Gerstenberg So lange her, schon gar nicht mehr wahr
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7317-6088-7
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7317-6088-7
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Franziska Gerstenberg, 1979 geboren, lebt mit ihrer Familie im Wendland. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Literaturpreise. Ihr erster Roman Spiel mit ihr wurde mit dem Fo?rderpreis zum Lessingpreis des Freistaates Sachsen ausgezeichnet, ihre Erza?hlungen So lange her, schon gar nicht mehr wahr mit dem Sa?chsischen Literaturpreis 2016. Obwohl alles vorbei ist (2023) entstand in Teilen wa?hrend eines Aufenthalts in der Villa Massimo.
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Heim
Mick hat oft gedacht, dass er einfach zu dumm ist. Es muss seine Schuld sein, dass die Sachen nicht so laufen, wie sie laufen sollen. Diesmal will er unbedingt durchhalten, das mit dem Job hinkriegen, auch das mit Inga. Den Job hat ihm der Bekannte eines Bekannten besorgt, Mick findet das richtige Grundstück, obwohl es in dieser Straße keine Hausnummern gibt, nur Gebrauchtwagenhändler, eine Disco namens Techno-Park und eine Firma, die Europaletten vermietet. Das Sicherheitsunternehmen, bei dem er anfangen wird, heißt Kerr, und dieser Name steht auf dem Schild neben einem breiten, verrosteten Tor. An der Seite ein kleiner Eingang für Fußgänger, im Sand davor eine platt getretene Bierdose, Mick drückt auf den roten Knopf der Gegensprechanlage, hustet, bevor er seinen Namen sagt. Drinnen sieht er als Erstes die Kastenwagen, in Reih und Glied geparkt, danach die Männer, die seine Kollegen sein werden, einer neben dem anderen lehnen sie an der Mauer und schauen ihm ausdruckslos entgegen, und schließlich sieht er den Hund. Offenbar der Wachhund, aber sie haben ihn von der Kette genommen, deren Ende mitten im Hof liegt. Der Hund ist ein rosafarbener Schweinshund, ein Bullterrier, der sich in diesem Moment plump in den Staub wirft, um sich am Bauch kraulen zu lassen. »Jaaa«, ein älterer Mann beugt sich hinunter, greift zu, rubbelt, als ginge es hier um etwas ganz anderes. »Jaaa«, sagt er, »zeig mir alles, was du hast, altes Mädchen.« Die rosa Hündin, fast ist kein Fell erkennbar, ekelt Mick – und als hätte sie das gemerkt, springt sie auf und knurrt ihn quer über das Gelände an.
Halb fünf. Am Morgen. Die Sonne geht gerade erst auf, trotzdem liegt schon etwas Erstickendes in der Luft. Einer von den Männern an der Mauer, ein kleiner Dicker, weist Mick mit dem Kinn den Weg zur Verwaltung, zwinkert ihm zu. Mick spürt die Blicke im Rücken. Er hat das Gefühl, nicht bloß durch die Hitze dieses einen Sommers waten zu müssen, er spürt an diesem Ort auch die abgestandene Hitze aller vergangenen Sommer.
Im letzten Jahr um diese Zeit, da war alles gut. Da wäre er nie um vier Uhr morgens aufgestanden, da war er um diese Zeit oft nicht einmal im Bett. Damals gab es auch gar kein richtiges Bett. Es war der Sommer, den er mit Inga in der verlassenen Schrebergartenlaube an den Bahngleisen verbrachte. Nach zwei Wochen sahen Ingas Beine aus wie ein einziger großer Mückenstich, sie trug trotzdem jeden Tag denselben Minirock. »Von den Mücken«, sagte sie und lachte leise ihr schüchternes Lachen, als wollte sie einen solchen Satz nur ausprobieren, »von den Mücken lasse ich mir noch lange keine Jeans anziehen.« Und das hielt sie durch, knallhart – und Mick, verliebt wie nie zuvor in seinem Leben, er war achtzehn, wollte Inga immer nur ausziehen: Ihre Haut war ganz heiß von der Sonne, seinetwegen hätte sie in der Laube und hinter den Hecken nackt herumlaufen können. Niemand sah sie hier, sie waren ganz für sich. Klar, am Ende kam die Polizei und sie mussten gehen und sogar die Sachen zurücklassen, die sie selbst mitgebracht hatten, auch die Wolldecke, die Ingas Mutter gehörte. Aber bis dahin hatten sie unendlich Spaß gehabt, sie hatten einander um die Büsche gejagt und sich absichtlich von den Dornen stechen lassen, weil alles in dieses große Gefühl gehörte, selbst so ein kleiner, vernachlässigbarer Schmerz.
