Geissler | Das Brot mit der Feile | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 544 Seiten

Reihe: Christian Geissler Werke

Geissler Das Brot mit der Feile

Roman. Mit einem Nachwort von Ingo Meyer
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95732-223-4
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman. Mit einem Nachwort von Ingo Meyer

E-Book, Deutsch, Band 3, 544 Seiten

Reihe: Christian Geissler Werke

ISBN: 978-3-95732-223-4
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jan Ahlers ist 17. Er lebt bei seiner Großmutter in Hamburg, malocht auf dem Bau, ist nicht zufrieden mit sich und der Welt. 'Alles bloß immer Hund!' ist einer seiner Lieblingssprüche. Die Handlung beginnt 1960, und ein breit angelegtes Milieu fächert sich auf: Bundeswehrsoldaten, ein Sozialarbeiter, ein Franzose, Kommunisten, ein Gangsterboss, ein Arzt, ein NDR-Journalist... In 'Kalte Zeiten' (1965) erzählte Christian Geissler einen Tag im Leben von Jan Ahlers. Mit 'Das Brot mit der Feile' (1973) ändern sich die Perspektiven und der Tonfall in Geisslers Prosa. Ahlers gerät mitten hinein in den politischen Aufbruch. Der Literaturwissenschaftler Ingo Meyer setzt in seinem Nachwort das literaturästhetische Profil des Romans in Bezug zu den Debatten um eine linke Ästhetik und arbeitet die Spezifik von Geisslers 'Poetik des Widerstands' heraus. 'Dieser Roman ist die erste komplexe erzählerische Realisation des Widerstands, des Protests, des Veränderungswillen, wie sie in den sechziger Jahren in der Bundesrepublik aufkamen.' (Heinrich Vormweg)

Christian Geissler wurde am 25. Dezember 1928 in Hamburg geboren. Nach einem nie abgeschlossenen Studium der Theologie, Philosophie und Psychologie in Hamburg, Tübingen und München arbeitete er ab 1956 als freier Schriftsteller. Geissler arbeitete u. a. beim NDR, war Mitherausgeber der linken Literaturzeitschrift Kürbiskern, Dokumentarfilmer und Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Neben seinem Debüt 'Anfrage' (1960) ist 'kamalatta' (1988) sein bekanntester Roman. Er lebte zumeist in Hamburg und Ostfriesland und starb am 26. August 2008. Außer seinen Romanen veröffentlichte Geissler zahlreiche Hörspiele, Dokumentarfilme und Lyrik-Bände. Die Christian Geissler Gesellschaft e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, seine Werke wieder zugänglich zu machen und fördert Veranstaltungen und Fachtagungen. Sie unterstützt auch die Christian-Geissler-Werkschau, die seit 2013 im Verbrecher Verlag erscheint. Im Verbrecher Verlag erschienen bislang die Bände 'Wird Zeit, dass wir leben' und 'Kalte Zeiten/ Schlachtvieh'.
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5. Fluchtwege


Er lief durchs Gittertor, hinter die Mauern, unter den Helm mit der Neugier eines hoffnungslosen Mannes, mit der Sicherheit eines Gefangenen, endlich alles in Ordnung, eingesperrt, abgezählt, angezogen, satt gemacht, aufgepasst. Ganz klar, sagte Jürgen und stelzte zutraulich vor zum Hauptfeldwebel, der, noch im Hof draußen, im Schnee, die Stubenbelegung bekanntmachen wollte, »ich geh am besten gleich mit zu Ahlers, den kenn ich«.

Der kleine, bleiche Uniformmann sah von unten her auf Jürgen herab. »Mach dich mal ganz schnell so klein, wie du kannst«, sagte er.

Jürgen lachte verschmitzt, den Trick kannte er vom Konfirmationsunterricht, wenn Rabatz war, und krümmte sich runter über Knie und Stiefel zu einem kantigen Knoten.

»Name!«, rief der Soldat in den Dreck.

»Jürgen Tapp«, kam es gequetscht aus den Wadenmuskeln.

