E-Book, Deutsch, 69 Seiten
Gesammelte Werke und Tiermärchen von Aesop (Äsop)
Improved Auflage
ISBN: 978-80-268-0864-0
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 69 Seiten
ISBN: 978-80-268-0864-0
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Gesammelte Werke und Tiermärchen von Aesop (Äsop)' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Äsop war ein berühmter griechischer Dichter von Fabeln und Gleichnissen und lebte um 600 v. Chr. Er gilt für Europa als der Begründer der Fabeldichtung und so wurde sein Name zum Gattungsnamen für die Fabeldichtung überhaupt. Bei den Äsopischen Fabeln handelt es sich um mythische und säkulare kurze Geschichten, die als Gleichnis in Erscheinung treten. Die angesprochenen menschlichen Schwächen sind nie außergewöhnlich: Neid, Dummheit, Geiz, Eitelkeit usw. Stoffe und Figuren stammen aus dem Horizont des kleinen Mannes im Griechenland des 6. Jahrhunderts v. Chr., Handlungsträger sind Tiere, Pflanzen, gar Götter oder bekannte Menschen der Zeit. Das Geschehen in den Äsopischen Fabeln hatte für die Menschen seiner Zeit eine unmittelbar einleuchtende Aussage oder aber eine behutsam in Form einer Allegorie verpackte Bedeutung.
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II. Tierfabeln
16. Gewalt geht vor Recht
Nunmehr sag' ich ein Gleichnis den Fürsten – sie deuten es selbst wohl.
So zur Nachtigall sprach, der tönereichen, der Habicht,
die er hoch zu den Wolken entführt in den gierigen Klauen.
Jämmerlich klagte die Arme, zerfleischt von gebogenen Krallen,
aber in herrischem Tone entgegnet der Starke ihr also:
»Törin, was jammerst du doch? Ein Stärkerer ist's, der dich fortträgt.
Du wirst gehen, wohin ich dich führe – so schön du auch singest.
Lüstet es mich, so wirst du mein Mahl, sonst magst du entrinnen.«
Also sagte der hurtige Vogel mit mächtigen Schwingen.
17. Durch eigene Schuld
Von Libyens Fabeln ist dies die berühmteste:
Den Adler traf der schlank gespitzte Todespfeil. Verwundert sah er des Geschosses Federung und sprach: »So fing mich keiner andern Federn Kraft, nein, meiner eignen.«
18. Bestrafter Treubruch
Adler und Fuchs machten Freundschaft und beschlossen auch, nahe beieinander zu wohnen. Denn das, glaubten sie, würde die Freundschaft nur stärken. Der Adler baute nun sein Nest in den Wipfeln eines hohen Baumes, und der Fuchs schuf seinen Jungen ein Lager unter einem nahegelegenen Busche. Als aber der Fuchs einst jagen gegangen war, fehlte es dem Adler an Nahrung für seine Jungen. Da schoß er denn herab in den Busch, raubte die kleinen Füchslein, und er und seine Jungen verzehrten sie. Der Fuchs kam heim und sah, was vorgefallen war. Mehr noch als der Tod seiner Jungen schmerzte es ihn, daß er sich nicht rächen konnte. Denn wie sollte er, der Erdbewohner, den Vogel verfolgen? So tat er denn das, was auch den Schwachen möglich ist: er stand von ferne und verfluchte seinen Feind. – Aber nicht lange darauf sollte der Adler dafür büßen, daß er die Freundschaft verraten hatte. Landleute opferten nämlich auf dem Felde eine Ziege. Da flog der Adler herbei und raubte vom Altar ein Stück des Opfertiers, ohne zu bemerken, daß er auch ein glühendes Holzscheit mitschleppte. Als er die Beute in sein Nest geworfen hatte, sprang ein frischer Wind auf, und bald stand das Nest, das aus dürrem Reisig gebaut war, in hellen Flammen. Die jungen Adler aber, die noch nicht flügge waren, fielen halb verbrannt zu Boden. Da eilte der Fuchs herbei und fraß sie alle auf vor den Augen des Adlers.
18 a.
Ein Märchen ist bei uns im Schwang,
wie sich der Adler und der Fuchs zum Freundschaftsbund zusammenfanden
…
und treulos raubte sie der Aar
und setzte sie seinen Jungen vor als grauses Mahl
(aus der Hohnrede des Adlers)
schau hin, wo jene hohe Klippe ragt,
so schroff und so unnahbar steil –
dort hause ich und achte deiner Fehde nicht.
