E-Book, Deutsch, 254 Seiten
Gerdes / Jastrob Veranstaltungen und Events
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-17-038047-9
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sicher und rechtskonform - planen - organisieren - leiten
E-Book, Deutsch, 254 Seiten
ISBN: 978-3-17-038047-9
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Holger Gerdes, Dipl. Verwaltungswirt, Fachplaner für Besuchersicherheit (TH Köln), ehemaliger Verwaltungsleiter der Fortbildungsakademie Innenministerium NRW; Olaf Jastrob, Technischer Unternehmensberater, Sachverständiger für Veranstaltungs- und Besuchersicherheit.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
A.Einleitung: Blick zurück
1Um die in Deutschland bestehenden Regeln einer gesetzeskonformen Veranstaltung besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Dabei wird schnell ersichtlich, dass sich die Gefahren für Veranstaltungen nicht grundlegend geändert haben. Die Anzahl der Katastrophen bei Veranstaltungen hat durch den technischen Fortschritt abgenommen. Aber wenn es doch zur Katastrophe gekommen ist, unterscheiden sich die Ursachen gegenüber früher kaum.
2Bereits in der Antike waren Schauspiel und Gesangsdarbietungen vor großem Publikum etabliert und für große Teile der Bevölkerung zugänglich. Das Theater als Bauform entwickelte sich zuerst in Griechenland und Rom. Von dort aus verbreitete sich diese Architektur in Europa und dem Orient. Es entstanden große Arenen wie das Kolosseum in Rom oder die Arena von Verona. Schon damals hatten diese Veranstaltungsstätten Kapazitäten von bis zu 50.000 Besucher und eine ausgeklügelte Veranstaltungstechnik. Viele Arenen ließen sich sogar mit Wasser fluten, um Seeschlachten nachstellen zu können.
3Zu dieser Zeit lassen sich auch die ersten baulichen und organisatorischen Maßnahmen zurückdatieren, die der Besuchersicherheit dienten. Die Arenen hatten oftmals ein ausgeklügeltes großzügiges Eingangssystem mit strategisch angelegten Treppen und umlaufenden Korridoren. Diese Systeme sind bis heute bei modernen Stadionbauten zu finden. Eintrittskarten, fest zugewiesene Plätze und eine intelligente Wegeführung ermöglichten eine zügige und störungsfreie Befüllung und eine schnelle Räumung. Das Kolosseum in Rom ließ sich in nur 15 Minuten mit Zuschauern füllen und in gleicher Zeit auch wieder räumen. Schon das antike Rom kannte eine Berufsfeuerwehr, der nicht nur die Brandbekämpfung oblag. Auch der vorbeugende Brandschutz mit regelmäßigen Brandbegehungen und Begutachtungen gehörte zu den Aufgaben.
4Im Mittelalter erlebte die Ingenieurkunst der Antike, wie viele andere Wissenschaften auch, einen großen Rückschritt. Das Wissen über Bautechniken, Prävention und Brandschutz verschwand, der Eimer, Besen und Äxte wurden wieder die bevorzugten Mittel der Brandbekämpfung. Religiöse Fanatiker erklärten im frühen Mittelalter Brände zur gerechten Strafe Gottes und ächteten die Brandbekämpfung als Gotteslästerung1. Theater- und Gesangsvorführungen für die breite Bevölkerung fanden überwiegend im Freien auf Marktplätzen statt. Der Adelsstand traf sich in kleinen geschlossenen Gesellschaften an Königs- und Fürstenhäusern.
5Erst Ende des 16. Jahrhunderts wurden mit Schwerpunkten in England, Frankreich und Italien wieder Theater im heutigen Sinne gebaut. London entwickelte sich rasch zur Theatermetropole Europas.
Zunächst in Innenhöfen von Pubs und Schänken mit Holztribünen, später in festen Gebäuden, schlossen sich die fahrenden Gaukler und Musiker zu „Kompanien“ zusammen. Schnell entstand eine Vielzahl kommerzieller Theater.
Die Bauweise der Theater entsprach dem damaligen Stand der Technik. Sicherheitsaspekte spielten allenfalls eine untergeordnete Rolle. Auch Feuerwehren existierten noch nicht2, der vorbeugende Brandschutz als Aufgabe der kommunalen Verwaltung steckte noch in den Kinderschuhen.
Abbildung 1: Innenraum des nachgebauten Globe-Theaters in London
Quelle: Wikipedia „The Globe Theatre, Panorama Innenraum, London“, unbekannter Fotograf.
6Die meisten Theater Londons waren Rundbauten mit einer Fachwerkkonstruktion aus Holz mit ausgemauerten Zwischenräumen und einem Dach, das entweder mit Stroh oder hölzernen Schindeln gedeckt war. Im offenen Innenhof befand sich das Bühnenhaus mit Lagerräumen bzw. Umkleiden und davor unüberdachte Stehplätze. Die umlaufenden Galerien boten überdachte Zuschauerplätze für das zahlungskräftigere Publikum auf bis zu drei Stockwerken. Die Kapazität dieser Häuser lag regelmäßig zwischen 2.000 und 3.000 Besuchern.
7Publikum und Akteure gingen zu dieser Zeit ziemlich sorglos mit offenem Feuer um. Rauchen in Gesellschaft und in geschlossenen Räumen war in allen sozialen Schichten anerkannt und üblich3. Beleuchtung mit Kerzen und Öllampen auf der Bühne und den Publikumsrängen entsprach den Möglichkeiten der Zeit. Und selbst Pyrotechnik war als besonderes Stilmittel der szenischen Darstellung schon üblich. So verwundert es heute nicht, dass die meisten Gebäude wie das Londoner Globe Theatre oder das Fortune Theatre innerhalb vergleichbar kurzer Zeitspannen abbrannten. Viele Theater wurden aber auch nach wenigen Jahren wieder abgerissen, weil sie nicht mehr dem Zeitgeist entsprachen oder fielen dem großen Stadtbrand von London 1666 zum Opfer. Deshalb ist zu diesen Theatern auch nur wenig überliefert. Einige große Theaterbrände sind in den Chroniken vermerkt, über die Auswirkungen ist aber kaum etwas bekannt.
