E-Book, Deutsch, 588 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Gerlach Grenzgänger: Paradiesvögel
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-66606-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
ein Ralf-Ehrlich-Roman
E-Book, Deutsch, 588 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-66606-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Walter R. Gerlach ist ein Pseudonym. Er war Großvater und Vorbild, Anker und Mentor des Autors. Die Wahl des Namens ist seine Form der Würdigung seines Lebenswerks als Künstler, sowohl als Lebens- als auch bildender. Der Autor selbst hat - wie der Protagonist der Ralf-Ehrlich-Reihe - Ende der 80er Jahre in Kamenz studiert, erlebte die 90ern als Trainer, Sicherheitsmann und Berater, widmete seine Zeit Politikwissenschaften, Recht und Geschichte, Psychologie und Sport und lebt heute im Leipziger Umland bei Eilenburg. Die Bücher der vorliegenden Reihe sind seine ersten eigenen Veröffentlichungen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Zweiter Teil
Keine Feinde, keine Freunde,
ohne Sinn und ohne Grund,
niemand, der dich retten könnte,
offen nur der dunkle Schlund,
Verzweiflung bricht sich Bahn
aus Versagen, Schuld und Scham
Konsequenzen
"Wie geht es dir?" Alex stand neben Ralfs Bett und füllte ein Glas mit Leitungswasser. Er hielt es dem Freund hin. Ralf nahm dankend an. Sein Kopf fühlte sich fremd und teigig an. Er konnte nicht denken. Alles zerfloss zu einem konturlosen Brei, der die untere Hälfte seines Sichtfeldes mit Farbreflexen übergoss. "Wo bin ich?" entkamen staubige Worte dem trocknen heissen Vulkan, der bis gestern noch sein Mund gewesen war. 'Gestern', wo war 'Gestern' hin? Er wusste es nicht genau. Die Bilder wollten einfach nicht zurückkommen. Wenn er gewusst hätte, was sie zeigen würden, hätte er es vielleicht dabei belassen und nicht nach 'Gestern' gesucht. Er versuchte sich zu orientieren. Alex nahm ihm das Glas ab und zeigte auf das Bett, den Tisch, die Instrumente und die steril antiseptische Umgebung des Raumes. "Du bist im Med.-Punkt. Weisst du noch, was passiert ist?"
"Nein!"
"Du bist am UvD-Tisch plötzlich zusammengebrochen, keine Ahnung wieso. Dabei hast du dir übel den Kopf gestossen, weil du wie ein leerer Kleidersack auf die Terrazzoplatten gestürzt bist. Die Wunde ist genäht. Du warst ein paar Minuten komplett weg, im Traumzauberland, als hätte jemand den Stecker gezogen, einfach so. Wir haben einen Sankra gerufen und beim Tragen warst du wieder wach, hast zusammenhangloses Zeug gefaselt. Aber anscheinend hat dein Kurzzeitgedächtnis einen Schmiss. Die Ärztin," er beugte sich weiter zu ihm und flüsterte "das ist der heisse Feger da drüben", er deutete auf eine dunkelhaarige Frau, die sich mit Kaiser unterhielt, "…meinte, du müsstest noch mindestens 48 Stunden hier bleiben. Sie will dich noch nicht gleich gehen lassen." Er zwinkerte ihm übertrieben anzüglich zu. "Na ja, jedenfalls will Major Kaiser noch mit dir reden. Ich komme morgen Abend wieder."
"Warte, wie spät ist es?"
Alex deutete auf die Uhr im Zimmer: "Kurz vor sechs. Du hast also locker zwölf Stunden verschlafen. Du solltest mal darüber nachdenken, ob dich deine kleine Freundin nicht zu sehr beansprucht." Er liess ein letztes anzügliches Zwinkern in dem nach Desinfektionsmittel und Krankheit duftenden Raum und verschwand auf den Gang. Ralf döste weg.
"Wie geht es Ihnen?" Kaiser war der nächste auf der Störerliste.