…
reg' drum auch schnelle Flügel du
und schwing zu dieser Klippe dich hinauf!
…
(Gebet des Fuchses)
Zeus, Vater Zeus, du herrschest in des Himmels Höh'n
und siehst von dort der Menschen Tun,
so Recht wie Unrecht. Auch der Tiere waltest du,
der Frevler wie der Frommen ...
19. Die Rache des Schwachen
Als Äsop von den Delphern zum Richtplatz geführt wurde, sprach er zu ihnen: »Höret mich, Brüder aus Delphi!
Ein Adler verfolgte einst einen Hasen. Da dieser sonst nirgendwo einen Helfer sah, wandte er sich schutzflehend an einen Mistkäfer. Dieser sprach ihm Mut ein und bat den Adler, er möge ihn nicht seiner Kleinheit wegen verachten. Er beschwor ihn beim großen Zeus, das Schutzrecht zu ehren. Der Adler aber wurde zornig, warf den Mistkäfer mit einem Flügelschlag beiseite, raubte den Hasen und verzehrte ihn. Der Mistkäfer aber verkroch sich in das Gefieder des Adlers und ließ sich von diesem zu dessen Nest tragen. Dann kroch er hinein und wälzte die Eier des Adlers über den Rand des Nestes, so daß sie zur Erde fielen und zerbrachen. Der Adler aber nahm sich den Verlust seiner Brut zu Herzen und brütete das nächstemal an einem höher gelegenen Platz. Aber auch dorthin flog ihm der Mistkäfer nach und zerstörte wiederum die Brut. Nun war der Adler ratlos, flog hinauf zu Zeus und flehte den an: »Schon zum zweitenmal bin ich meiner Brut beraubt worden. Nun vertraue ich sie dir an, damit du sie bewachst.« Sprach's und legte seine Eier auf die Knie des Zeus. Der Mistkäfer aber ballte eine Kugel aus Mist, flog in die Höhe und ließ sie auf das Antlitz des Zeus niederfallen. Zeus sprang auf, um den Schmutz abzuschütteln, und dachte dabei nicht an die Eier des Adlers. So fielen diese zur Erde und zerbrachen. Dann aber erzählte der Mistkäfer dem Zeus, wie der Adler gefrevelt habe und wie er sich vergebens bemüht habe, ihn daran zu hindern. »Und er hat nicht allein gegen mich gefrevelt«, fuhr er fort, »sondern auch gegen dich. Denn obgleich ich ihn bei dir beschwor, tötete er den Schutzflehenden. Ich aber werde nicht ruhn, bis ich sein ganzes Geschlecht ausgerottet habe.« Da ergrimmte Zeus gegen den Adler und sprach zu ihm: »Mit Recht hast du deine Kinder verloren. Das ist die Rache des Mistkäfers.« Weil er aber doch nicht wollte, daß das Geschlecht der Adler aussterbe, riet er dem Mistkäfer, sich mit dem Adler zu versöhnen. Da der aber das hartnäckig verweigerte, verlegte er die Brutzeit des Adlers in die Monate, wo die Mistkäfer nicht schwärmen.
Mißachtet auch ihr, Männer von Delphi, nicht den Gott, in dessen Heiligtum ich mich geflüchtet habe, wenn es auch klein ist. Denn, wenn ihr gegen ihn frevelt, wird er es nicht ungeahndet lassen.«
20. Der Adler, die Katze und das Wildschwein
Hoch in der Eiche Wipfel war des Adlers Nest, des Stammes hohle Mitte barg der Katze Brut, und an den Wurzeln hegt die Wildsau ihre Zucht. Doch bald zerstört der ränkevollen Katze Trug, was so der Zufall nachbarlich zusammenführt. Sie steigt zum Nest des Adlers auf und spricht zu ihm: »Verderben droht dir und vielleicht mir Armen auch. Das schlimme Wildschwein wühlt den Grund auf Tag für Tag: es will die Eiche fällen und dann unsre Brut vernichten, wenn sie mit dem Stamm am Boden liegt.« Nachdem sie so des Adlers Sinn durch Angst verwirrt, steigt zu der borstigen Wildsau Lager sie herab. »Gar sehr gefährdet«, spricht sie, »scheint mir deine Zucht. Der Adler will die kleinen Ferkel rauben dir, sobald du mit den großen auf die Weide gehst.« Nachdem sie hier auch Furcht und Schrecken ausgestreut, verschließt sie listig sich in ihrem sichern Bau. Nachts klettert heimlich sie herab mit leisem Fuß und schafft für sich und ihre Jungen Nahrung bei, tags schaut sie ängstlich bald hinauf und bald herab. Der Aar verläßt den Baum nicht, der zu fallen droht, das Schwein sein Loch nicht, weil ihm vor dem Räuber bangt. Kurz, sie verhungern beide dort mit ihrer Brut, den Kätzlein aber boten sie ein leckeres Mahl.