8Einer der wenigen im Detail bekannten Theaterbrände dieser Zeit ist das Feuer im Theater Amalienborg Kopenhagen im Jahr 16894. Gleich zu Beginn der Vorstellung wurde mit pyrotechnischen Effekten ein Gewitter simuliert. Die Pyrotechnik setzte die Bühnenkulissen aus Papier und Wacholdersträuchern in Brand. Die Schauspieler entkamen durch den separaten Bühnenausgang, das Publikum staute sich vor der einzigen Ausgangstür. Das Theater brannte völlig nieder, 230 Menschen starben (einzelne zeitgenössische Quellen sprechen auch von 500 Menschen) und auch der in unmittelbarer Nähe befindliche Königspalast wurde zerstört.
9Mit dem Aufkommen des Barocks entstanden dann Theater in der Form, wie wir sie auch heute noch kennen. Das Teatro Olimpico in Italien oder das Ottoneum in Kassel waren massiv aus Stein gebaute geschlossene Baukörper. Das Theater breitete sich in dieser Zeit in allen Ländern Europas aus. Das Bürgertum entdeckte das Theater für sich. Die Zuschauerzahlen stiegen rapide an und neue Volks- und Nationaltheater entstanden5. Kulturveranstaltungen gewannen an politischer und gesellschaftlicher Bedeutung.
10Aber auch jetzt spielte der Schutz der Besucher eine eher untergeordnete Rolle. Wirtschaftlichkeit und hohe Auslastung der Theater und Opernhäuser standen im Fokus der Theatergesellschaften. Einhergehend mit technischen Entwicklungen wuchs gleichzeitig das Gefahrenpotential von Veranstaltungen. Die Erfindung des Gaslichts eröffnete neue Möglichkeiten und brachte viele Vorteile in der Bedienung. Die „Nebenwirkungen“ der neuen Beleuchtungstechnik, die starke Hitzeentwicklung, traf auf Dekorationen aus Papier und Seide. Das eröffnete neue Gefahrenquellen. Zusätzlich galt offenes Feuer auf der Bühne und Pyrotechnik auch damals schon als wichtiges dramaturgisches Element und wurde deshalb häufiger als heute eingesetzt.
Das 19. Jahrhundert stand dann fatal und folgerichtig im Zeichen großer Theaterbrände. Allein in Deutschland ereigneten sich zwanzig große Theaterbrände, das verheerendste am 28. Februar 1847 in Karlsruhe.
11Das 1810 erbaute Hoftheater wurde zu dieser Zeit umgebaut. Bemalte Leinwände und Seidenstoffe kaschierten die Baubereiche. Zwei der vier Fluchtwege aus der dritten bzw. obersten Galerie waren hierdurch verdeckt. Ein weiterer Notausgang war verschlossen, um Personal einzusparen.
Eine zu dicht an einer Gaslampe angebrachte Ausschmückung entzündet sich durch die Hitze. Ein Page, der den Brand frühzeitig bemerkte, lief davon, um Meldung zu erstatten, anstatt den Entstehungsbrand zu bekämpfen. Das Feuer breitet sich rasch aus, die Besucher im Parkett und in den unteren Galerien konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die Besucher in der zuerst betroffenen obersten Galerie stauten sich vor dem einzigen verbliebenen Notausgang. 65 Menschen starben, über 200 Personen wurden verletzt6.
12Noch katastrophaler waren die Auswirkungen des Brandes im Ringtheater Wien am 8. Dezember 1881. Auch dieser Brand folgte dem schon aus Karlsruhe bekannten Muster: Eine Gasleuchte entzündete die Bühnenkonstruktion und die leicht entflammbare Dekoration im Zuschauerraum. Wie in Karlsruhe begünstigte auch in Wien eine fatale Fehlreaktion der Verantwortlichen das schnelle Überspringen des Feuers auf den Zuschauerraum.
Abbildung 2: Wikipedia „Ringtheater Ruine 1881“ – Fotograf unbekannt
13Bei der versuchten Räumung des Gebäudes trafen dann weitere technische und organisatorische Unzulänglichkeiten auf menschliches Versagen: Das Gaslicht wurde ausgeschaltet und hüllte das Gebäude in totale Dunkelheit. Die Notbeleuchtung mit Öllampen war nicht einsatzfähig. Öl war teuer und wurde deshalb häufig eingespart. Die Notausgänge öffneten sich nach Innen und ließen sich durch den Druck der Flüchtenden nicht öffnen.
14Organisatorisch war das Theater auf einen Notfall nicht vorbereitet. Es gab keine Verhaltensmaßregeln für Personal und Publikum. Kommunikationswege waren nicht definiert, deswegen waren Ursache und Ausmaß der Katastrophe anfangs nicht ausreichend bekannt. Eine falsche Information an die zur Hilfe eilende Feuerwehr führte dann auch dazu, dass diese zunächst nur mit einem kleinen Löschtrupp anrückte. Erst nach deren Eintreffen wurde Verstärkung angefordert und viel Zeit verschenkt.
15Bei diesem Brand starben 384 Menschen7. Einige Quellen sprechen sogar von bis zu 1.000 Opfern8. Aber die Wiener lernten aus dieser Katastrophe. Zur...