»Okay«, sagt die Frau in der Verwaltung und möchte nichts sehen außer seinem Führerschein, sogar auf den wirft sie nur einen flüchtigen Blick. »Hauptsache, du kannst fahren. Festen Wohnsitz hast du? Ohne festen Wohnsitz geht gar nichts.«
Die Firma will nichts Schriftliches, im Gegenzug bekommt auch er keinen Vertrag. Das Gehalt ist ein schlechter Witz, aber man nimmt eben, was man kriegen kann.
»Harald wird dich einweisen.«
»Welcher ist denn Harald?«
»Das siehst du dann schon.«
Und wirklich, als Mick das schmale Backsteingebäude an der Stirnseite des Hofs verlässt, wartet dort der kleine Dicke auf ihn. Begrüßt ihn mit einem weichen Händedruck, fängt sofort an zu reden, zu erklären, wie hier alles funktioniert, wie Micks Route abläuft, wie man gut durch den Tag kommt, nämlich nur auf die Weise, die Harald ihm, Mick, beibringen wird. »In der Filiale 637, wenn du auf der Vormittagstour allein unterwegs bist, da musst du nett zu den Damen sein.« Harald schnalzt mit der Zunge. »Dann haben die dir schon alles bereitgelegt, das spart Zeit, da kommst du später noch vor der Rushhour über die Ringstraße. Und wenn du vor der zweiten Tour hier auf dem Hof bist, gibt es Kaffee kostenlos – und zwar nur, weil ich dafür gekämpft habe – man muss kämpfen für die wichtigen Dinge im Leben – Kaffee, sage ich immer, muss drin sein für die Männer. Du sprichst wohl nicht viel? Bist du Student, oder was?«
»Nein!« Mick schüttelt erschrocken den Kopf.
Harald lacht: »Wird schon. Da, der Renault, das ist deiner, setz dich mal rein.« Harald, ein Bauch so dick wie eine Trommel, Harald, der während dieses kurzen Gesprächs dreimal versucht hat, sein Uniformhemd in die Hose zu stecken, erst vorn, dann hinten, wodurch es vorn wieder herausrutscht, Harald mit einem Schnurrbart, durch den er blitzschnell mit der Zunge leckt. Seine Haare haben dieselbe Farbe wie der Schnurrbart, ein rötliches Grau. Er trägt sie länger als die übrigen Männer, die jetzt einer nach dem anderen in die Wagen steigen.