»Meine Herren«, sagte der Soldat, »Herr Tapp sagt mir eben, er kennt hier einen. Aber glauben Sie mir, er täuscht sich. Sie täuschen sich alle. Denn hier, von nun an, kennt erst einmal keiner mehr einen. Bis Sie mich kennen, Ihren Lieblingsausbilder, kennt hier demnächst sogar keiner auch nur noch sich selbst. Sie sehen«, er wies auf den kauernden Jürgen zu seinen Füßen, »wir fangen hier ganz klein an, sozusagen von ganz innen unten aus dem Ei heraus fangen wir an, meine Herren.« Er kippte den runden Jürgen vorsichtig mit dem Knie zur Seite weg in den Dreck, sagte ruhig nach unten: »Nicht aufmachen, Tapp, nicht aufstehen, Sie bleiben ganz klein und rund«, und dann sagte er zu den anderen: »Ganz klein und rund, meine Herren. Und ich werde Sie, das schwöre ich Ihnen, in die engsten, wärmsten Ecken rollen und Sie bebrüten lassen, bis da was Neues ausschlüpft. Und ich sage es Ihnen noch einmal: Sie werden sich nicht wiedererkennen. – Jetzt pass mal auf, Tapp, jetzt sage ich Ei des Kolumbus, und dann rollen Sie sich zurück auf die Hacken, bleiben aber schön klein und krumm und rund dabei, noch ist das Kücken nicht fertig, wir setzen das Ei nur zurück auf die Spitze – klar? Versuchen wirs mal: Ei des Kolumbus!« Jürgen zappelte klamm und immer noch kichernd, Soldatenleben, das schaff ich, zurück in den Hackensitz, den Kopf schon wieder weggekauert zwischen Waden und Knie. Der Soldat freute sich. »Und wer ist hier Ahlers?«

Ahlers hob seinen Arm.

»Vortreten!«

Ahlers trat vor.

»Ei des Kolumbus!«, brüllte der Ausbilder, und, bums, saß Ahlers genauso krumm im nassen Hofasphalt wie Jürgen. Alle lachten, wurden gescheucht, gezählt, abgehakt und auf die verschiedenen Stuben verteilt, und erst als es vierzig Minuten später Tee gab für alle, ging Kolumbus nach draußen in den sanften Schnee zurück und entließ die beiden an ihren neuen Platz.

Ihnen taten die Knochen weh. Ihnen war schwindelig. Jürgen ging im ersten Schreck erst mal weg zum Kotzen. Aber sie hatten die gleiche Stube bekommen, »ganz dufter Typ, irgendwie«, sagte Ahlers, und Jürgen meinte auch, dass man hier ganz gut sehen kann, woran man ist, »besser als draußen, und krummpuckeln musst du da nämlich auch, aber da machen sie Spruch, damit du nichts merkst. Hier nicht. Das finde ich besser.« Er legte sich wieder hin. Ihm war immer noch schlecht. Sein kleines Gesicht war jämmerlich leer und spitz, die Nase ganz weiß, der Mund ohne Lippen, der ganze Mann vollkommen beschämt und atemlos entschlossen. Ahlers sah das, sah sich selber in Jürgens Gesicht, fühlte sich verloren und aufgehoben, hätte jetzt gern mal Jürgen die Hand gegeben, aber vom oberen Bett zum unteren, das war zu weit für bloß einen Arm.

*

Die ersten sechs Wochen waren nichts als Dreck und Geschrei und Erschöpfung, Fressen und Puckeln und falsche Träume, und alles nach Plan. Die Eier bebrüten, nannte Kolumbus das. Es gab noch ein paar andere Unterführer, aber die krähten nur nach, was dieser Oberunterführer auf seinem Mist ihnen vorgesungen hatte. Und immerhin, nichts gegen Kolumbus: Der hatte die niedergemachten Jürgen und Ahlers auf eine Stube entlassen, von Anfang an, Ahlers mit seinem »A« auf die Stube der letzten im Alphabet, der Reihe nach Rainer Sastell, Jürgen Tapp, Volker Trebin, Pit Vreese und Willi Wieland.

Sastell kam von der Schule, Abitur, wollte später mal Lehrer werden, las Heine und Henry Miller. Sein Kopf war etwas zu groß, wirkte aber nicht schwer, eher zu leicht, zu dünn geblasen aus feinem, zerbrechlichem Zeug, »wenn der mal hinfällt, gibts Scherben«, und unterm Schläfenhaar konnte man Adern sehen.

Trebin war der Typ für Mädchen, Pfeifenraucher, schön dickes dunkles Haar, bulliger Kellerbass, konnte Gitarre spielen, war Werkzeugmacher geworden, weil sein Vater das auch war.

Vreese, der Kleinste, sah frech und krank aus, »von dem haben paar Leute schon mal was abgefressen«, rotblondes Krisselhaar, scharf auf Süßkram und Autos, und als Kind ein paar Heime und mit sechzehn schon mal zehn Monate Jugendknast abgesessen, trotzdem: Maschinenschlosser mit Seefahrtsbuch. Und dann Willi Wieland: Schlachthof, ausgelernt, blonde Wolle die Stirn runter fast bis zur platten Nase, war mal Stadtjugendboxmeister gewesen, schön schlauer Kopf, war ein Westernfan und auch ein bedeutender Fresser, konnte indonesisch kochen und kannte am Klosterstern zwei Herrschaftsnutten aus Japan.

