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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Nelly Emberwing
Gembri Nelly Emberwing (1). Die verbotenen Wesen von Rustgate
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-401-81120-8
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Spannungsgeladene Fantasy ab 10 Jahren um die besondere Freundschaft zwischen einem Mädchen und einem geheimnisvollen Drachenwesen
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Nelly Emberwing
ISBN: 978-3-401-81120-8
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kira Gembri wurde 1990 als zweitältestes von fünf Kindern in Wien geboren. Dieser schönen Stadt blieb sie auch nach dem Abschluss ihres Masterstudiums der Vergleichenden Literaturwissenschaft treu. Wenn sie nicht gerade mit ihrer kleinen Tochter auf dem Teppich herumrollt, mehr schlecht als recht Cello spielt, ihrem Kater - einem charakterlichen Doppelgänger von Simon's Cat - hinterherjagt oder in einem der Bücher schmökert, die sich in ihrer Wohnung stapeln, gilt ihre Leidenschaft dem Schreiben.
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Der Schandfleck von Rustgate
Den Riss gab es schon seit fünfzehn Jahren. Fast alles, was ich darüber wusste, hatte ich von Miss Morton gelernt – einer ehemaligen Gouvernante, die im Waisenhaus als Lehrerin angestellt war. Finanziert wurde sie, wie so vieles im Heim, von reichen Wohltäterinnen. Diese Damen kamen alle paar Wochen zu Besuch, marschierten in ihren schicken Mänteln durch sämtliche Räume und sprachen lautstark darüber, dass sie das Leben der »bemitleidenswerten kleinen Geschöpfe« unbedingt verbessern müssten. Manchmal hatte ich dann die anderen Mädchen flüstern gehört, dass sie lieber besseres Essen oder wärmere Kleidung wollten, anstatt stundenlang in einem unbeheizten Klassenzimmer zu sitzen. Auch ich hatte die endlosen Übungen im Schönschreiben innerlich verflucht. Wer würde sich später schon dafür interessieren, ob meine Buchstaben hübsch aussahen? Doch als Miss Morton eines Tages mit dem Geschichtsunterricht begonnen hatte, war die ganze Klasse wie gebannt gewesen. Zum ersten Mal sollten wir etwas über die Zeit vor unserer Geburt erfahren. Eine Zeit, in der Rustgate angeblich zu den schönsten und wohlhabendsten Städten Großbritanniens gehört hatte – wenn nicht sogar der ganzen Welt.
»Glaubt mir«, hatte Miss Morton mit belegter Stimme gesagt, »damals erfüllte es mich mit Stolz, hier zu leben. Einflussreiche Unternehmer hatten den technischen Fortschritt in unserer Heimat erstaunlich schnell vorangetrieben. Schon bald nannte man Rustgate halb im Scherz, halb bewundernd die strebsame Schwester Londons. Mitglieder des Königshauses kamen regelmäßig hierher, um unsere Errungenschaften zu bestaunen. Auch Ihre Majestät, Queen Victoria, erwies uns häufig die Ehre und sorgte dafür, dass es uns an nichts fehlte. Bis sich das vor fünfzehn Jahren änderte …«
Schlagartig hatte sich das hagere Gesicht der Lehrerin verdüstert, und im Klassenzimmer war es mucksmäuschenstill geworden. Entsetzt, aber auch fasziniert hatten wir alle der Geschichte von dem schrecklichen Beben gelauscht, das Rustgate erschüttert hatte. Unzählige Häuser waren dabei eingestürzt und hatten ihre Bewohner unter sich begraben. Dann, am Höhepunkt der Katastrophe, war sogar der Erdboden aufgebrochen. Seitdem zog sich ein Riss quer durch mehrere Stadtviertel. Er war so breit wie fünf Droschken nebeneinander, und ein Fußmarsch von einem Ende zum anderen dauerte fast drei Stunden.