Was oft ein doppelzüngiger Mensch für Unheil schafft,
kannst, blöde Torheit, du aus diesem Beispiel sehn.
21. Hirschherz
Krank lag der alte Löwe in der Felshöhle, die matten Glieder auf dem Boden ausstreckend, und nur das Füchslein war bei ihm, sein Liebling. Zu diesem sprach er: »Willst du mich vom Tod retten? Ich hungre nach dem Hirsche, der im Walddickicht dort unter jener finstren Tannen Schirm haust. Zur Hirschjagd fehlt es leider jetzt an Kraft mir, doch, wenn du willst, wird er mir in die Hand fallen, da deiner Reden Honigseim ihn leicht ködert.« Der Schlaukopf ging. Er fand den Hirsch am Tanndickicht, wo er auf fetter Wiese froh umhersprang. Er warf sich vor ihm nieder, bot den Gruß ihm und sagte, daß er ihm ein großes Glück bringe. »Du weißt, der Löwe«, sprach er, »ist mein Nachbar, doch geht's ihm schlecht: er wird wohl bald ins Gras beißen. Nun fragte er mich jüngst, wer wohl sein Nachfolger im Tierreich würde. Ja, das Schwein ist stumpfsinnig, der Bär ist lahm, der Panther gar zu jähzornig, der Tiger ist ein Prahlhans und Herumtreiber. ›Der Herrschaft‹, sprach er, ›scheint mir nur der Hirsch würdig. Er ist von Ansehn prächtig, und er lebt lange. Auch sein Geweih ist aller Kreatur Schrecken, gleicht einem Baume, nicht den stumpfen Stierhörnern.‹ Was schwatz' ich viel? Mit einem Wort: dich wählt er, und herrschen wirst du ob des Waldes Tierscharen. Dann magst du, Herr, auch einmal an den Fuchs denken, der dir als erster diese Botschaft ansagte. Nur deshalb kam ich, Liebster. Doch leb wohl nun, ich eile, daß der Löwe nicht umsonst sich nach mir nun umsieht. Bin ich doch sein Ratgeber in allen Dingen! Und so wirst auch du's halten, so hoff' ich, wenn du dieses graue Haupt ehrst. Doch höre jetzt schon: Wäre es nicht ratsam, du gingst zum Löwen mit und sprächst ihm Trost ein in seinem Elend? Gar Geringes gibt oft im letzten schweren Augenblick den Ausschlag. Die Seele liest man in dem Aug' der Todkranken!« So sprach der Schlaukopf. Und durch seine Trugworte ließ sich der Hirsch betören. Ohne Argwohn ging mit er in des Ungeheuers Felshöhle. Doch allzu jäh vom Lager auf ihn einspringend, zerriß der Leu dem Hirschen nur den Ohrzipfel, vor Eifer blind. In toller Flucht hinausstürzend, eilt jener zitternd in das tiefste Walddickicht, indes die Hände schmerzlich übers Haupt schlagend das Füchslein laut um die verlorene Müh klagte. Der Leu lag ächzend und in seinen Bart knirschend, da ihn der Hunger wie der Ärger gleich plagte, bis er sich bittend wieder an den Fuchs wandte, daß eine neue Jagdlist er ihm aussänne. Der sprach, im tiefsten Herzensgrunde Rat suchend: »Ich will's versuchen, wenn's auch noch so schwer scheint.« Auf neue Künste nun und neue List sinnend, folgt' er der Fährte wie ein kluger Schweißhund und fragte jeden...




