff Zeuge einer Szene*, die, sofern man absieht von den Unschicklichkeiten, die in deutschen Schutzhaftlagern zur gleichen Zeit an der Tagesordnung waren, an durchdachter, wohlerwogener Absurdität wohl ihresgleichen sucht.

Seit langen Minuten war kein Schuss mehr gefallen; es war still und schwarz ringsum wie in einem Haus ohne Fenster. Da kam aus einem Lautsprecher über den Fluss eine Stimme, die in deutscher Sprache beinah akzentfrei den folgenden Tatbestand laut zur Kenntnis gab: ›Es sind vor 40 Minuten zu uns übergelaufen: der Leutnant Hubert Merten, die Gefreiten Erwin Maizahn und Lothar Hartlaub, die Soldaten Fritz Cordes, Johannes Leitner und Eberhard Schäffer. Diese Leute kommen zurück. Es ist jetzt drei Uhr zweiundvierzig. Bis vier Uhr null sind sie oben am Deich.‹ Diese Szene war vernichtend genau angesetzt; das, was nun kommen würde, musste sich wie eine Lähmung auf alle betroffenen Zuschauer legen, und Ekel und Ausweglosigkeit würden schlimmer wirken als Nässe und Angst; und das, genau das war vermutlich der Sinn. Der letzte, winzige, eigene Ausweg war nun mit Hohn und mit Schmach und mit Verrat, war mit doppeltem Verrat endgültig verstellt.

Pünktlich um vier kamen die sechs langsam über den Deich, ohne Waffen, ohne Stiefel, ohne Mäntel und barhaupt, im Rücken von irgendwo unten hell angestrahlt. Sie krochen diesseits die Böschung hinunter ins Dunkel. Als einer von ihnen oben zurückblieb, sich umwandte, zögernd den Arm vor die Augen hob, fielen vom Fluss her schnell hintereinander drei Schuss, und der Mann im Licht fiel langsam, ohne sichtlichen Schmerz, vor sich hin. Die fünf anderen sah man nicht mehr, bis ein nun schwächerer Lichtstrahl sie von neuem einfing und bannte; sie blieben regungslos aufrecht stehen, bei lebendigem Leibe schon tot, und sie hoben nicht einmal, wie es doch Vorschrift ist, ihre Arme, als zwei Feldpolizisten hingingen, um sie zu töten.

Das Licht erlosch. Nur einer der Polizisten musste sein Magazin verschießen. Munitionsverbrauch neun Schuss.

Befehl ausgeführt.

Ringsum die Dunkelheit war vollkommen.

Steinhoff, der das alles aus einer Distanz von kaum sechzig Metern hatte mitansehen müssen, weinte angesichts solcher Möglichkeit, er weinte nicht aus Mitleid, sondern: dass es so etwas gibt, und er weinte plötzlich für Sekunden mit einer seinen Gedanken nicht mehr zugänglichen Gewissheit, dass eine Trennung zwischen denen, die schießen, und denen, die sterben, und denen, die zuschauen, nicht möglich ist – dass Schuld jeden mit jedem verbindet, und er wusste sekundenlang jenseits von aller Einsicht: Er war schuld am Tod dieser sechs Leute. Er sagte laut: Steinhoff, und das klang, als habe jemand Fremdes sich seine Stimme geliehen. Da warf er sich dieser Last entgegen, stemmte sie, kämpfte, bog sie weit von sich weg, hielt es so aus, kämpfte, hielt es länger aus, weinte, bis der Krampf sich jäh löste, bis er taub war, schmerzlos, gläsern wach, und der Angriff begann.

Die erste Gruppe, die sprang, starb oben auf der Wölbung des Deiches in etwa dreißig Sekunden, vollzählig – Mann für Mann.

Diejenigen, die den Sprung befohlen hatten, konnten erkennen, dass der Deich jetzt in seiner ganzen Länge schon unter Beschuss lag. Das hinderte sie nicht, der zweiten Gruppe den Sprung zu befehlen.

Einige wenige versuchten das Vernünftige: Sie nutzten das Dämmerlicht, das von Osten her über den Fluss kam, und rannten nach Westen; bis jemand ihnen entgegentrat und sie auf dem Dienstwege aus nächster Nähe erschoss.

Steinhoff sah die Feldpolizei bei ihrer Arbeit, und es wunderte ihn, was er sah, nur noch wenig. Ein neuartiges, ein mechanisches Staunen rann ihm durchs Hirn, ein Staunen, das einsetzt und abläuft ohne Spur, ein Staunen, demzufolge gar nichts sich ändert. Er wusste, er würde selbst gleich springen und dann bei den übrigen liegen, er lag schon auf dem Deich, bevor er noch sprang, es lag dort, ein Rest ohne Namen, den niemand mehr unterscheiden würde. Und alle Angst brannte zu Asche und deckte sanft und dörr das Feld der Vernichtung zu, keine Hoffnung auf Spuren – mit dem letzten Atem fächelt jeder sie zu.

Steinhoff sah den Feldpolizisten feindselig zu sich her kriechen: »Los jetzt, die dritte Gruppe!«

Die Hand mit der Pistole schob sich unter dem Kopf her auf Steinhoff zu. Der sah, wie hinter dem Kopf des Feldpolizisten sich eine zweite Hand hob. Aufmerksam, sachkundig, außergewöhnlich behutsam schoss diese zweite Hand dem Feldpolizisten von hinten unter den Helm.

Der Irrsinn schlug auf sich selbst zurück. Der Feldpolizist starb einen angenehm lautlosen Tod. Kopf und Hand fielen zurück in die Erde. Steinhoff sah den Mörder sich aufrichten, sah ihn den Toten sich ansehen wie ein friedliches Bild, sah ihn aber fallen, sich winden, hörte ihn schreien, heulen, winseln, fluchen und warf sich selbst plötzlich stumm über den Rand der Grube nach vorn, nach oben, kam auf die Beine, flüchtete blindlings hin auf den Deich. In der steilen Böschung roch er das Gras. Er sah sich nicht um. Er wusste, dass er allein lief. Er wusste, dass es keinen Sinn haben würde. Er zog sich mit beiden Händen durch das hohe verdorbene Gras nach oben, schob die Schultern über den Deichkamm, stellte sich langsam auf, sah unten den grauen großen Fluss und fiel über sein Bein hin nach rechts zu den übrigen Toten.

In den Stunden danach prägte sich ihm unzerstörbar die Vorstellung ein, der Schuss auf sein Bein sei der letzte Schuss überhaupt gewesen, danach habe ringsum alles geschwiegen, sei jeder Laut, jede Bewegung erstorben; brütende Stille sei über alles gekommen, wie Nebel im Sommer über einen Baum, über ein Haus, über ein Dorf, über eine Stadt, über ein ganzes Land kommt. Nur eine Drossel hatte gesungen. Das klang, als sei in der Nähe ein Haus. Gab es denn Häuser?

Als alles still blieb, betastete er sein Bein und hob dann erst den Kopf. Der Deich zog hoch und frei in einer schönen Schwingung nach Nordwesten. So weit Steinhoff sehen konnte, war die Wölbung mit Toten bedeckt; nach Süden das gleiche: Tote, Nebel, die Drossel und unten der Fluss, sonst nichts.

Aber er war noch am Leben.

Man würde bald neue Leute schicken. Neue tote Leute.

Er sah auf sein Bein. Hätte er Schmerzen gehabt, es wäre leichter...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.