»Niemand hätte sich das Tor zur Hölle so vorgestellt«, hatte Miss Morton mit Grabesstimme geraunt, »aber genau das war es. Denn aus diesem gewaltigen Riss strömten die Chimären. Man hat sie nach einem Mischwesen aus der griechischen Mythologie benannt: ein Ungeheuer, das vorne an einen Löwen, in der Mitte an eine Ziege und hinten an eine Schlange erinnert. Auch die Eindringlinge aus dem Riss besitzen Merkmale verschiedener Tiere. Nichts an ihnen passt zusammen, und sie selbst passen denkbar schlecht in unsere Welt! Also hat man sie vernichtet.« An dieser Stelle war ein Ausdruck grimmiger Genugtuung über das Gesicht der Lehrerin geflackert. »Die größten und gefährlichsten wurden zuerst erledigt. Dann wollte man sich den kleineren widmen, doch die waren längst im Gewirr der Straßen untergetaucht und vermehrten sich dort wie Tauben oder Ratten. Alle Bewohner von Rustgate wurden aufgefordert, sich an der Bekämpfung dieser Schädlinge zu beteiligen. Es gibt sogar Preise für die erfolgreichsten Chimärenjäger. Trotzdem wagen sich nur wenige an sie heran. Mit ihren Bissen oder Kratzern lösen sie heftige Beschwerden aus, gegen die noch kein Heilmittel gefunden wurde. Sie sind nämlich nicht bloß giftig, sondern magisch! Aber das ist noch nicht einmal das Schlimmste.«
Miss Morton hatte eine dramatische Pause eingelegt, doch mir war klar gewesen, worauf sie hinauswollte. Während unserer kurzen Spaziergänge – in perfekten Zweierreihen und streng bewacht von den Aufseherinnen – hatte ich bereits geheimnisvollere Wesen zu Gesicht bekommen als solche kleinen Schädlinge: Männer und Frauen mit Flügeln oder derart hell leuchtenden Augen, dass man sie sogar hinter getönten Brillengläsern erkennen konnte …
Und da war Miss Morton endlich zum Kern ihrer Erzählung gelangt. »Wie sich herausstellte, hatte man einige große Chimären übersehen: Menschenartige, die sich auf den ersten Blick kaum von anständigen Bürgern unterscheiden lassen. Doch sie sind ebenso bedrohlich und störend wie alle anderen magischen Kreaturen – und auch sie haben dazu beigetragen, dass Rustgate mittlerweile zum Schandfleck Englands verkommen ist!«
»Warum schickt man sie denn nicht zurück?«, hatte ein Mädchen gedankenverloren gefragt. »Ich meine, in das Land hinter dem Riss …«
Ein scharfes Klatschen hatte sie unterbrochen. Miss Morton hatte mit dem Rohrstock auf ihr Pult geschlagen und gekeift: »Benutze deinen Kopf, Elizabeth! Als man die Menschenartigen entdeckte, war der Riss bereits verschlossen, und es wäre viel zu gefährlich gewesen, ihn wieder zu öffnen. Gleich nach dem Beben hatte man alles dafür getan, um ihn lückenlos zuzuschütten. Außerdem wurden entlang der Bruchlinie die zwölf Türme errichtet, die Tag und Nacht von bewaffneten Männern besetzt sind. So können sich keine Chimären heimlich am Riss zu schaffen machen. Und mit unserer bewachten Stadtmauer stellen wir sicher, dass sich die Plage nicht weiter ausbreitet. In den benachbarten Städten und Dörfern möchte man dieses Problem natürlich nicht mit uns teilen!«
Die letzten Worte hatten äußerst verbittert geklungen. Miss Morton hielt es eindeutig für eine Zumutung, in Rustgate leben zu müssen. Eine Sache hatte sie uns allerdings verschwiegen, und ich erfuhr erst viel später aus den Gesprächen der anderen Dienstboten davon: Der Riss war auch nach fünfzehn Jahren noch nicht unter Kontrolle. Vermutlich war das der wahre Grund für den Bau der Wachtürme. Fast täglich gab es Berichte über Erdrutsche und leichte Beben, und die notdürftigen Holzbrücken in den ärmeren Stadtvierteln brachen immer wieder ein. Kein Wunder, dass die meisten Menschen sich vom Riss so gut wie möglich fernhielten. Sie nahmen lieber große Umwege in Kauf, als ihn zu überqueren … Doch wir fuhren nun geradewegs darauf zu. Hätte Miss Morton das gewusst, wäre ihr vor Schreck bestimmt der Rohrstock aus der Hand gefallen!