Der Typ Wieland kam hier auf Anhieb an, auch beim Chef, Oberleutnant Ratjen, auch bei Kolumbus. Bei dem auch dann noch, als Willi mal gegen den lauthals sagte, »was hier gespielt wird, Leute: Klumbumbus, der männerbrütende Minitruthahn!«

Kolumbus sah auf, Wieland sprang krächzend in Deckung hinter die beiden riesigen Fäuste, der Ausbilder kam an Wielands Platz, Waffenreinigen, nahm das Sturmgewehr auf, sah vom noch nicht ausgebauten Schloss prüfend über Kimme und Korn, richtete aber dabei die Mündung auf Wieland.

»Und wenn Sie jetzt bitte mal den ersten Schuss ganz langsam kommen lassen wollen, Herr Hauptfeld«, sagte Wieland mit seiner eingeklemmten Lachstimme. Kolumbus legte die Waffe zurück und sagte an alle: »Der erste schlüpft schon, meine Herren: Selbsthenker Wieland. Heute Nacht, null Uhr zehn, feldmarschmäßig vor der Kantine, wenn ich bitten darf.«

Von nun an saßen die beiden abends manchmal beim Bier.

»Der ist heiß, der Mann«, sagte Wieland, »von dem hol ich alles.« Und immerhin kam er auch nicht, wie Kolumbus es vorgeschlagen und von ihm gefordert hatte, in die Totschlägersondereinheit nach Hammelburg, sondern stand schon bald mit weißer Hilfskochmütze an der Stabsküchenklappe und sorgte für alle, vor allem für Stube neun. Kolumbus war einverstanden. Ihm brachte Wieland außerplanmäßig morgens zum Wecken Honig in heißer Milch.

Die sechs Leute auf Stube neun waren gewiss nicht von Haus aus ein Freundesclub, oder wie geht das zusammen: Der angefressene Vreese und der schöne Trebin? Hass-Ahlers und der feine Sastell? Selbsthenker Wieland und der freundliche, ratlose Jürgen Tapp? Das geht nicht zusammen und geht nicht, und geht dann am Ende doch, weil über allen für alle gleichzeitig der gleiche Schlag niedergeht, öde und niederträchtig und bis an die Zähne bewaffnet.

»Die Waffen, die haben wir, nicht die«, sagte Ahlers mal in den ersten Wochen, als er dachte, dass er kaputt ist von Hass und Kränkung. Aber Wieland machte darauf nur schlau sein »psst, psst!«, und Sastell sagte: »Die haben nicht nur die Waffen, die haben die Waffen und uns.«

*

Ahlers war trotz solcher Reden auch jetzt noch im Ganzen nicht unglücklich. Sicher, am Anfang der Schock, reglos und krumm in der kalten Nässe des Ankunftstages, und später noch in den ersten Wochen die Schreiereien, der Spott, das Schindludertreiben, das Strafenandrohen und Stubengedrängel, das waren für ihn keine Kleinigkeiten. Aber alles hier, selbst das Gemeinste, rutschte und bröckelte schließlich doch weg in einen von ihm bisher nicht durchschauten Ordnungs- und Sicherheitsraster, den er mit sich schleppte wie jeder, nur nicht Sastell vielleicht, und der ihm nach und nach den Unsinn zur Einsicht ordnen half, zu der Einsicht, dass das alles am Ende doch hinkommt zu seinen Gunsten: Die Schreierei lässt nach, wenn man gehorcht. Schindluder kann nur werden, wer sich querstellt, wie damals die kleine Sau an jenem schönen Herbsttag im Schlachthof, Messer auf Stich, Knochen brechen, Blut kotzen. Strafenandrohen läuft nicht bei einem, der seine Pflicht tut. Und das Stubengedrängel, »na gut, denn wann hast du sonst so Kollegen für jeden Tag, und auch abends, wenn alles mal Hund ist, und du kannst dich beraten, sind alle gleich. Alle gleich unten im Dreck, das ist klar. Aber doch eben alle gleich. Und draußen immer, was ist denn? Draußen stehst du meist nämlich immer allein da, kein Flachs. Nur mal zum Beispiel Willi neulich doch auch: Hängst du so irgendwo hinterm Panzer, alles bloß immer warten, und dann mal so reden, was alles so war, und Jürgen sagt, dass sein Alter früher erst immer noch hinter ihm her war, wegen der Mutter, dass er da nicht mehr bleiben soll, und hat wohl auch Schläge gegeben, so einfach von der Schule weg, bis er zu Haus ist, und ist schon immer gerannt jeden Tag, sagt Jürgen. Und Willi sagt: Was denn, Dünnmann? Wenn du damals schon mal bei Wieland gekommen wärst, so wie jetzt, dann stell ich dir gegen den Alten doch leicht meinen Stamm auf die Straße, siehst du....



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