E-Book, Deutsch, 487 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Gerlach Grenzgänger: die Wölfin
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-57773-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
ein Ralf-Ehrlich-Roman
E-Book, Deutsch, 487 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-57773-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Walter R. Gerlach ist ein Pseudonym. Er war mein Großvater und Vorbild, mein Anker und Mentor. Ich schreibe diese Bücher für ihn, in seinem Namen und so, wie ich denke, dass er sie geschrieben hätte, wenn er an meiner Stelle wäre. Mit mir ist Walter Zeuge der Veränderungen der deutschen Gesellschaft, der Menschen in diesem Land am Ende der 80er Jahre, in denen ich studiert, trainiert, zum ersten Mal wirklich geliebt und gelitten habe und berichtet aus dieser Zeit. Mit ihm teile ich die Liebe für bildende Kunst und Literatur, Malerei und Grafik. sein Enkel
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ich bin in Hitze schon seit Tagen.
So werd' ich mir ein Kahlwild jagen.
Und bis zum Morgen sitz' ich an,
damit ich Blattschuss geben kann.
Auf dem Lande, auf dem Meer
lauert das Verderben
Die Kreatur muss sterben!
(Rammstein – aus "Waidmanns Heil")
Der Keiler
Er hatte noch nie einen so grossen wütenden Klumpen lebendes Fleisch und Muskeln gesehen. Genau genommen hatte er überhaupt noch nie einen Keiler gesehen. Das Tier war aus dem Nichts aufgetaucht. Jetzt rannte Ralf vor ihm um sein Leben. Wie hatte das alles nur so aus dem Ruder laufen können?
Wenige Minuten zuvor war er aus dem Gebäude des Munitionslagers auf den Postenweg getreten. Die Nacht roch noch frisch, nach Kiefern, unschuldig und doch regenschwanger. Ein leichter Dunst lag auf dem Hügel, wie eine Decke aus Watte, kalter Watte. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Die Kälte kroch in seine Uniform und war doch wohltuend nach dem überheizten Aufenthaltsraum und dem dominant männlichen Geruch von vier mässig motivierten Offiziersschülern. Der Wachwechsel mit der frischen Luft und der Ruhe kamen wie gerufen. Er war gern hier draussen. Hier konnte er seinen in den letzten Wochen seltsam bewegten Gedanken nachhängen und seine überaus detaillierten Träume sortieren, leise dabei mit sich selbst reden und sein Notizheft, dessen Deckel es fälschlich als "Notizen Führungslehre, Ralf Ehrlich" auswies, mit Kritzeleien füllen. Den Befehl hatte er vom Militärpsychologen bekommen. Eigentlich war das alles nicht sein Ding, die Träume nicht, der Psychologe nicht und seine intimsten Gedanken aufzuschreiben und vom Seelenklempner Neubauer sezieren zu lassen schon gar nicht. Aber Befehl war Befehl.
Jemand rief seinen Namen. "Ralf, warte!" Das war Alex‘ Stimme. Er drehte sich langsam zum Rufer um. Sein Freund war sein Partner in dieser Nacht. Der stolperte gerade aus der Wachbaracke. Sein Sturmgewehr hing locker über der rechten Schulter, Jacke und Koppel waren noch offen. Eigentlich hätte er Alex jetzt ordentlich anscheissen sollen. Schliesslich war er der Vorgesetzte seines Freundes. Aber er mochte Alex und dessen verkitscht poppige und zuweilen nachlässige Art. Er beneidete ihn manchmal darum. Alex war ein Bild von einem Mann, dunkelhaarig, auch ohne Training gut gebaut, braun gebrannt und natürlich ein Frauenschwarm. Das waren gleich mehrere Punkte auf der Hätte-ich-auch-gerne-Liste. Aber er war auch eine gute Seele, verlässlich, verschwiegen - ein Freund eben.
