E-Book, Deutsch, Band 33, 448 Seiten, Format (B × H): 155 mm x 230 mm
Reihe: Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie (LStRLO)
Dingel / Kohnle / Rhein Initia Reformationis
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-374-05142-7
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wittenberg und die frühe Reformation
E-Book, Deutsch, Band 33, 448 Seiten, Format (B × H): 155 mm x 230 mm
Reihe: Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie (LStRLO)
ISBN: 978-3-374-05142-7
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Reformationsjubiläum lenkt den Blick nicht nur auf Martin Luther als Person, Universitätsprofessor, Theologe und Prediger, sondern auch auf die Bedingungen, die sein Wirken ermöglichten, sowie auf das Umfeld, in dem er agierte. Dafür sind die Anfänge der Reformation und der Ort der 'Initia Reformationis', Wittenberg, von besonderem Interesse. Die in diesem Band versammelten Beiträge widmen sich den Kontexten, den entwicklungsgeschichtlichen Bedingungen sowie den durch die frühe Reformation freigesetzten Impulsen und deren - langfristiger - Wirkung. Die übergreifenden politischen, theologischen, frömmigkeits- und mediengeschichtlichen Bedingungen kommen ebenso zur Sprache wie das Leben in der Stadt und der Universität Wittenberg als Mikrokosmos der frühen Reformation. Mit Beiträgen von Rosemarie Aulinger, Enno Bünz, Livia Cárdenas, Irene Dingel, Thomas Fuchs, Mirko Gutjahr, Christiane Hennen, Armin Kohnle, Volker Leppin, Ulrike Ludwig, Heiner Lück, Marcel Nieden, Stefan Oehmig, Wolf-Friedrich Schäufele, Johannes Schilling, Uwe Schirmer und Christopher Spehr. [Initia Reformationis. Wittenberg and the Early Reformation] The anniversary of the Reformation directs our attention not only to Martin Luther as a person, university professor, theologian and preacher, but also to the conditions which made his impact possible, as well as the milieu in which he was acting. For exploring these topics the beginnings of the Reformation and the locale in which they took place, Wittenberg, are of particular interest. The essays collected in this volume are dedicated to the context, the conditions in which these historical factors developed, as well as the impulses that were set in motion by the early Reformation and their - long-term - impact. The overarching political and theological conditions, and the associated aspects in popular piety and media, are discussed alongside life in the town and at the university of Wittenberg as a microcosmos of the early Reformation.
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HEILSGESCHEHEN, SEELENRETTUNG, WELTGESCHICHTE
Das Wittenberger Heiltum
Livia Cárdenas
Das Schicksal der Wittenberger Reliquiensammlung, die maßgeblich auf den Sammeleifer des sächsischen Kurfürsten Friedrich III. (1463–1525), genannt der Weise, zurückgeht, verbindet sich mit dem der meisten mittelalterlichen Kirchenschätze.1 Sie wurden vielfach als finanzielle Reserve erachtet und im wahrsten Sinne des Wortes umgemünzt, die Metalle eingeschmolzen und die Edelsteine veräußert. Nach 1500 geschah das oft aufgrund konfessioneller Konflikte.2 So glaubte man auch lange, der Wittenberger Schatz sei im Zuge des Schmalkaldischen Krieges (1546/47) durch Johann Friedrich den Großmütigen aufgelöst worden. Der Neffe des 1525 verstorbenen Friedrich des Weisen zeichnet dafür indes nicht verantwortlich. Ernst Müller konnte 1989 nachweisen, dass dies bereits unter dem unmittelbaren Nachfolger Friedrichs des Weisen, Johann dem Beständigen, geschah, und zwar schon kurz nach dem Tod Friedrichs in den Jahren zwischen 1525 und 1530.3 Johann stand unter einer hohen Schuldenlast. Um sich aus seinen finanziellen Bedrängnissen zu befreien, begann er, die ihm zur Verfügung stehenden Reserven seines Landes auszuschöpfen. Ihm diente der bis dahin auf über 170 kostbare Behältnisse angewachsene Kirchenschatz als landesherrliche Edelmetallreserve.4 Zugute kam Johann dabei, dass Friedrich der Weise 1522 verfügt hatte, die Reliquien in ihren Behältnissen nur noch ohne Verkündigung des Ablasses auszustellen, und schon 1523 war dies letztmalig der Fall. Seither war der Kirchenschatz des Wittenberger Allerheiligenstiftes in jeder Hinsicht totes Kapital. Er diente weder der Seelenrettung via Akkumulation von Ablässen noch war er Ausweis sakraler Umrahmung der sächsischen Herrschaft, er entbehrte also auch jeden symbolischen Wertes.