Reglos saß ich in der Kesselkutsche und starrte auf die Metallbrücke direkt vor uns. Sie schimmerte in dem breiten Lichtstreifen, der vom nächsten Wachturm herabfiel. Die Quelle dieses gleißenden Lichts befand sich hoch oben im Turm, knapp unter einer riesigen Vier aus Messing. Wahrscheinlich wurde sie von mehreren Glaslinsen verstärkt, so wie ein Sonnenstrahl von einer Lupe. Der Zweck der Turmlampe war eindeutig: Jede Bewegung am Riss musste von den Wächtern gesehen werden. Dabei half ihnen nicht nur das Licht, sondern auch die mechanische Aussichtsplattform, mit der sie am Turm auf- und abwärtsfahren konnten. Im Moment stand die Plattform zwar still, doch ich zweifelte nicht daran, dass die bewaffneten Männer uns längst im Visier hatten. Kein Fuhrwerk konnte den Riss überqueren, ohne dass sie es merkten.
Unwillkürlich hielt ich den Atem an, als die Kesselkutsche auf die Brücke rollte. »Das hier ist ein ganz raffiniertes Ding«, behauptete der Chauffeur, während Hortensia immer bleicher wurde. »Gefertigt aus beweglichen Metallschienen. Wenn der Riss sich ausdehnt oder zusammenzieht, passt sie sich automatisch an. Es besteht also keine Gefahr, sich den Hals zu brechen wie die armen Teufel auf den Holzbrücken!«
»Sind Sie da ganz sicher?«, fragte Lavinia mit etwas höherer Stimme als sonst.
Der Chauffeur wandte sich halb zu uns um. »Ich würde wohl kaum mein Leben riskieren, nur damit vier junge Damen rechtzeitig in den Zirkus kommen«, sagte er trocken. Normalerweise hätte ihm diese Frechheit einen scharfen Tadel eingebracht, doch Lavinia presste nur die Lippen zusammen. Sie sah aus, als kämpfte sie gegen Übelkeit. Bestimmt hätte Mrs Briggs mir in diesem Moment irgendeine Anweisung gegeben, aber welche? Lavinia ein parfümiertes Taschentuch zu reichen? Oder ein Pfefferminzbonbon? Ich entschied, dass frische Luft nicht verkehrt sein konnte, und öffnete das Fenster über meinem Sitzplatz. Der Gestank nach Maschinenöl und verbrennenden Kohlen flutete herein, aber die abendliche Kühle würde Lavinia hoffentlich guttun. Gerade wollte ich mich wieder zurücklehnen – da hörten wir es.
Ein leises Ächzen, gefolgt von einem Poltern.
Entsetzt klammerte Hortensia sich an ihre Zofe. »Bleiben Sie stehen!«, kreischte sie. »Der Riss bewegt sich!«
»Natürlich, Miss. Das hatte ich Ihnen doch gesagt«, erwiderte der Chauffeur, stoppte aber die Kutsche. Jetzt vernahmen wir es ganz deutlich: Kaum eine Wagenlänge von uns entfernt rutschte Geröll in die Tiefe. Ohne zu überlegen, kniete ich mich auf meinen Sitz und schob den Kopf aus dem Fenster. Die Brücke war so schmal, dass ich mühelos über das Geländer hinweg in den Abgrund blicken konnte. Ich bildete mir ein, zerbrochene Balken und Felsbrocken zu erkennen, und dazwischen … vielleicht … ein sanftes Glitzern. Bestimmt war es nur Regenwasser, das sich im Riss gesammelt hatte, aber ich konnte meine Augen nicht davon abwenden.
»Wie seltsam«, flüsterte ich, während mir modrige Luft entgegenwehte. »Es ist fast, als würde er atmen …«
Ein greller Schmerz durchfuhr meine Kopfhaut. Lavinia hatte meinen Dutt gepackt und riss mich...




