Gerhard | Der Mann, der niemals log | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Gerhard Der Mann, der niemals log


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-28771-6
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-28771-6
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Leser erfährt durch Darstellung alltäglicher Situationen und Umstände, dass die Handlung in der Zukunft spielt, genauer, im Jahr 2157. Die Menschen gehorchen einer allumfassenden Religion. Was heute noch brutal und unglaublich anmutet, ist 2157 die Normalität. Nur er, der Hauptdarsteller, scheint die gestrigen Werte wieder leben müssen. Er verändert sich radikal und kann nichts dagegen tun. Er flüchtet in die Einsamkeit und entdeckt dort die Liebe zu einem über Einhundert Jahre alten, weiblichen Androiden. Gemeinsam wollen sie die Welt verändern und wieder lebenswert machen. Ein harter Weg liegt vor ihnen und sie erleben gemeinsam ihre Ohnmacht im Kampf gegen unbegreifliche Macht. Gemeinsam mit neuen Freunden, unterstützt durch die ständig wachsende Kraft des Hauptdarstellers und durch seine bedingungslose Ehrlichkeit, entbrennt eine geheime, intrigante Schlacht gegen das unmenschliche Machtmonopol. Werden sie erfolgreich sein? Und, wenn ja, zu welchem Preis?

Geboren als Hesse und früh in den Norden verschlagen, war Kindheit und früheste Jugend frei von wirklichen Sorgen bis zur Scheidung der Eltern. Dann begann die Gratwanderung zwischen Absturz und Normalität. Sie dauerte viele Jahre an. Sie war häufig grenzwertig und nur Zufälle ermöglichten mir ein normales Leben. Nach vielen Frauen, die die Auswirkungen der zu frühen Trennung von meiner Mutter, das Ausbleiben von Erziehung und Wertevermittlung und die damit verbundene Beziehungsunfähigkeit erleiden mussten und der intensiven soziologischen und psychologischen Auseinandersetzung mit mir selbst als Verwundetem, begegnete ich der Frau, mit der ich ewig leben wollte. Eine tolle Ehe, ein unfassbar traumhaft großartiges Kind und eine tiefgreifende Trennung später waren es wieder die Soziologie und die Psychologie, die mir helfen wollten, das Tal der neu entstandenen, verbitterten Einsamkeit zu verlassen. Wesentlich ruhiger und noch viel empathischer als je zuvor gestaltet nun Kreativität mein Leben und lässt mich weit über bisherige Grenzen hinaus Dinge denken, tun und schaffen. Läuft!
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Die Pubertät

Kaum hatte er das Café verlassen – er wollte einfach nur nach Hause, um sich ein wenig hinzulegen und das Erlebte zu verarbeiten – bemerkte er, dass er verfolgt wurde. Er schaute sich um und erkannte Pitania, Jankas Freundin, begleitet von ein paar Männern, die in konstanter Entfernung hinter ihr herliefen. Er wollte fliehen und hatte sich gerade überlegt, wie er sie am besten loswerden konnte, als er stehenblieb, sich langsam umdrehte und wartete, bis sie ihn erreicht hatten. Hinter der nächsten Ecke hätte er über die Seitenabsperrung hechten können und wäre in Sicherheit gewesen, aber nein, er drehte sich langsam um, stand einfach nur da und wurde mit jedem Schritt, den die anscheinend aufgebrachte Gruppe näherkam, ruhiger.

Eine belebte Straße inmitten der Stadt, er konnte drei Männer ausmachen und Pitania, alle vier hatten Messer in der Hand, weitere Messer in den Hüftgürteln und kamen schnell näher. Janka war also eine Woos gewesen, genau wie die potenzielle Mördergruppe, die sich da so schnell und von todbringenden Gedanken geleitet auf ihn zu bewegte. Völlig unverständlich drängte sich ihm der Gedanke auf, vielleicht die umherlaufenden Passanten um Hilfe bitten zu können. Ein Gedanke, den er zuvor noch nie gehabt hatte und von dem er sofort, als er ihn dachte, wusste, dass er völlig irrational und unsinnig war. Niemand hätte sich auch nur ansatzweise nach seinem Hilfeschrei umgedreht. Niemand.

Er schaute umher und rief: „Hallo Leute, ich werde angegriffen, könnte mir bitte irgendjemand helfen? Ich möchte niemanden verletzen und bitte euch um Unterstützung!“ Nicht einer der vielen Menschen reagierte. War klar.

