E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Gerber Mir blieben nur Gebet und Tränen
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-03848-564-3
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christliche Frauen und Mädchen in der islamischen Welt ...
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-03848-564-3
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Es klingt bizarr und ist doch für viele junge Frauen bittere Realität: Teils minderjährige Christinnen werden in Pakistan entführt und unter Todesdrohungen gezwungen, ein Papier zu unterschreiben, auf dem steht, dass sie zum Islam konvertiert sind. Anschließend erfolgt die Zwangsheirat mit einem Muslim. Vergeblich versuchen die leidgeprüften Familien, die Kidnapper vor Gericht zu ziehen und ihre Töchter zurückzubekommen. Die Polizei weigert sich, eine Anzeige aufzunehmen. Der Tenor ist stets derselbe: 'Die junge Frau ist jetzt eine Muslima. Sie kann demzufolge nicht mehr bei euch Christen leben.' Kaum vorstellbar, welche Nöte diese jungen Frauen und ihre Familien durchstehen. Und keiner hilft ihnen: nicht der Staat und schon gar nicht die lokalen Imame, die gegen die Christen hetzen. Verschachert und weggesperrt, bleibt diesen Frauen nur noch, alles über sich ergehen zu lassen. Doch es gibt ein paar mutige pakistanische Christen, die sich in ihrer offiziellen Funktion als Anwälte für diese gepeinigten Mädchen und Frauen wehren. Und das unter Einsatz ihres eigenen Lebens ... Der Journalist Daniel Gerber war in Pakistan vor Ort und besuchte befreite Frauen wie auch ihre Helfer. Dies ist sein Buch.
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Teena – ihr Mann trachtet ihr nach dem Leben
Ihre späteren Jugendjahre hat Teena in einem kleinen roten Backsteinhaus verbracht, das sie selbst mitgebaut hatte und wie es sie in Lahore, im Norden Pakistans, zu Tausenden gibt. Als Teenager saß sie den Tag hindurch in der Schule. Abends stakste sie auf der staubigen Baustelle umher, schleppte Backsteine und befolgte die Anweisungen des Vaters. Alle packten mit an, und so konnte die Familie, die finanziell eher bescheiden ausgestattet war, etliche Rupien sparen. Denn dank dieser Eigenleistung mussten nur zwei Arbeiter angeheuert werden.
Damit das Flachdach stabil blieb, wurden Eisenrohre verlegt, um die herum dann die Decke mit einem Gemisch aus Stein, Zement und einer Art Kies ausgekleidet wurde. Ein solides Dach ist in diesen Breiten unabdingbar, da sich ein Teil des Lebens darauf abspielt. Im Sommer schlafen manche dort oder hängen ihre Wäsche auf.
Die Sippe war in der vorteilhaften Lage, eine Küche bauen zu können; viele haben zwar eine, aber längst nicht alle. Wer einen solchen Einbau nicht zu finanzieren vermag, kocht vor dem Haus mit einem Feuerchen. Eine Küche besteht hier meist aus einer Gas-Kochnische, einer Spüle und ein paar Regalen.
Sauber und komfortabel war der Waschraum. Das Wasser floss aus einem Tank auf dem Dach, ausgelöst durch ein Zugsystem. Die Toilette war im indischen Stil gestaltet. Das heißt: Dort, wo man sich im Westen hinsetzt, geht man bei diesen orientalischen stillen Örtchen in die Hocke und tut, was zu tun ist.
An den Waschraum grenzten zwei Zimmer mit Möbeln, Tischen und je einer Couchgarnitur, auf der man tagsüber saß und nachts schlief – die Männer im einen der beiden Zimmer, die Mädchen im anderen. Im Sommer übernachtete die Familie auf dem Dach.
Das Haus war klein, doch ein stattliches Stück Land ist teuer. Für eine eher arme Familie ist es eine große Sache, vier eigene Wände mit zwei Zimmern, einem Bad und einer Küche zu haben.