"Kopfschmerzen und trockener Hals…"
"Sie sind in guten Händen. Ich habe Schokolade und Kleinigkeiten für Sie organisiert. Die Ärztin meint, Sie werden morgen entlassen, wenn alles gut läuft. Dann müssen wir über gestern reden. Ich melde mich bei Ihnen."
"Gestern?"
"Morgen sollten Sie wieder wissen, was gestern war. Gute Besserung!" Ralf fand keinen Sinn in dem Satz Kaisers. Irgendetwas war gestern und sie müssten darüber reden.
"Wie geht es Ihnen?" Jetzt war die Ärztin an der Reihe seinen Schlaf zu unterbrechen.
"Kopfschmerzen, trockener Hals…"
Sie füllte das Wasserglas erneut und hängte eine Urinflasche in ein am Bett befindliches Drahtgestell. "Die werden Sie benutzen! Sie stehen nicht auf und gehen nicht auf Toilette! Haben Sie mich verstanden?"
"Nein, können Sie wiederholen?" Sie schaute ihn entgeistert an und wollte gerade die zweite, nachdrücklichere Aufforderung nachsetzen, als Ralf sie unterbrach: "Ja, ich hab verstanden! Ich versuche es nur zu vermeiden. Ich will nicht, dass Sie meinen Urin durch die Gegend tragen müssen, Entschuldigung…" Sie tätschelte seine Hand: "Alternativ könnte ich Ihnen auch einen Katheter anbieten?" Ihr Gesicht hatte einen Hauch von Gefängniswärterin und Ralf entschied sich nachzugeben. "Ist schon gut, Doktor!" Im Gehen wandte sie sich noch einmal um: "Das ist ein Med.-Punkt. Sie müssen sich für nichts schämen oder denken, dass uns irgendetwas Menschliches fremd sei! Morgen früh helfen wir Ihnen schon wieder auf die Toilette. Ich will nur heute noch nicht, dass Sie sich bewegen. Nennen wir es einfach einen Befehl, Genosse Offiziersschüler! In zwei Stunden schaut die Schwester nach Ihnen. Gute Nacht!"
Ralf fühlte eine seltsam schnell einsetzende Schwere in den Gliedern und beobachtete den Infusionsbeutel aus dem Augenwinkel genau zwei Tropfen lang, bevor er dahindriftete, wo ihn die Dunkelheit bereits erwartete.
Ralf wachte mit dem ersten Sonnenstrahl auf und fühlte sich allein. Er war eigentlich ganz gern allein. Nur war es diesmal anders. Die Frau, die er regelmässig nachts in seinen Träumen sah, mied ihn seit Tagen – keine Träume. Dafür kamen seine Erinnerungen langsam zurück. Sie hatten sich im Dämmerlicht der Stationsnacht langsam angeschlichen und sich in den Minuten vor der Morgendämmerung über ihn ergossen. Und er war fast unter ihnen ertrunken, hatte wild zu schluchzen begonnen, um mit dem ersten Tageslicht wie auf Gleisen festgebunden in die Erinnerungen an letzte Nacht wie in die Scheinwerfer eines herannahenden Güterzuges zu starren, unfähig die Geschehnisse zu ändern, unfähig vor den Konsequenzen zu fliehen. Alles war seine Schuld gewesen und würde es immer bleiben. Hätte er nicht um diesen Auftrag gebettelt, wäre er nicht so dumm gewesen mit Sybilla darüber zu reden, wäre er nicht geflohen, wäre sie nicht tot. So einfach war das. Und nichts konnte daran etwas ändern. Die Schwester hatte daraufhin die Ärztin angerufen und ihm ein Beruhigungsmittel gegeben. Das war vor zwei Stunden. Jetzt stand die Ärztin neben seinem Bett, kontrollierte Vitalwerte, untersuchte und traktierte ihn und hatte abschliessend gemeint: "Das ist doch gut! Ihre Erinnerungen sind wieder da und physisch sind Sie in Ordnung." Ralf hatte kurz daran gedacht, ihr die Schere abzunehmen und langsam in ihrem Arm zu versenken, um den Schmerz gerecht zu verteilen, sagte aber schliesslich nur: "Danke! Wann kann ich gehen?"