Nun war die Gruppe nur noch wenige Meter von ihm entfernt. Er konnte den Hass in ihren Gesichtern sehen, die ohnmächtige Wut und die brutale, nackte Aggression. So waren sie nun einmal, die Woos, wenn sie in den Krieg zogen, denn die Prägungszeit der Woos war beherrscht von dunkler Energie und den Trieben der niedersten Tiere. Wissenschaftlich-spirituell gesehen waren die Woos aufgrund ihrer Tiefenprägung zum größten Teil und die meiste Zeit ihres Daseins den Tieren zuzuordnen, konnten aber auch in kontrollierten Momenten das größte Glück der Liebe verheißen oder mit ihrer durchaus vorhandenen Intelligenz brillieren, wie Janka noch vor wenigen Minuten.

Diese Vier wollten sein Leben, doch er war nicht bereit, es ihnen zu geben. Trotzdem stand er nur da, regungslos und angespannt, nicht in der Lage, sich zu entziehen und konzentrierte sich auf die Bewegungen der vier Angreifer. Fast gleichzeitig stießen sie mit ihren Messern auf ihn ein, hatten ihn umkreist und eingeschlossen, immer wilder und heftiger wurden ihre Stiche, doch kein einziger traf seinen Körper. Er wich den Stoßbewegungen der vier Woos so schnell aus, dass nicht ein einziger der Angreifer ihn treffen konnte.

Die Woos waren nach dem Misserfolg der ersten Angriffswelle sichtlich beeindruckt und verwirrt. Sie zogen sich kurz zurück, um das weitere Vorgehen zu besprechen, als Ramon den Angreifern den Vorschlag machte, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Schließlich war er freigesprochen worden und hatte lediglich in Notwehr gehandelt. Janka war diejenige gewesen, die ihn angegriffen hatte. In ihren Gesichtern konnte er ablesen, dass sie nun erst recht seinen Tod wollten und bereit waren, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. Wie lange würde er seine totale Konzentration noch aufrechterhalten können? Ihm wurde klar, dass er keinerlei Waffen bei sich trug, niemand da war, der ihm hätte helfen wollen und es für eine Flucht nun zu spät war.

Gerade wollte die Gruppe wieder angreifen, diesmal hatte sich jeder von ihnen mit gleich zwei Messern bewaffnet, da stellte er sich breitbeinig vor sie hin und begann das Lied Sarkotans zu singen. Er sang mit fester Stimme, obwohl er tief im Inneren völlig verängstigt war und die Woos hielten inne. Sie schienen bislang nicht zu wissen, dass er im Zeichen Sarkotans geboren war, denn auch Pitania hatte ja den Hergang im Café nicht mehr verfolgt, weil sie es nicht hatte ertragen können, wie Janka und Ramon sich ihre Liebe gestanden. Sie hatte das Café vor seinem Geständnis verlassen.

Sich wie in Zeitlupe bewegend, nahm Ramon die Kampfstellung der Sarkotanier ein, während er weiterhin mit lauter, glasklarer Stimme ihr Lied sang, von dem er bis vor wenigen Sekunden noch nicht einmal gewusst hatte, dass es überhaupt existiert. Mehr erstaunt über sich selbst als über die Reaktion der Angreifer, die sich spontan einige Meter zurückgezogen hatten und erneut zu tuscheln begannen, erstarrte sein Körper zu einer feindseligen Statue und verstummte sein Gesang zu geheimnisvoller Stille. Nicht einer der Passanten nahm auch nur ansatzweise Notiz vom Geschehen, keiner wollte auch nur einen Moment opfern, um zu erleben, was hier eigentlich geschah. So verstrich eine knappe Minute, bevor Pitania sich vorsichtig aus der Gruppe löste und ein paar Schritte auf Ramon zu ging.

