E-Book, Deutsch, 374 Seiten
Geißler Berührung in der Psychotherapie
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-647-99251-8
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 374 Seiten
ISBN: 978-3-647-99251-8
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dr. med. Dr. phil. Peter Geißler, Arzt, Psychologe, Sachverständiger, Psychoanalytiker und Lehranalytiker, ist Lektor an der Wiener Sigmund Freud Privatuniversität und Veranstalter des Wiener Symposiums 'Psychoanalyse und Körper'.
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Geleitwort
Ich fühle mich geehrt, für dieses Buch ein paar Worte zum Geleit zu verfassen, da das Anliegen ein sehr würdiges und wiederholt aktuelles ist.
Peter Geißler kenne ich schon seit vielen Jahren von unterschiedlichen Veranstaltungen her: von den Wiener Symposien »Psychoanalyse und Körper«, wo ich selbst einmal als Referent einen Beitrag leisten durfte, und von den vielen Begegnungen als Lehrende an der Sigmund-Freud-Universität in Wien, wo Peter die adlerianische fachspezifische Ausbildung mitbetreut und ich selbst für die Psychoanalyse freudianischer Provenienz verantwortlich bin.
Aber hier geht es um das Anliegen, die Psychoanalyse von der Einschränkung aufs Sprachliche, auf die reine »Redekur« (Sigmund Freud) zu befreien. Und dies nicht ohne Grund, sondern aus dem Motiv, Patienten und Patientinnen eine tiefgreifende Heilungsmöglichkeit zu bieten, um in den Körper eingeschriebene, eingebrannte und abgeschottete Konflikte und Traumata dem therapeutischen Veränderungsprozess zugänglich zu machen. Auch innerhalb der Psychoanalyse gibt es hier schon eine Reihe bedeutender Vorgänger – angefangen bei Wilhelm Reich, Alexander Lowen und jüngst Tilmann Moser, um nur einige zu erwähnen. Die Jahrestagung des Psychoanalytischen Seminars Innsbruck im April 2024 war der unmittelbare aktuelle Anlass, Peter Geißlers körperpsychotherapeutische Arbeitsweise in einem Vortrag von ihm vorgeführt zu bekommen. Sehr beeindruckend war dabei der Audiomitschnitt einer körpertherapeutischen Sitzung mit einer traumatisierten Patientin, die Probleme schilderte, und die heftige Resonanz dazu im Auditorium.
In der nachfolgenden Diskussion, auch nach einem weiteren Vortrag des Kollegen Sebastian Leikert, fand ich es verstörend und diskussionswürdig, dass – im Gegensatz zu Geißler – der wohl eher konservative Kollege auch schwer traumatisierte Patientinnen und Patienten für fähig hielt, dass sie auf der Couch, also im traditionellen psychoanalytischen Setting, behandelt werden könnten.
In diesem Buch hingegen anders präferiert: Das behutsame Herantasten auch an körperberührende Interventionen, das Sich-Hineintrauen in Angebote an Patient:innen für ebensolche Interventionen, das ist wohl das Ansinnen und die erkenntnisleitende Motivation dieser körperorientierten Psychoanalyse. Wichtig dabei natürlich, dass der Therapeut dem »inneren Analytiker« (Ralf Zwiebel) folgt und die Resonanzen des Patienten weiterhin kontinuierlich reflektiert. Dies zu ermöglichen ist wohl Peter Geißlers Motivation, um nicht zu sagen Mission, seit vielen Jahren.
Nun zum Inhalt des Buches. Man könnte von einem Handbuch mit fast schon lexikalischer Breite zum Thema sprechen. In seiner Einleitung gibt der Autor sein Ziel an, nämlich für das Thema »Berührung in der Psychotherapie« zu sensibilisieren.
Schon in der Einleitung wird die Kulturgeschichte körperlicher Berührungen in verschiedenen Kontexten aufgezeigt. So wird etwa Markus Angermayr erwähnt, der das Beispiel von Jesus anführt, der durch Berührung u. a. Aussätzige im Tempel heilte. Folgerichtig wird in Kapitel 3 erläutert, wie körperliche Berührung im Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen unterschiedliche Freizügigkeit oder Hemmungen erfahren hat. Es werden viele Beispiele von früheren therapeutisch-psychoanalytischen Seminaren aufgeführt, die – insbesondere infolge der 68er-Bewegung – sehr freizügige und teils grenzüberschreitende Ausformungen fanden. Konkrete Beispiele damaliger körperorientierter Gruppensitzungen werden aufgezeigt, zum Teil berührend, zum Teil erheiternd.
Im jüngeren geschichtlichen Kontext wird die klassische psychoanalytische Haltung erwähnt, wonach Patientinnen und Patienten durch Versagung zur Reifung gelangen sollten. Die Befriedigung von Bedürfnissen und Wünschen durch den Therapeuten/die Analytikerin war lange ein No-Go. Im Gegensatz dazu gehört die therapeutische Möglichkeit korrigierender bzw. kompensierender emotionaler Erfahrungen heute durchaus zum Handwerkszeug von Analytikerinnen und Analytikern.
