E-Book, Deutsch, Band 3, 560 Seiten
Reihe: Der Sagittarius-Krieg
Gerwinski Planet der gefallenen Götter
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-5350-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 560 Seiten
Reihe: Der Sagittarius-Krieg
ISBN: 978-3-6951-5350-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Markus Gerwinski, geboren 1972 in Essen, schrieb bereits als Jugendlicher SF- und Fantasy-Geschichten. Parallel zu seinem Studium der Physik und seiner späteren Tätigkeit als Softwareentwickler erschienen seine ersten beiden Romane "Mjöllnirs Erben" (1999, MG-Verlag) und "Das Lied der Sirenen" (2006, Blitz-Verlag). Letzterer liegt seit 2016 bei BoD in Neuauflage vor. Weitere Werke umfassen die Fantasy-Trilogie "Falkenflug" und den Space-Opera-Zyklus "Der Sagittarius-Krieg". Seit 2011 konzentriert sich Markus Gerwinski ganz auf seine künstlerischen Tätigkeiten. Neben dem Romanschreiben betätigt er sich unter anderem als Zeichner und, gemeinsam mit seiner Frau Sandra Gerwinski, als Autor und Designer des Fantasy-Rollenspiels HEROEN.
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1
Sie fühlte sich wie im Traum; und sie vermochte selbst nicht zu sagen, ob es ein Wunschtraum war oder ein Albtraum.
Es kam Awakandra unwirklich vor, dass sie jetzt tatsächlich in einer der Himmelsbarken saß wie jene, in denen auch ihre falschen Götter zur Welt herabzusteigen pflegten. Als das Summen eingesetzt hatte, das sie ihr Leben lang immer nur gehört hatte, wenn eins dieser Gefährte im Tempel niedergegangen war, hatte sich ein Teil von ihr geweigert, daran zu glauben, dass sie jetzt wahrhaftig zu der Reise aufbrach, die sie seit so vielen Kalenden hatte antreten wollen.
Und dieser Teil von ihr zweifelte selbst jetzt noch, da bleierne Schwere sie in den gepolsterten Sitz drückte und die Welt, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, vor ihren Augen eine wundersame Wandlung durchmachte. Hinter dem Fenster zu ihrer Rechten waren Wälder und Ebenen, Flüsse und Berge zu einem vielfarbigen Muster zusammengeschrumpft, feiner gezeichnet, als es je ein Maler hätte vollbringen können. Der Horizont hatte sich im gleichen Maße nach unten weggekrümmt, in dem der Himmel von Abendrot zu dunklem Purpur verblasst war und schließlich zu jenem vor Sternen funkelnden Schwarz, von dem ihr Geliebter ihr erzählt hatte.
Nun war ihre Welt eine Kugel, so tief unter ihr, dass sie fast die Stirn an die Fensterscheibe legen musste, um noch einen Blick auf ihren Rand zu erhaschen. Es war wirklich alles genau so, wie ihr Geliebter es dem ehrfürchtigen, jungen Ding erzählt hatte, das sie gewesen war – doch darüber hinaus von einer Schönheit, die Worte nicht hatten erfassen können. Über grau-grünes Land und pfirsichgoldene Ozeane zogen sich Wolkenwirbel wie weiße Pinselstriche. Diese Pracht wiederum schwamm in einem Sternenmeer, das die klarsten Nächte beschämte, die sie je erlebt hatte.
Und das alles war echt, bekräftigte sie sich innerlich. Nach all den Kalenden war sie endlich zu dieser unglaublichen Reise aufgebrochen, um ihren Geliebten aus den Kerkern derer zu befreien, die sich als Götter ausgaben.
Es war wie im Traum.
Und dass sie ihre Tochter nie wiedersehen würde, war ein Albtraum.
Ein Stöhnen zu ihrer Linken rief ihre Gedanken in die Gegenwart zurück. Auf der Liege, zu der sie den Sitz an der gegenüberliegenden Wand ausgeklappt hatten, regte sich Hensley. Die untersetzte Fremde mit den vereinzelten silbernen Strähnen im schwarzen Haar war bewusstlos gewesen, seitdem Garanau und Unjadie – oder vielmehr Jadie, wie sie inzwischen ihren richtigen Namen offenbart hatte – sie zum Lagerplatz geschleppt hatten. Jadie hatte auch den größten Teil der Nacht bei ihr gewacht und ihr gelegentlich mit einer seltsamen Vorrichtung, die sie einen ,Injektor' genannt hatte, Arznei verabreicht.