"Morgen früh, denke ich, können wir Sie entlassen."
"Ich mache Ihnen ein Gegenangebot. Ich entlasse mich JETZT und niemand wird verletzt!" Er riss sich die Infusionsnadel aus dem Arm und starrte in ihr fassungsloses Gesicht. Sie bewegte sich nicht. Ralf schwang sich über die Bettkante, ignorierte den Schmerz und wäre fast erneut zusammengebrochen, wenn sie ihn nicht aufgefangen hätte. "Sie machen einen Fehler, wenn Sie jetzt gehen!"
"Danke für alles! Aber ich muss dringend hier raus."
"Warten Sie!" Sie setzte ihm nach und füllte einen Beutel mit Medikamenten und schrieb ein Rezept und einen Krankenschein. "Gehen Sie verantwortungsvoll damit um! Es ist Ihre Gesundheit! Ich schreibe Sie bis Mittwoch dienstunfähig. Brauchen Sie länger, rufen Sie mich an." Sie kritzelte eine Telefonnummer auf das oberste Blatt eines Schreibblocks mit Medikamentenwerbung. "Das ist meine Privatnummer. Sie können jederzeit anrufen! Tun Sie es auch!" Ralf bedankte sich und liess sich seine Uniform aushändigen.
Er rief Kaiser vom Telefonanschluss am KDL an und machte sich auf den Weg in das Dienstzimmer. Kaiser erwartete ihn bereits. Auf dem Tisch waren Fischbrötchen und Obst in einem Korb zu einem nicht ganz passenden Menü drapiert. Kaffeeduft erfüllte die abgestandene Luft und zwei Gläser mit Wasser standen auf Pappdeckeln mit dem Schild- und-Schwert-Logo. Kaisers Miene war ernst, angespannt und er wirkte getrieben, unstet. Ralf hatte wie er Stoppeln im Gesicht. Der Major hatte die Jacke abgelegt und rieb seine Augen: "Machen Sie bitte die Tür zu und setzen Sie sich!" Das 'Bitte' wirkte in dieser Umgebung seltsam deplatziert und trotzdem machte es den sonst so harten Mann irgendwie menschlicher. Kaiser zeigte auf die Brötchen: "Ich gehe davon aus, dass Sie noch nichts gegessen haben. Die offenen Fragen können wir danach klären. Ich will ihnen allerdings vorher noch etwas zeigen, das auf nüchternen Magen leichter erträglich sein dürfte. Sind sie bereit dafür Fotos der Toten zu sehen?" Er blickte von einem Hefter auf, der vor ihm lag. Scheinbar hatten ihm die Fotos selbst mehr zugesetzt als er den Anschein geben wollte. Ralf nickte traurig und brachte ein heiseres "ja, ich bin bereit" hervor, nahm einen Schluck Wasser und setzte sich aufrecht wie ein Schüler bei einer Prüfung. Er hatte schon genug Tote gesehen, fand er. Er hatte bei einem Bestatter geholfen, Menschen aus verunfallten Autos gezogen, Opfer von Unfällen gesehen. Das hier würde er auch schaffen. Er hatte sich getäuscht.
Kaiser öffnete den Ordner. In ihm klebten Farbfotos im Format 20 x 27cm auf Papierträgern. Das erste Bild zeigte eine Gesamtansicht im Querformat mit der Frau in der Mitte der Komposition. Im Hintergrund sah man Kennzeichnungsmaterial der Kriminaltechniker, wo Beweismaterial oder Spuren gesichert worden waren. Sie lag halb auf die rechte Körperseite ausgestreckt am Boden. Fast hätte man annehmen können, dass sie schlief, wäre nicht eindeutig das verkrustete Blut im Haar, die unnatürlich verdrehten Hände und die verformten Füsse gewesen. Sie lag an einem Strassenrand, Wald im...