Wie die Könige fühlte sich die Sippe, als die Bleibe schließlich fertig war, zugleich war sie aber auch tief betrübt, dass Teenas Mutter die Vollendung nicht mehr miterleben durfte und mitfeiern konnte. Sie verstarb in der Zeit, als die Mauern errichtet wurden.
Teena wohnte schließlich mit einer Schwester, zwei Brüdern und ihrem Vater im neuen Heim, die beiden älteren Schwestern waren verheiratet. Glasfenster und eine Eingangstür hatte das Haus nicht, was ebenfalls keine Seltenheit war. Die Menschen sind schon froh, wenn sie überhaupt etwas Eigenes haben.
Zeichnen war Teenas liebste Beschäftigung, besonders gerne malte sie Szenen der Natur. Sie skizzierte die Pflanzen- und Tierwelt, «gerade so, wie ich sie mir in meiner Fantasie vorstelle. Ich liebe fließendes, kühles Wasser, deshalb zieht auf meinen Bildern oft ein Fluss an Bäumen und Palmen vorbei. Auf den Wellen dümpelt ein Segelboot, unbeschwert kreisen ein paar Vögel darüber, und im Hintergrund türmen sich einige Berge auf, die ich ebenfalls sehr gerne habe. Wenn ich auf einem Motiv oder im Fernsehen Naturbilder sehe, zeichne ich die auch gerne nach».
Als Mädchen durchlief sie die gewöhnliche Schulbildung. Dass sie musisch begabt ist, bezeichnet sie als ein Geschenk Gottes – und auch, dass sie später als Lehrerin Kinder künstlerisch unterrichten konnte.
Vier Jahre tat sie dies mit großer Freude, und sie würde es noch heute tun, wenn sie nicht jenes Unheil ereilt hätte, dem hier in Pakistan die Angehörigen religiöser Minderheiten zunehmend zum Opfer fallen, insbesondere jene der Christen und der Hindus.
Aber verweilen wir noch einen Augenblick in jener Zeit, als Teenas Welt noch in Ordnung war.
Die Freundin aus Jugendtagen
Die Unterrichtsstätte lag nahe bei ihrem Zuhause, und sobald die Lektionen verstrichen waren, aßen die Kinder gemeinsam und erledigten ihre Hausaufgaben. Anschließend griff Teena daheim zum Zeichenstift oder spielte mit anderen Kindern Verstecken, rannte mit ihnen um die Wette oder ließ mit ihnen Drachen steigen. Es war eine unbeschwerte Kindheit.
Jeden Morgen wurde daheim «Roti» gebacken, ein Fladenbrot, das bei jeder Mahlzeit gereicht wird und das Teena nach der Schule zu essen pflegte. Im Elternhaus wurden neben dem pfannkuchenartigen Roti die typischen Gerichte aufgetischt, wie etwa «Salaan», eine Gemüsecreme, Reis, Hülsenfrüchte wie etwa «Dhal», eine Art Brei aus Bohnen, Linsen oder Erbsen, und manchmal auch Fleisch. Während Gemüse günstig ist, wird Fleisch gerade in ärmeren Gegenden nicht so oft gegessen. Schwein – das im Islam als unrein gilt – wird kaum verzehrt.
Der Schule entwachsen, ließ Teena sich zur Lehrerin ausbilden. Ihre Laufbahn begann in einer Spielgruppe. Damit die Kleinen dem Unterricht besser folgen konnten, vermittelte sie den Stoff, indem sie vieles aufzeichnete, zum Beispiel einen Apfel. Ihre Illustrationen beeindruckten das Lehrerkollegium, und bald bemerkten andere Ausbilder, dass es besser wäre, wenn sie Zeichenunterricht erteilen würde.
Andere gingen noch einen Schritt weiter und rieten, sie solle sich noch mehr Können aneignen, um dann als professionelle Künstlerin gestalterisch tätig sein zu können. Das freilich lag nicht drin, da Teena nicht die nötigen Utensilien dafür hatte. Die standen ihr nur in der Schule zur Verfügung, und dort gefiel es ihr ohnehin. Die Kinder zeichneten gerne, und auch andere Lehrer wollten sich manchmal ein paar Kniffe aneignen.