„Bist du wirklich Sarkotanier?“, fragte sie ihn mit aufgeregter, aber immer noch zorniger Stimme. „Wo ist denn dann deine Waffe, wenn du wirklich ein so großer Kämpfer bist, wo denn?“ Ihren linken Arm in die Taille gestützt und den Kopf leicht zur Seite geneigt, wartete sie siegesbewusst auf eine Antwort, die ihr Ramon allerdings nicht geben konnte. Er hatte nun einmal keine Waffe und das wusste sie genau. Auch Ramon trat einen kleinen Schritt vor, baute sich noch einmal richtig auf, wodurch er gut fünf Zentimeter größer wurde, und sagte: „Ich benötige keine Waffen mehr, ich bin einer der Auserwählten, die nur durch die Kraft und Geschicklichkeit ihres Körpers unbesiegbar werden und in jeder Konsequenz todbringend sind. Ich bitte euch, es dabei zu belassen und jetzt sofort zu gehen.“ Ramon hörte sich selbst sprechen und wusste nicht genau, ob er nun eher über sich oder doch nur über das von ihm Gesagte lachen sollte. So einen Unsinn hatte er zuvor noch nie gehört und dieser Nonsens kam aus seinem eigenen Mund!

Pitania reihte sich wieder in den Kreis der Woos ein und sie begannen wieder zu flüstern, um sich nach einem kurzen Augenblick, ohne sich noch einmal umzudrehen, auf den Weg zu machen und in der Menge zu verschwinden. Sie kam dann aber doch noch einmal zurück, positionierte sich in etwa zehn Metern Entfernung vor Ramon und rief: „Hast du Janka wirklich aus Notwehr getötet, obwohl Ihr euch doch so sehr geliebt habt?“

Liebe? Liebe innerhalb von wenigen Augenblicken, bis dass der Tod euch scheide? Das konnte doch wohl nur ein Witz sein. Aber Pitania meinte das ernst, sie wollte diese Frage aufrichtig geklärt wissen und ließ Ramon keine Ruhe: „Hast du sie getötet, obwohl du sie so sehr geliebt hast, Mann? Sag es mir, oder ich muss …“ Sie sprach ihre Drohung nicht aus, denn sie hatte nichts mehr, womit sie hätte drohen können, aber dennoch war sie verzweifelt genug, um eine Dummheit zu begehen, wenn er ihr nicht bald antwortete.

Obwohl er selbst vor noch so kurzer Zeit einer der Hauptdarsteller in einer Liebesaffäre war, die nur wenige Minuten angedauert hatte, war es ihm aber nicht wirklich möglich zu verstehen, wie sich Menschen innerhalb von Augenblicken verlieben und wieder entlieben konnten. Wie wertlos doch dieses wunderbare Gefühl geworden war, wenn es an jeder Ecke aufflackerte, um kurz danach wieder zu erlöschen! Nicht die nutzlos vor sich hinplätschernden Menschen hatten sich geändert, sondern er. „Ich liebe sie noch immer!“, rief er ihr entgegen. „Und ich werde sie immer lieben, bis an mein Lebensende. Ihr Tod war ein Unfall, nicht mehr und nicht weniger.“ Er fühlte, weinen zu wollen. Pitania drehte sich um und verschwand. Wer hatte da eben gesprochen und was hatte der, der da eben gesprochen hatte, gesagt?

Die Anspannung der Bedrohung fiel von ihm ab und er setzte sich vor dem Schaufenster eines Einzelhandelsgeschäfts auf einen Video-Kontrollkasten, wobei er peinlichst darauf achtete, die Videolinse nicht zu verdecken. Je länger er darüber nachdachte, was in der letzten Stunde geschehen war, desto sicherer war er sich, dass all das seine absolute Richtigkeit hatte. Er versuchte tief in sich hinein zu fühlen und erkannte, dass alles, was er in der Zeit getan und gesagt hatte, genau ihm selbst und der absoluten Wahrheit entsprach. Ja, er liebte Janka. Ja, er war ein Sarkotanier. Nein, er brauchte keine Waffen, wobei das Letztere allerdings noch nicht endgültig bewiesen war.

Da er noch eine Weile sitzen bleiben wollte, aber sehr starken Durst verspürte, orderte er über seinen NetSat einen Wasserläufer, der ihm etwas frisches Wasser bringen sollte. NetSat ist ein Netz-Satellit, der uneingeschränkte Kommunikation ermöglicht. Während er so vor sich hinstarrte und die vielen Menschen an sich vorbeilaufen sah, in ihre Gesichter blickte und erkannte, wie tot sie eigentlich waren, überkam ihn das erbärmliche Gefühl tiefer Trauer um diese Menschen und um seine junge Liebe. Er kämpfte, den Kopf tief gebeugt und reglos auf seine Schuhe starrend, erneut mit seinen...



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