An den Tag, an dem er Inga kennengelernt hat, erinnert sich Mick besser als an irgendetwas anderes aus seinem Leben. Die Kindheit ein Nebel aus Fußballkämpfen und kaputtgegangenen Fensterscheiben, später die endlose Reihe der Lehrer, die es von Anfang an auf ihn abgesehen hatten. Aber Inga … sie hat ihm die Haare geschnitten. Damals steckte sie noch in der Ausbildung, und er sah sie zuerst gar nicht, weil sie von hinten herankam, als sein Hals schon auf dem Waschbeckenrand lag und er bloß darauf wartete, dass das Wasser angestellt wurde. »Macht es was aus«, fragte die ältere Friseurin, »wenn Ihnen unsere Auszubildende die Haare wäscht?« Und im nächsten Moment, bevor er sich umdrehen konnte, spürte er vorsichtig tastende Finger an seinem Hinterkopf, das Wasser fing an zu rauschen. Dann eine leise, fast flüsternde Stimme: »Ist es zu heiß?« Er räusperte sich. »Nein, eher zu kalt.« »Oh.«
Wie ihm Inga das Shampoo in die Haare massierte, mit kreisenden Bewegungen, wie sie sich dabei bemühte, keinen Zentimeter Kopfhaut auszulassen. Einmal geriet ihr kleiner Finger in sein Ohr. »Entschuldigung«, sagte sie. Und beim Auswaschen setzte sie ebendieses Ohr unter Wasser, bis er nichts mehr hören konnte. Nachdem sie ein Handtuch um seinen Kopf geknotet hatte, drehte er sich endlich um. Ingas rundes Gesicht, über und über rot, die Sommersprossen auf ihrer Nase dadurch kaum zu erkennen. Kurze, braune Locken, wie unter die Gartenschere geraten, das sah man beim Friseur selten. »Und jetzt«, fragte Mick, »schneidest du mir das Ohr noch ab?« Das brachte sie zum Lachen. »Schneiden darf ich noch nicht«, sagte sie, »die lassen mich hier nur kehren und waschen.«
Und es war Mick, der die ältere Friseurin dazu brachte, Inga seine Haare schneiden zu lassen. Zuerst wollte die Friseurin das nicht riskieren, bis sie endlich sagte: »Na schön, aber nicht beschweren hinterher, und ich geb’s Ihnen billiger.« Es war Mick, der Inga sorgfältig erklärte, was er wo wie haben wollte, dort ein bisschen mehr, hinten auf jeden Fall kurz – und sie machte das gut, schüchtern und gut. Sie hantierte fast eine Stunde an seinen paar Strähnen herum. Die abgeschnittenen Spitzen fielen, längst getrocknet, in Micks Nacken, kitzelten ihn, weil Inga in der Aufregung vergessen hatte, ihm ein Handtuch umzulegen. Langsam verschwand die Röte aus ihrem Gesicht. Am Ende wollte die ältere Friseurin nur fünf Euro von Mick, und Inga war bereit, ihm ihre Telefonnummer aufzuschreiben.
Das nächste Mal hat sie ihm die Haare schon privat geschnitten. Da hatte ihre Liebesgeschichte bereits begonnen.
Er lernt seine Runde auswendig, so wie Harald es verlangt, die Uhrzeiten, die Namen der zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Harald fragt ihn ab, bis Mick alles drauf hat, jede Abkürzung, jede Ampel, jeden Trick. »Du musst das auf meine Art machen, oder du packst es nicht.« Erst dann lässt er ihn die erste Tour des Tages allein fahren.
Mick beginnt um fünf mit einer Bank im Norden der Stadt und arbeitet sich von Filiale zu Filiale nach Süden vor. Auf dem Weg zu seiner ersten Bank bremst er an Ampeln, fährt wieder neu an, achtet auf die anderen Autos, die ihm um diese Uhrzeit schon vereinzelt entgegenkommen. An den Straßenbahnhaltestellen Männer und Frauen, die so früh mit der Arbeit anfangen wie er. Leute mit käsigen Gesichtern trinken am Kiosk eine Dose Bier zum Frühstück. Mick parkt den Renault im Halteverbot direkt vor der Filiale, holt den Koffer mit der passenden Nummer aus dem Wagen, geht zum Eingang, schließt die Tür auf, entsichert den Alarm, läuft durch den Schalterraum zu der immer gleichen Stelle, an der ein identisch aussehender Koffer mit neuen Scheckmappen, Verträgen und Briefen für ihn bereitsteht. »Kein Geld«, hat Harald gesagt, »es lohnt sich also nicht, durchzudrehen, mit dem Zeug abzuhauen. Da drin ist nichts, womit wir was anfangen könnten.« Mick tauscht den leeren Koffer gegen den vollen und geht zurück zum Wagen, dann macht er sich auf den Weg zur nächsten Filiale. Wenn er Glück hat, begegnet er dort einem lebenden Menschen, nämlich der Putzfrau, die aber kein Deutsch spricht, nur grüßend den Wischmopp hebt.
Die erste Route des Tages besteht aus den Filialen 631 bis 656....