Ralf ging den eingezäunten Postenweg langsam nach links und bedeutete Alex, nach rechts zu gehen. Sie würden sich auf der Mitte der Strecke treffen und hätten so die erste Runde in der halben Zeit erledigt. Das war ihr Ding, alles ein klein wenig anders zu machen, wenn keiner zusah. Alex nahm die Finger der rechten Hand kurz an das Käppi zum Zeichen, dass er verstanden hatte und wandte sich pfeifend zum Gehen.
Alles war so im Einklang mit der fast liebkosenden Stille der Nacht. Ralf schlenderte los und war in Gedanken bei dem Traum der vergangenen Nacht. Manchmal fühlten sich seine Träume derart real an, dass er morgens, wenn der UvD ihn vor dem Rest des Zuges weckte, nicht wusste, wo er war, die Traumbilder suchte und schweissgebadet unter der dünnen Decke lag. Nun war die ärztliche Anordnung, ein Traumbuch zu führen. Direkt nach dem Aufwachen sollte er Notizen machen. Da er meist unsanft geweckt wurde, verflüchtigten sich die Bilder oft rasch. Ratlos sass er dann vor dem Notizheft und kritzelte. Aber hier in der Nacht stellten sich häufig wieder lose Erinnerungen ein. Es war, als würden neblige Schemen aus den Träumen seinen Weg kreuzen. Wortfetzen säuselten sie ihm zu. Scheinbar zusammenhanglose Trugbilder warfen sie ihm vor die Füsse. Er musste seine Augen dazu nur schliessen. Also stellte er sich nach etwa der Hälfte seines Weges mit dem Rücken zum anderen Teil des Postenweges, schulterte seine Kalaschnikow, nahm das Notizheft, knipste die vor der Brust baumelnde Taschenlampe an und zückte den Bleistift, als er ein Geräusch vernahm. Das war kein übliches Waldgeräusch. Ausserdem roch irgendetwas anders als sonst. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er wahrnahm, dass das Rascheln direkt hinter ihm war. Ralf erstarrte, steckte mit der Linken das Heft weg, liess den Bleistift fallen und drehte sich mit einem Ruck um, wollte seine Waffe nach vorn ziehen, verfehlte ihren Griff und wäre fast der Länge nach hingeschlagen, als er mit dem Fuss an eine Wurzel stiess. "Scheisse!" Sein Kontrahent war nicht Alex, der sich auch nahezu lautlos anschleichen konnte, sondern ein Schwarzkittel, der ihn aus dunklen Knopfaugen zu mustern schien. Das imposante Tier stand keine drei Meter vor ihm. Seine Kontur schien nun im Schein der Taschenlampe gespenstisch zu zittern. Der Keiler schnaubte kleine Dampfwölkchen. Offensichtlich war er nicht bester Laune. Ralf war das schlagartig auch nicht mehr und merkte, dass nicht das wuchtige Tier zitterte, sondern er selbst. Im Lichtschein seiner Lampe, die das Zittern auf den Keiler übertrug, wirkte dessen Schatten wie ein zappeliger Luftballon. Den Versuch, langsam die Waffe von der Schulter zu nehmen, quittierte das Tier mit einem erneuten, diesmal heftigeren Schnauben. Eigentlich – so hatte er gehört – würden Wildschweine ja ihr Heil in der Flucht suchen. Dieser Nonsens war dem Keiler offensichtlich unbekannt. Der stand nur stur, ignorant und unheimlich einschüchternd und bedrohlich vor ihm. Klar, wo sollte er auch hin? Der Postenweg war geschlossen und eingezäunt. Wieso, dachte Ralf, können sich diese blöden Schweine nicht einfach an militärische Absperrungen halten. Verflucht, war dieses Ding riesig. Also er hatte freilich schon viel grössere Tiere gesehen. Auch aggressivere hatte er erlebt. Nur waren die in aller Regel nicht im selben Käfig mit ihm.