Bald unterrichtete Teena Schüler von der zweiten bis zur zehnten Klasse, in der Regel zwanzig bis dreißig Zöglinge. Zu den Sujets gehörten Cartoons, wie etwa Micky Maus oder Teddybären, am liebsten aber gestaltete Teena Naturszenen.
Als Lehrerin konnte sie mehrfach in den Norden Pakistans reisen, in die Gegend der Kleinstadt Murree, die auf 2300 Meter Höhe liegt, als beliebtes Touristenziel lockt und einen atemberaubenden Ausblick bietet. Bei guten Bedingungen sind sogar die majestätischen Gebirgsketten des Himalaya zu sehen.
Bereits seit mehreren Jahren war Teena mit dem Nachbarmädchen Sobia befreundet. Fünf Monate nachdem Teenas Mutter gestorben war, hatten sich die beiden kennengelernt. Sobia war Moslemin, neun Jahre lang erzählte sie ihrer neuen Freundin aber nichts über den Islam. Anderes stand im Vordergrund, etwa als Sobia an ihrem Examen arbeitete. Täglich kamen sich die beiden Teenager näher, bis Sobia fragte: «Können wir nicht Freundinnen sein?»
«Du kommst täglich zu mir, um zu lernen, wir sind doch bereits Freundinnen!», erwiderte Teena.
Vorerst waren die Besuche einseitig, Sobia verkehrte immer in Teenas Haus. Später drängte sie darauf, selbst Gastgeberin zu sein. Teena aber lehnte ab, weil sie alleine daheim war. Das Haus hatte ja keine Tür, und jemand musste folglich daheimbleiben.
Lange ließ Sobia diese Ausrede aber nicht gelten: «Du kannst doch zu mir kommen, wenn deine Brüder nach dem Rechten schauen!»
Teena wollte sie aber nicht begleiten, wenn auch ohne konkret greifbaren Grund. Sie habe einfach nicht in ein anderes Haus gehen wollen, erzählt sie später.
Mit ihrer neuen Freundin erlebte sie aber viele schöne Stunden, etwa bei den Mahlzeiten. Eigentlich dürfen Nicht-Moslems nicht gemeinsam mit den «Rechtgläubigen» essen. Teena und Sobia aßen aber aus dem gleichen Teller und teilten die Küchengegenstände, was in so manch anderem Haus undenkbar gewesen wäre.
Auch Sobias Eltern versuchten den beiden diese «Unsitte» auszureden, doch Sobia setzte sich entschieden durch, indem sie den Eltern immer wieder klarmachte: «Teena ist auch ein Mensch!»
Das habe sie glücklich gemacht, sagt Teena heute. Mit der Zeit habe sie sich mit der ganzen Familie angefreundet. Oft zeichneten die beiden in der Freizeit, unter anderem Blumen für Sobias Kleider.
Nach drei oder vier Jahren erschien das Nachbarsmädchen nicht mehr so oft, dafür war Teena umso häufiger bei ihm anzutreffen. Zwar versuchte ihr Vater sie zu bremsen, und bisweilen wollten beide Familien ihre Töchter sogar voneinander trennen, doch das schweißte die beiden nur noch stärker zusammen: Sobia, die Moslemin, und Teena, die Christin. Eine, die im Gottesdienst im Chor sang und deren Vater in der christlichen Gemeinschaft sehr aktiv war, im Gottesdienst sprach und betete und, wenn Not am Mann war, auch Gemeindemitglieder daheim aufsuchte und ihnen Gebet anbot.
Verraten
Etliche Jahre waren verstrichen, als Sobia von einem Tag auf den anderen den Islam in höchsten Tönen lobte. Immer wieder zitierte Teenas etwas jüngere Freundin Koranstellen und betonte, dass diese Religion sehr viel besser sei als das Christentum. «Nimm ihn auch an», drängte Sobia und ließ eine Menge Versprechen auf Teena einprasseln: «Dann kannst du das Paradies erreichen!»
Der Grund für Sobias plötzliche und anhaltende Überredungsversuche war im pakistanischen Nationalsport, im...