Und auch jetzt war es Jadie, die sofort an Hensleys Seite sprang. Hinter sich hörte Awakandra die Schließen dieser eigentümlichen Sitzgurte klicken und im nächsten Moment war die junge, rothaarige Fremde neben der Liege ihrer älteren Gefährtin auf ein Knie niedergegangen. „Hensley?“, fragte sie besorgt. „Alles in Ordnung?"
„... ansprechbar“, murmelte Hensley. „Etwas benommen. Durstig."
Ohne den Blick von ihr zu wenden, tat Jadie eine rasche Gebärde. Awakandra selbst und die vierte Person in der Barke zuckten zusammen, als von einer Art Wandregal ein Surren ertönte. Die kleine, zierliche Kiqabi gehörte zu den besten Leuten aus Garanaus Bande, eine hartgesottene Dirne und Messerstecherin aus den finstersten Gassen von Qatuacra; jetzt aber, in einem Sessel auf einer fliegenden Barke festgeschnallt und umgeben von der Magie der Fremden, war ihr Gesicht so leichenblass, dass sich das kurze, blonde Haar regelrecht dunkel davon abhob. Mit angstvoll geweiteten Augen verfolgte sie den Becher aus blauem Licht, der von dem Regalfach her durch den Raum schwebte, genau in Jadies ausgestreckte Hand.
Awakandra fühlte keine Angst, nur das gleiche kindliche Staunen wie damals, als ihr Geliebter ihr ähnliche Kostproben jener Zauberei gezeigt hatte, die nach seinen Worten nichts mit Göttlichkeit zu tun hatte, sondern allen Menschen zu Gebote stand – wenn nicht seine Leute sie ihnen vorenthielten. Fahrig tasteten Hensleys Finger nach dem Becher, den Jadie ihr hinhielt, und mit einem halblauten „Danke“ setzte sie ihn an die Lippen. Ihr Schlucken tönte in das Summen hinein, das den kleinen, ovalen Raum ausfüllte.
Sie machte sich nicht die Mühe, den Becher zurückzugeben; er löste sich zwischen ihren Fingern auf, als sie sich mit flatternden Lidern an Jadie wandte: „Was ist passiert?“
„Dich muss irgendwas gestochen haben“, erwiderte Jadie. „Ein Insektoid oder so was. Garanau sagte, es gebe einige davon, deren Stich betäubende Wirkung hätte.“
„Garanau?“ Verwirrt zog Hensley die Augenbrauen zusammen. „Wo ist er?“
„In dem anderen Shuttle“, sagte Jadie. „Zusammen mit Yuran, Blance und diesem Minensklaven, Hagulan.“
„Anderes Shuttle?“ Die Verwirrung auf Hensleys sonst so ausdrucksloser Miene ging allmählich in Erschrecken über, während sie die Augen von ihrer Gefährtin löste und über die Umgebung huschen ließ.
Jadie nickte. „Die hat uns gleich zwei runtergeschickt, weil wir nicht alle ...“
Mit einem Ruck fuhr Hensley in die Höhe, soweit es die Gurte ihrer Liege erlaubten. „Ich bin in einem Shuttle?!“
„Ruhig, Hensley.“ Jadie tätschelte ihr die Schulter. „Es ist alles in Ordnung. Unsere Mission ist vorbei ...“
„Ich bin die Proskopin von Magellan, geweiht im Namen der heiligen Mutter Erde!“, rief Hensley aus. „Ich darf den Planeten nicht verlassen!“
Für einen Moment kam es Awakandra vor, als weiche Jadie dem Blick ihrer älteren Gefährtin aus.
„Oh“, meinte sie endlich mit einem Achselzucken. „Naja, das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Du warst bewusstlos und konntest nicht viel dazu sagen. Und wir mussten starten.“
Einen Moment lang starrte Hensley noch mit fassungslos geöffnetem Mund um sich, ehe sie in einem langen Zug den angehaltenen Atem entweichen ließ und zurück auf ihre Liege sank. Erneut füllte allein dieses ätherische Summen das Schweigen.