Sehr interessant ist Kapitel 4, in dem die evolutionsbiologische Perspektive der Bedeutung des Tastsinns erläutert wird. Dieser entwickelte sich evolutionär als Schlüsselmechanismus zur Erfassung sensorischer Informationen und zur sozialen Interaktion. Körperliche Berührungen verstärkten soziale Bindungen und Kooperationen, dienten der Stressregulation und förderten das Überleben in komplexen sozialen Strukturen.
In Kapitel 5 zum Thema »Haptikforschung« hinterfragt der Beitrag von Jochen Willerscheidt kritisch, dass psychoanalytische Konzepte die Haut, die Berührung ausschließlich erotisch konnotiert betrachten. Dies würde der tatsächlichen Bedeutung und den vielfältigen, überlebenswichtigen Funktionen von Berührung in der frühen Kindheit nicht gerecht. Hier wird der Gegensatz aufgezeigt zwischen den lebenswichtigen Aspekten von Berührung und der psychoanalytischen Sicht, nach der Berührung aufgrund der Lustempfindungen beim Kleinkind an Körperregionen gebunden sei – mit dem Endziel des immerwährenden Begehrens des freudschen Menschen. In diesem sehr interessanten Kapitel wird auch auf der Basis zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen auf die selbstregulatorischen Fähigkeiten des Säuglings hingewiesen, erste Berührungserfahrungen als Form der Selbsterfahrung scheinen bereits im Mutterleib stattzufinden – mit einer stressregulierenden Zielsetzung. Es werden Konzepte wie das Care-System, das Seeking System, das Play-System und das spätere Lustsystem besprochen und reflektiert.
Im folgenden Kapitel 6 wird das Thema »Selbstberührungen« behandelt – als unterstützende Technik zur Stabilisierung emotionaler Zustände, zur Förderung des Selbstbewusstseins und zur Beeinflussung tief verwurzelter psychischer Prozesse. Hierzu werden theoretische, biologische und praktische Anwendungen vorgestellt.
Im Kapitel 7 zur Grundlagenforschung wird nochmals die gerade für Therapeuten zentrale Frage aufgeworfen, ob eine klare Trennung zwischen erotischsexuellen und nicht-erotischen Berührungen überhaupt möglich ist. Natürlich kommt es dabei auf den Kontext an, aber schwierig wird es immer bleiben, da die subjektive Wahrnehmung und die damit verbundenen Kontexte eine zentrale Rolle spielen. Das heißt z. B., dass die Intention des Berührenden nicht immer mit der Wahrnehmung des Berührten übereinstimmt. Die daraus entstehenden Probleme sind vielfältig und leicht vorstellbar. Deshalb, so meint der Autor, wird eine Berührung im therapeutischen Kontext oft vermieden. Deutlich wird dann die Klärung, dass eine klare Kommunikation über die Absichten hinter der Berührung deshalb zentral wichtig ist und auch ein offener Kommunikationsraum nach einer körpertherapeutischen Intervention gewährleistet sein muss.
In Kapitel 8 geht es um Regression und Berührung, was aus dem therapeutischen bzw. behandlungstechnisch-therapeutischen Blickwinkel vielleicht das spannendste Kapitel ist. Die Überlegung im körpertherapeutischen Arbeiten ist hier, tiefer liegende Muster und verdrängte oder abgespaltene Emotionen bewusster zu machen, ja sogar »entfesseln« zu können. Auch ist bekannt, dass der Körper hier als der Träger eines impliziten Wissens im Sinne des nichtdeklarativen Gedächtnisses (= Körpergedächtnis) bzw. der präödipalen Lebenszeit angesehen wird. Auch hier die Überlegung, dass frühkindliche Erfahrungen, die von starken Emotionen geprägt waren und die oft nicht ausreichend von Eltern oder Bezugspersonen aufgegriffen wurden, vom Kind nicht integriert bzw. nicht symbolisch verarbeitet werden konnten. Körpertherapeutische Interventionen haben dann das Ziel, diese abgespaltenen oder traumatisierenden Erfahrungen der Therapie zugänglich zu machen. Somit versteht sich die psychodynamische Körperpsychotherapie auch als ein aufdeckendes therapeutisches Verfahren.
Diese Art der körpertherapeutischen Arbeit wird somit als sehr mächtiges und gleichsam sehr heikles Instrument verstanden, die besondere Weise der körperlichen Berührung besteht in der direkten präverbalen und basalen Wirkung auf den Patienten oder die Patientin, die nicht symbolisch oder kognitiv vermittelt wird.
Bei Kapitel 9 handelt es sich um ein sehr originelles und dem Zeitgeist entsprechendes Interview. Peter Geißler stellt hier einen Dialog in Form eines Chats mit der KI von ChatGPT vor. Er diskutiert dabei über Laplanches Theorie der ursprünglichen Verführung bzw. Laplanches »Allgemeine Verführungstheorie«. Mein persönlicher Eindruck davon ist: Es ist schon bemerkenswert, wie die KI sehr fundierte und theorierelevante Erklärungen zum Thema generieren kann.
Im Teil 2 des Buches macht der Autor ernst mit seinem eingangs schon erwähnten Vorhaben, dass dieses Buch vor allem anregen soll zum Austausch...