Und genau das war es hier - ein Käfig. Der Zaun war aus stabilem Draht und umschloss bis auf das stählerne Doppeltor die Anlage nach aussen komplett. Nach innen war der Postenweg auch bis auf den Eingangsbereich komplett eingezäunt. Ralf trat auf der Wurzel von eben und wog seine Optionen ab. Würde er den Keiler in Richtung seines Freundes Alex treiben können, konnte er mit einem sicheren Fang rechnen. Dann würde der Fleischberg vielleicht an der Stelle versuchen zu fliehen, wo er die Arena betreten hatte. Wenn der allerdings einfach nur im Kreis rennen würde, würde er für Alex zur Gefahr. Dann müsste Ralf schnell Alarm schlagen und der Freund müsste genauso schnell reagieren. Ausserdem bestand die Gefahr, dass er selbst in die Schusslinie kam. Das Schwein selbst war auch nicht ohne. Die Eckzähne im Ober- und Unterkiefer sind ernst zu nehmende Waffen. Und Wildschweine sollen ja angeblich auch sehr schnell sein.
Die andere Option war das Tier kurz abzulenken und selbst zu laufen. Die Frage war nur, wohin? Ralf versuchte einen Schritt Abstand zu gewinnen und setzte langsam einen Fuss nach hinten. Der Keiler schnaubte erneut. Mit einem "Ach Scheiss drauf" entschied sich Ralfs Reptilienhirn nach reiflicher Überlegung für Angriff. Das erschien ihm als beste Option. Fünfhundert Millionen Jahre Evolution im ältesten Teil seiner grauen Zellen konnten sich schliesslich nicht irren. Ralf starrte den Keiler an, hob den linken Arm, zeigte theatralisch nach vorn und bellte "Du blöde Sau, hau ab!" Der Schwarzkittel wirkte absolut nicht beeindruckt. Er grunzte und scharrte, als wolle er jeden Moment zum Angriff blasen. Ralfs Gehirn notierte noch 'falsche Entscheidung', dann gab er Fersengeld. In einem irren Moment dachte er daran, den Keiler einfach hinter sich her zu jagen. So schnell konnten die Viecher schliesslich doch nicht sein. Und er selbst war ein recht passabler Läufer. Am Ende würde die fette Wildsau vielleicht einfach vor Schwäche umfallen. Was die wohl wiegen würde? Einhundert Kilo? Er dachte kurz an Geschwindigkeit, Masse, Beschleunigung und daran, dass er nur auf zwei Beinen lief, während sein Verfolger vier hatte und entschied sich, nicht den Langläufer zu mimen. Gegen den Koloss hatte er in diesem kleinen Käfig keine Chance. Sein grosses Glück war, dass der Keiler nicht sofort hinter ihm her war. Ralf rannte weiter, versuchte noch ein paar Meter zu gewinnen. Das Unterholz krachte bei jedem Schritt. Farne und Gestrüpp am Rand des Zaunes griffen nach seinen Füssen. Jetzt nur nicht stolpern, dachte er, als die Bäume an ihm vorbeiflogen, frisch geschnittene Äste an seiner Strichtarn-Jacke schrammten und Spuren in sein Gesicht rissen. Ausser Atem wandte er den Kopf. Dieses kapitale Wildschwein war keine fünfzehn Meter hinter ihm und hatte anscheinend keine Lust auf halbe Sachen.
Er lud im Lauf das Sturmgewehr durch und versuchte erfolglos, einigermassen ruhig zu atmen. Völlig ohne Sinn stammelte er "Halt"- "Halt, stehen…"- "stehenbleiben"- "Bleib verdammt noch mal stehen, oder ich"- "…oder ich schiesse", sackte auf die Knie, während er sich umdrehte, riss die Waffe nach oben und schickte einen kurzen Feuerstoss in die Umrisse des Paarhufers, rollte aus dem Weg und versuchte dem lebenden Geschoss zu entgehen. Das Schwein rammte ihn am rechten Bein, schoss orientierungslos an ihm vorbei und...