Die einzigen Stücke des Reliquienschatzes, denen ein Nachleben beschert war, sind ein Stück blauen Samtes, der von dem Mantel Mariens stammen soll, sowie ein ornamentiertes Glas aus dem 11.oder 12. Jahrhundert.5 Sie allein sind der ökonomischen Transzendierung des Heiltumsschatzes entgangen, da sie eben keinen umsetzbaren Materialwert boten. (Abb. 1)
Das Glas, das sich heute in der Kunstsammlung der Veste Coburg befindet, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Es stammt der Überlieferung nach aus dem Besitz der heiligen Elisabeth von Thüringen und gehört damit zu den Kontaktreliquien. Zudem ist das Glas nach der Auflösung des Wittenberger Heiltumsschatzes mehrfach im Besitz von Martin Luther bezeugt.6 So berichtet Johannes Mathesius, Schüler und Gefolgsmann Luthers, im November 1541 über einen Besuch bei seinem Lehrer, in dessen Verlauf ein »Christallinen glaß /das Sanct Elisabeth solt gewesen sein«, für einen Rundtrunk umhergegeben wurde.7 Der Hinweis auf Martin Luther als Besitzer des Elisabethglaseswird des Weiteren ausgerechnet in dem Medium bezeugt, das der Publizierung im Druck und damit medialen Präsentation der Heiltumssammlung diente. In gleich zwei Exemplaren des Druckes des sogenannten Wittenberger Heiltumsbuches von 1509 ist ein handschriftlicher Verweis auf Luther als Besitzer eingetragen. In dem Band der Bamberger Staatsbibliothek wurde neben dem Holzschnitt des Glases notiert: »In der aufthailung des hailthums ist luttern diss S. Elisabeth Christalline glas […]ist fast das köstlichst gewesen under den ander allem«.8 Und in dem Pergamentexemplar der Lutherhalle Wittenberg ist neben dem gleichen Holzschnitt zu lesen: »Dieses Glas ist nach Abschaffung der Abgötte-/rei D. Luttero geschenkt worden […]«.9
Abb. 1: sog. Glas der hl. Elisabeth, Kunstsammlungen der Veste Coburg
Das Wittenberger Heiltumsbuch stellt einen Spiegel, vielleicht auch ein wenig einen Zerrspiegel der heute fast restlos verlorenen Heiltumssammlung Friedrichs des Weisen dar. Es gibt zwar einige Register zum Wittenberger Heiltum, die den Umfang und die stetige Vermehrung der Wittenberger Reliquiensammlung unter Friedrich dem Weisen bezeugen.10 Aber diese bleiben als Dokumente der höfischen Verwaltung weit zurück hinter dem Heiltumsbuch, das eine ganze Reihe von Aussagemöglichkeiten über Legitimations- und Repräsentationsstrategien der Wettiner bereithält.
Das im Auftrag Friedrichs des Weisen gedruckte Buch gibt den in kostbaren Gefäßen geborgenen Reliquienschatz der Schlosskirche nach der Abfolge der Heiltumsweisung in Holzschnitten von Lucas Cranach d. Ä. wieder. Wahrscheinlich arbeitete Cranach 1508 bereits an den Holzschnitten zum Heiltumsbuch, das 1509 in einer ersten und nach Ausweis des Kolophons noch im selben Jahr in einer zweiten Ausgabe gedruckt wurde.11 Das Wittenberger Heiltumsbuch ist nicht das erste Buch seiner Gattung, es hat eine Reihe von Vorgängern, an deren Struktur es eng anschließt. Die Gestaltung und Ordnung der Heiltumsbücher folgt dem liturgischen Verlauf der Heiltumsweisung – der ostensio reliquiarum – oder gibt dies zumindest vor.12 In Wittenberg fanden diese kirchlichen Feiern, in deren Verlauf die Reliquien in ihren Behältnissen den anwesenden Gläubigen gewiesen wurden, sehr wahrscheinlich seit 1504 statt.13
Allgemein sind die Bücher mit einem einleitenden Titelholzschnitt versehen. Es folgt die Vorrede, worauf sich die Abbildungen der Reliquiare in Holzschnitten mit mehr oder weniger ausführlichen Texten anschließen. Fürbittgebete für Klerus, Kaiser und Reichsadel bilden in einigen Exemplaren den Abschluss, bei manchen wird indes nur die Anzahl der gewiesenen Partikel angegeben. Die Gefäße werden entsprechend der Heiltumsweisung in einzelne Gruppen, die sogenannten Gänge oder Umgänge, unterteilt. (Abb. 2, 3)