„Ist Yuran wohlauf?“, fragte sie endlich.
„Dem geht’s gut“, lachte Jadie etwas verkrampft. „Er freut sich auf seine Mutter.“
„Blance?“
„Unverwüstlich. Du kennst sie doch.“
„Skayle?“
Betretenes Schweigen senkte sich von Neuem über den Innenraum der Barke.
„Wir haben nichts Neues von ihm gehört“, murmelte Jadie halblaut.
Bevor Hensley darauf antworten konnte, tönte unvermittelt die körperlose Stimme des Mannes durch den Raum, der jenseits dieser unwirklich glatten, blauen Glaswand in seinem Sessel saß und die Himmelsbarke lenkte. „Bitte alles zurück auf die Plätze und anschnallen“, verkündete er. „Mikrogravitation in zwei Minuten.“
Jadie erhob sich und verschwand mit zwei schnellen Schritten wieder in Awakandras Rücken. Während erneut die Schließen ihrer Gurte klickten, fragte Kiqabi in einem trotzigen Versuch, selbstbewusst zu klingen: „Mikro... was?“
„Mikrogravitation“, kam es von Jadie. „Schwerelosigkeit. Der Pilot wird gleich den Antrieb abschalten und das Shuttle wenden. In dieser Zeit werden wir hier drin kein Gewicht haben.“
„Die Älteste Blance hatte doch davon erzählt“, warf Awakandra mit einem Blick über die Schulter ein. „Erinnerst du dich nicht?“
Kiqabi schüttelte den Kopf. „Sie hat so vieles erzählt und das meiste davon war so verwirrend ...“
Unter versonnenem Nicken drehte Awakandra das Gesicht wieder nach vorn. Es hatte geholfen, dass ihr vieles von Blance’ Erzählungen nicht neu gewesen war. Ihr Geliebter hatte ihr von dieser ,Schwerelosigkeit' erzählt – davon, dass es dort, wo er herkam, kein Oben und kein Unten gab ...
Ein Anflug von Trauer überkam sie, als sie daran dachte, wie sie mit eben diesen Worten Skayle geprüft hatte, den freundlichen, sanftmütigen Spielmann, der mit seinem Leben dafür bezahlt hatte, dass seine Freunde aus Qatuacra entkommen konnten. Damit sie unbehelligt die Stadt hatten verlassen können, hatte er die Tempelgarde auf seine eigene Fährte gelockt ...
„Mikrogravitation in fünf Sekunden“, verkündete die körperlose Stimme.
... und war gefangen worden, dachte Awakandra den Gedanken zu Ende. Was das für ihn bedeutete, nachdem er die Garde mit seinen Zauberkräften in Angst und Schrecken versetzt hatte, konnte sie sich nur zu gut ausmalen.
„... drei ... zwei ... eins ...“
Das Summen im Raum erstarb und im selben Augenblick erfasste Awakandra genau das Gefühl, gegen das sie sich gewappnet hatte ... und auf das doch noch so viele Worte sie nicht hatten vorbereiten können.
„Aber ...“, hörte sie schräg hinter sich ein erschrockenes Keuchen von Kiqabi. „Wir fallen!
„Nur die Ruhe“, erwiderte Jadie. „Das ist normal.“
„Normal?!“ In Kiqabis Stimme schwang ein hysterischer Unterton mit, den Awakandra noch nie von ihr gehört hatte. „Wie hoch oben sind wir?! Wir fallen!“
Awakandra spürte selbst, dass ihr von der Empfindung flau im Magen wurde, doch sie konzentrierte sich auf ihre Atmung und schaffte es sogar, streng zu mahnen: „Kiqabi! Genau davon hatte die Älteste Blance gesprochen – dass es sich anfühlen werde, als ob wir fallen!“
„Ich will nicht sterben!“, schrie Kiqabi. „Nicht so! Nicht eingesperrt in ein ... ein dämonisches Fass, das gleich zerschellt! Wir werden alle –
„Schub setzt ein in fünf“, erscholl etwas...