Bereits das Titelblatt des Wittenberger Heiltumsbuches, ein Kupferstich von Lucas Cranach d. Ä., setzt sich deutlich von dem Bisherigen ab. Die für Heiltumsbücher bis dahin übliche Besetzung mit der Abbildung des heiligen Kirchenpatrons beziehungsweise der Kirche oder auch einer Kombination aus beidem wird hier zugunsten der Darstellung der Stifter aufgegeben. Friedrich der Weise und sein mitregierender Bruder Johann der Beständige sind einträchtig unter einem Rundbogenwiedergegeben. Darüber erscheint der Titel: Dye zaigung des hochlobwirdigen hailigthums der Stifft kirchen aller hailigen zu wittenburg. (Abb. 4)
Dass das Doppelporträt kein profanes Unterfangen begleitet, wird innerbildlich signifikant. Zum einen durch den rahmenden Rundbogen, der den Zeitgenossen aus sakralen Bildformularen bekannt war, wie Nischenrahmungen von Heiligenfiguren. Zum anderen hält Friedrich der Weise eine Gebetsschnur in den Händen, die Andacht und Seelenversenkung im frommen Gestus vorführt. Durch die unmittelbare Interaktion von Buchtitel und Doppelporträt des regierenden Brüderpaars bindet sich alles Nachfolgende unauflösbar an die sächsische Herrschaft, die durch Kur- und Herzogswappen in den Bogenzwickeln unmissverständlich vor Augen geführt wird.
Auf der zweiten Seite folgt dann die Wiedergabe der Wittenberger Schlosskirche im Holzschnitt. (Abb. 5) Die Aneignung des Titelblattes durch die fürstlichen Stifter wird so durch die Darstellung des Schreins der Reliquien kompensiert. Auf die Wiedergabe der Schlosskirche schließt der Einleitungstext an, der sich auf ganze dreieinhalb Druckseiten erstreckt. Der Text setzt an mit den Anfängen der Sammlung, die mit ihren bedeutendsten Reliquien bis auf die sächsischen Askanier zurückgeht, denen die Wettiner nach dem Aussterben der sächsisch-askanischen Linie erst 1423 folgten. Es wird ausgiebig beschrieben, dass Rudolf, der Herzog von Sachsen, für seine Waffenhilfe vom französischen König Philipp VI. die wertvolle Reliquie eines Dorns aus der Dornenkrone Christi erhielt und wie unter den Askaniern die Einrichtung der Vorgängerkirche des Allerheiligenstiftes stattfand und diese mit Einkünften ausgestattet wurde. Der chronikalische Bericht setzt fort mit den direkten Vorfahren Friedrichs des Weisen in der sächsischen Herrschaft aus wettinischem Hause und führt bis in die Gegenwart hin zu Friedrich und seinem mitregierenden Bruder Johann. Hier wird deutlich darauf Wert gelegt, dass zwar die Stiftskirche schon durch die Vorgänger und Vorfahren Friedrichs Stiftungen und Donationen erhalten hatte, dass diese aber nunmehr »von yren furstlichen gnaden« in besonderer Weise ausgestattet und bereichert wurde. Dezidiert Erwähnung findet ein päpstliches Breve, durch das alle Bischöfe und Prälaten des Reiches aufgefordert werden, Friedrich Reliquien zu überlassen. Die genaue zeitliche Angabe zum Erwerb dieses Breves,»auff Jungst gehabten Reychstag zu Constantz«, zeigt dessen Bedeutung für Sammler und Sammlung, die dadurch päpstliche Legitimation erhielt. Weiterhin werden die Gläubigen aufgefordert, durch Ablass die Auslöschung ihrer Sündenstrafen zu erwirken und damit die ewige Seligkeit zu erlangen. Der Termin der Heiltumsweisung wird genannt und die Höhe des zu erlangenden Ablasses. Zudem wird der Portiuncula Ablass erwähnt, ein vollkommener Sündenablass, der in Wittenberg alljährlich zu Allerheiligen zu erwerben war. Abschließend wird den Gläubigen nochmals der Heiltumsschatz zur »Besserung ihres Lebens« ans Herz gelegt und betont, dass die »zaigung des hailigthumbs« so vonstattengehe, wie es im Buch »diser maß und gestalt« verzeichnet ist.14
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